3. Teil: Die Saphire
- 1: 1. Teil: Wünschen ist nicht immer einfach.
- 2: 2. Teil: Freundschaft ist keine Frage der Zeit.
- 3: 3. Teil: Die Saphire.
- 3.1: Prolog.
- 3.2: 1 - Der Rat der Saphire.
- 3.3: 2 - Annalina.
- 3.4: 3 - Leon.
- 3.5: 4 - Manawa.
- 3.6: 5 - Das Schweigen.
- 3.7: 6 - Quinns Auftrag.
- 3.8: 7 - Sophie.
- 3.9: 8 - Begegnungen.
- 3.10: 9 - Salz.
- 3.11: 10 - Hogan.
- 3.12: 11 - Hank.
- 3.13: 12 - Die Zeichnung.
- 3.14: 13 - Ari.
- 3.15: 14 - Showdown.
- 3.16: 15 - Die Schlucht.
- 3.17: 16 - Nachwirkungen.
- 3.18: 17 - Verloren.
- 3.19: 18 - Das Amulett.
- 3.20: 19 - Sherrys Entschluss.
- 3.21: 20 - Tüte.
- 3.22: 21 - Freunde.
- 3.23: 22 - Yax.
- 3.24: 23 - Abschiede.
- 3.25: 24 - Helden.
- 3.26: Epilog.
Salz
Annalina ärgerte sich. Sie saß zu Hause auf ihrem Bett, hatte ein Buch auf den Knien liegen, las aber nicht. Immer wieder wanderten ihre Gedanken zu dem Shelter und Petra und den Tieren zurück. Sie hatte sich aufgeführt wie eine Verrückte! Wie peinlich, dass sie einfach so hinausgerannt war. Was mussten die von ihr denken? Ein Mädchen, das nicht sprach und dann einfach wegrannte – und zu allem Überfluss dann auch noch fast mit dem Rad in das Auto gefahren wäre.
Ruhelos stand sie auf und ging in die Küche. Mama war wie jeden Tag um diese Zeit dabei, das Abendessen zu richten. Alina ging ihr zur Hand. Sie hatte einen riesigen Hunger nach der langen Radtour. Und sie hoffte, dass die gewohnten, einfachen Handgriffe sie ablenken würden. Es dauerte aber keine fünf Minuten, bis ihr die erste saubere Schüssel zurück ins Spülwasser plumpste und alles voll spritzte. „Komm, mach mal lieber die Fleischbällchen“, sagte die Mutter und nahm Annalina die Spülarbeit ab. Alina würzte eine Schüssel voll Hackfleisch und machte sich dann daran, Zwiebeln zu schälen. Dabei rutschte sie mit dem Messer ab und schnitt sich heftig in den linken Daumen.
„Kind, was ist den mit dir?“ fragte die Mutter und klebte Alina fürsorglich ein Pflaster auf die blutende Wunde. „Ich glaube, für heute hast Du mal Küchenfrei“, fügte sie augenzwinkernd hinzu. Alina trollte sich wieder in ihr Zimmer. Sie ließ sich rückwärts auf ihr Bett fallen und legte den Arm mit dem verpflasterten Daumen auf ihre Stirn.
Sie schloss die Augen. Sofort tauchte vor ihr das Bild dieser Katze auf, die auf dem Tisch gesessen hatte. Katzen konnten so eine ungeheure Ruhe ausstrahlen. Der intensive Blick des Tieres machte ihr jetzt und hier keine Angst. Sie war allein, nichts konnte passieren, der Vulkan schwieg. Aber es war sehr schön, an das Gesicht der Katze zu denken. Annalina hatte das Gefühl, als wäre in dem kurzen Moment dort am Tisch eine Verbindung zwischen ihr und dieser Katze entstanden. Als würde sie mit ihr ein Geheimnis teilen. Langsam entspannte sich das Mädchen. An Stelle der Unruhe empfand sie jetzt so etwas wie Vorfreude. Sie würde wieder dort hin fahren, sich bei Petra entschuldigen und dann nach der netten Katze fragen.
Die Mutter rief aus der Küche. Papa war inzwischen heimgekehrt und es gab Essen. Alina beeilte sich, in die Küche zu kommen. Ihr Magen knurrte schon.
Am Tisch tauschten die Eltern sich wie gewohnt etwas wortkarg über die Geschehnisse des Tages aus. Seit Alina stumm war, gab es keine lebhaften Unterhaltungen mehr beim Abendessen. Alina dachte nicht darüber nach, häufte sich Gemüse und Fleischbällchen auf den Teller und fing an zu essen. Es schmeckte herrlich.
Auf einmal spürte sie, dass es merkwürdig still war. Ihre Hand mit der Gabel blieb auf halbem Weg in der Luft hängen und sie schaute auf. Mama und Papa starrten sie ungläubig an. Alina hob fragend die Augenbrauen. „Kind, das kannst du doch nicht essen“, sagte der Vater fassungslos. Alina verstand nicht und schaute auf ihren Teller, als würde sie irgendetwas Ekelhaftes darauf erwarten. Aber da war nichts Außergewöhnliches zu entdecken.
„Das Fleisch ist total versalzen“, sagte die Mutter.
Jetzt erst sah Alina, dass auf den Tellern der Eltern alle Fleischbällchen an den Rand geschoben waren. Sie runzelte die Stirn. Sie selbst hatte bestimmt schon vier davon gegessen. Probeweise steckte sie die Gabel mit dem fünften in den Mund. Gut, es war schon ordentlich salzig. Aber trotzdem lecker. Sie zuckte die Schultern und piekste sich ein weiteres Fleischbällchen vom Teller des Vaters. Die Eltern lachten und Alina grinste kauend. Seit vielen Wochen hatten sie nicht mehr zusammen gelacht.
-
Hoch über den Wolken dröhnte das Flugzeug in den Abendhimmel hinein. Leon klebte geradezu an dem winzigen Fenster zu seiner linken und versuchte, in der beginnenden Dämmerung die Insel im weiten Meer auszumachen, auf der sie gleich landen würden. Da tauchten in der Ferne Lichter auf. „Ich habe Recht gehabt“, sagte er strahlend zu seinem Vater, wir fliegen so auf die Insel zu, dass ich sie links sehen kann!“
Mama hatte schon angefangen, ihre verstreuten Siebensachen einzusammeln. Der vierstündige Flug war ihnen sehr lang vorgekommen. Leon fand Fliegen ziemlich langweilig, wenn man mal vom Starten und Landen absah. Deshalb machte er gern mit seinem Vater kleine geografische Wetten aus. Diesmal hatte er gewonnen. Voller Vorfreude, gleich endlich aufstehen, die Beine strecken und herumlaufen zu können, schnallte sich Leon an, noch bevor die Gurtzeichen mit einem leisen Gongton aufleuchteten.
Ferien! Endlich! Der Winter hatte sein kaltes und regnerisches Wetter in Deutschland bis weit in den Mai hinein geschickt und das, was sich so Sommer nennt war auch nicht wirklich warm und kaum sonnig gewesen. In Deutschland ging der Sommer schon bald zu Ende. Leon freute sich auf richtig heiße Mittelmeer-Tage.
Das Flugzeug setzte zur Landung an, die Fluggeräusche wurden immer lauter und man bekam dieses komische Gefühl, bei dem Leon sich jedes Mal mit einem schaurigschönen Kribbeln fragte, ob das jetzt wirklich die Landung sei, oder etwa doch ein beginnender Absturz. Mit einem heftigen Schaukeln setzte die Maschine auf. Die anderen Leute im Flugzeug applaudierten. Leon fand das doof. Sie waren doch nicht im Theater! Wenn er Pilot wäre, würde er es total daneben finden, Applaus für eine Landung zu bekommen. Aber Touristen waren halt ziemlich bescheuert. Er selber hielt sich irgendwie nicht für einen Touristen. Warum, wusste er auch nicht so genau.
Warme, samtene Luft begrüßte Leon und seine Eltern als sie aus dem Flugzeug stiegen. Mama seufzte tief auf. „Endlich!“, sagte sie. Bald hatte Papa den Mietwagen abgeholt und sie verstauten ihr Gepäck im Kofferraum. Sie fuhren noch eine lange Strecke, bis sie in einem hübschen Örtchen am Meer ankamen. Es war schon spät am Abend.
Als es auf zehn Uhr zuging, lag Leon ausgestreckt auf seinem Hotelbett und hatte das angenehme Gefühl, das eine Riesenportion Pommes im Magen hinterlässt. Er fühlte sich schläfrig, obwohl er eigentlich noch gern aufgeblieben wäre. Mama und Papa waren noch kurz an die Hotelbar gegangen. Leon gähnte herzhaft und kuschelte sich wohlig in die Kissen.
Drei herrlich lange Wochen Ferien lagen vor ihm.
-
„Boah, Figo, ich bin ganz schön müde“, sagte Mose verschlafen.
„Ja, ich glaube, wir können jetzt mal eine Weile entspannen“, antwortete Figo. „Quinn macht seine Sache sehr gut.“
-
Die Hunde im Hof hatten sich in ihren Hütten und Lieblingsecken zum Schlafen zusammengerollt. Ein sanfter Sternenhimmel leuchtete auf ihre im Traum zuckenden Pfoten und das ungehaltene Strampeln der Welpen, die sich immer wieder mitten im Haufen der Geschwister eine bequemere Position suchten.
„Das ist ein schöner Ort“, sagte Quinn zu Sherry, die neben ihm saß und mit ihm gemeinsam den anderen Tieren beim Schlafen zuschaute.
„Ja“, sagte Sherry, „sie wird bestimmt wieder kommen.“
-
Annalina war längst eingeschlafen. – Nachdem sie ungefähr anderthalb Liter Mineralwasser getrunken hatte.
-
-