Begegnungen

Quinn fühlte sich sehr seltsam auf der Erde. Alles kam ihm merkwürdig bekannt und vertraut vor. Fast fühlte er sich wieder wie ein richtiger Hund. Aber er war froh, in der Gestalt eines Saphirs da zu sein und von Menschen nicht erkannt zu werden. Saphire sind für Menschen einfach unsichtbar. Nur ganz wenige Menschen blickten manchmal irritiert zweimal in ihre Richtung, als hätten sie etwas gesehen. Aber auch die gingen dann bald kopfschüttelnd wieder ihrer Wege. Sie glaubten ihrer eigenen Wahrnehmung nicht und das war gut so.

Quinn trabte ein wenig unentschlossen durch die Gegend. Er musste sich erst daran gewöhnen, hier zu sein und ein Saphir zu sein. Ihm war nicht sonderlich behaglich. Er wunderte sich, dass er sich anscheinend gar nicht verändert hatte. Saphire waren ihm immer ein bisschen mystisch und irgendwie abgehoben erschienen. Er fühlte sich aber weder mystisch, noch abgehoben sondern einfach so wie er sich sonst auch immer fühlte. „Wahrscheinlich werde ich es versemmeln“, brummte er vor sich hin, „ich tauge nicht für so einen heiligen Job.“ Dann stapfte er los um Sherry zu finden.

Quinn kam an einem einsam gelegenen Grundstück an. Viele Hunde lebten dort. Es war eine der Pflegestellen von den guten Zweibeinern. Quinn hatte damals in seinem eigenen Erdenleben auch schon einmal an so einem Ort gelebt. Aber das war auf einer anderen Insel gewesen.

Das Grundstück war von einem hohen Zaun umgeben. Quinn blieb aus reiner Gewohnheit davor stehen. Dann wurde ihm klar, dass ein Zaun für ihn jetzt kein Hindernis mehr war. Ein bisschen ungläubig machte er ein paar Schritte und glitt mühelos einfach durch den Draht hindurch. Ein seltsames Gefühl, aber es machte Spaß. Am liebsten wäre er noch ein paar Mal durch das Gitter hin und her gelaufen. Aber dann besann er sich, dass er ja nicht zu seinem persönlichen Vergnügen hier war.

Die Hunde im Hof schauten ihn verwundert an. Alle Tiere haben irgendwann schon einmal davon gehört, dass es Saphire gab. Aber für die meisten waren die Saphire eher so etwas wie Sagengestalten. Hier nun einen echten Saphir zu sehen (und dazu noch so einen riesigen) versetzte die Hunde in Erstaunen und sogar ein wenig in Furcht. Ein strubbeliger weißer Zottelhund fing verhalten an zu wedeln. Die anderen machten es ihm nach und wedelten alle zusammen einen schüchternen Willkommensgruß für Quinn. Sie boten einen seltsamen Anblick. Der ganze Hof stand voller Hunde, die stillschweigend in eine Richtung wedelten.

Der große Molosser war gerührt. Er war so was von gerührt, dass er sofort alle diese Hunde von Herzen lieb hatte. Und jetzt war er froh, dass er auf die Erde gekommen war. Die Erde musste trotz allem immer noch ein wunderbarer Ort sein, wenn sie solche liebenswerten Geschöpfe hervor bringen konnte, wie diese Hunde.

Quinn trat langsam auf die Hunde zu, ging zwischen ihnen hindurch und nahm zu jedem einzelnen Kontakt auf. Die Hunde wedelten heftiger, freuten sich, machten kleine Hopser, wen er vorbei ging. Es fehlte nicht viel und sie hätten den Saphir zum Spielen aufgefordert. Für Quinn war es eine ganz neue Erfahrung und ein wunderbares Gefühl, sich so schnell und so innig mit anderen Wesen verbinden zu können. Das Dasein als Saphir machte eindeutig ziemlich großen Spaß.

„Ich suche eine kleine Katze“, sagte er schließlich zu den Hunden. „Sie heißt Sherry.“
„Im-m-m H-Haus“, stotterte der zottelige Weiße und deutete zu dem Wohnhaus.
Am Haus angekommen setzte sich Quinn vor die Tür. Er wusste, dass ein Saphir kein Menschenhaus betreten darf. Von diesem ungeschriebenen Gesetz gab es nur zwei Ausnahmen: Entweder in diesem Haus befand sich ein sterbendes Tier, das der Saphir in die Welle geleiten würde, oder die Bewohner des Hauses waren die persönlichen Schützlinge eines Saphirs, die er durch sein Bemühen glücklich zusammen geführt hatte. Also wartete Quinn draußen. Sherry war eine besondere Katze. Sie würde spüren, dass er da war. Trotz aller Gestaltlosigkeit fühlte Quinn so etwas wie Herzklopfen.

Sehr vorsichtig zeigten sich am Fenster neben der Tür zwei spitze Öhrchen und dann ein schönes Katzengesicht. Quinn sah es und fühlte sich voller aufgeregter Vorfreude. Er hatte Sherrys Schicksal von der Welle aus begleitet als sie noch ein kleines Kitten war. Und er hatte sich regelrecht in dieses tapfere Katzenkind verliebt. Sie nun direkt persönlich zu treffen brachte Quinn ganz durcheinander. Unruhig scharrte er im Boden. Aber es nützte nichts. Er war ein Saphir und sein Scharren hinterließ nicht die kleinste Spur auf dem Boden. Nur seine Aufregung war doch so stark, dass sie einige Staubkörnchen aufwirbelte, als wäre ein kleiner Luftzug über den Boden gezogen.

Der Katzenkopf verschwand vom Fenster um kurz darauf draußen an der Hausecke wieder aufzutauchen. Sherry war eine sehr schöne, große Katze geworden und hatte längst all das Kindliche verloren, das Quinn von ihr kannte. Sie strahlte Gelassenheit und Weisheit aus. Normalerweise jedenfalls. Jetzt im Moment war sie etwas nervös, denn auch sie begegnete nicht alle Tage einem Saphir und es war schon eine ganze Weile her, seit sie einen getroffen hatte.

„Wer bist du?“ fragte sie vorsichtig.
„Ich bin Quinn!“ Im ersten Moment war Quinn erstaunt, dass Sherry ihn nicht erkannte. Dann fiel ihm ein, dass sie ja gar nichts von ihm wusste.

„Kann ich etwas für Dich tun, Quinn?“ fragte Sherry.

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Das Wetter war herrlich sonnig und nicht zu warm. Annalina hatte am Morgen plötzlich Lust gehabt, eine Fahrradtour zu machen. Sie hatte in der Nacht davon geträumt, mit Manawa und dem Fahrrad unterwegs zu sein. Die Hündin war fröhlich voraus gelaufen und Annalina musste sich sehr beeilen, mit ihr Tempo zu halten. Sie hatte schon lange nicht mehr von Manawa geträumt.

Es war herrlich, über die menschenleeren Wege zu fahren, den lauen Wind im Gesicht zu spüren und sich ziemlich sicher zu sein, hier in diesen eher öden Gebirgsausläufern keinem Touristen zu begegnen. Alina hatte nichts gegen die Touristen im speziellen, - sie war nur einfach gern allein und längst viel weiter gefahren, als sie sich auskannte. Sie würde aber wieder zurück finden, denn es gab hier nur wenige befahrbare Wege und es war noch früh am Vormittag.

Sie sah in der Ferne einen Hund und dahinter ein einsam gelegenes Haus und beschloss in diese Richtung zu fahren. Je näher sie dem Haus kam, desto deutlicher hörte sie Gebell. Das Bellen war vielstimmig und musste von mehr als einem Hund stammen. Annalina war neugierig, wer da so viele Hunde hielt. Sie fuhr langsam zu dem Haus. Es war mit einem langen und hohen Maschendrahtzaun umgeben und dahinter waren einige ganz verschiedene Hunde zu sehen, die teilweise neugierig an das Gitter kamen und sie anbellten. Unwillkürlich scannte Alinas Blick die Hunde ab und suchte nach Manawa, aber es war kein Hund dabei, der auch nur annähernd so aussah wie sie. Trotzdem fühlte Alina eine innerliche Spannung. Vielleicht war ja der Traum ein Hinweis gewesen! Vielleicht war Manawa irgendwo hier. Sie hätte nur den Berg in die andere Richtung hinab gehen müssen.

Alina stieg mit klopfendem Herzen vom Fahrrad und suchte einen Eingang in dem Zaun. Sie fand ein Tor und ein Schild mit Worten in einer fremden Sprache. Alina konnte Englisch, aber das war kein Englisch. Es sah irgendwie deutsch aus, aber sie war sich nicht sicher. Langsam ging ihr ein Licht auf, wo sie hier hin geraten war. Sie hatte gehört, dass die Touristen manchmal auf der Insel blieben und Tiere einsammelten. Die einen sagten, um die Tiere zu retten und unfruchtbar zu machen, andere behaupteten, um die Tiere ins Ausland zu bringen und sie da an Versuchslabors zu verkaufen. Alina zögerte. Vielleicht wäre es besser, schnell wieder weg zu fahren. Sie stieg langsam wieder auf ihr Rad. Aber die Hunde bellten immer noch und schon öffnete sich die Haustür.

Eine Frau kam heraus, schaute erstaunt das Mädchen an und kam auf das Tor zu. „Hallo“, sagte die Frau und schaute Alina fragend an. Alina nickte beklommen. Was sollte sie jetzt tun? Das „Hallo“ hatte eindeutig deutsch geklungen. Schnell fummelte sie ihren verbogenen Notizblock und den Kuli aus der Hosentasche. Sie schrieb auf den Zettel: „Hello!“ Etwas anderes fiel ihr nicht ein. Die Frau schien zu verstehen, dass Alina nicht sprechen konnte. Beide standen sich etwas hilflos gegenüber. Dann kam Alina eine Idee. Sie zeichnete schnelle einen Hund mit einem Knick im Schwanz und einer weißen Schwanzspitze. Dahinter zeichnete sie ein großes Fragezeichen. Dann riss sie das Blatt ab und schob es der Frau durch das Gitter zu.

Die Frau verstand. Sie öffnete das Tor und winkte Alina herein. Dann schrieb sie auf ein neues Blatt: „Petra“ und deutete auf sich. Alina lächelte und nicke. Sie schrieb „Annalina“ und hielt es sich vor die Brust. Auf das Blatt mit dem Hund schrieb sie „Manawa“.

Dann bedeutete sie Petra gestikulierend, dass sie sehr gut hören, aber nicht sprechen könne. Petra sagte „okay“ und winkte das Mädchen freundlich hinter sich her.

Was in der folgenden halben Stunde in Annalina vorging, blieb für sie immer unbeschreiblich. Sie ging wie in Trance hinter Petra her und schaute in diese Augenpaare der Hunde. Kleine und große, braune, weiße, schwarze und bunte Gesichter. Alle erwartungsvoll, einige furchtsam, viele irgendwie verloren und einsam, eifrig bemüht um die kleinste Geste der Zuneigung. Kleine Welpen kuschelten sich an Alinas Füße. Manche große Hunde waren so mutig, sie vorsichtig anzuspringen und ihre Pfoten auf ihre Schultern zu legen, um ihr Gesicht abzuschnuppern. Die Neugier und Zuneigung dieser vielen Tiere berührten Alina zutiefst und etwas in ihr wurde wach und drängte sich mit Macht in ihr Bewusstsein. Sie spürte wie Tränen in ihr hochstiegen. Es war keine Traurigkeit, sondern einfach Rührung, Mitgefühl, Nähe, - unbeschreiblich. Sie riss sich zusammen. Weinen wollte sie nicht.

Erst als Petra stehen blieb und etwas hilflos auf die Zeichnung schaute, erkannte Alina, dass sie jetzt alle Hunde gesehen hatte. Manawa war nicht dabei.

Petra nahm das Mädchen bei der Hand und führte sie zum Haus. Ihr war nicht entgangen, welche starken Gefühlsregungen in dem jungen Gesicht erschienen waren. Dieses stumme Kind hatte mit irgendetwas sehr Schwierigem zu kämpfen und Petra hätte ihr gern dabei geholfen.

Im Haus schaute sich Alina verstohlen um. Eigentlich war es wie in jedem anderen Haus, das sie kannte. Nur waren hier alle erdenklichen Ecken und Plätze mit weichen Decken und Kissen ausgestattet. Hier und dort lag eine Katze auf so einem Platz. Alina zählte auf Anhieb vier, aber nach und nach entdeckte sie noch ein paar versteckte Katzen, die anscheinend Angst vor ihr hatten. So viele Tiere in einer menschlichen Wohnung hatte Alina noch nie gesehen. Es roch stark nach künstlichem Tierfutter und ein bisschen nach Desinfektionsmittel. Petra stellte Gläser und Saft auf einen Tisch und lud Alina ein, sich zu setzen. Schüchtern nahm das Mädchen Platz und Griff zu dem Glas.

Petra versuchte in einer Mischung aus Englisch und Zeichensprache und mit Hilfe vieler Zettel etwas über dieses merkwürdige Mädchen zu erfahren. Aber sie bekam nicht viel heraus, außer dass sie offenbar in einem der umliegenden Orte wohnte, mit dem Fahrrad hier war und irgendwie diesen Hund auf dem Papier kannte. Annalina schien recht gut Englisch zu verstehen und schrieb ganze englische Sätze auf ihren Block. Als sie gerade ihren schwarzen Lockenkopf über das Papier beugte, um eine Frage aufzuschreiben, sprang lautlos eine der Katzen auf den Tisch, ging ein paar Schritte auf Alina zu und setzte sich still hin. Als Alina den Kopf hob, erschrak sie fast über diese plötzliche Präsenz und starrte die fremde Katze an.

Alina hatte in ihrem Leben schon unzählige Katzen gesehen, viele von ihnen gefüttert und gestreichelt. Aber so eine wie diese war ihr noch nicht begegnet. Die Katze sah nicht ungewöhnlich aus, aber irgendwie sehr schön. Füßchen und Gesicht waren weiß, der Kopf und der Rücken schwarzgrau gestromt. Die kleine Nase rosa und die Augen riesengroß und kugelrund. Sie saß ganz still und entspannt. Dieses Tier ruhte auf so umwerfende Art in sich selbst, dass Alina völlig von ihr gebannt war. Sie konnte einfach nicht wegschauen.

Die Katze sah ihr direkt in die Augen. Und noch mehr. Dieses Tier schien ihr unmittelbar ins Herz zu schauen. Ganz ruhig. Durch nichts zu erschüttern, was es dort sehen könnte. Etwas passierte mit Annalinas Innerem. Es bewegte sich etwas. Sie fühlte sich wie ein Vulkan, in dem es tief, ganz tief drin anfing zu brodeln und zu kochen. In dem etwas sehr Heißes und sehr Rotes sich auszubreiten begann. Unwillkürlich begann Alina den Kopf zu schütteln, als würde sie langsam Nein sagen wollen. Sie stellte ihr Glas auf den Tisch, ohne den Blick von der Katze abzuwenden. Dann rutschte sie etwas auf ihrem Stuhl zurück.

Sie wollte das nicht. Das was da passierte mit dieser Glut tief in dem Vulkan, das wollte Alina nicht. Nicht hier und nicht jetzt. Sie sprang auf und verließ fluchtartig das Haus. Sie rannte über den Hof, riss die Tür im Zaun auf, knallte sie hinter sich zu, sprang auf ihr Fahrrad und fuhr davon, als wäre der Teufel hinter ihr her.

Petra schaute ihr verwundert nach. Irgendetwas stimmte mit diesem Mädchen nicht. Die Katze schmiegte sich an sie und Petra kraulte ihr versonnen das weiche Fell. Dann hörte sie draußen Sophies Wagen. Sie räumte den Tisch ab und wischte die vielen beschriebenen Notizzettel mit dem Arm in den Papierkorb.

Nachdem sich das Gebell im Hof etwas gelegt hatte, betrat Sophie das Haus.
„Ich hätte grad beinahe ein Kind überfahren!“, erzählte sie aufgebracht. „Die fuhr mir wie eine Irre mit dem Fahrrad entgegen.“

„Dieses Mädchen war eben hier“, antwortete Petra, „und sie hat irgendein ziemlich schlimmes Problem mit Tieren.“ Petra erzählte Sophie ausführlich von ihrer seltsamen Begegnung mit Annalina. Die beiden Frauen konnten sich keinen Reim darauf machen.

Sherry sprang vom Tisch, lief nach draußen und schaute sich nach Quinn um. 

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