3. Teil: Die Saphire
- 1: 1. Teil: Wünschen ist nicht immer einfach.
- 2: 2. Teil: Freundschaft ist keine Frage der Zeit.
- 3: 3. Teil: Die Saphire.
- 3.1: Prolog.
- 3.2: 1 - Der Rat der Saphire.
- 3.3: 2 - Annalina.
- 3.4: 3 - Leon.
- 3.5: 4 - Manawa.
- 3.6: 5 - Das Schweigen.
- 3.7: 6 - Quinns Auftrag.
- 3.8: 7 - Sophie.
- 3.9: 8 - Begegnungen.
- 3.10: 9 - Salz.
- 3.11: 10 - Hogan.
- 3.12: 11 - Hank.
- 3.13: 12 - Die Zeichnung.
- 3.14: 13 - Ari.
- 3.15: 14 - Showdown.
- 3.16: 15 - Die Schlucht.
- 3.17: 16 - Nachwirkungen.
- 3.18: 17 - Verloren.
- 3.19: 18 - Das Amulett.
- 3.20: 19 - Sherrys Entschluss.
- 3.21: 20 - Tüte.
- 3.22: 21 - Freunde.
- 3.23: 22 - Yax.
- 3.24: 23 - Abschiede.
- 3.25: 24 - Helden.
- 3.26: Epilog.
Sophie
Verborgen unter einem trockenen Gebüsch lag Sophie, lang ausgestreckt im staubigen Geröll und hielt fast den Atem an, während sie durch ihr Fernglas in das flache Tal schaute. Die fremde Hündin hatte es tatsächlich geschafft, sich in das Rudel zu integrieren. Seit langem schon kam Sophie, so oft sie etwas Zeit erübrigen konnte hier herauf und beobachtete die sechs Hunde. Die neue Hündin war eindeutig von den anderen zu unterscheiden. Zwar waren sie alle eher groß, schmal, mehr oder weniger braun und hatten hoch stehende Ohren, aber die Neue hatte einen auffälligen Knick in der Rute und ihre Schwanzspitze war weiß.
Als Sophie die Hündin zum ersten Mal gesehen hatte, war sie ihr dadurch aufgefallen, dass sie erstaunlich nah an die Futterstelle kam, während sie selbst noch die Näpfe füllte. Die anderen Hunde vom Rudel würden niemals auch nur ansatzweise in ihre Nähe kommen. Die Hündin war erbärmlich mager. Ihre Hüftknochen standen weit heraus und man konnte jeden einzelnen Wirbel unter dem Fell erkennen. Sie machte einen schwachen und verschüchterten Eindruck. Aber richtige Angst zeigte sie nicht.
Sophie nannte die verwilderten Hunde im Tal „das Rudel“, obwohl die lockere Hundegruppe im eigentlichen Sinne kein richtiges Rudel bildete. Die Überlebensdauer der Hunde hier oben war einfach zu kurz, als dass sich echte Rudelstrukturen und Verwandtschaften über mehrere Generationen entwickeln konnten. Kaum ein Hund schaffte es, hier ganz selbständig, ohne menschliche Hilfe ein Jahr zu überleben. Die Sommer waren zu heiß und zu trocken, die Winter zu kalt und zu nahrungsarm.
Als Sophie die Hunde entdeckt hatte, bestand das Rudel aus zwei Rüden und drei Hündinnen, die hier oben Schutz gesucht hatten. „Schutz“ hieß in diesem Fall Abgeschiedenheit. Fern sein von Menschen. Diese Hunde waren vermutlich wild geboren und hatten keinerlei Sozialisation auf Menschen erlebt. Es waren so genannte „echte Streuner“.
Die frei laufenden Hunde, die alle Touristen in südlichen Ländern kennen, sind keine wirklichen Streuner. Sie sind irgendwo in Menschennähe geboren worden, ein großer Teil von ihnen sogar bei Züchtern von Rassehunden oder als Welpen einer Familienhündin. Diese Hunde werden dann irgendwann, wenn sie im Weg sind, oder zu viel Mühe machen, ausgesetzt oder vertrieben und betteln fortan bei den Touristen um Futter und Zuwendung.
Wenn solche ehemaligen Haustiere trächtig werden, versuchen sie, ihre Welpen an einem geschützten Ort zur Welt zu bringen und aufzuziehen. Ist dies ein Ort ohne Menschen, haben die Welpen ab ca. der vierten bis siebten Lebenswoche eine natürliche Angst vor Menschen, die sie für ihr ganzes restliches Leben nur noch teilweise wieder ablegen, aber nie ganz verlieren können. Denn alles, womit ein Hundewelpe in seinen ersten Lebenswochen keinen Kontakt hat, wird für ihn automatisch zu einem Angstobjekt. Es passt nicht in den gewohnten Lebensraum und erscheint dem jungen Hund deswegen bedrohlich. Wenn solche Welpen es schaffen, das Erwachsenenalter zu erreichen (was eher unwahrscheinlich ist), und sich dann wieder paaren, dann kommt der echte, menschenscheue Streuner dabei heraus, der sich irgendwo weit ab der Siedlungen verbirgt und täglich um sein Überleben kämpft. Solche Hunde sind scheu wie Wildtiere und leben auch wie Wildtiere. Nur dass es für das „Wildtier Hund“ keinen geeigneten Lebensraum gibt, denn der Hund ist ein Jäger und für Hunde jagdbares Kleinwild gibt es zu wenig.
Für Sophie als Tierärztin mit einem Hang zur Ethologie [Anm.: Ethologie = klassische, vergleichende Verhaltensforschung | Verhaltensbiologie] war das Rudel eine aufregende Entdeckung gewesen. Sie hatte beschlossen, diese Tiere regelmäßig zu füttern, damit sie sie beobachten und ihr Verhalten studieren konnte. Sie hatte die Hunde langsam daran gewöhnt, sich an einer bestimmten Stelle am Ende des Tales Futter zu holen. Ohne diese Fütterung wären die damals fünf Streuner verhungert. Eine der Hündinnen hatte es dann auch nicht geschafft. Für sie kam das Futter zu spät. Sie war so abgemagert, dass sie wahrscheinlich schon schwere Organschäden davon getragen hatte. Sie fraß zwar, starb aber wenige Tage später. Sophie fand sie am anderen Ende des Tals in einer kleinen Bodensenke, wohin sie sich zum Sterben zurückgezogen hatte. In der Nähe dieses Ortes fand sie dann auch einen geeigneten Beobachtungsposten: Eine erhöhte Stelle mit Blick in das ganze Tal und genügend Buschwerk um sich zu verstecken.
Bei der nächsten Läufigkeit der beiden überlebenden Hündinnen war einer der Rüden nach heftigen Auseinandersetzungen abgewandert. Sobald die Hunde satt und wohlgenährt waren, brach das natürliche Verhalten durch und es solle wohl in diesem Fall nur einen geben, der Vater von Welpen sein durfte. Aber nur eine der beiden Hündinnen wurde trächtig. Sie warf im Spätsommer fünf Welpen. Der darauf folgende Winter war sehr kalt und schneereich. Sophie konnte wegen einiger katastrophaler Schneefälle fast einen Monat nicht bis zur Futterstelle durchkommen. In dieser Zeit starben drei der fünf Welpen. Zwei kleine Rüden überlebten. Und das war das aktuelle Rudel: Der ältere Rüde (der auch erst maximal zwei oder drei Jahre alt war), die zwei Hündinnen im etwas gleichen Alter und die beiden Rüdenwelpen von knapp zehn Monaten. Alle extrem menschenscheu, aber bei recht guter Gesundheit.
Sophie war sehr gespannt, ob die neue Hündin etwas im Verhalten des Rudels verändern würde. Denn sie war mit Sicherheit ein ausgesetzter Hund: sie hatte keine Angst vor Menschen. Eine weitere Hündin würde die Rudelstruktur ändern. Allerdings schien sie nicht läufig zu werden, oder schon läufig gewesen zu sein. Denn der Rüde hatte keinerlei Interesse an ihr, während er die anderen beiden Hündinnen mehrmals deckte. Wieder wurde zumindest die Mutterhündin vom letzten Jahr trächtig. Die andere schien wieder leer geblieben zu sein und Sophie war froh darüber. Sie hatte starke Gewissenskonflikte gehabt. Aber wie sollte sie an so scheue Hunde heran kommen, um sie zu kastrieren? Ein Betäubungsschuss hätte die übrigen Hunde sofort vertrieben und der Menschengeruch im Tal hätte sie daran gehindert zurück zu kommen. So zögerte sie es immer länger hinaus, konkrete Schritte zu unternehmen, um diese Hunde unfruchtbar zu machen. Aber sie war entschlossen, irgendeine Lösung vor dem nächsten Winter zu finden. Weitere erfrorene Welpen wollte sie nicht in Kauf nehmen.
Die Neue hatte sich offenbar mit der trächtigen Hündin angefreundet. Die beiden lagen in Ruhephasen viel beieinander und pflegten auch sonst freundschaftlichen Kontakt: sie streiften nebeneinander durch das Tal und begrüßten sich wedelnd, wenn eine allein unterwegs gewesen war.
Die beiden jungen Rüden kamen jetzt langsam in die Pubertät und legten ihr welpenhaftes Gebaren ab. Sie begannen ernsthafte Auseinandersetzungen miteinander und maßen ihre Kräfte. Noch zeichnete sich nicht ab, wer von beiden der Stärkere und Schlauere war. Die Rangeleien und Machtkämpfchen um Liegeplätze und Beuteersatz gingen mal so und mal so aus.
Sophie nahm das Fernglas von den Augen und kroch rückwärts aus dem Gebüsch heraus. Ihr tat der Rücken von dem langen, reglosen Liegen weh und sie richtete sich langsam auf. Über und über mit Staub bedeckt schritt sie den Hang hinunter und ging in einem Bogen um die Erhebung, hinter der sich das Tal befand. Nach einigen Minuten erreichte sie ihr Auto und fuhr den Berg hinunter nach Hause.
‚Nach Hause?’, fragte sie sich etwas resigniert, während sie den Wagen über die rutschige Schotterpiste abwärts lenkte. Sie war jetzt über zwei Jahre auf der Insel und lebte in einer kleinen, möbliert gemieteten Wohnung, in der sie sich kaum mehr als in der Zeit zum Schlafen aufhielt. Damals, als sie sich als Tierärztin für die Arbeit hier auf der Insel beworben hatte, da hatte sie noch romantische Vorstellungen gehabt. Andere Leute bezahlten viel Geld, um ein paar Wochen im Jahr hier verbringen zu können. Und sie selbst würde sogar Geld dafür bekommen und auch noch viel in der veterinärmedizinischen Arbeit dazu lernen. Nirgends wurde so viel kastriert wie im Auslandstierschutz und nirgends würde sie von solchen chirurgischen Künstlern ausgebildet werden, wie hier.
Sophie hatte sich das eigentlich so vorgestellt, dass sie am Tag acht Stunden armen Tieren helfen und es sich abends und am Wochenende am Strand und in idyllischen Restaurants gut gehen lassen würde. Es war aber ganz anders gekommen.
Die Arbeit hatte sie vom ersten Tag an voll in Anspruch genommen. Sie operierte und behandelte von früh bis spät, bis sie vor Müdigkeit das Skalpell nicht mehr führen konnte. Ihr Gepäck war erst nach Wochen vollständig ausgepackt, sie lebte so lange aus der Tasche, bis nichts Sauberes mehr zum Anziehen da war. Sie wurde von anderen Tierärzten angelernt, die bald die Insel verlassen wollten und an deren Stelle sie bleiben sollte. Und sie lernte im ersten Monat mehr praktische Behandlung und Chirurgie, als in ihrem gesamten Studium. Es war wahnsinnig interessant gewesen. Und es war wahnsinnig schockierend gewesen!
Das Elend, das ihr hier begegnete, war mit nichts vergleichbar, was sie je zu Hause in Deutschland gesehen hatte. Tiere mit schrecklichen Schussverletzungen, verbrannte und verbrühte Tiere, offene Knochenbrüche mit denen Hunde und Katzen wochenlang herumgelaufen waren, zertrümmerte Schädel, absichtlich von Menschen zugefügte Verstümmelungen und Angst, sehr viel Angst. Was sie hier tat, hatte nichts mehr mit „Beruf“ oder „Geldverdienen“ zu tun. Sie war immerzu nur dazu da, Notfällen das Leben zu retten oder das Sterben zu erleichtern. Und dazwischen Kastrationen wie am Fließband. Jedes Tier, das unfruchtbar gemacht wurde, bedeutete hundertfaches Elend weniger. Und trotzdem riss die Kette der fruchtbaren Tiere nie ab. Trotzdem platzten jedes Frühjahr und jeden Herbst die Pflegestellen aus allen Nähten vor lauter Welpen. Hunderte, tausende von Welpen. Oft brachen Seuchen in den notdürftigen Tierunterkünften aus und Sophie musste hilflos zusehen, wie junge Tiere, die sie wochenlang mühsam aufgepäppelt hatte, schwach und dünn wurden und einfach so starben.
Sophie hatte in den zwei Jahren auf der Insel sehr viel lernen müssen. Vor allem hatte sie viel über sich selbst lernen müssen. Oft war sie in psychische Grenzsituationen gekommen. Sie konnte, wenn sie es nicht mehr aushielt, nicht einfach wieder nach Hause ins Luxusdeutschland fahren. Sie konnte die Tiere hier nicht einfach ihrem Schicksal überlassen, nur weil sie selber es nicht mehr zu ertragen meinte. So fand sie mit der Zeit andere Strategien, mit dem Leid der Tiere, der Ungerechtigkeit, der Doppelmoral und der eigenen Seelennot umzugehen. Ein Teil dieser Strategien waren ihre stillen Besuche oben beim Rudel auf dem Berg.
Ganz in Gedanken lenkte Sophie den Wagen auf seinen gewohnten Platz vor der Pflegestelle, in der sie im Moment arbeitete. Vielstimmiges Bellen begrüßte sie. Und Petra, die hier wohnte und die Tiere versorgte stand lachend und winkend in der Tür.
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