Das Schweigen

Annalina sprach nicht. Seit das Mädchen in der Nacht nach ihrer Trennung von Manawa verschwunden war, sprach sie kein Wort mehr. Zuerst hielten die Eltern es für eine Marotte. Als das Kind aber auch unter Schimpfen und Drohungen genau so wenig wie mit Verständnis und Fürsorge zum Sprechen zu bewegen war, fingen sie an, sich ernste Sorgen zu machen. Zwar ging Annalina zur Schule, machte ihre Aufgaben und tat alles, was sie sonst auch getan hatte, aber sie schwieg dabei hartnäckig.

Nach einer Woche des Schweigens wurde für das Mädchen ein Arzttermin ausgemacht. Der Kinderarzt, der Annalina schon als Baby gekannt hatte, schüttelte den Kopf nach dem er sie gründlich untersucht hatte. Er bat Alina, kurz draußen zu warten. Als er mit den Eltern allein im Sprechzimmer war, sagte er: „Ich fürchte, Annalina hat irgendeinen Art Schock erlitten.“ Er schaute die Eltern forschend an. Die Mutter erzählte bedrückt, dass Alina nach einem Streit wegen eines Hundes von zu Hause ausgerissen war. Als die Stelle mit der Ohrfeige kam, kullerten ihr Tränen über die Wangen. „Vielleicht hat sie ja einen Schock weil ich sie geschlagen habe!“ Der Vater nahm tröstend ihre Hand. „Nein, nein“, beruhigte sie der Hausarzt, „ich glaube nicht, dass eine kleine Ohrfeige solche Folgen haben kann.“

„Könnte ihr, “ der Vater musste sich räuspern um weiter sprechen zu können, „vielleicht etwas …zugestoßen sein in dieser Nacht?“

Der Doktor schüttelte den Kopf. „Nein, bei der Untersuchung habe ich keinerlei Anzeichen einer Gewaltanwendung gefunden. Ich vermute, das Problem ist eher seelischer Natur.“ Schließlich riet der Arzt, Annalina einem Kollegen in der Stadt vorzustellen, der auf Erkrankungen der Seele spezialisiert war. Sorgfältig vermied er dabei das Wort Psychiater. Aber die Eltern hatten schon verstanden und schienen in sich zusammen zu sacken. „Aber mein Kind ist doch nicht verrückt“, sagte der Vater leise und verzweifelt.

Der „Seelenarzt“ den die Mutter drei Wochen später mit Annalina aufsuchte, machte allerhand Tests mit ihr. Er versuchte, herauszubekommen, warum das Mädchen schwieg. Er stellte das geschickt an. Erst fragte er nur ganz harmlose Dinge wie „Gehst du denn noch zur Schule?“ und Annalina nickte oder schüttelte den Kopf, je nach dem, was sie gefragt wurde. Als er aber anfing, Sachen zu fragen, die ihr Ausreißen von zu Hause betrafen, antwortete Alina nicht mehr, weder durch Kopfschütteln noch durch Nicken.

Dann verlegte sich der Arzt darauf, ihr verschiedene kurze Texte zu lesen zu geben und anschließend Fragen dazu zu stellen. Er bat sie, etwas aufzuschreiben, etwas zu zeichnen und einige kleine Rätsel zu lösen. All dies war für Alina ein Kinderspiel. Noch einmal versuchte es der Psychiater und stellte ihr ganz ohne Vorbereitung plötzliche Fragen wie „Vermisst du deinen Hund?“ Aber Alina hatte sich im Griff und blieb völlig regungslos. Zu diesem Thema antwortete sie nicht.

Wieder wurde sie gebeten, eine Weile im Wartezimmer zu bleiben. „Ihre Tochter ist ein sehr intelligentes Mädchen und ihrem Alter in dieser Hinsicht um einiges voraus“, sagte der Arzt. Dann erklärte er mit vielen schwierigen Worten, dass Annalina offenbar verfrüht in die Pubertät gekommen war und an einer damit zusammenhängenden depressiven Verstimmung litte. Er riet dazu, das Kind nicht wegen seines Schweigens unter Druck zu setzen und schrieb ein Medikament auf, das Alina von nun an einnehmen sollte.

Die Mutter ging mit dem Rezept noch in der Stadt zur Apotheke. Sie wollte nicht, dass sich in ihrem kleinen Heimatort herumspräche, dass ihre Tochter Medikamente bekam. Während der Rückfahrt las Annalina die Packungsbeilage. „Es wird alles wieder gut, meine Kleine!“ sagte Mama und versuchte tröstend dem Arm um sie zu legen, aber Alina rückte wie zufällig zur Seite.

Selbstverständlich nahm Alina die Psychopillen nicht ein. Sie versteckte sie unter der Zunge bis die Mutter nicht mehr hin sah und spuckte sie dann wieder aus.

Aber einige Tage später brachte der Vater sie beinahe aus der Fassung. Eines Abends kam er etwas später als gewohnt von der Arbeit und bat Alina in den Hof. Dort saß in einer Ecke ein winziger, kleiner Welpe und schaute sich hilflos um. Alina erstarrte, schaute ihren Vater wütend an, drehte sich um und rannte in ihr Zimmer. Keine Minute später kam sie mit einem Blatt Papier wieder heraus. Darauf stand, mit dickem Wachsstift geschrieben:

Nein!!!
Bring ihn sofort wieder weg!

Dann lief sie wider hinein, sperrte sich in ihrem Zimmer ein und kam an diesem Abend nicht mehr heraus. Auch zum Abendessen nicht. Der Vater brachte seufzend den Welpen wieder fort. Er verstand sein Kind nicht mehr. Er war sich ganz sicher gewesen, dass es der fehlende Hund war, weswegen sie nicht mehr sprach. Und er hatte lange mit sich gekämpft, ob es richtig wäre, dem Willen des Kindes nachzugeben und doch zu erlauben, was er verboten hatte. Aber schließlich war es ihm egal gewesen, ob seine Autorität leiden würde. Er wollte nur, dass seine geliebte kleine Alina wieder glücklich wäre. Und nun wollte sie doch keinen Hund. Der Vater war ratlos. Und traurig.

Nach und nach gewöhnten sich alle daran, dass Annalina stumm war. Es fiel auch nicht schwer, denn sie war brav, unauffällig und fleißig. Sie erledigte ihre Aufgaben im Haushalt, hielt ihr Zimmer einigermaßen sauber, machte ihre Schulaufgaben und ging nach draußen zum Spielen wie jedes andere Kind. Nur sprach sie eben nicht. Etwas hatte sich aber deutlich verändert: Annalina las sehr viel mehr als früher. Sie schien Bücher innerhalb weniger Stunden geradezu zu verschlingen. Sie las alles, was ihr in die Finger kam, sogar die Tageszeitung. Wenn ihr die Bücher ausgingen, dann las sie sogar ihre Schulbücher. Sie hatte sehr gute Noten in der Schule. Zuerst war es sehr schwierig gewesen und es hatte sogar eine Lehrerkonferenz zu Alinas Schweigen gegeben. Ihre Lehrerin war aber davon überzeugt, dass sie genau so intelligent war wie vorher und hatte sich Gedanken gemacht, wie sie trotzdem am Unterricht teilnehmen könnte. Alina bekam eine kleine schwarze Tafel um darauf ihre Antworten im Unterricht zu schreiben. Das klappte nach einer Weile ganz gut. Zuerst schrieb Alina schnell die Antwort auf ihre Tafel und dann meldete sie sich. Wenn sie aufgerufen wurde, hielt sie die Tafel hoch. Auf diese Weise lernte Alina, sich kurz und präzise auszudrücken, schnell den Kern eines Problems zu begreifen und ihn in Worte zu fassen.

Nach der Schule packte Alina manchmal ein Buch in ihren Rucksack und fuhr allein mit dem Fahrrad los. Sie radelte gern bis zu einem einsamen Olivenhain, wo sie sich unter einen uralten Baum in den Schatten setzte. Dann holte sie das Buch hervor und nachdem sie sich versichert hatte, dass nirgendwo in der Nähe ein Mensch war, begann sie, laut aus dem Buch vorzulesen. Seite um Seite las sie und sprach jedes Wort sorgfältig aus. Sie hatte nicht die Absicht, das Sprechen zu verlernen.

Als der Frühling in einen heißen Sommer überging, hatte sich um den Mund des zwölfjährigen Mädchens ein harter Zug gebildet. Sie wusste gar nicht, wie sehr sie damit dem Vater ähnelte. Oft schaute die Mutter, wenn Alina es nicht merkte, ihre Tochter traurig an. Sie wusste, dass ihrem Mädchen liebende Wärme und fröhliches Lachen fehlten. Aber Annalina lehnte jede Nähe und Zärtlichkeit ab, indem sie einfach auf Abstand blieb.

Alinas Vater war total hilflos, was das Schweigen seiner Tochter anging. Er schaffte es nicht, mit Alina über beschriebene Zettel oder Zeichen zu kommunizieren. Er konnte sich nicht damit abfinden, dass sie nicht normal antwortete. Manchmal brachte er Geschenke mit, die er ihr fast schüchtern anbot. Wenn es Bücher waren, nahm sie sie an. Stofftiere, oder bunte Haarspangen verschwanden in Schränken und Schubladen und wurden nicht mehr hervor geholt. Der einzige Schmuck, den Alina trug, war das hölzerne Amulett mit der S-förmigen Welle, das sie sich an einem Stück Schnur um den Hals gebunden hatte.

Alina wusste eigentlich selbst nicht, wohin sie ihr Schweigen führen sollte. Aber sie konnte sich auf keinen Fall dazu entschließen, einfach wieder zu sprechen. Denn dann würde alles wieder so sein wie vorher. Als wäre nichts geschehen. Für sie war jetzt ihr Leben zweigeteilt in Vorher und Nachher. Vorher, das war eine Zeit unbeschwerter aber dummer Ahnungslosigkeit gewesen. Sie hatte geglaubt, das Leben sei hübsch und bunt und voller Spaß. Sicher, manchmal war sie auch traurig gewesen, aber das waren Kleinigkeiten. Eine zerbrochene Puppe oder Schimpfe, wenn sie etwas ausgefressen hatte. Aber nichts davon war vergleichbar gewesen mit dem, was an diesem einen Tag geschehen war, der das Vorher und das Nachher voneinander trennte.

Und wenn sie jetzt wieder sprechen würde, dann würde sie diesen Tag mit Füßen treten. Dann würde sie genau das tun, wozu sie an dem Tag gezwungen worden war: Manawa verraten. Es gab keinen Trost und keine Wiedergutmachung für diesen Tag. Und ihr Schweigen war wie ein Denkmal, das sie ihrer Manawa setzte. Und es war die einzige Art von Vergeltung für diejenigen, die sie gezwungen hatten, Manawa zu verlassen.

Manchmal, in Gedanken, führte Annalina wütende Streitgespräche mit den Eltern. Sie warf ihnen vor, ihre Liebe zu Manawa verraten zu haben und damit auch ihre Liebe zu allem anderen auf der Welt kaputt gemacht zu haben. Aber in Wirklichkeit traute sie sich nicht, so etwas Dramatisches zu sagen. Und es würde Manawa ja auch nicht zurück bringen.

Alina versuchte, ihrem Herzen eine Hornhaut zuzulegen. Nie wieder wollte sie die Verantwortung für irgendetwas oder irgendjemanden übernehmen. Der Welpe im Hof war eine harte Probe gewesen, aber sie hatte es geschafft und schaffte es jetzt, nicht weiter über das Schicksal des Kleinen nachzudenken. Genau so wenig, wie sie über das Schicksal von Manawa nachdachte.

Und so schwieg sie weiter und lernte verbissen alles, was es zu lernen gab. Sie hatte das Gefühl, dass Wissen ihr Macht verschaffte. Sie wusste jetzt schon viel mehr als ihre Eltern und ihre Klassenkameraden. Ihre Lehrerin lieh ihr regelmäßig Bücher und Alina las viel über Geschichte und die Entstehung der Welt, über Sterne und Planeten, über Chemie und Geografie. Auch wenn sie oft nicht alles verstand, las sie einfach weiter. Manche Bücher waren langweilig oder zu kompliziert. Aber für Annalina war ganz klar der Autor daran schuld. Sie zweifelte nicht an ihrer eigenen Intelligenz. Mit dieser Einstellung verlor sie nie die Lust an neuen Büchern. Nur Bücher über Tiere mochte Alina nicht und verweigerte sich hartnäckig der Biologie, dem einzigen Schulfach, wo sie nur durchschnittliche Noten nach Hause brachte.

Den anderen Mädchen in der Schule war Alina etwas unheimlich. Zwar war sie immer freundlich und hilfsbereit, aber sie war auch ziemlich schonungslos darin, andere auf ihre Fehler hinzuweisen. Nicht dass sie irgendwie schadenfroh war. Sie meinte es ernst und ihr scharfer Verstand fand immer schnell heraus, an welcher Ecke es haperte. Aber das war den anderen natürlich nicht so angenehm. Annalina machte auch nie mit, wenn es um hübsche Kleider ging oder die Mädchen kichernd zum ersten Mal Lippenstifte und Nagellack ausprobierten. Sie wurde ein bisschen zur Einzelgängerin. Sie spürte nicht, dass ihr irgendetwas fehlte. Sie hatte einfach nur keine Lust auf albernes Mädchengekicher. Lieber spielte sie mal mit den Jungen Fußball, schraubte an ihrem Fahrrad oder ging ins Kino. Alle hatten sich daran gewöhnt, dass Alina ein bisschen anders war. Auch sie selber. 

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