3. Teil: Die Saphire
- 1: 1. Teil: Wünschen ist nicht immer einfach.
- 2: 2. Teil: Freundschaft ist keine Frage der Zeit.
- 3: 3. Teil: Die Saphire.
- 3.1: Prolog.
- 3.2: 1 - Der Rat der Saphire.
- 3.3: 2 - Annalina.
- 3.4: 3 - Leon.
- 3.5: 4 - Manawa.
- 3.6: 5 - Das Schweigen.
- 3.7: 6 - Quinns Auftrag.
- 3.8: 7 - Sophie.
- 3.9: 8 - Begegnungen.
- 3.10: 9 - Salz.
- 3.11: 10 - Hogan.
- 3.12: 11 - Hank.
- 3.13: 12 - Die Zeichnung.
- 3.14: 13 - Ari.
- 3.15: 14 - Showdown.
- 3.16: 15 - Die Schlucht.
- 3.17: 16 - Nachwirkungen.
- 3.18: 17 - Verloren.
- 3.19: 18 - Das Amulett.
- 3.20: 19 - Sherrys Entschluss.
- 3.21: 20 - Tüte.
- 3.22: 21 - Freunde.
- 3.23: 22 - Yax.
- 3.24: 23 - Abschiede.
- 3.25: 24 - Helden.
- 3.26: Epilog.
4. Manawa
Durst! Wieder war es der Durst, der Manawas Benommenheit durchdrang, und die abgemagerte Hündin zwang, aufzuwachen, die Augen zu öffnen und sich mühsam hochzurappeln. Langsam und mit der Schnauze tief auf dem Boden trottete sie um das große Gebüsch herum und in die steinige Senke, auf deren Grund ein Rinnsal floss. Sie trank in vielen kleinen Schlucken, machte immer wieder Pausen und trank dann noch einmal. Das Wasser hielt sie am Leben. Viele Male schon war Manawa aus ihrem Versteck unter einem überhängenden Felsen hervor gekrochen um hier zu trinken. Den Rest der Tage und Nächte hatte sie liegend unter dem Stein verbracht, schlafend und träumend. Sie war zu schwach zum Aufstehen gewesen.
Manawa wusste, dass sie krank war. Und ihre Instinkte sagten ihr, was sie zu tun hatte: sich verbergen, ruhen, trinken und warten. Und das hatte sie getan. Als das Auto mit ihrer kleinen Herrin davon gefahren war, hatte diese Einsamkeit begonnen. Zuerst wollte sie dem Auto hinterher laufen und versuchen, wieder zu dem Mädchen und nach Hause zu kommen. Aber sie hatte gespürt, dass ihre Kraft dazu nicht reichen würde. Und so war sie, so lange sie noch laufen konnte, auf die Suche nach einem geschützten Ort mit einer Möglichkeit zum Trinken gegangen. Dort hatte sie sich nieder gelegt und sich ihrem Fieber überlassen.
Nachdem Manawa getrunken hatte, stand sie noch eine Weile in der Senke und schaute sich um. Sie schien langsam wieder gesund zu werden, denn es zog sie nicht sofort wieder in ihr Versteck. Bald würde sie wieder laufen können und sich auf die Suche nach Futter machen müssen. Jetzt ging sie aber noch einmal zu dem überhängenden Felsen, unter dem sie die Tage und Nächte ihrer Krankheit verbracht hatte. Sie legte sich davor und schaute in die sinkende Sonne. Manawa fühlte sich allein. Das Mädchen fehlte ihr. Sie legte den Kopf zwischen die Vorderpfoten und fiepte leise.
Als am nächsten Morgen die Sonne aufging, erwachte sie sehr hungrig. Der Hunger war ein Zeichen dafür, dass sie wieder gesund wurde. Sie stand auf, schüttelte ihr zottig und stumpf gewordenes Fell, das jetzt ziemlich locker um ihre Rippen hing, und trabte zur Wasserstelle. Nachdem sie ausgiebig getrunken hatte, verließ sie die Senke und lief den Berghang entlang auf der Suche nach – irgendwas. Manawa hatte keine Ahnung wonach. Der Hunger trieb sie voran.
Sie lief den ganzen Vormittag langsam immer weiter. Immer wieder blieb sie stehen um lange in der Luft und auf dem Boden zu wittern. Mit vielen Pausen bewegte sie sich so bis weit in den Nachmittag hinein den Berg entlang. Dann auf einmal wurde sie aufgeregt. Nur ein Hauch, aber sie konnte klar erkennen, aus welcher Richtung er kam. Da war ein Geruch! Es roch nach Hund und ein ganz kleines Bisschen nach Futter. Und der Geruch kam von oben, sie musste den Hang hinauf klettern. Manawa war schon sehr müde. Die vielen Tage im Fieber und ohne Nahrung hatten ihr nur wenige Reserven gelassen. Aber wenn sie überleben wollte, dann musste sie diesem Geruch nachgehen.
Als sie hechelnd oben auf dem Grat angekommen war, blickte sie in eine weite, sanfte Mulde. Dort wuchsen viele dornige Sträucher und sogar einige verkrüppelte Bäume.
Der Hundegeruch war jetzt ganz intensiv. Und dann sah Manawa sie: In der weitläufigen Mulde verteilt, bewegten sich einige Hunde. Manawa erkannte schnell am Geruch und ihren Bewegungen, dass es ein erwachsener Rüde, zwei Hündinnen und zwei Junghunde, wahrscheinlich aus dem letzten Sommer waren. Ihr Geruch war noch nicht ausgeprägt, aber es schienen junge Rüden zu sein.
Manawa schleckte sich aufgeregt über die Nase. Wo andere Hunde waren, musste auch Futter sein. Aber sie musste vorsichtig sein. Die Hunde sahen nicht so aus, als ob sie bereitwillig mit ihr teilen würden. Sie lief in sehr ausschweifendem Zickzack die Bergflanke hinunter. Immer nur ein bisschen näher, bis einer der kleinen Rüden sie sah und losbellte. Sofort waren die anderen aufmerksam und starrten sie an. Manawa setzte sich und wandte den Blick ab. Sie wollte auf keinen Fall Streit.
Das kleine Rudel wurde unruhig. Der große Rüde und eine Hündin postierten sich in ihrer Richtung. Die anderen blieben dahinter und schienen verunsichert. Manawa legte sich hin. Sie wollte den anderen zeigen, dass sie keinesfalls in ihr Revier einbrechen wollte. Und so verging eine lange Zeit. Die Sonne sank und Manawa legte sich erschöpft hin um zu ruhen. Sie wusste, dass die anderen ihr nichts tun würden, so lange sie weit genug weg blieb. Es wurde langsam Nacht und Manawa schlief ein. Der Hunger verfolgte sie bis in ihre Träume, wo sie mit anderen Hunden um einen riesigen Napf voller Futter kämpfen musste.
Fröstelnd wachte sie in der ersten Dämmerung auf. Ihre Kräfte reichten nicht mehr, sie im kühlen Morgen warm zu halten. Sie musste bald fressen, sonst würde sie wieder krank. Mühsam stellte sie sich auf. Beine und Rücken schmerzten von dem langen Marsch am Vortag.
Auch das Rudel war schon wach. Diesmal standen dort keine Wachtposten, aber Manawa wusste, dass die anderen wussten, dass sie da war und dass ihnen keine ihrer Bewegungen entging. Wieder wagte sie sich ein Stückchen weiter den Hang hinunter. Neben dem Hunger trieb sie auch noch etwas anderes: die Sehnsucht, nicht mehr allein zu sein. Das Rudel beobachtete sie. Aber da war noch etwas anderes. Irgendwie waren die Hunde unruhig, erwartungsvoll. Manawa schien zu stören, denn eigentlich wollten sie ihre Aufmerksamkeit wo anders hin lenken. Immer wieder richteten sich ihre Blicke auf das andere Ende der Mulde, wo sich gezackte Felsen gegen den Morgenhimmel abhoben. Aber es war dort nichts zu erkennen.
Auf einmal nahm Manawa eine Veränderung wahr. Die gezackten Felsen schienen sich zu bewegen. Nein, etwas bewegte sich zwischen ihnen. Und dann kam der Geruch bei ihr an. Futter! Futter und – Mensch. Der Geruch ihrer kleinen Herrin zuckte durch Manawas Erinnerung, aber sie erkannte sofort, dass dort ein Mensch war, den sie noch nie gerochen hatte. Aber das war jetzt nicht wichtig, sie wollte das Futter. Vorsichtig und mit Seitenblicken auf das Rudel schlich sich Manawa den Hang entlang in Richtung auf die Frau am Ende der Mulde. Zu ihrer großen Verwunderung blieben die anderen Hunde unten in der Senke. Sie dachte aber nicht lange darüber nach, sondern eilte umso schneller auf den Geruch zu.
Die Frau war etwas zurück getreten und schien sich genau so über Manawa zu wundern wie das Rudel unten im Tal. Auf dem Boden lagen große Gefäße mit Futter. Manawa stürzte sich förmlich darauf. Sie fraß und fraß, wie es nur verhungernde Tiere tun.
Als sie endlich genug hatte und aufschaute, war die Frau fort. Sie lief ihrer Spur ein Stückweit nach, aber auch sie waren mit einem Auto da gewesen und längst weggefahren. Manawa kehrte zu der Futterstelle zurück. Dort waren jetzt die anderen Hunde eingetroffen. Kaum war Manawa in Sichtweite, wurde sie mit lautem Knurren und gefletschten Zähnen bedroht. Das Rudel war beunruhigt über ihren Geruch an dem Futter und wollte sich nicht noch mehr von seiner Ration wegnehmen lassen. Manawa war schlau genug, schnell in einem weiten Bogen um den Futterplatz davon zu laufen. Sie kehrte auf ihren Hang zurück, suchte sich aber wieder einen Platz etwas weiter unten zur Senke hin. Sie wollte gern zu diesen anderen Hunden, aber es würde Zeit brauchen. Nun, jetzt hatte sie erst einmal wieder Zeit. Sie hatte gefressen und würde für die nächsten Tage etwas kräftiger sein. Manawa rollte sich neben einem Gebüsch zusammen, das ihr Windschutz bot und fiel in einen tiefen Verdauungsschlaf.
Eine ganze Reihe von Tagen verging, bevor Manawa den ersten Kontakt zum Rudel aufnehmen durfte. In diesen Tagen beobachtete sie die anderen unablässig und lernte einige ihrer Regeln kennen. Eine Regel war ganz klar: Nicht in die Nähe von Menschen kommen! Und das war Manawas Chance. Das Rudel hatte offenbar große Angst vor Menschen, aber Manawa traute sich ohne weiteres zur Futterstelle, auch wenn die Frau noch nicht weg war. Sie hätte gern Kontakt mit der Frau aufgenommen, aber das schienen die wieder nicht zu wollen. Sie brachte Futter und verschwand wieder.
Das Rudel war deutlich beeindruckt von Manawas Mut und der Tatsache, dass sie immer als erste fraß. Und so kamen sich die Hündin und das Bergrudel immer näher. Irgendwann spürte Manawa, dass der richtige Moment gekommen war und lief hinunter in die Senke, wo sie sich vorsichtig, in einem Bogen und mit abgewandtem Blick einer der Hündinnen näherte. Sie beschnupperten sich ein bisschen, aber natürlich kannten beide den Geruch der anderen schon lange.
Sie wurde geduldet. Manawa durfte sich frei unter den anderen Hunden bewegen. Die beiden halbwüchsigen Rüden kamen sogar neugierig heran und forderten sie zu einem Spiel auf. Manawa machte ein bisschen mit, aber nur so viel wie es ihre Überlegenheit über die Kleinen zuließ. Sie war froh und erleichtert. Endlich war sie nicht mehr allein. Zwar ruhte und schlief sie noch am Rand der Gruppe und wurde nicht in der Nähe geduldet, aber das machte ihr nichts. Wichtig war, dazu zu gehören. Manawa dachte nicht mehr an das kleine Mädchen und nicht mehr an die kuschelige Decke, in der sie früher geschlafen hatte. Sie war satt, sie war Teil einer Gruppe. Alles war gut.
Vorerst jedenfalls.
Die Probleme begannen, als die beiden Hündinnen läufig wurden. Es war Frühling und in der Tierwelt ist dies die beste Zeit, trächtig zu werden. Es gab Unruhe in der Hundegruppe. Die Hündinnen wurden reizbar. Sie duldeten sich gegenseitig nicht und viele Male am Tag wurden Schnauzen kraus gezogen und Zähne gebleckt. Manawa war aus diesen Konflikten ausgeschlossen. Sie war ja schon läufig gewesen, als sie noch in der Obhut des Mädchens war. Aber sie war vorsichtig und ging den Hündinnen aus dem Weg.
Die halbwüchsigen Rüden merkten, dass da irgendetwas rasend Interessantes vorging und stellten den Hündinnen nach. Die waren auch nicht ganz abgeneigt. Jedoch hatten die jungen Hunde nicht mit dem erwachsenen Rüden gerechnet. Er fuhr wie ein Berserker dazwischen, wenn die kleineren begannen mit einer der Hündinnen zu spielen. Es gab lautstarke Auseinandersetzungen und die halbwüchsigen Rüden trugen mehr als eine Verletzung davon.
Kurz: Es war ein ziemlicher Stress in dem kleinen Tal und das Rudel verbrauchte viel Energie. Dementsprechend hungrig waren alle und so kam es auch an der Futterstelle zu heftigen Auseinandersetzungen. Nur Manawa hatte eine Sonderstellung. Sie konnte immer als erste in Ruhe fressen und hatte kein Interesse an den Kämpfen um die Fortpflanzung.
Aber auch diese anstrengende Zeit ging irgendwann vorbei. Einer der beiden jungen Rüden hatte ein zerfetztes Ohr davon getragen, das nur langsam abheilte. Bei einer der erwachsenen Hündinnen rundete sich im Laufe der nächsten Wochen der Bauch.
Regelmäßig brachte die Frau Futter und die Tage wurden endlich angenehm warm. Zwar waren die Nächte noch recht kühl, aber Manawa war es jetzt erlaubt, auch nah bei den anderen warmen Hundekörpern zu schlafen. Die trächtige Hündin hatte sich mit ihr angefreundet und bei ihr fand sie in all zu frischen Nächten gemütliche Wärme. Alles war gut.
Vorerst.
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