Abschiede

In Petras Wohnzimmer war der Tisch gedeckt. Kuchen und Kerzen standen darauf. Es sollte eine kleine Feier geben, um Leon den Abschied von der Insel zu erleichtern. Sein Rückflugtermin rückte unaufhaltsam näher und heute wollten ihn seine Eltern zurück ins Hotel holen, um den letzten Urlaubsabend mit Leon zusammen zu verbringen. Die Katzenkinder waren inzwischen ordentlich gewachsen und Petra würde nur noch einmal in der Nacht aufstehen müssen, um die Kleinen ohne Leons Hilfe zu versorgen.

„Wollt ihr wohl da verschwinden!“ rief Petra und schubste lachend zwei ihrer eigenen Katzen vom gedeckten Tisch. Der Duft nach Sahne hatte sie angelockt. Draußen fuhren fast gleichzeitig Sophie und Leons Eltern vor. Aus dem Katzenkinderzimmer kamen Alina, Leon und Ari. Sie hatten mit den Kleinen gespielt, bis sie die Autos draußen hörten.

Leons Eltern betraten das Haus und wunderten sich über den feierlichen Kaffeetisch. „Oh, hat hier jemand Geburtstag?“ fragte Leons Vater.

„Nein, das ist für Leon, zum Abschied“, sagte Alina.

Die Eltern staunten. So wichtig war ihr Sohn hier geworden? Leons Mutter verkniff sich eine Bemerkung über die dunklen Ringe unter den Augen ihres Sohnes. Er sah erschöpft aus, aber irgendwie sehr glücklich und auch erwachsener.

Schließlich setzten sich alle an den Tisch und teilten Kuchen, Sahne, Kaffee und Saft aus. Es wurde ein fröhlicher Nachmittag. Die Tierschützer (zu denen sich natürlich auch die drei Kinder zählten), unterhielten sich eifrig darüber, wie sich die Katzenkinder entwickelten, wie gut Hanks Wunde verheilt war und wie wunderbar sich der kleine Tüte unter Hogans Pflege erholt hatte. Tüte war ein frecher kleiner Kerl geworden, der möglichst bald ein festes Zuhause brauchte.

Irgendwann sagten Leons Eltern etwas betreten, dass sie jetzt eigentlich bald fahren müssten. Es tat ihnen leid, aber es war einfach soweit. Leon holte seine Sachen. Er konnte inzwischen schon wieder kurze Strecken ohne die Gehhilfen humpeln. Sophie und Petra drückten Leon zum Abschied. „Versprich, dass du wieder kommst!“ sagte Sophie und lachte den Jungen ein wenig wehmütig an. „Klar komme ich wieder“, sagte Leon.

Sein Vater ging mit der Tasche voraus zum Auto und Sophie und Petra bugsierten seine Mutter händeschüttelnd nach draußen. Der kleine Ari war schon etwas länger wieder im Katzenzimmer verschwunden, weil er eh fast nichts von der Unterhaltung am Tisch verstanden hatte.

So standen sich Leon und Alina nun allein gegenüber.
„Ich schreibe dir Mails“, versprach Leon, „das erste, was ich mache, wenn ich nach Hause komme, ist, ein Mail an dich zu schreiben.“
Alina nickte.
„Und kommst du im Winter wieder?“ fragte sie.
„Ich werde alles dransetzten!“

Irgendwie fehlten ihnen jetzt die Worte. Leon gab sich einen Ruck und nahm Alina in die Arme. „Ich werde dich vermissen“, sagte er mitten in Alinas wilde schwarze Mähne hinein. „Ich werde dich auch vermissen“, antwortete Alina.

Sie standen ganz still und wussten nicht, wie sie sich wieder loslassen sollten. Aber dann wurden sie von der Seite von Manawa angesprungen, die jetzt doch mal gucken musste, was denn da los war.

Leon umarmte die Hündin. Es fiel ihm so furchtbar schwer, zu gehen. Er flüchtete schon fast zum Katzenzimmer um sich von Ari zu verabschieden. „Pass gut auf meine Kätzchen auf!“ scherzte er und Ari nickte strahlend.

Dann humpelte Leon hinaus in die helle Sonne und stieg in den aufgeheizten Wagen, wo seine Eltern schon warteten.

Petra, Sophie, Ari und Alina winkten noch, als das Auto nur noch ein kleiner Punkt in der Ferne war.

 

Mose hatte die trächtige Hündin nicht mehr aus den Augen gelassen. Er durfte auf keinen Fall zu spät kommen. „Es ist soweit, Figo“, sagte er und trippelte unruhig umher. „Ich muss mich auf den Weg machen."

„Und du bist ganz sicher, dass du das machen willst?“ fragte Figo besorgt.

„Ja, ganz sicher“, antwortete Mose.

„Und wenn es nicht klappt?“

„Ich habe keine Wahl!“ sagte Mose. „Ich kann nicht hier sitzen und nichts tun.“

Figo hatte ein ungutes Gefühl. Irgendetwas an Moses’ Plan passte nicht. Aber er kam nicht drauf, was es war.

„Mose, bitte…“, setzte er noch einmal an. Aber der Kleine war schon so gut wie unterwegs.

„Figo, hab keine Angst. Es wird alles gut gehen. Du wirst sehen, ich bin bald wieder da und dann bringe ich Quinn mit!“

Und dann sah Figo zu, wie der winzige weiße Hund immer blasser wurde.

Jetzt war er allein in der Welle zurück geblieben.

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Oben auf dem Berg wurde die trächtige Hündin mit der sinkenden Sonne immer unruhiger. Sie lief umher und schaute noch einmal alle Verstecke an, die sie in den letzten Tagen ausgekundschaftet hatte. Schließlich entschied sie sich für eine niedrige Höhle unter einem überhängenden Stein. Sie kratzte und grub lange darin herum.

Es würde bald soweit sein.

Die Hündin legte sich im Schatten des Steins nieder und bald fing sie an, zu hecheln.

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Als die Kaffetafel wieder abgeräumt und das Geschirr gespült war, ging Sophie hinaus und belud ihren Wagen. Sie wollte früh am nächsten Morgen hinauf in die Berge fahren und nach dem Rudel sehen. Zwei Mal war sie seit dem Erdbeben schon oben gewesen, aber sie hatte die Hunde nicht gefunden. Jedoch war ihr ausgelegtes Futter gefressen worden, das ließ Sophie hoffen.

Sie schleppte einen großen Sack Futter und einige kleine Wasserkanister zum Auto und verstaute alles sicher auf dem Rücksitz.

Alina und Ari kamen aus dem Haus und machten sich auf den Weg nach Hause. Sie hielten kurz bei Sophie an, die sich auf die offene Autotür lehnte. „Fährst du hinauf?“ fragte Alina. „Ja, morgen früh“, sagte Sophie, „die Hunde haben sich inzwischen bestimmt beruhigt. Vielleicht suchen ihre alten Futterplätze.“

„Viel Glück“, wünschte Alina ihr ernst. Dann radelte sie mit Ari los.

Sophie schlug die Türen des Autos zu und ging ins Haus.

Im Auto aber saß versteckt auf der Fußmatte der Beifahrerseite Sherry. Und ihr Herz zitterte.

Die Katze hatte den Augenblick genutzt, wo sich Sophie und Alina unterhalten hatten und war blitzschnell unter dem Auto hindurch und zur Tür hinein geschlüpft.

Jetzt gab es kein Zurück mehr. Sie würde die Nacht hier im Auto verbringen und morgen mit hinauf auf den Berg fahren.

Es war still im Auto und heiß. Zum Glück würde bald die Sonne untergehen.

Sherry fühlte, dass sie sich fürchtete. Bisher war ihr Plan nur ein Plan gewesen. Sie hatte mit niemandem darüber gesprochen. Aber jetzt hatte sie den ersten Schritt getan. Ihre Pfötchen hinterließen feuchte Flecke auf dem Gummi der Fußmatte.

Die Stille im Auto und die lange Nacht, die vor ihr lag, machten Sherry Angst. Es war nicht schwer, sich einfach todesmutig in ein Abenteuer zu stürzen um einem Freund zu helfen. Aber dieses Warten, das war die Hölle.

Draußen wurde es dunkel. Und Sherry dachte daran, dass sie dieses „Draußen“ nicht wieder sehen würde. Das Haus, ihren geliebten Mittagsschlaf-Stuhl vor der Tür. Hogan den stotternden Zottelhund, Hank, der so viel über Saphire wusste. Und die Frau, an deren Seite Sherry nun schon eine ganze Reihe von Jahren lebte.

„Ich muss es aber tun!“ flüsterte Sherry vor sich hin. „Alle gehen irgendwann in die Welle.“

Als es ganz dunkel war, hüpfte sie auf den Fahrersitz. Vorsichtig lugte sie aus dem Fenster. Die Lichter im Haus sahen gemütlich und heimelig aus. Aus den Welpengehegen leuchtete der weiche rote Schimmer der Wärmelampen. „Zu Hause!“ dachte Sherry und fühlte sich schrecklich allein. Wenn sie jetzt, jetzt sofort aussteigen könnte, dann würde sie es sich noch einmal überlegen. Aber die Türen waren fest verschlossen.

‚Stell dich nicht an!’ schalt sie sich selbst. ‚Willst du warten, bis du alt und klapprig bist? Und Quinn einfach allein lassen?’

Die Nacht, die vor ihr lag, schien unendlich lang. Sehr langsam beschlugen die Scheiben des Wagens von Sherrys Atem.

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Alina kam wie jeden Abend aus der Dusche und half dann der Mutter in der Küche bis das Abendessen fertig war. Die vertrauten Handgriffe erschienen ihr heute irgendwie fremd. Leon war nicht mehr da. Er saß jetzt irgendwo im Hotel und morgen würde er nach Hause fliegen. Alles, was ihr in diesem Sommer wichtig geworden war, änderte sich. Alina beschloss, dass heute der Tag war, an dem sich noch mehr ändern würde. Sozusagen zu Ehren von Leons Abschied.

Sie deckte den Tisch, legte das Brot bereit und wartete, bis die Mutter die große Suppenschüssel auftrug. Der Vater kam herein und schnupperte erfreut. Mama kochte einfach wunderbar. Ihre ganze Kindheit lang hatte Alina sich jeden Tag auf das Abendessen gefreut. Bei diesem Gedanken wurde Alina klar, dass „Kindheit“ eine Zeit war, die jetzt längst hinter ihr lag. Sie setzte sich an den Tisch. Mama teilte die duftende Suppe aus, der Vater brach sich ein Stück Brot ab und nahm den Löffel in die Hand.

„Ich muss mit euch reden,“ sagte Annalina zu ihren Eltern.
Mama schrie auf, als war sie von etwas gebissen worden. Dann gab es ein sattes Plumpsen, als dem Vater der Löffel in die dickflüssige Suppe fiel.

„Alina!“ sagte der Vater wie im Traum und starrte sie an.
Bevor die Eltern sich noch in Freudentiraden ergießen konnten, sprach Alina einfach weiter.

„Ich habe Manawa wieder gefunden!“
Alina hätte beinahe gelacht, so unendlich fassungslos schauten sie die beiden Gesichter ihrer Eltern an. Aber dies war ein zu ernster Moment, um zu lachen.

„Manawa war in den Bergen und wäre dort gestorben, wenn sie nicht von Sophie gefüttert worden wäre“, begann Alina ihre Rede. Sie sprach ganz ruhig und ernst.
„An dem Tag als das Erdbeben war, habe ich sie da oben abgeholt und mit zu der Pflegestelle genommen, wo ich jeden Tag bin.“

„Alina…“ setzte die Mutter noch einmal an, aber sie kam nicht weiter.

„Ich konnte diesen Sommer nicht sprechen, weil es mir einfach zu wehgetan hat, dass ich Manawa in den Bergen aussetzen musste. Aber ich habe sie jetzt wieder gefunden und sehe sie jeden Tag.“

Alinas Vater nickte. Er hatte es gewusst, dass es der Hund war. Egal, was diese ganzen Ärzte sagten. Es war der Hund gewesen! Er hatte Recht gehabt. Er allein hatte seine kleine Prinzessin verstanden. Ganz nebenbei vergaß er bei diesen Gedanken, dass er es auch war, der ihr diesen Kummer verursacht hatte.

„Manawa darf im Shelter leben, wenn es nicht anders geht“, fuhr Alina fort und mit jedem Wort, das sie sagte, fühlte sie sich ruhiger und sicherer. „Aber sie ist dort nicht glücklich, so lange ich nicht da bin. Und bald fängt die Schule wieder an und ich kann nicht mehr jeden Tag zum Shelter fahren.“

Die Eltern hatten jetzt angefangen zuzuhören. Das war gut.

„Auch wenn ihr das vielleicht nicht versteht, aber Manawa gehört zu mir“, sagte Alina. „Ich würde mir nichts mehr wünschen, als dass sie wieder hier bei mir leben kann. Ich habe viel über Hunde gelernt in der letzten Zeit. Sophie wird Manawa operieren, damit sie keine Welpen bekommt. Dann wird sie auch nicht mehr läufig und es wird keine Probleme mit den Streunerrüden geben. Und wenn sie mal krank wird, dann bringe ich sie zu Sophie. Sie wird hier im Haus nichts mehr schmutzig machen.“

Die Eltern schauten Alina inzwischen ganz anders an. Dieses Mädchen, ihre Tochter, war auf einmal groß geworden. Ihre Stimme, die sie so lange nicht gehört hatten, war ruhig und fest und sicher. Ihre Augen schauten groß und sanft und ehrlich. Dieses tolle Mädchen war ihre Tochter!

„Ich möchte euch darum bitten, dass ich Manawa wieder zu mir holen kann“, sagte Alina. „Sie könnte zur Not auch im Shelter bleiben, darum geht es nicht. Es wäre nur sehr schön für mich und für Manawa. Es wäre einfach schön und ich wäre sehr glücklich darüber“, schloss Alina ihre Rede und schaute die Eltern an.

Der Saphir in Hundegestalt blieb mitten im Gehen auf einmal stehen. Er öffnete die Augen, sah den Eselsaphir neben sich an und sagte: „Ich heiße Quinn.“

„Willkommen zurück, Quinn!“ sagte Yax freundlich und knuffte seinen Kollegen in die Seite. „Ich heiße Yax.“

„Oh Mann, Yax, danke, danke!“ sagte Quinn und machte vor Freude ein paar Hopser, bei denen er mit allen vier Pfoten gleichzeitig in die Luft sprang.

„Jetzt mach mal nicht gleich wieder ein Erdbeben“, sagte Yax scherzhaft.

Bei dem Wort Erdbeben wurde Quinn sofort ernst.
„Die Hunde“, rief er, „sie haben alle überlebt. Die Schüsse und das Beben!“
„Welche Schüsse?“ fragte der Esel verwundert. Und Quinn erzählte ihm die ganze schreckliche Situation, die sich vor jetzt fast schon zwei Wochen hier oben auf dem Berg abgespielt hatte. Yax schaute ihn betroffen an. „Au weia, Quinn, da hätte ich glaube ich auch ein Erdbeben gemacht! Jetzt ist mir auch klar, warum die Hunde so verängstigt sind.“

„Wir müssen uns um sie kümmern“, sagte Quinn. „Es sind wirklich nette Hunde und sie haben viel Schlimmes erlebt. Weißt du, ich habe ihnen zwei Wochen lang nur zugehört und sie beobachtet.“

„Sachte, sachte, Quinn, mein Freund“, beschwichtigte ihn der Esel. „Wenn du etwas für die Hunde tun willst, dann solltest du dich erstmal beruhigen.“ Sein graues Gesicht mit der langen Nase schaute verschmitzt. „Ich glaube nämlich, das Rudel ist gerade dabei, sich zu vergrößern.“

Quinn bekam große, runde Augen und einen sanft-seligen Gesichtsausdruck. „Kommen die Welpen?“ fragte er und Yax nickte.

Während die Sonne über dem Berggrat unter ging, näherten sich Quinn und Yax dem Rudel. Die Hunde traten ehrfürchtig zurück. Zwei Saphire auf einmal, - was sollte man dazu sagen? Es musste etwas ganz besonderes mit der Hündin und ihrem Wurf auf sich haben, wenn gleich zwei Saphire kamen.

Der Schattenhund und der Esel näherten sich der Hündin unter dem Stein. „Sei ganz ruhig“, sagte der Esel zu der Hündin, „es wird alles gut gehen.“ Yax hatte so viele kleine Zicklein das Licht der Welt erblicken sehen. Aber immer wieder war es für ihn ein Wunder, wenn Tierkinder geboren wurden.

Zwei kleine Welpen lagen schon am Bauch der Mutter als sie dazu kamen. Das dritte war gerade in den Staub geplumpst und die Mutter befreite es aus seiner Geburtshülle und schleckte das Kleine bis es anfing zu strampeln und das Mäulchen aufriss um seinen ersten Atemzug zu tun.

Als fünf Babys geboren waren, und die Hündin sie alle sorgfältig trocken geleckt hatte, trat eine Pause ein. Die winzigen Welpen hatten schon die Zitzen gefunden und begannen zu trinken. Die Hündin legte sich erschöpft zurück. Aber kurze Zeit später richtete sie sich wieder auf und fing noch einmal an, zu hecheln.

Aber es passierte nichts.

„Es ist noch eins drin“, sagte Yax. „Irgendwie scheint es Schwierigkeiten zu haben, raus zu kommen.“

„Oh je“, sagte Quinn nervös, „ist das schlimm?“

„Könnte schlimm werden“, antwortete Yax. „Aber nicht, wenn zwei Saphire daneben stehen!“ fügte er dann grinsend hinzu. „Los komm, wüsch’ dir, dass das sechste es schafft!“ forderte der Esel ihn auf.

Und so geleiteten Yax und Quinn gemeinsam eine kleine, zarte Hündin auf die Welt. Die Mutter befreite auch dieses letzte Baby von der Fruchthülle und putzte es sorgsam trocken. Die Kleine riss ihr Mäulchen auf, nahm einen tiefen Atemzug und langsam färbten sich ihre Nase und Füßchen von der ungesunden bläulichen Farbe in rosa. Es strampelte feste mit seinen Beinchen, bis es eine freie Zitze gefunden hatte. Dann fing es an zu trinken, wie seine fünf Geschwister auch.

„Wow!“ sagte Quinn ergriffen. Am liebsten hätte er selber diese winzigen Bündel abgeschleckt und bei diesem Gedanken fiel ihm der kleine Mose ein.

„Hey, Yax“, sagte Quinn leise, „meinst du, ich kann wieder nach Hause, in die Welle?“

Der Esel bedeutete Quinn, mit ihm mit zu kommen. Die Hündin lag jetzt ganz ruhig und entspannt unter dem Felsen. Die Babys hatten ihre erste und wichtigste Mahlzeit beendet und schliefen geborgen an ihrem Bauch, gewärmt durch die Geschwister neben sich.

Quinn und Yax liefen in die nächtliche Ebene.
„Ist denn dein Auftrag beendet?“ fragte Yax.
„Ich glaube schon“, antwortete Quinn. „Das Mädchen hat ihren Hund wieder und sie ist stark geworden. Sie hat Freunde gefunden und sie wird ihren Weg gehen und den Tieren helfen.“
Der Esel nickte.

„Dann steht deiner Rückkehr in die Welle nichts im Wege“, sagte er.

Quinn zögerte.

„Was ist noch?“ fragte Yax.

„Das Rudel“, antwortete Quinn und deutete in Richtung der schlafenden Hunde und der Mutter mit ihren Welpen. „Ich finde, jemand muss auf sie aufpassen.“

„Quinn“, sagte Yax, „jeder kann immer nur eine große Aufgabe bewältigen. Und deine war es, dem Mädchen und ihrer Hündin zu helfen. Und du hast schließlich viel mehr getan als das.“

„Aber wir können sie doch hier nicht einfach allein lassen“, drängte Quinn. „Wenn die Menschen mit den Gewehren wieder kommen!“

„Ach Quinn“, lächelte Yax, „du musst immer dran denken, dass noch viel mehr gute Mächte am Werk sind, als man selber weiß. Geh nach Hause in die Welle. Ich sehe doch, dass du dich danach sehnst. Du musst das mit dem Saphir-Sein noch ein bisschen üben. Lass dir dafür Zeit. Die Dinge, die du ins Rollen gebracht hast, werden noch eine ganze Weile weiter rollen.“

Quinn schaute den Esel dankbar an. Dann sagte er: „Ich möchte mich gern noch von einer Freundin verabschieden, bevor ich zurück gehe.“

„Klar“, sagte Yax. „Tu alles, was du willst, bevor du gehst.“

„Und wie muss ich das dann machen?“ fragte Quinn, „Ich meine das Zurückkehren in die Welle.“

Der Esel dachte nach. „Hm, - normalerweise gehen wir Saphire mit unserem letzen Schützling zurück“, erklärte er. „Weißt du, wenn die letzte Ziege aus meiner Herde in die Welle geht, dann gehe ich mit ihr. Was soll ich hier ohne meine Ziegen?“

Quinn nickte.

„Aber du hast ja keine Herde“, fuhr Yax fort, „du bist nie in das Haus eingezogen, hast dich nie in ein Rudel oder eine Familie eingefügt. Deshalb steht es dir frei, zu gehen. Du musst es dir nur wünschen.“

Yax und Quinn wanderten die ganze Nacht durch das hohe Tal und der Esel erzählte dem Hund sehr viel über das Leben als Saphir, über die Welle und über das Hüten der Tiere auf der Erde.

Als der Morgen dämmerte, schauten sie noch einmal nach der Hündin. Sie hatte schon ihre sechs Kinder ordentlich geputzt und die Kleinen hatten kräftig getrunken.

„Weißt du was, Quinn“, sagte der Esel, „ich werde für eine Weile auf meine Herde UND auf dieses Rudel aufpassen. Aber ich bitte dich, mir einen anderen Saphir zu schicken, wenn du wieder in der Welle bist. Denn es ist auf die Dauer ziemlich anstrengend, meine Ziegen vor den Hunden zu bewahren.“

„Ich verspreche es“, sagte Quinn, „und danke, für alles“, fügte er hinzu.

„Schon gut“, sagte der Esel, „hab ich gern gemacht.“

Quinn wandte sich zum Gehen. Aber plötzlich blieb er noch einmal stehen und wandte sich um. „Eins noch, Yax“, sagte er, „was wäre aus mir geworden, wenn du nicht zufällig hierher gekommen wärest?“

„Bin ich zufällig hierher gekommen?“ fragte der Esel. Quinn runzelte die Stirn.

„Nein, Quinn, keine Angst, du hättest es auch ohne mich geschafft, dich zu erinnern. Es hätte nur länger gedauert.“

„Und wie lange“, fragte Quinn.
„So lange, bis du gelernt hättest, dass es egal ist, was gestern passiert ist.“

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Die Sonne war noch nicht ganz aufgegangen, als Sophie sich auf den Weg machte. Fröstelnd stieg sie ins Auto. Die Nächte wurden schon merklich kühler. Sogar die Autoscheiben waren beschlagen. Sie schnallte sich an und startete den Motor.

Sherry war inzwischen ein Nervenbündel. Sie hatte die ganze Nacht in Angst vor dem verbracht, was sie vorhatte. Sie krabbelte hinter Sophies Sitz hervor und zwischen die Futtersäcke auf die Rückbank. Jetzt war sie schon fast froh, dass es endlich losging. Es ruckte, der Wagen fuhr an und Sherry wagte einen Blick aus dem Fenster. Die Gehege und Zwinger lagen noch in völliger Ruhe.

‚Lebt wohl!’ dachte Sherry und ihr Herz tat weh.

Das Auto rollte durch das Tor auf die Straße.

Und Sherry traute ihren Augen nicht.

Da war Quinn!

Himmel, da war Quinn!! Er war da, er hatte zurück gefunden! Und sie war hier im Auto!

Sherry maunzte laut auf und Sophie trat heftig auf die Bremse.

„Was machst du denn hier?“ rief Sophie, als sie die Katze auf der Rückbank sah. Sie setzte das Auto zurück und stieg aus um das Tor noch einmal zu schließen. Dann öffnete sie die hintere Autotür und hob sanft die laut maunzende Katze heraus.

„Och Miezi! Wie kommst du den hier rein?“ Das Tier musste schon die ganze Nacht im Auto gesessen haben. Jetzt wurde Sophie auch klar, warum die Scheiben so beschlagen waren. „Hab ich dich im Auto eingesperrt?“ fragte sie entschuldigend und streichelte die Katze liebevoll. Anscheinend nahm Miezi ihr das mit dem Einsperren aber übel, denn sie kratzte uns strampelte und wollte offenbar auf der Stelle auf den Boden gelassen werden.

„Ist ja schon gut“, sagte Sophie und ließ die Katze laufen. Als sie sich versichert hatte, dass nicht noch irgendwelche Katzen in der Nähe waren, die möglicherweise durchs Tor laufen könnten, fuhr Sophie endgültig hinaus und schloss hinter sich wieder ab, bevor sie in Richtung Gebirge fuhr.

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„Quinn! Quinn!“ rief Sherry laut und rannte auf den Saphir zu. Sie sprang dem Schattenhund entgegen und blieb dann völlig aufgelöst vor ihm sitzen.

„Oh du meine Güte Quinn, dass du da bist, dass du da bist!“

„Ho hoo“, sagte Quinn beschwichtigend, „kleine Sherry, was ist los? Bist ja fast so hysterisch wie deine Mutti damals!“ Aber er sah, dass die Katze irgendetwas Schlimmes erlebt hatte. Besorgt schaute er sich um, aber alles im Shelter war ruhig.

„Ich wollte zu dir“, sprudelte Sherry atemlos hervor, „ich wollte dich mit in die Welle nehmen, weil du dich doch verloren hast und dich ein Tier mitnehmen muss, damit du gerettet wirst. Jedenfalls hat Hank das gesagt, dass das so ist. Und da bin ich in das Auto gestiegen um mit auf den Berg zu fahren und auf einmal warst du da draußen…“ Sherry zitterte so sehr, dass sie nicht mehr weiter sprechen konnte.

„Ach meine kleine Sherry!“ sagte Quinn gerührt und traurig. „Was hast du denn da nur gedacht?“

Sherry blickte ihn mit riesigen Augen an. „Ich wollte für dich sterben!“ sagte sie.

Quinns Schatten umhüllte die zitternde Katze. „Sherry“, sagte der große Saphir leise, „niemand soll für jemand anderen sterben. Das habe ich oben auf dem Berg gelernt. Wir dürfen uns nie für unser Ziel aufgeben. Denn dann können wir es nicht mehr erreichen.“

Sherry wurde langsam ruhiger.

„Weißt du, Sherry“, fuhr Quinn fort, „du bist eine so wundervolle Katze und du wirst noch gebraucht. Wenn du nicht mehr wärest, dann wäre das ein großer Verlust für die Tiere, die unsere Hilfe benötigen. Deshalb darfst du dich nie selbst aufgeben. Auch nicht, wenn du meinst, es für jemand anderen zu tun.“

„Aber…“ sagte Sherry.

„Es gibt kein Aber“, antwortete Quinn. 

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