3. Teil: Die Saphire
- 1: 1. Teil: Wünschen ist nicht immer einfach.
- 2: 2. Teil: Freundschaft ist keine Frage der Zeit.
- 3: 3. Teil: Die Saphire.
- 3.1: Prolog.
- 3.2: 1 - Der Rat der Saphire.
- 3.3: 2 - Annalina.
- 3.4: 3 - Leon.
- 3.5: 4 - Manawa.
- 3.6: 5 - Das Schweigen.
- 3.7: 6 - Quinns Auftrag.
- 3.8: 7 - Sophie.
- 3.9: 8 - Begegnungen.
- 3.10: 9 - Salz.
- 3.11: 10 - Hogan.
- 3.12: 11 - Hank.
- 3.13: 12 - Die Zeichnung.
- 3.14: 13 - Ari.
- 3.15: 14 - Showdown.
- 3.16: 15 - Die Schlucht.
- 3.17: 16 - Nachwirkungen.
- 3.18: 17 - Verloren.
- 3.19: 18 - Das Amulett.
- 3.20: 19 - Sherrys Entschluss.
- 3.21: 20 - Tüte.
- 3.22: 21 - Freunde.
- 3.23: 22 - Yax.
- 3.24: 23 - Abschiede.
- 3.25: 24 - Helden.
- 3.26: Epilog.
Yax
Yax ging gemütlich im Schritt über den steinigen Untergrund bergauf. Seine schmalen Hufe hinterließen keine Spur im Staub. Er folgte seiner kleinen Ziegenherde, die sich ihren Weg durch das bergige Geröll suchte.
Yax, der Esel, konnte sich nicht mehr genau erinnern, wie lange er schon auf die Ziegen aufpasste. Viele Generationen der robusten Bergbewohner hatte er begleitet. Unzählige Zicklein hatte er zur Welt kommen sehen und fast alle hatte er wieder hinüber in die Welle begleitet. Er war zufrieden. Er liebte die Höhen dieses Gebirges, er liebte die Ziegen und er liebte die Einsamkeit.
Vielleicht war er der dienstälteste Saphir den es gab. Aber das war nicht wichtig. Er hatte seine Ziegen und seine Ziegen hatten ihn. So war das seit vielen, vielen Jahren.
Es war auch nicht das erste Erdbeben gewesen, das Yax erlebte. Nur diesmal hatte er es nicht vorausgeahnt und das hatte ihm etwas Sorgen gemacht. Trotzdem war seiner Herde nichts geschehen, außer dass die kleinen Zicklein einen ordentlichen Schrecken bekommen hatten.
Aber irgendetwas ging hier oben vor und Yax wollte es herausfinden. Unruhe konnten seine Schützlinge nicht gebrauchen. Sie mussten jetzt schön viel fressen und zunehmen, denn obwohl die Sonne noch mit großer Hitze brannte, würde doch bald die kalte Jahreszeit kommen und Yax hatte nicht die Absicht, eines der niedlichen Zicklein an Hunger oder Kälte zu verlieren. So hatte er sich dorthin aufgemacht, von wo seiner Meinung nach das Erdbeben ausgegangen war.
Als er an dem Kamm des Berges ankam, rief er seine Ziegenherde zurück. „Wartet mal, meine Lieben“, sagte er in dem für die Ziegen vertrauten und ruhigen Ton. „Ich will mal lieber zuerst über diesen Kamm dort schauen. Wer weiß, was uns dort erwartet.“ Die Ziegen blieben gehorsam zurück. Sie vertrauten ihrem Saphir voll und ganz.
Yax trottete langsam über den Kamm und sah in das Tal. Was er dort sah, gefiel ihm nicht. Da waren Hunde. Fünf Hunde. Nicht, dass er irgendetwas Spezielles gegen Hunde gehabt hätte, aber Hunde waren nun mal die natürlichen Feinde von kleinen Ziegen. Und er war der Hüter von Ziegen, nicht von Hunden.
Natürlich war er schon oft in den Bergen wild lebenden Hunden begegnet. Das war kein Problem für ihn. Er versteckte dann seine Ziegen.
Was ihm eigentlich Sorgen machte war, dass da unten ein verlorener Saphir herumlief....
-
Leon wälzte sich unruhig auf dem Sofa hin und her. Es wurde schon hell und er hatte kaum geschlafen seit Petra ihn um drei Uhr nachts bei den Katzen abgelöst hatte. Dieses Sofa war einfach zu schmal, um mit einem verletzten Knie eine Lage zu finden, die bequem war. Auf einmal schnaufte etwas an seinem Ohr. Leon öffnete die Augen und sah im Halbdunkel Manawa vor dem Sofa stehen.
„Hey, Manawa“, flüsterte er erfreut. Die Hündin hatte ihn weitgehend ignoriert, seit er hier war. Aber die Tatsache, dass er sich Nacht für Nacht mit ihr das Wohnzimmer teilte, hatte sie wohl dazu veranlasst, Kontakt aufzunehmen.
„Na, kannst du auch nicht schlafen?“ fragte er sie und kraulte ihr den Hals.
Manawa ließ sich neben dem Sofa nieder. Ihre Gegenwart war sehr tröstlich und Leon freute sich, dass die Hündin von selbst zu ihm gekommen war. Er legte seine Hand auf ihr warmes Fell und schlief wieder ein.
Er erwachte erst am hellen Vormittag davon, dass Manawa aufsprang und hinaus stürzte um Alina zu begrüßen. So schnell es ging stand Leon auf und stakste mit seinen Krücken zur Tür. Er war erstaunt, als er Alina in Begleitung eines kleineren Jungen sah.
„Leon“, rief Alina ihm entgegen, „komm her und schau dir das an!“ Sie schob den Jungen vor sich her und zog seinen T-Shirt-Kragen zur Seite. Und um den Hals trug er das Amulett mit der Wellenform. Verwirrt blickte Leon Alina an. Wieso hatte sie dem Jungen ihr Amulett gegeben? Aber da sah er, dass Alina ihres offen auf dem Pulli trug.
„Das ist Ari“, sagte Alina „und er hat sein Amulett in einer Kiste gefunden, in der eine Katze saß, die er gefüttert hat.“ Ari war es jetzt wirklich zu peinlich und er nahm Alinas Hände weg.
„Er kann nur ganz wenig Englisch“, erklärte Alina. Ari war in der Schule zwei Klassen unter ihr und längst nicht so ein begeisterter Schüler wie Alina.
Die drei Kinder setzten sich in den Schatten vor das Haus und führten eine Unterhaltung, die dadurch erschwert wurde, dass Alina fast alles für Ari übersetzen musste.
„Dieses Zeichen hat auf jeden Fall etwas mit Tieren zu tun“, sagte Leon. Alina übersetzte und Ari schaute Leon fragend an.
„Wie viele Kinder gibt es hier auf der Insel, die sich so um einen Hund kümmern, wie du Alina, oder die streunende Katzen füttern, wie du, Ari?“ fragte Leon.
Alina und Ari machten traurige Gesichter. Sie waren die absoluten Ausnahmen, das war ihnen völlig bewusst. Andere Kinder spielten höchstens mal mit Welpen. Es gab kleine Mädchen, die Welpen im Puppenwagen umher fuhren, oder ihnen Puppenkleider anzogen. Aber es gab auch Kinder, die mit Welpen Fußball spielten. Die Welpen waren dabei der Ball.
„In Deutschland macht man so was nicht“, sagte Leon. „Trotzdem kenne ich keinen an meiner Schule, der richtig was organisiert um Tieren zu helfen. Mich haben sie alle für ein bisschen bescheuert gehalten, als ich das mit den Wellensittichen erzählt habe.“
Nachdenklich schauten sich die drei an. „Vielleicht ist es eine Art Botschaft“, sagte Ari schüchtern, „oder ein Zeichen, an dem wir uns untereinander erkennen können.“
Alina nickte. „Wenn ich das nicht an deinem Hals gesehen hätte, dann hätte ich dir glaube ich, gar nicht zugehört“, sagte sie zu Ari.
„Vielleicht ist es auch ein Auftrag“, bemerkte Leon und schaute den beiden anderen in die Augen.
„Aber von wem?“ fragte Alina.
„Ist doch klar“, antwortete Ari: „Von den Tieren!“
Den drei Kindern war sehr seltsam zumute. Sie hatten das Gefühl, nicht allein zu sein. Da war irgendetwas, oder irgendwer, der ihnen etwas deutlich machen wollte.
„Zwei Dinge sind sicher“, sagte Leon schließlich. „Erstens: es geht darum, den Tieren zu helfen. Und Zweitens: Alle, die so ein Amulett haben, gehören zusammen.“
Ari durchfuhr es wie eine Flamme. Gehören zusammen! Nichts wünschte er sich sehnlicher, als mit anderen Kindern zusammen zu gehören. Nur bisher wollten weder die anderen Kinder mit ihm zusammen gehören, noch wollte er (wenn er ganz ehrlich war) mit ihnen zusammen gehören. Aber Alina und Leon, das waren Kinder die ihn ernst nahmen und die es ernst nahmen, einem Tier zu helfen. Sein Herz schlug.
„Bestimmt gibt es noch andere mit einem Amulett“, sagte Alina.
„Ja, und die müssen wir finden!“ antwortete Leon.
-
Yax rutschte langsam durch das lose Geröll abwärts in das Tal. Seine Ziegen hatte er vorher auf der anderen Seite des Kamms versteckt. Die Hunde machten auch nicht den Eindruck, als würden sie sich groß bewegen wollen. Ihnen ging es offenbar nicht besonders gut. Aber darum könnte er sich später kümmern. Erstmal musste er zu diesem anderen Saphir.
Der große Saphir in Hundegestalt erschreckte sich fürchterlich, als Yax ihn ansprach. „Woah!“ brüllte er auf und machte eine gewaltigen Satz rückwärts. Wie zum Angriff bereit blieb er in Kauerstellung und glotzte den Esel mit aufgerissenen Augen an. „Wieso kannst du mich sehen?“ bellte er dem grauen Schattentier entgegen.
„Wieso sollte ich dich nicht sehen?“ fragte der Esel. „Du bist ein Saphir und ich bin ein Saphir. Natürlich sehe ich dich!“
Das musste der Hund erstmal verarbeiten.
„Wobei diese anderen Hunde da hinten dich natürlich nicht sehen können“, bemerkte der Esel trocken, „weil du Depp dich verloren hast. Ich würde mich nicht wundern, wenn du das Beben verursacht hättest.“
Der Hund starrte weiterhin den Esel an. „Ich bin also ein Saphir?“ fragte er dann langsam. Was ein Saphir war, wusste er seltsamerweise in dem Moment, wo er das Wort aussprach.
„Ja sicher bist du ein Saphir! Was sollst du sonst sein, wenn du die anderen siehst, sie aber dich nicht sehen?“
„Ich dachte, ich wäre ein Geist“, sagte der Hund kläglich.
„Ist ja auch nicht ganz verkehrt“, der Esel umrundete den riesigen Schattenhund und schaute ihn an.
Der Hund fühlte sich sehr unwohl. Er hatte das Gefühl, bei etwas ertappt worden zu sein. Aber bei was?
„Okay“, sagte der Esel, „dann werden wir mal sehen, ob wir herausfinden, wer du bist und was du im Schilde führst.“
Der Hund duckte sich.
„Hast du Angst?“ fragte Yax.
„Ja, Mann ey, hättest du vielleicht keine Angst, wenn du nicht mehr wüsstest, wer du bist?“
„Hooo“, beschwichtigte der Esel, „mal langsam, Fremder!“
Der Hund setzte sich betreten wieder hin.
„Also hör zu“, sagte der Esel, „du bist ein Saphir und du hast irgendwie deinen Job hier auf der Erde nicht bewältigt. Deshalb hast du dich verloren.“
Der Hund schaute ihn verlegen an.
„Hier hat es vor kurzem ein ziemlich seltsames Erdbeben gegeben und ich vermute, dass du das gemacht hast.“
„Ich?“ rief der Hund verwundert.
„Ja, das passiert manchen Saphiren wenn sie sich buchstäblich vergessen. Sie werden quasi gewalttätig. Und damit sie nicht alles kaputt machen, werden sie ausgeschaltet. Sie verlieren ihre Erinnerung.“
„Ausgeschaltet ist das richtige Wort“, sagte der Hund verblüfft.
Der Esel schaute ihn prüfend an. „Pass auf“, sagte er, „ich werde dir helfen, dich wieder zu finden, aber nur unter einer Voraussetzung.“
„Ja?“ fragte der Hund kleinlaut.
„Kein Erdbeben!“ antwortete der Esel, „Kein Erdbeben, kein Sturm, kein Gewitter und kein Meteorit, klar?!“
„Klar“ – der Hund war zahm wie eins von Yax’ Zicklein.
„Komm, wir gehen ein Stück“, forderte der Esel den Hund auf.
Und während sie so gingen, plauderte der Esel drauflos. „Weißt du“, sagte er, „Erinnerung wird allgemein viel zu wichtig genommen. Wozu an irgendetwas denken, was schon vorbei ist? Wir leben hier und jetzt. Schau dort hinten die Hunde an. Es nützt ihnen gar nichts, sich zu erinnern. Im Grunde ist es völlig egal, was gestern war. Vorbei! Aber was morgen ist, das ist wichtig, denn das können wir noch beeinflussen.“
Der Hund hörte zu.
„Weißt du“, fuhr der Esel fort, „auch Denken und Grübeln sind eigentlich total überflüssig. Alles nur abgehobenes Zeug. Wichtig ist, was du fühlst. Fühlst du dich? Merkst du, wie du dich bewegst? Siehst du, was du siehst? Das ist wichtig. Sich spüren.“
Der Hund lauschte in sich hinein während er weiter ging.
„Es ist, als ob du schläfst“, sagte der Esel leichthin, „du schläfst und träumst und es taucht etwas auf und es sinkt etwas wieder hinab und etwas anderes taucht auf…“
Der Hund entspannte sich, trabte wie von allein über die Ebene. Die Stimme des Esels drang in sein Bewusstsein und tat dort irgendetwas, was er nicht so genau einordnen konnte.
„Ich will dir eine Geschichte erzählen“, sprach der Esel in sanftem Tonfall weiter, „eine Geschichte von einem Saphir. Am Anfang der Geschichte war der Saphir von dem Wunsch erfüllt, jemandem helfen zu wollen…“
Unwiderstehlich wurde der Hund von der Stimme des Esels eingelullt. Bilder tauchten auf und zogen vorbei. Tiere, Menschen und Stimmen. Der Hund lief schlafend durch das Tal. Tief schlafend und dort unten auf dem Grund des Schlafes fand er etwas, was zu ihm gehörte.
„Und was auch immer dich berührt hat, es ist vorbei“ flüsterte der Esel sanft. „Es ist vorbei und hat keine Bedeutung mehr für das Jetzt und das Morgen. Es fällt von dir ab und du bist ganz neu und ganz wach und ganz ruhig....“
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