Tüte

Leon erwachte durch aufgeregtes Gebell aus dem Hof. Es war noch stockfinster und er hatte das Gefühl, gerade erst fünf Minuten geschlafen zu haben, nachdem er zum letzten Mal die Katzenkinder gefüttert hatte. Stöhnend setzte er sich auf.

Das Gebell im Hof hörte nicht auf und nach und nach fielen alle Hunde mit ein. Er hörte Petras Tür klappen und dann die Haustür. Schnell hievte er sich von der Liege auf seine Krücken und humpelte nach draußen. Durch den Zaun sah er in der Ferne zwei rote Rücklichter eines Autos verschwinden. Am Horizont zeigte sich der erste helle Streifen des beginnenden Morgens.

Petra hatte gerade die Hofhunde weggesperrt und öffnete mit einer Hand das Tor. In der anderen hielt sie eine hell leuchtende Taschenlampe. Sie leuchtete etwas Großes, Weißes an, das draußen auf dem Boden lag. Leon schaute ihr neugierig über die Schulter. Es war eine weiße Plastiktüte, die oben zugeknotet war.

Petra drehte sich zu dem Jungen um. „Leon, willst du nicht lieber rein gehen?“ Er schaute sie fragend an. „Das ist jetzt hier wahrscheinlich ziemlich schlimm.“ Petra fand nicht zum ersten Mal solche Plastiktüten vor dem Tor. „Egal“, krächzte Leon. Ihm war mulmig, aber weggehen wollte er auf keinen Fall. „Dann halte mir die Lampe“, sagte Petra kurz entschlossen. Sie konnte sich jetzt hier nicht lange um die Gefühle des Jungen kümmern.

Leon lehnte eine Krücke an den Zaun und leuchtete mit der freien Hand die Tüte an. Petra ging in die Hocke und löste den Knoten. Als sie die Plastikenden aufzog, machte sie möglichst lange Arme. Aus der geöffneten Tüte schlug ihnen ein unsagbar entsetzlicher Gestank entgegen. Leon spürte, wie sich seine Kehle reflexartig dagegen wehrte und sofort dicht machte. Er wendete den Kopf ab um mit der Nase möglichst weit in Richtung Frischluft zu kommen.

„Licht!“ sagte Petra protestierend und Leon unterdrückte seinen Würgereiz um ihr wieder leuchten zu können. „Leuchte mal hier rein“, Petras Stimme klang gepresst. Auch sie wollte möglichst wenig atmen. Leon machte einen Schritt näher und leuchtete mit fast zugekniffenen Augen direkt in die Tüte. Er wollte nicht sehen, was darin war, er wollte nur sicher gehen, dass Petra genug Licht hatte.

Zwei weit aufgerissene Augen starrten aus der Tüte. Leon sah nur diese beiden kugelrunden, blanken Augen.

In seinem ganzen Leben vergaß er nie diesen Blick. Petra fasste mit zusammengekniffenem Gesicht in die Tüte und hob einen Hundewelpen heraus. Sie hielt ihn auf dem einen Arm und zog mit der anderen Hand die Tütenränder weiter auseinander. Sie tastete eine Weile, „die anderen sind tot“, sagte sie leise und sanft und deckte das weiße Plastik wieder zu. Sie stand auf, nahm Leon die Taschenlampe aus der Hand und legte ihm stattdessen den Welpen in den Arm. Dann griff sie die Plastiktüte und ging voraus zum Haus.

Der Welpe stank entsetzlich, aber Leon war es egal. Er spürte, wie dieses kleine Wesen vor Angst so sehr zitterte, dass es schwer war, ihn festzuhalten. Auf einer Krücke humpelte er hinter Petra her. Den Welpen presste er mit der anderen Hand an sich, gerade so fest, dass er nicht fallen konnte.

„Geh schon mal mit ihm in den Behandlungsraum“, sagte Petra und ging mit der Tüte in eine entfernte Ecke des Hofes. Leon trug den Welpen in das umgebaute Bad. Er machte nur wenig Licht an, wollte den ängstlichen Hund nicht durch grelle Lampen erschrecken. Er streichelte das nasse Köpfchen und flüsterte immerzu: „Keine Angst Kleiner, du hast es geschafft. Jetzt wird alles gut.“

„Alles wird gut“, wiederholte er und fragte sich, ob er das nicht zu sich selbst sagte. Inzwischen zitterten seine Hände fast so sehr wie der Welpe auf seinem Arm.

Petra kam leise herein. „Was machte er?“ fragte sie flüsternd.

„Er zittert, ich glaube, er hat schreckliche Angst.“

Petra legte ein Handtuch in das große Waschbecken. „Stell ihn mal hier drauf“, forderte sie Leon auf. Der kleine Hund stemmte seine Füßchen in den Frotteestoff. Er war steif vor Angst. Leon hätte alles getan um dem Kleinen verständlich zu machen, dass er jetzt keine Angst mehr zu haben brauchte, aber er wusste nicht, wie er das machen sollte.

Als hätte sie seine Gedanken gelesen sagte Petra: „Versuche so entspannt und ruhig zu sein, wie es geht. Das überträgt sich auf den Hund. Für ihn ist alles gut. Der Kleine hier hat das große Los gezogen.“

Leon atmete in den Bauch und versuchte seine Muskeln zu entspannen. Petra hielt den Hund im Waschbecken etwas zur Seite und drehte den Wasserhahn auf. Dann prüfte sie die Temperatur des Wassers, bis es gut lauwarm war. Behutsam schöpfte sie mit der Hand das Wasser und ließ es dann über den kleinen Körper laufen. Der Welpe war völlig ergeben. Er wusste überhaupt nicht wie ihm geschah.

Es dauerte sehr lange, bis das Wasser, welches von dem kleinen Körperchen floss, nicht mehr schwarz war. Irgendwann wurde es braun, dann wurde es immer klarer. „Bis der Gestank raus ist, dauert es wohl ein paar Tage, aber wenigstens ist er jetzt sauber“, sagte Petra und rubbelte den Welpen vorsichtig mit einem Handtuch trocken. Der kleine Rüde schien außer an Angst, an nichts zu leiden. Er war weder verletzt noch verhungert.

„So, und jetzt wirst du mal unsere Amme kennen lernen“, sagte Petra und ihre Augen lächelten schon wieder ein bisschen. Sie gingen gemeinsam in den Hof. Leon holte sich seine zweite Krücke, die er am Zaun hatte stehen lassen und folgte Petra zu einem der Zwinger, die für die Aufnahme von Welpen vorbereitet waren. Sie legte den Welpen in weiche Decken und schaltete die Wärmelampe darüber an. Ein weicher, roter Schimmer breitete sich im Morgenlicht aus. „Warte mal eben“, sagte Petra und ging in einen der Ausläufe.

„Hogan!“ rief sie leise und sofort kam der zottelige, weiße Hund angelaufen und sprang Petra wedelnd an. „Komm mit, Hogan“ rief Petra und der Zottel folgte ihr freudig. Sie ließ ihn in den Welpenzwinger und Hogan schnüffelte aufgeregt an dem kleinen schwarzen Hund, der unter der Wärmelampe lag. Der Kleine starrte immer noch panisch vor sich hin und duckte sich in die Decken. Hogan legte sich neben das Deckenlager und schaute Petra an, als wollte er sagen: ‚Ist okay, ich übernehme.’ Petra füllte noch die bereit stehenden Näpfe mit Wasser und einer Dose Feuchtfutter. Hogan bekam sofort eine große Portion. „Dann lässt er etwas für den Kleinen stehen“, erklärte Petra und füllte den Futternapf ein zweites Mal. „So, jetzt lassen wir die beiden besser alleine.“

Petra und Leon gingen zurück zum Wohnhaus. Inzwischen war es hell und Leon spürte jetzt erst wieder, wie müde er war. „Die Katzenkinder müssten bald schon wieder dran sein“, sagte er.

„Vorher wechselst du aber die Klamotten“, sagte Petra. Sie waren beide total nass und dreckig. „Du duschst drinnen, ich draußen“, sagte Petra.

Als Leon unter der warmen Dusche stand, hatte er das Gefühl, dass er nie in seinem Leben diesen Geruch wieder loswerden würde. Er wünschte sich nach Hause, in sein ganz normales Zimmer mit seinen Eltern und den Wellensittichen und der Schule. Was war das hier für ein Horror? Das war zu viel! Katzen füttern, das war okay, aber tote Welpen in einer Plastiktüte, das blieb irgendwie außerhalb seines Verstandes. Leon heulte. Er hatte Heimweh. Heimweh nach diesem Lebensgefühl, das er bis vor einer Stunde gehabt hatte und das er nie mehr wieder haben würde.

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Als Alina gegen halb zehn ankam, saß Leon auf dem Sofa in Petras Zimmer. Manawa stürzte wie immer von ihrem Warteposten vor dem Haus ihrer kleinen Herrin entgegen. Sie sprang dem Mädchen in die Arme und das Mädchen freute sich genau so überschwänglich wie der Hund. Lachend trat Alina ins Zimmer. Sie sagte „Hallo“ zu Leon und Petra, die an ihrem Computer saß. Petra erwiderte den Gruß, Leon aber nicht.

„Was ist los?“ fragte sie und setzte sich neben ihm auf das Sofa. „Tut dein Bein wieder weh?“ Leon schüttelte den Kopf. Er sagte nichts. Und dann sah Alina, dass sein Kinn verdächtig zitterte. Irgendetwas Schlimmes musste passiert sein. „Sind die Katzenbabys okay?“ fragte sie erschrocken. Leon nickte und sein Gesicht verzog sich schon.

„Wir hatten heute Morgen ein ziemlich schlimmes Erlebnis“, erklärte Petra. „Jemand hat eine Plastiktüte mit Welpen vor dem Tor abgelegt und es hat nur einer überlebt.“

Alina hätte so etwas niemals mit einem einheimischen Jungen gemacht, aber jetzt folgte sie einfach ihrem Impuls und nahm Leon in beide Arme. Und so hielten sie sich aneinander fest.

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Sophie traf erst in der Mittagshitze ein. Sie hatte den Morgen mit einer Rundfahrt durch andere Pflegestellen verbracht, die medizinischen Rat gebraucht hatten. Sie winkte Petra zu, die dabei war, die Ausläufe zu reinigen und ging ins Haus. Im Katzenzimmer fand sie Alina und Leon, die einträchtig damit beschäftigt waren, die Fläschchen von der letzen Fütterung zu spülen. „Warte, Sophie, wir müssen dir etwas zeigen“, sagte Alina aufgeregt.

Leon humpelte voraus und Alina winkte Sophie hinter sich her. Als sie sich den Welpenzwingern näherten, bedeutete Alina Sophie sehr leise zu sein. Ganz vorsichtig lugten sie um die Ecke in den Zwinger.

Da lag Hogan halb in einem Lager aus Wolldecken und zwischen seinen großen, zotteligen Pratzen saß ein niedlicher, pechschwarzer Welpe, der es sichtlich genoss, von Hogans großer, rosa Zunge kräftig gewaschen zu werden. Der Kleine streckte sich und rollte sich auf den Rücken. Hogan gab alles und schlabberte den Kleinen ab, wie es eine Hundemutti nicht hätte besser machen können. Dann legte er sich auf die Seite und pfötelte behutsam an dem Kleinen herum. Der fand das ganz toll und machte einen großen Hupfer mitten in Hogans lange, weiche Zotteln. Dort biss er spielerisch fest uns ließ sich seinerseits auf den Rücken kullern.

Sophie, Alina und Leon lachten leise. „Wie heißt der Kleine?“ fragte Sophie, als sie wieder auf dem Weg zum Haus waren. Alina und Leon schauten sich erstaunt an. Daran hatten sie noch gar nicht gedacht.

„Tüte!“ sagte Leon dann, „er heißt Tüte!“

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