3. Teil: Die Saphire
- 1: 1. Teil: Wünschen ist nicht immer einfach.
- 2: 2. Teil: Freundschaft ist keine Frage der Zeit.
- 3: 3. Teil: Die Saphire.
- 3.1: Prolog.
- 3.2: 1 - Der Rat der Saphire.
- 3.3: 2 - Annalina.
- 3.4: 3 - Leon.
- 3.5: 4 - Manawa.
- 3.6: 5 - Das Schweigen.
- 3.7: 6 - Quinns Auftrag.
- 3.8: 7 - Sophie.
- 3.9: 8 - Begegnungen.
- 3.10: 9 - Salz.
- 3.11: 10 - Hogan.
- 3.12: 11 - Hank.
- 3.13: 12 - Die Zeichnung.
- 3.14: 13 - Ari.
- 3.15: 14 - Showdown.
- 3.16: 15 - Die Schlucht.
- 3.17: 16 - Nachwirkungen.
- 3.18: 17 - Verloren.
- 3.19: 18 - Das Amulett.
- 3.20: 19 - Sherrys Entschluss.
- 3.21: 20 - Tüte.
- 3.22: 21 - Freunde.
- 3.23: 22 - Yax.
- 3.24: 23 - Abschiede.
- 3.25: 24 - Helden.
- 3.26: Epilog.
Annalina
Elf! Elf Jahre alt wurde Annalina und sie platze fast vor Stolz. Elf! Das war mal eine tolle Zahl. Mit elf war man schon richtig cool. Es war ein herrlicher Tag auf der Insel im blauen Meer, wo Annalina mit ihren Eltern lebte. Es war Frühling, die Sonne schien und Annalina hatte ihr geblümtes Lieblingskleid an, das so gut zu ihren schwarzen Locken passte. Es gab die herrliche Geburtstagstorte die Mama gestern den ganzen Nachmittag gebacken und gerührt hatte und viele Verwandte kamen und tätschelten ihr den Kopf und brachten ihr Geschenke.
Das allerallerbeste von allen Geschenken brachte Onkel Antonio mit. Klar, dass es Onkel Antonio war, der hatte immer solche Ideen. Onkel Antonio schenkte ihr zum Geburtstag ein kleines Hündchen. „Hier Alina“, sagte er lachend, als er ihr das warme, braune Bündel in die Arme legte, „wir wollen ja nicht, dass du dir weiterhin dein kleines Näschen an den Fenstern vom Petshop platt drückst. Ein Mädchen mit einer platten Nase findet nämlich später keinen Mann!“ Die Erwachsenen lachten und Annalina wurde ganz verlegen. Aber das war jetzt egal. Das warme, braune Tierchen in ihren Armen zappelte und versuchte, ihr das Gesicht zu lecken. Sie kicherte, kniff Mund und Augen zu und hielt dem Hündchen ihr Gesicht hin. Die kleine Welpenzunge fühlte sich sehr lustig an, aber auch nah und warm und wunderschön. Sie schloss das kleine Hündchen sofort in ihr Herz und liebte es vom ersten Augenblick an.
Die Erwachsenen aßen und tranken und feierten, während Annalina sich mit dem Welpen in ihr Zimmer verdrückte. Dort setzte sie das Tierchen auf das Bett und kniete sich davor, um dieses kleine Wesen genauer anzuschauen. Das Hündchen war offenbar ein Mädchen und sie hatte hellbraunes, kurzes Fell mit einem weißen Stipps an der Schwanzspitze. Die Rute war etwas seltsam geformt. Sie hatte einen Knick, ging irgendwie um die Ecke. Die Pfoten des Hündchens waren sehr groß im Verhältnis zu dem etwas plumpen Körperchen und das Gesicht war in viele niedliche Falten gelegt und schaute sie aus großen, dunklen Kulleraugen an. Und da wusste Annalina, wie ihre kleine Hündin heißen sollte. „Manawa“ flüsterte sie, ohne auch nur im Geringsten zu wissen, wo sie dieses Wort gehört oder gelesen hatte. Als würde sich die kleine Hündin über ihren neuen Namen freuen, machte sie wedelnd zwei lustige, ungeschickte Hopser auf Annalina zu und das Mädchen lachte entzückt und streichelte der Kleinen über den Nacken. Da war ein Halsband, aber es fühlte sich eng an. „Du bist ja schon aus deinem Halsband herausgewachsen!“ sagte Annalina und suchte den Verschluss des Bändchens. Dabei fand sie einen Anhänger, der an dem Band befestigt war. Schnell öffnete sie den Verschluss und nahm das Halsband ab. Daran hing ein seltsames Ding. Es war eine Art Amulett, etwas größer vielleicht als ein 2-Euro-Stück.

Das Amulett war aus Holz geschnitzt, kreisrund und in der Mitte war ein merkwürdiges Zeichen herausgeschnitten, so dass man hindurch gucken konnte. Das Zeichen hätte ein länglich verformtes „S“ oder eine Art Welle sein können. Annalina wunderte sich, aber ihr gefiel das hölzerne Amulett und sie steckte es in ihre Tasche.
Manawa und Annalina verbrachten eine wundervolle Zeit miteinander. Das kleine Hundekind wuchs zu einer großen und schönen Hündin heran und folgte ihrer jungen Herrin auf Schritt und Tritt. Ging Annalina zur Schule, blieb Manawa brav in ihrem Zimmer liegen. Sonst gab es kaum eine Stunde, die die beiden nicht gemeinsam verbrachten. Es wurde ein vertrautes Bild im Viertel, wie das schwarzhaarige Mädchen neben ihrer Hündin ging und die Hand dabei locker auf den Rücken des Tieres gelegt hatte, wie ein Band des Vertrauens. Annalina kümmerte sich gut um ihren Hund. Immer fand sie irgendwo Reste, um Manawa zu füttern. In ihrer Familie wurde üppig gekocht, da fiel es nicht auf, wenn ein Teil der Mahlzeiten für den Hund abgezwackt wurden. Sie brachte Manawa kleine Kunststücke bei und lehrte sie, auf verschiedene Kommandos zu hören. Die Hündin lernte schnell und war immer begeistert bei der Sache. Nachts schlief Manawa auf einer weichen Decke neben Annalinas Bett.
Mama und Papa waren nicht sonderlich begeistert von Onkel Antonios Geschenk gewesen. Auf der Insel galten Hunde bei den meisten Menschen als etwas Schmutziges, Hunde gehörten nach draußen und nicht ins Haus. Aber da Annalina ein braves Mädchen war und dafür sorgte, dass Manawa keinen Schmutz machte und nicht bellte, durfte sie den Hund behalten.
Alles war gut und hätte ewig so weiter gehen können. Aber als es wieder Frühling zu werden begann, geschahen einige Dinge, die alles änderten. Das eine war, dass Manawa anfing zu bluten. Zuerst war Annalina furchtbar erschrocken und dachte, dass ihre Hündin krank wäre. Aber in der Schule kicherten die anderen Kinder, als sie von Manawas Blut erzählte. „Das ist doch normal“, sagte die große Silvia und klang furchtbar erwachsen. „Deine Hündin ist läufig, sie will Junge bekommen!“ Annalina war verwirrt. Sie wollte auf keinen Fall, dass Manawa Junge bekam. Das würden ihre Eltern niemals dulden.
Also knüpfte sie aus einem alten Seil eine Leine für Manawa, denn die Hündin versuchte jetzt öfter, von ihr weg zu laufen, wenn ein Rüde in der Nähe war. Damit war das Problem aber nicht gelöst. Denn die streunenden Rüden im Viertel hatten längst gemerkt, dass Manawa läufig war. Sie trieben sich den ganzen Tag vor dem Haus herum und stritten sich laut und heftig mit ihren Rivalen. Mama ärgerte sich und Papa fluchte über die lästigen Hunde, die sogar nachts vor dem Haus lauerten und heulten. Sie schimpften über Manawa und Annalina hatte ein schlechtes Gewissen. Sie ließ Manawa nur noch in den Hinterhof, denn es wurde geradezu gefährlich, mit ihr auf die Strasse hinaus zu gehen. Die Nachbarn beschwerten sich, denn sie hatten Angst um ihre Kinder, die sich von den Rüden draußen bedroht fühlten.
Als die Situation für alle fast unerträglich wurde, hörte Manawa zum Glück auf, für die anderen Hunde so gut zu riechen und der Zauber war ganz plötzlich vorbei. Annalina atmete auf und auch Manawa schien sehr froh, endlich wieder ihre kleine Herrin überall hin begleiten zu dürfen.
Die Probleme hörten damit aber nicht auf, denn Manawa wurde krank. Es fing damit an, dass sie plötzlich ihr Futter erbrach. Dabei dachte sich Annalina noch nicht viel, denn das kam ab und zu mal vor und sie wischte die Bescherung immer schnell weg, bevor die Eltern etwas merkten. Diesmal schien es Manawa aber wirklich nicht gut zu gehen. Sie kroch in ihre Decke und schlief viel mehr als sonst. Am Abend bekam sie dann Durchfall. Schlimmen Durchfall. Es war so schlimm, dass sie es nicht rechtzeitig schaffte, Annalina aufmerksam zu machen. Im hohen Bogen spritze alles flüssig aus ihr heraus und die Wand von Annalinas Zimmer war über und über beschmutzt. Alina war furchtbar erschrocken und machte sich große Sorgen um Manawa. Aber die Hündin legte sich wieder in ihre Decke und schaute das Mädchen nur müde an. „Manawa, meine Kleine, was hast du denn?“ fragte Alina und streichelte der Hündin den heißen Kopf. Hektisch überlegte sie, wie sie jetzt unauffällig den Putzeimer ins Zimmer schmuggeln könnte.
„Alina, was stinkt denn hier so?“ Die Tür flog so plötzlich auf, dass das Mädchen und die Hündin zusammenzuckten. Annalinas Mutter stand in der Tür und bekam große runde Augen vor Entsetzen, als sie die Bescherung im Zimmer ihrer Tochter sah. Annalina schloss in Erwartung des Tobsuchtsanfalls, der jetzt unweigerlich kommen würde, die Augen und zog Manawa näher zu sich heran. Und dann ging es los. Ihre Mutter schrie, tobte und schimpfte und war außer sich. Nichts war für Mama schrecklicher und ekelhafter als die Ausscheidungen von Tieren. Und dann erschien Papa. Er warf nur einen kurzen strengen Blick ins Zimmer, kniff die Lippen zusammen und verschwand. Dann kehrte er mit einem Eimer Wasser und einigen alten Lappen wieder, stellte sie mitten ins Zimmer und sagte: „Wisch das auf und bring den Hund in den Hof!“
Alina wusste, dass sie mit dem Vater nicht zu diskutieren brauchte. Sie putze schniefend das Zimmer und brachte dann Manawa in den Hof. Dort legte sie die Decke der Hündin in eine Ecke mit möglichst wenig Zugluft und setzte sich neben sie. Manawa schaute sie fragend an und Alina brach es das Herz. Gerade jetzt, wo sie krank war, durfte Manawa nicht an ihrem gewohnten Platz neben ihrem Bett schlafen. Sie beschloss, auch im Hof zu schlafen, damit Manawa nicht allein war.
Als es immer später wurde und die Sterne am Himmel erschienen, öffnete sich die Hoftür. Papa stand dort und sagte nur einen Satz: „Geh ins Bett Alina, - sofort!“ Annalina gehorchte mit hängendem Kopf. Als sie im Bett lag, hörte sie draußen Manawa leise winseln. Und so weinten sich die Hündin und das Mädchen in den Schlaf.
Am nächsten Tag ging es Manawa nicht besser. Ihr Kopf war heiß, sie mochte nicht aufstehen und nahm auch ihr Futter nicht an. Alle paar Stunden begann sie unruhig im Hof im Kreis zu laufen und dann ging Alina schnell mit ihr durch den Flur bis vor die Tür und die Straße hinunter zu einer alten Bauruine, wo Manawa im Unkraut ihr Geschäft machen konnte. Sie hatte immer noch Durchfall und Annalina machte sich furchtbare Sorgen. Die besten Sachen stahl sie aus der Küche, versuchte es mit Nudeln, mit Fisch, mit Keksen und Joghurt, - aber nichts wollte der Hündin schmecken. Nur Wasser wollte sie trinken.
Nach einer zweiten einsamen Nacht passierte es dann wieder, dass Manawa es nicht rechtzeitig hinaus schaffte und ein großer Klecks Durchfall im Flur landete. Und weil Alina schnell mit ihr zur Brache laufen wollte, damit nicht noch mehr im Haus oder vor der Tür landete, konnte sie die Bescherung auch erst aufwischen, als sie wiederkehrte. Bis dahin hatte Mama es aber schon gesehen.
Als am Abend der Vater heim kam, riefen die Eltern Alina ins Wohnzimmer.
„Hör zu, Alina“, sagte der Vater in gütigem Ton, „weißt du eigentlich, warum deine Hündin krank ist?“
Annalina schüttelte den Kopf.
„Sie ist ein Tier und ein Tier braucht seine Freiheit. Weißt du, so ein Welpe, der fühlt sich überall wohl, aber Manawa ist jetzt erwachsen. Sie will eine Familie haben und unter Hunden leben.“
Annalina war schockiert. Konnte es wirklich sein, dass Manawa krank war, weil sie bei ihr lebte? Manawa war doch gerne bei ihr. Das wusste sie genau. Aber wenn der Vater Recht hatte (und Papa hatte eigentlich immer Recht), dann wollte sie Manawa auf keinen Fall im Weg stehen.
„Was meinst du denn, warum andere Leute keinen Hund im Haus haben?“ fuhr der Vater fort. „Du solltest ihr die Freiheit schenken, das hat sie verdient.“
Alina konnte nichts antworten. Sie konnte das nicht glauben, aber es klang so überzeugend und richtig. Niemand hatte einen erwachsenen Hund im Haus. Und überall auf der Insel gab es frei lebende Hunde. Trotzdem konnte sie sich ein Leben ohne Manawa nicht mehr vorstellen.
Alinas große braune Augen weiteten sich und Tränen kullerten daraus hervor.
Seufzend nahm der Vater sie in seine starken Arme. „Alina, mein Mädchen“, sagte er leise, „lass uns morgen den Hund an einem schönen Ort freilassen. Wie wäre es oben in den Bergen, da leben viele Hunde und da ist es wunderschön. Es wird ihr gefallen.“
Annalina brach in Tränen aus und der Vater streichelte ihre schwarzen Locken.
Am nächsten Morgen – es war ein Sonntag – durfte Manawa im Auto auf einer dicken Decke liegen und Annalina saß neben ihr auf der Rückbank. Mama saß vorne und Papa fuhr den Wagen. Alina hatte Angst. Sie musste sich von Manawa trennen, denn sonst würde ihre Hündin nicht gesund. Trotzdem fürchtete sie sich vor der Trennung. Warum konnte nicht alles so wie vor ein paar Wochen sein?
Sie war verzweifelt. Sie wusste, dass sie nur noch ein paar Minuten gemeinsam mit Manawa hatte. Sie fühlte das vertraute Fell und drückte sich an den warmen Hundekörper. Wenn doch das Auto nur ein bisschen langsamer fahren würde!
Der Wagen hielt an. Sie standen auf einer Schotterstraße irgendwo im Niemandsland hoch oben in den Bergen. Überall Steine, Felsen, trockene Büsche. Nirgends ein Mensch, ein Haus oder auch nur ein Tier.
„Hier?“ fragte Alina zaghaft.
„Hier ist es gut“, sagte der Vater. „Irgendwo da drüben leben Hunde“, er wies unbestimmt in irgendeine Richtung.
Schwerfällig stieg Manawa aus dem Auto und kam mit langsamen Schritten und hängendem Kopf zu Alina. Sie war immer noch krank und sah schon ganz dünn aus. Alina legte ihr wie selbstverständlich ihre Hand auf den Rücken. Eine so vertraute Geste.
Dann ging alles ganz schnell. Papa nahm Alinas Hand, schob sie hinten in den Wagen, schlug die Tür zu, stieg vorne ein und startete den Motor. Sie fuhren los. „Warte, Papa, warte! Noch nicht!“ rief Alina verzweifelt. Sie drehte sich um, kniete auf der Rückbank und schaute aus der Heckscheibe. Manawa versuchte, dem wegfahrenden Auto hinterher zu laufen. Sie rannte ein paar Schritte, aber sie war zu schwach. Mühsam ging sie weiter, in ihren Blick malte sich Angst.
„Papaaaa! Halt an!“ brüllte Alina und im selben Moment begriff sie. Es stimmte nicht! Wie hatte sie nur einen Moment glauben können, dass es stimmte! Manawa wollte nicht zu Hunden, sie wollte bei ihr sein, sie wollte zu Hause sein. Sie war krank und jetzt war sie krank und allein, da oben, wo es keine Pflanze, keine Decke, keinen warmen Platz in der Nacht gab.
Das Auto fuhr unerbittlich die Serpentinen des Berges hinunter und Manawa verschwand aus Alinas Blick. Dem Mädchen brach das Herz. Und gleichzeitig wurde sei wütend. Sie hatten sie betrogen. Sei hatten sie beide betrogen. Manawa würde da oben nicht glücklich werden. Sie würde nichts als einsam sein und sie würde glauben, dass sie, Annalina, sie verlassen, ihre Freundschaft verraten hätte.
Alina flippte aus. Mit beiden Händen rüttelte sie von hinten am Fahrersitz und schrie immerzu, man solle anhalten und umkehren. „Ihr habt gelogen“, rief sie, „ihr habt mich angelogen! Ihr wolltet nur dass sie nicht mehr ins Haus macht!“
Aber es nützte alles nichts. Der Vater kniff die Lippen zusammen und fuhr unbeirrt bis nach Hause. Kein Wort wurde mehr über den Hund gesprochen. Alina verlegte sich aufs Betteln. Sie ging zur Mutter in die Küche und bat sie, bitte, bitte doch noch einmal hinauf zu fahren und Manawa zu holen. Sie würde auch bestimmt darauf achten, dass kein Härchen, kein Tröpfchen von Manawa je wieder das Haus beschmutzen würde. Bitte, bitte, bitte!
Irgendwann drehte sich die Mutter um. „Annalina, es reicht jetzt!“ sagte sie streng, „Der Vater hat das entschieden und er hat Recht. Ein Hund gehört nicht ins Haus und jetzt gib Ruhe!“
Ihre Hoffnungslosigkeit wurde zu unbändiger Wut und Annalina griff den nächstbesten Gegenstand, der ihr in die Hände fiel (es war ein Teller der für das Mittagessen bereit stand) und knallte ihn mit voller Kraft auf den Boden, wo er in tausend Stücke zerbrach. „Ihr seid gemein!“ brüllte sie. Und im nächsten Moment hatte sie eine schallende Ohrfeige hängen. Alina verstummte. Noch niemals in ihrem Leben hatten ihre Eltern sie geschlagen. Sie drehte sich um und verschwand in ihrem Zimmer. In der Küche hörte sie die Mutter schniefen. Aber das das war ihr jetzt egal. Sie würde Manawa nicht aufgeben und wenn sie…
Ja, was? Alina dachte fieberhaft nach. Genau, sie würde selber ihre Hündin holen. Und wenn sie tagelang zu Fuß gehen müsste. Mit fliegenden Händen packte sie ein paar Sachen in ihren Schulrucksack, zog eine warme Jacke an und schlich sich aus dem Haus.
Draußen lief sie schnell die Straße entlang und sobald sie einen Block weiter war, fing sie an zu rennen. Sie rannte, bis sie nicht mehr konnte, und lief dann schwer atmend weiter bis zum Busbahnhof. Es war nicht viel los. Die Touristen waren noch nicht da, es war noch nicht Sommer.
Sie fuhr mit dem Bus bis unterhalb des Berges. Ab da würde sie zu Fuß weiter gehen müssen. Aber es gab nur eine Straße hinauf und sie würde den Weg nicht verfehlen können.
Es wurde Mittag und es wurde Nachmittag während Alina mit gleichmäßigen Schritten den Berg hinauf stieg. Sie dachte an nichts anderes als immer nur an den nächsten Schritt und den nächsten Atemzug - und an Manawa. Sie freute sich. In Gedanken rief sie immer wieder: ‚Manawa, ich komme, ich bin gleich da und dann hole ich dich heim!’ Immer höher stieg Alina und stellte sich dabei vor, wie sie ihre Manawa in die Arme schließen und wieder das weiche braune Fell fühlen würde. Und Manawa würde verstehen, dass es nicht ihre Alina war, die sie da oben allein gelassen hatte. Nie wieder würde sie sich dann wieder von ihr trennen. Nie wieder!
Endlich kam Annalina auf der hohen Schotterstraße an. Sie erkannte den Ort an einem merkwürdig geformten Felsen wieder und da waren auch die Reifenspuren im Staub zu sehen. Sie war da. „Manawa!“ rief Alina laut und freudig. „Manawa, ich bin da! Komm zu mir! Wir gehen nach Hause! Manawa!“
Nichts rührte sich. Annalina war verwirrt. Wo war sie denn? Warum kam sie nicht? Das Mädchen drehte sich in alle Richtungen um und sah nichts als Steine, Staub und vertrocknete Büsche.
„Manawa?“
Nichts.
Langsam, ganz langsam stieg Panik in Annalina auf. Zuerst wurde ihr heiß. Ihr Gesicht brannte, ihre Augen brannten und über ihrem Rücken breitete sich wie ein Feuer ein Gefühl der Angst aus. Ihr Herz hämmerte und gleichzeitig wurde ihr schwindelig. Es war, als ob das Gefühl ihr aus Händen und Füßen wich und seltsame Punkte tanzten vor ihren Augen.
„Manawaaaa!“ Jetzt rannte das Mädchen wie kopflos von der Schotterstraße hinunter, durch das Geröllfeld und wieder hinauf zwischen die Felsen oberhalb der Straße. Sie schaute hinter jeden Busch und Stein. Vielleicht war Manawa ja schon so krank, dass sie nicht mehr aufstehen konnte! Fieberhaft suchte Annalina weiter.
Dann blieb sie plötzlich stehen. ‚Denke nach, Alina!’, dachte sie. ‚Benutze deinen Kopf! Wo könnte sie sein?’ Natürlich! Sie war doch dem Wagen hinterher gelaufen. Also musste Alina irgendwo weiter unten suchen. Sie hastete die Straße hinunter. Immer sah sie weiter entfernt noch ein Gebüsch, noch eine Mulde, in der sich ein Hund hätte verbergen können.
Irgendwann wurde sie gewahr, dass es dämmerte. Es wurde Abend. Sie hatte Manawa nicht gefunden. Sie würde sie auch nicht mehr finden. Manawa war irgendwo hin gegangen. Seit sie sie hier zurück gelassen hatten, waren viele Stunden vergangen. In der Zeit hätte Manawa überall sein können. Es war völlig hoffnungslos, sie weiter zu suchen.
Und bei diesem Gedanken brach Alina endlich zusammen. Sie sackte förmlich in den Knien ein, rollte sich unter einen großen Felsen und brach in Tränen aus. Nie in ihrem Leben hatte Annalina so geweint. Nie in ihrem Leben hätte sie sich träumen lassen, dass es solche Schmerzen auf der Welt geben könnte. Es tat furchtbar weh. Für eine lange Weile fühlte Annalina nichts anderes. Es schien als wenn die Ganze Welt nur aus Schmerz bestehen würde.
Der helle Mond erschien am Himmel und schaute auf ein kleines Mädchen, das ganz allein auf einem Berg in einer Steinwüste saß und zum ersten Mal im Leben spürte, was echter Kummer war.
Als der Mond schon hoch am sternenübersäten Himmel stand, war Alina endlich erschöpft und ihre Tränen versiegten nach und nach. Mit offenen Augen und ab und zu schniefend lehnte sie an dem großen Felsen. Sie hatte die Beine angezogen und die ausgestreckten Arme auf den Knien abgestützt. Ihr Kopf lehnte nach hinten an dem Stein und sie schaute in den samtenen Himmel. Sie wurde ganz ruhig und leer. Und dann wuchs in dieser Leere ein Gefühl, das neu war. Sie fühlte sich stark. Schlimmer konnte es ja nicht kommen. Und dann war da noch Wut. Aber diese war ganz anders als die Wut, mit der sie zu Hause den Teller zerschlagen hatte. Diese Wut war kalt.
Und Alina fasste einen Entschluss, der ihr ganzes Leben änderte.
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Mit der ersten Morgendämmerung erwachte Annalina frierend aus einem leichten Schlaf. Sie stand mit steifen Muskeln auf und machte sich langsam auf den Weg die Straße hinunter.
Als sie einige Stunden später in der Nähe des Busbahnhofes ankam, stand da ein Polizeiwagen und die Polizisten stiegen sofort aus dem Auto, als sie das Mädchen sahen. Annalina hatte nichts anderes erwartet und ließ sich von den Männern ins Auto setzen und nach Hause fahren.
Alinas Mutter war in Tränen aufgelöst, als sie ihr Mädchen in die Arme schloss. Sie presste Alina an ihren großen Busen und rief unter lauten Schluchzern immerzu: „Mein Kind, mein Mädchen, mein Baby!“ Der Vater sah grau und übernächtigt aus. Alina ging, als die Mutter sie endlich losgelassen hatte, schweigend in ihr Zimmer und dann in die Dusche.
‚Glaubt bloß nicht, irgendetwas wäre noch so wie vorher!’ dachte sie, während das heiße Wasser über ihr Gesicht strömte.
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