Sherrys Entschluss

Alina und Leon saßen sich staunend gegenüber und betrachteten jeder das Amulett des anderen. „Es war in einem Vogelkäfig“, erklärte Leon und erzählte stockend und immer wieder nach den passenden englischen Wörtern suchend, von seiner Wellensittich-Aktion. Alina verstand nicht so ganz. Sie kannte zwar kleine Singvögel, die in Käfigen gehalten wurden, aber welche Vögel Leon meinte, wusste sie nicht. Anscheinend irgendwelche Papageien, denn er malte ihr einen gebogenen Schnabel auf ein Stück Papier. Alina konnte nicht glauben, dass in Deutschland so viele Leute Papageien hielten. Vermutlich hatte sie irgendetwas nicht richtig verstanden. Aber das war jetzt auch egal.

„Meins hatte Manawa um, als sie noch ein ganz kleiner Welpe war“, sagte Alina und zog sich die Schnur über den Kopf um ihr Amulett besser betrachten zu können. Die beiden Holzscheiben mit der ausgesparten Wellenform waren etwas unterschiedlich in der Größe und hatten natürlich ganz verschiedene Maserungen. Aber es handelte sich exakt um das gleiche Symbol. Alina überlief ein Schauer und auch dem Jungen war sehr merkwürdig zumute.

„Leon, das hat irgendetwas zu bedeuten“, flüsterte Alina.

Leon nickte. „Irgendwie ist es gruselig“, sagte er.

Ratlos saßen sie sich gegenüber. In dem Körbchen an ihrer Seite krabbelten die sieben noch hungrigen Kätzchen maunzend umher. „Komm, wir füttern erstmal die Babys zu Ende“, sagte Alina.

Aber so richtig waren sie nicht bei der Sache. Den Kätzchen war es gleich, so lange sie ihre Milch bekamen. Schließlich lagen sie alle wieder kunterbunt auf einem pelzigen, atmenden Häuflein und schliefen.

Leon nahm seine Krücken, richtete sich ächzend und auf einem Bein hüpfend von der Liege auf. Er humpelte ins Wohnzimmer an Petras Rechner. Alina folgte ihm. „Lass uns mal ins Internet schauen“, sagte er.

Nacheinander gab er in die Suchmaschine verschiedene Begriffe ein. „Amulett S“, „Amulett Welle“, „Holzamulett“. Er benutzte die Bildsuche und sie schauten sich hunderte von Amuletten an. Aber keins hatte auch nur im Entferntesten Ähnlichkeit mit ihren eigenen. „Versuch es auf Englisch“, sagte Annalina, aber auch da hatten sie keinen Erfolg. Sie suchten so lange, bis es schon wieder Zeit war, die Katzenfläschchen vorzubereiten.

„Ich muss mich ein bisschen um Manawa kümmern“, sagte Alina entschuldigend.

„Ja klar, mach nur“, antwortete Leon, „inzwischen kann ich das glaube ich alleine mit dem Füttern.“

Er humpelte in das Katzenzimmer und bereitete neue Milch zu. Es war ziemlich umständlich, weil er seine Hände brauchte und ohne die Krücken nur hüpfen konnte. Aber es ging ganz gut. Die Kätzchen würden wahrscheinlich für den Rest ihres Lebens stampfende Menschenfüße als Vorfreude aufs Fressen empfinden.

Als Leon sich auf die Liege setzte und wieder das erste Kätzchen nahm (dieses kleine dicke Schwarzweiße machte immer das meiste Theater wenn es Zeit zum Füttern war), da fühlte er sich schon richtig Zuhause in diesem Zimmer und mit seiner Aufgabe. So etwas Cooles hatte er noch nie erlebt. Alina war ein tolles Mädchen und seit sie ihre Amulette entdeckt hatten, war es auch gar nicht mehr schwierig, mit ihr zu reden. Leons Herz klopfte, während er leise lachend dem gierigen Minikätzchen in seiner Hand den Schnulli aus dem Mäulchen zog. Das Baby hatte eine reichliche Portion getrunken, aber es sah noch nicht so ganz ein, dass sein Fläschchen schon leer war.

Wie Alina es ihm gezeigt hatte, massierte er dem frisch gefütterten Säugling den winzigen rosa Bauch. Das war wichtig, denn so kleine Katzen brauchten noch Hilfe beim Verdauen. Normalerweise schleckte die Katzenmutter ihren Babys den Bauch. Das musste jetzt Leon mit seinen Fingern möglichst gut nachahmen. Seine Bemühungen blieben allerdings erfolglos.

Behutsam setzte er schließlich das mit allen vier Beinchen rudernde Kätzchen ins Nest zurück und nahm sich das nächste heraus. In dem Moment machte das schwarzweiße eine dicke weiche Wurst und ferkelte dabei das Handtuch und zwei seiner Geschwister ein. Leon war froh, dass ihn keiner gesehen hatte und setzte das Kätzchen in seiner Hand wieder zurück, was zur Folge hatte, dass es maunzend protestierte. Aber erst musste Leon im Nest sauber machen. Er wischte den beiden Kleinen mit einem feuchten Tuch die Hinterlassenschaften ihres Geschwisters aus dem dünnen Fell und wechselte die Unterlage.

Als ihm dasselbe noch einmal passierte als das zweite Kätzchen abgefüttert war, verlegte er sich auf eine andere Strategie. Er baute ein zweites, provisorisches Nest aus einem benutzten Handtuch. Da kamen die Katzenkinder hinein, die schon getrunken hatten, denn offenbar setzte die Verdauung erst ein, wenn er mit dem Massieren aufhörte. Oder er machte es nicht lange genug. Leon merkte, dass er noch lernen musste.

Irgendwann lagen aber alle acht wieder zufrieden aneinandergekuschelt da und schliefen. Leon säuberte die Fläschchen und stellte fest, dass er für die ganze Prozedur über anderthalb Stunden gebraucht hatte.

Er humpelte leise aus dem Katzenzimmer und traf im Wohnzimmer auf Petra.

„Na, kommst du klar?“ fragte sie freundlich.

„Meine Methode ist glaube ich noch ausbaufähig“, grinste Leon, „aber ich denke, dass ich es bald raus habe. Jedenfalls sind sie alle satt.“

Petra schaute in das Katzenzimmer und freute sich über den Anblick der schlafenden Babys. Noch mehr freute sie sich über die sauber gespülten und ordentlich weggelegten Fläschchen. Solche Helfer konnte sie gut gebrauchen.

„Hast du irgendwas mit meinem Rechner herausfinden können?“ fragte Petra, als sie wieder ins Wohnzimmer kam.

„Ja, da war ein Virus drauf“, sagte Leon. „Ich habe dir einen Virenschutz aufgespielt. Jetzt müsste es wieder gut laufen.“

„Ich fasse es nicht!“ freute sich Petra als sie sah, dass ihr Computer wieder einwandfrei funktionierte. „Du willst nicht zufällig für immer auf eine schöne Mittelmeerinsel auswandern?“

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Sherry saß auf der Fensterbank und schaute durch die etwas trübe Scheibe auf die Berge, die sich in der Ferne gegen den Horizont abzeichneten. Irgendwo da oben war Quinn der Saphir, der sich verloren hatte. Warum war das Leben immer so schwierig?

Sherry war keine junge Katze mehr. Sie hatte schon viel erlebt und sie hatte viel lernen müssen über diese merkwürdige Welt. Aber so schwer wie jetzt war ihr das Herz noch nie gewesen. Es war völlig ausgeschlossen, dass sie einfach wie immer so weiter machen könnte, ohne zu wissen, was mit ihrem Freund Quinn passiert war.

Noch einmal – zu hundertsten Mal – dachte sie daran, was Hank darüber gesagt hatte, wie Saphire zurück in die Welle gelangten:

„Sie bitten ein Tier, das bald in die Welle geht, sie mitzunehmen wenn es soweit ist.“

Dazu musste es zuerst ein Tier geben, das in die Welle ging. Und dann musste das Tier wissen, dass es ihn mitnehmen sollte. Aber woher? Quinn konnte sich ja nicht verständlich machen.

Sherry schlich um diese Gedanken wie die sprichwörtliche Katze um den heißen Brei. Noch wollte sie die einzige mögliche Konsequenz nicht klar erkennen.

Sie wandte den Blick vom Fenster ab und hockte sich auf den Bauch. Die Vorderpfötchen eingeklappt und die Augen halb geschlossen, versuchte sie für einen Moment all diesen Grübeleien zu entkommen. Katzen können von Geburt an meditieren und es gehört zu ihren täglichen Gewohnheiten. Aber jetzt gelang es Sherry nicht. Ruhelos setzte sie sich wieder auf.

Wenn ich es nicht tue, dann ist er verloren, dache sie.

Wieder schaute sie lange aus dem Fenster. Ihr Schwanz peitschte dabei durch die Luft.

Warum eigentlich nicht? Quinn hat es verdient. Er ist lieb, er ist großartig und er wollte uns allen nur helfen.

Mir ist es eigentlich immer gut gegangen. Ich habe immer Freunde gefunden, die mir geholfen haben. Es gibt keinen Grund, warum ich nicht Quinn helfen sollte. Sein Schicksal ist vielleicht von allen das Schlimmste.

Sherry fühlte ihr Herz klopfen.

Ich wollte sowieso ein Saphir werden.

Und Sherry machte einen Plan. Einen Plan wie sie aus dem Shelter hinaus und auf die Berge kommen könnte. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie ihren Kopf durchsetzte. Aber jetzt sollte es das letzte Mal sein. 

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