3. Teil: Die Saphire
- 1: 1. Teil: Wünschen ist nicht immer einfach.
- 2: 2. Teil: Freundschaft ist keine Frage der Zeit.
- 3: 3. Teil: Die Saphire.
- 3.1: Prolog.
- 3.2: 1 - Der Rat der Saphire.
- 3.3: 2 - Annalina.
- 3.4: 3 - Leon.
- 3.5: 4 - Manawa.
- 3.6: 5 - Das Schweigen.
- 3.7: 6 - Quinns Auftrag.
- 3.8: 7 - Sophie.
- 3.9: 8 - Begegnungen.
- 3.10: 9 - Salz.
- 3.11: 10 - Hogan.
- 3.12: 11 - Hank.
- 3.13: 12 - Die Zeichnung.
- 3.14: 13 - Ari.
- 3.15: 14 - Showdown.
- 3.16: 15 - Die Schlucht.
- 3.17: 16 - Nachwirkungen.
- 3.18: 17 - Verloren.
- 3.19: 18 - Das Amulett.
- 3.20: 19 - Sherrys Entschluss.
- 3.21: 20 - Tüte.
- 3.22: 21 - Freunde.
- 3.23: 22 - Yax.
- 3.24: 23 - Abschiede.
- 3.25: 24 - Helden.
- 3.26: Epilog.
Das Amulett
Leon hatte tatsächlich eine Bänderdehnung, genau genommen hatte er ziemlich viele Bänderdehnungen. Durch die unnatürliche Drehung des Knies bei dem Unfall waren die inneren und äußeren Bänder stark überstreckt worden. Auch das Kreuzband schien etwas abbekommen zu haben.
Er humpelte an zwei Gehhilfen mit den Eltern aus der Klinik und blieb draußen in der Sonne einen Augenblick stehen.
„Möchtest du, dass wir nach Hause fliegen?“ fragte der Vater vorsichtig. Es waren noch ganze zwei Wochen Urlaub übrig, aber was sollte Leon mit seinem verletzten Knie schon machen? Schwimmen ging nicht, Wandern oder auch nur Spazieren ging nicht und in der Sonne liegen konnte man schon gar nicht, ohne sich zwischendurch abzukühlen.
„Ich weiß noch nicht“, sagte Leon nachdenklich. „Auf jeden Fall möchte ich gern noch mal zu dieser Tierpflegestelle um mich zu bedanken.“ Leon hatte das dringende Gefühl, dort noch einmal hin zu müssen.
Die Eltern nickten und halfen ihm die Rampe vor dem Krankenhaus hinunter. Sie stiegen in einen Mietwagen und fuhren zurück ins Hotel. Den gestohlenen Wagen hatten die Eltern spät nachts vollgetankt und mit einem 50-Euro-Schein im Handschuhfach wieder auf den Parkplatz an der Schlucht abgestellt.
-
Das Erdbeben hatte auf der Insel erstaunlich wenig Schaden angerichtet. Niemand war wirklich schwer verletzt worden und kein Wohnhaus war eingestürzt. Es hatten nur alle einen ordentlichen Schrecken bekommen. Die Schlucht war an einer Stelle zum Teil zugeschüttet worden, was sich aber in der folgenden Zeit als neue Attraktion herausstellte. Es wurde eine Holzbrücke über die Stelle gebaut und ein neues Schild wurde angebracht, dass hier ein Beben einen Erdrutsch verursacht hatte. Die Touristen strömten jetzt in noch größerer Zahl heran, denn jetzt galt es als eine Art Mutprobe, durch die Schlucht zu wandern.
-
Im Shelter kehrte langsam der Alltag wieder ein. Es begann die Zeit, in der jedes Jahr im Spätsommer die zweite Welpenschwemme einsetzte. Die streunenden Hunde und Katzen bekamen den meisten Nachwuchs im Frühling. Aber auch zum späten Sommer wurden noch einmal unzählige Tierbabys geboren. Diese hatten es besonders schwer, denn oft wurde das Wetter nass und kühl, bevor sie widerstandsfähig genug gegen diese Witterung waren. Die Elterntiere fanden wegen des Rückgangs des Touristenstroms immer weniger Futter und ein Nahrungsmangel war für so kleine Wesen fatal. Sie waren anfälliger für Seuchen und jedes Jahr starben tausende an Durchfallerkrankungen und Atemwegsinfektionen.
Sophie und Petra bereiteten sich darauf vor, wieder sehr viele Welpen aufnehmen zu müssen. Sie machten jede verfügbare Box frei, verlegten einige Hunde ganz in die Ausläufe, wo sie dann ständig blieben und stellten ihnen dort schützende Hütten auf, für den Fall, dass es regnen würde. Die freien Boxen und Zwinger wurden vorsorglich mit Wärmelampen und waschbaren Decken ausgestattet. Auch im Haus wurde ein Zimmer für die Aufzucht von Katzenkindern frei gemacht.
Alina half natürlich mit. Sie war sehr nachdenklich. Es war für sie unfassbar, dass es wirklich zweimal im Jahr so viele Tierkinder in Not gab. Sie wusste, dass diejenigen, die hier im Shelter ankommen würden, so etwas wie einen Sechser im Lotto gewonnen hatten. Sie würden der allergeringste Teil der Neugeborenen auf der Insel sein. Es grauste Alina bei dem Gedanken, welch tausendfacher Hunger, welche Angst und welcher Schmerz auf diese winzigen Wesen, die jetzt noch im Bauch ihrer Mütter waren, warteten.
Obwohl Alina nach wie vor viel half, verbrachte sie den größten Teil des Tages im Shelter mit Manawa. Am Tag nach dem Erdbeben hatte die Hündin sich vor Freude fast überschlagen, als Alina morgens mit dem Fahrrad ankam. Petra hatte erlaubt, dass Manawa in ihrer Sonderstellung als Alinas Hund im Haus leben durfte. Die Hündin war zwar freundlich zu Petra, aber während Alinas Abwesenheit wartete sie die ganze Zeit nur und beteiligte sich nicht an Petras Unternehmungen.
Sobald Alina da war, waren die beiden unzertrennlich. Alina übte mit Manawa all ihre alten Rituale und Kunststückchen. Das schöne, lederne Halsband, welches Petra ihr aus ihrem Spendenfundus geschenkt hatte, hing einige Stunden später sorgfältig wieder bei den anderen Halsbändern. Manawa ging ohne. Sie folgte Alina auf das leiseste Zeichen. Fasziniert beobachteten die beiden Frauen wie das Mädchen und die Hündin eins zu sein schienen.
Alina selbst war verwundert über ihre Gefühle. Sie hatte den ganzen Sommer über geglaubt, dass sie in einem ununterbrochenen Glücksrausch leben würde, wenn nur Manawa wieder da wäre. Aber es war ganz anders. Es war einfach so, dass ein Teil von ihr, der gefehlt hatte, jetzt wieder da war. Sie war wieder ganz und komplett sozusagen. So war es richtig, so passte es und ohne Manawa hatte es nicht gepasst. Sie hatte immer noch Sorgen, sie machte sich Gedanken, sie lernte, aber jetzt war alles irgendwie stimmiger. Es war so eine tiefe Zufriedenheit in ihr drin, das beschrieb es vielleicht am besten.
Alina führte lange Gespräche mit Sophie. Sie machten sich Gedanken um die Hunde auf dem Berg. Sie fragten sich, ob welche von den Schüssen getroffen worden und wo die Überlebenden wohl hin gelaufen waren. Sophie hatte vor, in den nächsten Tagen noch einmal hinauf zu fahren und an verschiedenen Stellen Futter auszulegen. Sie glaubte nicht, dass das Rudel noch einmal in das alte Tal zurückkehren würde. Sie hatte sogar große Zweifel daran, dass sie überhaupt jemals das Rudel – oder was davon übrig geblieben war – wiederfinden würde.
Die Welpenunterkünfte im Shelter waren keinen Tag zu früh fertig. Am dritten Tag nach dem Erdbeben kam ein Anruf und kurze Zeit später standen englische Touristen vor der Tür. Sie brachten einen Karton mit Katzenbabys. Die Mutter war vor dem Hotel überfahren worden. Sophie nahm den Karton entgegen und brachte ihn in den Behandlungsraum. Die Touristen unterhielten sich noch eine ganze Weile mit Petra, schauten sich staunend im Shelter um und reichten Petra dann einen Geldschein als Spende für ihre Arbeit. Petra bedankte sich und die Engländer fuhren wieder in ihr Hotel.
Die acht Babys waren gesund, aber noch sehr klein. Solche Kitten bedeuteten eine enorme Belastung für eine Pflegestelle. Sie benötigten rund um die Uhr Betreuung und zu Anfang alle zwei bis drei Stunden eine Milchmahlzeit. Acht Katzenbabys mit der Flasche zu füttern, dauerte ungefähr eine Stunde, wenn man geübt war. Eine weitere halbe Stunde dauerte es, das Nestchen zu reinigen, Kot und Urin der Kätzchen zu entfernen und neue Unterlagen hinzulegen. Für die eine Stunde, die dann noch blieb, bis das erste Kätzchen wieder Hunger hatte, lohnte es sich nicht, sich schlafen zu legen, oder irgendetwas anderes ernsthaft anzufangen.
Sophie seufzte und brachte den kleinen Miezenkindergarten in das vorbereitete Katzenzimmer. Sie legte die Kleinen auf ein kuscheliges Lager und schaltete die Wärmelampe darüber an. Dann begann sie, die ersten Fläschchen vorzubereiten.
Alina tauchte leise an der Tür auf. „Kann ich was helfen?“ fragte sie.
„Ja, wasch dir aber erst die Hände“, antwortete Sophie.
Alina wusch sich, legte Manawa im Wohnzimmer ab und ging dann in das Katzenzimmer. Ein leiser Laut des Entzückens entfuhr ihr, als sie die winzigen Babys in dem Nest aus Handtüchern sah. „Die sind soo klein!“ sagte sie ehrfürchtig.
Sophie schaute sie ernst an. „Ja, die sind so klein, dass es nicht sicher ist, ob wir sie durchbringen.“ Alina schaute Sophie fragend an und die Tierärztin erklärte ihr, welche konsequente Fürsorge die Kleinen brauchten. Alina wollte unbedingt ihr Pflege übernehmen, solange sie tagsüber hier war. Das passte genau mit ihrer Zeit, die sie mit Manawa verbringen wollte.
Sophie wies Alina in strenge Hygienevorschriften ein. Kein anderes Tier durfte in das Katzenzimmer, auch nicht Manawa. Sie musste immer gründlich die Hände waschen und für das Füttern musste sich Alina ein Hemd, das an der Tür hing, verkehrt herum anziehen. Vor dem Betreten des Zimmers musste sie ab jetzt die Schuhe ausziehen. Noch wurschtelten die Babys nur in ihrem Nestchen umeinander, aber bald würden sie anfangen, im Raum herumzutapsen und dann mussten sie auch vor Infektionen über den Boden geschützt werden.
Alina hörte genau zu. Sie freute sich sehr darauf, die Kätzchen zu versorgen.
Am Nachmittag hielt ein Mietwagen vor dem Zaun. Die deutschen Touristen mit ihrem verletzten Sohn stiegen aus. Alina lauschte auf die Stimmen, während sie zum zweiten Mal die ganze Kinderschar mit Katzenmilch abfütterte. Aber sie konnte nichts verstehen, denn die anderen sprachen Deutsch miteinander. Schulterzuckend wandte sie sich wieder dem winzigen, dünnen Kätzchen zu, das mit seinen Vorderpfötchen abwechselnd auf ihre Finger trat und leise schmatzend die Milch aufsaugte.
Sophie und Petra fanden es nett, dass der Junge sich noch einmal für die Hilfe bedanken wollte. Aber ein bisschen fürchteten sie auch um ihre Zeit. Touristen, die die Pflegestelle besuchten waren sich meist nicht darüber klar, dass hier viel zu tun war und man eigentlich keine Zeit hatte, sie lange herumzuführen und die Schicksale einzelner Tiere zu erzählen. Man durfte solche Leute aber auch nicht vor den Kopf stoßen. Eine schwierige Angelegenheit.
So waren sehr erleichtert, als der Junge sagte: „Sie haben sicher sehr viel Arbeit mit den Tieren hier, nicht wahr?“ Sie stimmten herzlich zu und hofften schon auf eine baldige Verabschiedung. Dann stellte der Junge eine seltsame Frage: „Gibt es hier auch Dinge zu tun, die man im Sitzen erledigen kann?“ Es dauerte eine Weile, bis bei Sophie und Petra der Groschen fiel. „Ach so, na jaaaaa“, sagte Sophie gedehnt.
„Ich kenne mich mit Computern gut aus“, fügte Leon eilig hinzu. Es war ihm ein bisschen unangenehm, sich so aufzudrängen.
„Das ist ja schon mal super“, sagte Petra und schaute den Jungen prüfend an.
Leons Vater erklärte: „Wir haben überlegt, unseren Urlaub wegen Leons Verletzung abzubrechen. Aber er hatte die Idee, ob er die zwei Wochen, die wir noch haben, vielleicht hier noch etwas Sinnvolles tun könnte.“
„Er hat ein Händchen für Tiere“, setzte seine Mutter hinzu und Leon verdrehte insgeheim die Augen. Sie priesen ihn an wie frischen Fisch auf dem Markt.
Sophie wechselte einen Blick mit Petra und scharrte dann mit der Fußspitze beiläufig im Staub, als sie fragte: „Leon könntest du dir vorstellen, diese zwei Wochen auch hier zu übernachten?“ Alle schauten sie erstaunt an. Leons Eltern schienen nicht besonders begeistert.
„Entschuldigen Sie“, sagte Sophie, „wir nehmen im Tierschutz gerne mal die ganze Hand, wenn uns ein kleiner Finger angeboten wird.“ Dann winkte sie den anderen zu, ihr zu folgen. „Kommen Sie mal mit!“ Sie führte Leons Familie um das Haus herum zu einem Fenster. Neugierig schauten sie hinein. Leon sah das schwarzhaarige Mädchen von neulich in dem Zimmer auf einer Matratze sitzen und unglaublich winzige Katzenbabys mit einer kleinen Milchflasche füttern. Das Mädchen schaute verlegen auf die Gesichter im Fenster.
„Diese Kätzchen haben ihre Mutter verloren“, erklärte Sophie. „Sie benötigen alle zwei bis drei Stunden eine Milchmahlzeit, das bedeutet immer eine Stunde füttern, eine halbe Stunde sauber machen und neue Milch ansetzen und maximal anderthalb Stunden Pause. Tag und Nacht.“
Sie ließ ihre Worte und den Anblick im Zimmer einige Zeit auf die drei Besucher wirken. Dann fuhr sie fort: „Das Mädchen dort heißt Annalina und sie hilft uns tagsüber mit den Babys. Wir brauchen noch jemanden, der uns zwischen dem späten Nachmittag und dem frühen Vormittag mit den Kleinen unterstützt.“
Leon schaute sofort bittend seine Eltern an. Was sollten sie tun? Die beiden Frauen schienen vertrauenswürdig und waren immerhin auch Deutsche. Und für Leon könnten die Ferien so vielleicht doch noch zu einem besonderen Erlebnis werden. Außerdem, stellte seine Mutter fest, würde er es ihnen eh niemals verzeihen, wenn sie Nein sagten. Am liebsten würde sie ja selber diese armen Würmchen versorgen.
„Können wir denn öfter mal nach ihm sehen?“ fragte sie etwas betreten.
„Kommen Sie, so oft Sie wollen!“ strahlte Sophie.
Petra schaute nicht so ganz begeistert. Sie fragte sich, wie viele fremde Tiere und Menschen sie noch in ihrem Haus beherbergen sollte. Aber am Ende wäre es auch eine furchtbare Plackerei, die Katzenkinder und alle anderen anfallenden Arbeiten allein übernehmen zu müssen. Immerhin machte der Junge einen wirklich netten und höflichen Eindruck. Und vielleicht würde sich noch ein Wurf Säuglinge einfinden, dann würden sie auch mit Alina und Leon noch zu wenige sein. Der Spätsommer war immer eine harte Zeit.
Schließlich war es abgemacht. Leon sollte morgen mit seinen Sachen herkommen.
-
Alina war gerade mit Manawa hinter dem Haus, als Leon am nächsten Tag im Shelter ankam. Petra zeigte ihm das Katzenzimmer. „Du kannst hier auf der Liege, oder im Wohnzimmer auf dem Sofa übernachten“, bot sie ihm an, „je nach dem, ob du füttern willst oder mal ein paar Stunden durchschlafen.“ Leon nickte. Er war ziemlich aufgeregt. Schon lange hatte er sich erträumt, einmal Tieren in Not wirklich helfen zu können. Hoffentlich würde er es richtig machen.
„Heute Nachmittag kümmert sich Alina noch um die Babys“, erklärte Petra. „Wenn es dir nichts ausmacht, dann würde ich dich derweil gern ein paar Sachen zu meinem Computer fragen.“
„Ja, klar“, sagte Leon erleichtert. Wenigstens konnte er mit etwas anfangen, womit er vertraut war.
Er verbrachte die nächste Stunde damit, sich Petras Festplatte anzuschauen und saß allein mit dem Computer am Schreibtisch im Wohnzimmer. Aus dem Fenster konnte er das fremde Mädchen mit ihrem Hund sehen. Sie spielte mit der großen Hündin und die beiden bewegten sich in einem Einklang, als würde sie demselben Gedanken folgen. Leon war fasziniert von dem unsichtbaren Band, das er zwischen den beiden sah.
Etwas später kam Alina mit dem Hund herein. Leon war sofort sehr angespannt und tat, als sei er total intensiv mit dem Computer beschäftigt. Die große Hündin lief sofort auf ihn zu und schnüffelte ihn ab.
„Keine Angst, die ist ganz lieb“, sagte das Mädchen auf Englisch.
Leon lächelte verstehend. Jetzt musste er auch noch Englisch sprechen! Er war in der Schule ganz gut in Englisch. Aber mit einem so coolen und so hübschen fremden Mädchen Englisch sprechen zu müssen, war schon eine ziemliche Herausforderung.
„Ich heiße Annalina“, sagte das Mädchen und streckte ihm die Hand hin.
„Leon“, antwortete er und war froh, dass er dafür kein Englisch brauchte. Der Händedruck des Mädchens war erstaunlich kräftig und ihre Hand ziemlich rau.
„Komm, ich zeige dir, wie man die Katzen füttert“, sagte Alina. Leon klapperte umständlich mit seinen Krücken herum, bis er endlich aufgestanden war. Die Hündin beobachtete ihn aufmerksam. Das mit den Krücken fand sie offenbar ein bisschen seltsam. Leon kam sich vor wie ein Trottel, als er ungeschickt hinter dem Mädchen her in das Katzenzimmer humpelte.
Alina zeigte ihm, wo er sich die Hände waschen konnte und half ihm, den Kittel anzuziehen. Dann setzte sich Leon mit ausgestrecktem Bein auf die Liege. Alina brachte ihm das erste Kätzchen und eine kleine Milchflasche. Als sie Leons Gesicht sah, grinste sie ein bisschen und sagte: „Keine Angst, es ist ganz leicht. Ich habe das auch gestern erst gelernt.“
Sie sprach gut Englisch und Leon fühlte sich einmal mehr wie ein Trottel. Er nahm das Kätzchen aus ihren Händen und legte es sich in den Arm. Mit der anderen Hand griff er nach der Milchflasche. „Anders herum“, sagte Alina ernst.
„Was?“
„Du musst es anders herum halten. Tierkinder trinken nicht auf dem Rücken liegend. Sie krabbeln dabei auf dem Bauch.“ Behutsam und konzentriert drehte Alina das Baby so um, dass es mit der Brust in Leons linker Handfläche lag. Die winzigen Pfötchen tretelten aufgeregt auf seinen Fingern und das rosa Mäulchen drehte sich suchend in der Luft hin und her. Leon stupste das kleine Näschen mit dem Sauger der Milchflasche an und schon nuckelte das Baby mit aller Kraft.
Es war ein unbeschreibliches Gefühl. Leon konnte seine Augen nicht von dem kleinen, warmen Wesen in seiner Hand abwenden. Dieses kleine Katzenkind überlebte nur, weil sie es hier fütterten. Jetzt in diesem Moment trug er dazu bei, dass dieses zarte Geschöpf leben und wachsen konnte. Wahnsinn!
Alina beobachtete den deutschen Jungen ernst. Sie kannte deutsche Kinder nur mit riesigen Pommesportionen oder Eistüten. Dieser Junge hatte sich bis jetzt ganz nett benommen. Das Baby auf seinem Arm hatte die Flasche ausgetrunken und krabbelte jetzt an seinem Hemd hoch. Es hielt sich mit seinen kleinen Krallen im Stoff seines Poloshirts fest und zerrte an dem Kragen.
Leon war ganz mit dem pelzigen kleinen Wesen beschäftigt. Er versuchte es, ohne ihm weh zu tun, von seinem T-Shirt zu pflücken, als ihm auffiel, dass Alina ihn anstarrte, als hätte sie ein Gespenst gesehen.
„Was ist los?“ fragte er, nachdem er ein paar Sekunden die Vokabeln dafür gesucht hatte.
„Wo hast du das her?!“ flüsterte Alina, ohne den Blick von seinem Halsband mit dem Amulett abzuwenden.
-
-