Verloren

Quinn lag auf dem Boden und begann langsam den Kopf zu heben. Verwirrt schaute er sich um. Wo war er? Und vor allem: Wer war er? Er fühlte sich furchtbar erschöpft. Was war geschehen? Keine Erinnerung. Nicht das geringste Bisschen.

Er stand auf, lief probeweise ein bisschen herum und wartete, dass er sich erinnerte. Aber es kam nichts. Sein Kopf dröhnte. Jetzt bekam er langsam Angst. Er begann zu traben. Lief einfach los, aber wohin? Also lief er im Kreis, er musste einfach. Eilig drehte er verschlungene Runden, hoffte, dass irgendetwas geschah, was ihm weiter half. Aber: nichts. Endlich blieb er hechelnd stehen.

In der Ferne sah er einen Hund. Sofort lief er hoffnungsvoll in seine Richtung. Als er näher kam, sah er, dass es mehrere Hunde waren.

„Hey“, rief er schon von weitem. Die Hunde reagierten nicht. Quinn rannte mitten in das kleine Rudel hinein, aber sie schienen ihn gar nicht zu bemerken. „Was ist los?“ rief Quinn, „Warum antwortet ihr mir nicht?“ Die Hunde nahmen keine Notiz von ihm. Quinn wurde langsam verzweifelt. Er rempelte den nächststehenden Rüden heftig von der Seite an und – fiel einfach durch ihn hindurch! Jetzt begann er zu begreifen. Die anderen konnten ihn nicht sehen und sie konnten ihn auch nicht hören oder riechen und er konnte sie auch nicht berühren. Was war das für ein Albtraum?

Quinn schüttelte sich, kratzte sich und hoffte aufzuwachen. Aber er wachte nicht auf und es fühlte sich auch irgendwie nicht an wie ein Traum. Ratlos setzte er sich hin und glotzte die anderen Hunde an. Sie schienen sehr unentspannt und erschöpft. Immerzu sahen sie sich ängstlich um und zuckten bei jeder Kleinigkeit zusammen. Sie hatten sich neben ein paar Sträuchern zusammen gedrängt und versuchten, möglichst nicht gesehen zu werden.

Es war eine hochträchtige Hündin dabei, die sehr elend schaute. Quinn sah, dass es diesen Hunden nicht gut ging. Sie hatten Angst, irgendetwas Schlimmes schien ihnen passiert zu sein. Ein junger Rüde fiepte ständig vor sich hin. Er versuchte, sich hinter den anderen zu verbergen und hatte eindeutig den größten Schrecken davon getragen.

Eine vage Erinnerung an Mitleid und Wut flackerte kurz in Quinn auf, aber er konnte sie nicht richtig fassen. Er beschloss, erstmal bei diesen Hunden zu bleiben. Es war am Ende völlig egal, wo er sich befand. Er war niemand. Er war überhaupt nicht da. Warum spürte er sich dann?

Nach und nach stellte er allerlei Versuche mit der Realität an. Er konnte mit der Pfote nicht im Boden kratzen. Er konnte nicht trinken und nicht fressen. Er konnte nichts in irgendeiner Art beeinflussen. Er kam zu dem Schluss, dass er ein Geist sei. „BUH!“ machte er laut in Richtung der Hunde, aber natürlich reagierten sie nicht.

Wieder begann er, vor Angst im Kreis zu laufen. Was sollte das? Das ging so nicht. Das konnte er nicht aushalten. Alles, aber nicht das!

Irgendwann überkam ihn wieder die Erschöpfung und er legte sich dicht bei den anderen Hunden hin. Er war deswegen auch nicht weniger allein, aber ihre lebendige Anwesenheit tröstete ein bisschen.

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Mose war total verzweifelt. Und auch Figo war vor Sorge angespannt und wusste nicht, was er tun sollte. Sie hatten natürlich die Szene in dem Hochtal mitverfolgt. Die Schüsse hatten sie sehr erschreckt, aber das Schlimmste war das Erdbeben, das Quinn ausgelöst hatte. Und jetzt hatte Quinn sich verloren. Er konnte nichts mehr tun. Er wusste noch nicht einmal wie er hieß!

„Figo, was haben wir nur gemacht?“ rief Mose verzweifelt. „Er wollte nicht gehen und er wusste warum!“

„Ich wusste nicht, dass so etwas passieren kann“, antwortete Figo erschüttert. „Ich dachte immer, Saphire können nichts Gegenständliches bewegen.“

„Offenbar können sie doch“, sagte Mose. „Wir sind so dumm gewesen! Wenn ein Saphir allein durch seine liebevollen Wünsche und Gefühle Schicksale und Zufälle beeinflussen kann, dann MUSS er doch durch ganz starke Gefühle von Wut auch Einfluss nehmen können.“

„So was habe ich aber noch nie gehört“, sagte Figo hilflos.

„Wahrscheinlich ist auch noch nie einer wie Quinn Saphir geworden!“ Aus Moses Stimme klang sehnsüchtige Bewunderung.

„Aber was ist jetzt mit ihm geschehen?“ fragte Figo.

Mose dachte nach. „Ob es so eine Art Strafe ist? Oder so was wie eine Notbremse?“ Figo schaute den Kleinen fragend an.

„Überleg mal“, ereiferte sich Mose, „wenn ein Saphir durch Wut und Verzweiflung ein Erdbeben auslösen kann, dann kann er ja furchtbar viel kaputt machen. Also muss es bei solchen Saphiren irgendeine Art von Sicherung geben, damit sie nicht aus versehen schreckliche Katastrophen verursachen, die den Tieren am Ende wieder schaden.“

Das klang einleuchtend.

„Aber wie kommt er jetzt aus diesem Zustand wieder heraus?“ fragte Figo.

Darauf wusste Mose keine Antwort. Er stand da, er sah seinen großen Freund und konnte ihm nicht helfen.

„Quinn!“ flüsterte er, „sag mir was ich tun soll!“

Aber Quinn antwortete nicht.

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Einen Tag nach dem Erdbeben durfte Hank zum ersten Mal hinaus in den Auslauf. Seine Wunde heilte gut und er konnte langsam damit gehen. Hogan war begeistert. Er hüpfte erfreut um Hank herum und seine feinen langen Zotteln flogen dabei auf und ab.

„K-k-komm, ich zeig dir a-a-alles!“ rief er fröhlich und stupste Hank vorsichtig mit der Nase an. Hank war nicht so der Typ der überschwänglichen Gefühle, aber die Ausgelassenheit seines neuen Kumpels tat ihm gut. Freundlich zwinkerte er Hogan an und die beiden gingen langsam über den Hof.

Hogan erzählte ihm von den anderen Hunden, nannte ihre Namen und brachte Hank zu der Wasserstelle im Auslauf. Dann gingen sie am Gitter entlang in Richtung Haus. „I-i-im Hau-Haus wohnen d-d-die M-, die M-m-menschen und die K-katzen“, erklärte Hogan.

„D-da ist ei-eine“, rief er. „Ha-Hallo, Sch-sch-sch-sherry!“

Sherry, die gerade am Haus entlang lief, drehte sich um und kam heran.

„Hi, Hogan!“ sagte sie etwas abwesend. „Hast einen neuen Freund, was?“

Hogan strahlte. Dann sah er, dass Sherry unruhig war.
„W-w-wo i-ist d-d-denn Quinn?“ fragte er. Denn er hatte gesehen, dass Sherry und Quinn auch Freunde geworden waren.

„Das ist es, was mir Sorgen macht“, antwortete Sherry und lief ruhelos auf und ab. „Seit dem Erdbeben ist er verschwunden.“
„Wer ist denn Quinn?“ fragte Hank – eher um sich irgendwie an der Unterhaltung zu beteiligen.
„Ei-ein Sa-Saphir!“ sagte Hogan stolz.
Hank horchte auf. „Echt? Ein Saphir?“ Er war sofort ganz aufgeregt und sogar sein Zwinkern hörte für eine Weile auf.

„Ich kannte mal einen Saphir“, sprudelte es aus ihm heraus, „als ich klein war. Da wo wir geboren wurden, da war einer. Er war ganz toll und hat mir viel erzählt. Ich will unbedingt auch mal ein Saphir werden.“ Hank hechelte vor Begeisterung. „Was ist mit eurem Saphir?“ fragte er.

Sherry erzählte, dass Quinn wegen dem Mädchen und ihrer Hündin gekommen, dann mit auf den Berg gefahren und seit dem verschwunden war.

Hogan wollte gerade erzählen, dass Quinn ihm einen Wunsch erfüllen wollte, aber dann fand er es irgendwie unhöflich, denn Hank war ja quasi die Erfüllung dieses Wunsches. Also schwieg er.

Hank sagte auch nichts, er schien nachzudenken. Sein Zwinkern fing wieder an.

„Was wisst ihr denn darüber, was da oben passiert ist?“ fragte er langsam. Sherry horchte auf. Der neue Hund schien irgendeinen bestimmten Gedanken zu verfolgen. Sie fasste Hank scharf ins Auge und sagte dann: „Ich weiß nicht mehr, als ich eben erzählt habe. Sie fuhren hinauf, dann kam das Erdbeben und dann kam das Mädchen mit ihrer Hündin aber ohne Quinn wieder.“

Hank sagte nichts. Dann schaute er die beiden spitzfindig an und fragte: „Ist euch eigentlich irgendetwas an diesem Erdbeben aufgefallen?“ Sherry und Hogan schauten sich fragend an. „Nö!“ sagte Hogan und Sherry schüttelte den Kopf.

„Habt ihr vorher irgendetwas gespürt?“ fragte Hogan weiter.

„Wie gespürt?“ fragte Sherry. Sie konnte sich keinen Reim darauf machen, worauf Hank hinaus wollte.

„Also, ich kenne es nur so“, erklärte Hank, „wenn ein Erdbeben kommt, dann fliegen vorher alle Vögel hoch, die Katzen sträuben sich, die Hunde werden unruhig oder heulen, - ihr wisst schon. Wir Tiere spüren das vorher.“

„St-t-timmt!“ rief Hogan erstaunt aus.
Sherry starrte Hank regungslos an. „Los, erklär, an was denkst du?“ fragte sie scharf. Das klang alles irgendwie nicht beruhigend.

„Saphire können manchmal Unwetter oder Naturkatastrophen machen“, sagte Hank, „Wenn sie sehr wütend werden.“
„Oh nein!“ flüsterte Sherry entsetzt.

„Es könnte sein“, erklärte Hank, „dass ihn da oben irgendetwas so wütend gemacht hat, dass er quasi aus Versehen das Erdbeben ausgelöst hat.“

„E-e-er w-war ja n-n-nicht gerade so ein g-g-geduldiger T-t-typ, “ nickte Hogan.

Sherry erinnerte sich lebhaft an das Bild, wie Quinn auf dem Auto „surfend“ davon gefahren war. Das Wort „impulsiv“ war für Quinn ja noch untertrieben.

„Aber was könnte dort oben passiert sein, das ihn so wütend gemach hat?“ frage Sherry.

„Bestimmt irgendwas mit Menschen“, bemerkte Hank trocken.

„A-a-aber warum k-k-kommt er n-nicht wieder?“
Auch Sherry schaute erwartungsvoll Hank an. Wenn er so viel über Saphire wusste, dann vielleicht auch das.

Hank wirkte auf einmal sehr betreten. „Na ja“, setzte er an und scharrte verlegen im Staub. „Saphire, denen so etwas passiert, die - verlieren sich.“
„Was soll das heißen?“ fauchte Sherry, als er nicht weiter sprach.
„Na, sie verlieren ihre Macht, damit sie nicht noch mehr kaputt machen.“ Hank war es offensichtlich sehr unangenehm, diese Dinge zu erklären. Er spürte, dass Sherry eine ganz besondere Freundschaft zu diesem Saphir gehabt hatte und das konnte er gut verstehen.

„Heißt das, er sitzt jetzt noch da oben auf dem Berg und kann nicht weg?“ Sherry schien bereit, auf der Stelle auf den Berg zu wandern, um Quinn dort abzuholen.

„Doch er könnte schon weg, “ sagte Hank, „aber er weiß wahrscheinlich nicht, wo er hin gehen könnte.“

Sherry glotzte ihn verstört an. Sie hatte einen furchtbaren Verdacht. „Was weiß er denn überhaupt noch?“ fragte sie langsam, als wollte sie die Antwort gar nicht hören. Hank schaute sie an und wusste, dass er eigentlich nicht zu antworten brauchte. „Er weiß gar nichts mehr“, sagte er schließlich ganz leise. Hogan fing unwillkürlich an zu fiepen. Sherry plumpste auf ihr Hinterteil. „Oh je“, sagte sie verzweifelt. „Oh je, was machen wir denn jetzt? Können wir ihn holen?“

Hank wand sich. „Ihr könnt ihn nicht holen, weil ihr ihn nicht mehr sehen könnt. Ihr könnt ihn auch nicht hören.“

„Aber er kann doch nicht einfach so da bleiben!“ maunzte Sherry jetzt laut. Der Gedanke an Quinns Zustand machte sie fast wahnsinnig. „Irgendwie muss man ihm doch helfen können!“

„Vielleicht könnte er irgendwie zurück in die Welle gelangen“, überlegte Hank. „Alle Saphire gehen ja irgendwann wieder in die Welle zurück.

„Aber wie gelangen sie wieder dorthin?“ fragte Sherry. Es musste irgendeine Lösung geben.

„Normalerweise werden sie von einem Tier, dem sie geholfen haben, mitgenommen, so hat es mir jedenfalls mein Freund der Saphir erzählt“, erklärte Hank. „Sie bitten ein Tier, das bald in die Welle geht, sie mitzunehmen wenn es soweit ist.“

„Aber Quinn kann niemanden bitten“, sagte Sherry entsetzt.

Ratlos schauten sich die drei Tiere an.

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Am nächsten Morgen zog sich Quinn ein ganzes Stück von den Hunden zurück. Jetzt konnte er es langsam nicht mehr ertragen, dass sie ihn nicht wahrnahmen. Er ging so weit in das Tal, dass er sie gerade noch sehen konnte. Dort setzte er sich hin, hob seinen großen Kopf in Richtung Himmel und begann zu heulen, wie ein Wolf, der sein Rudel ruft.

Alle Einsamkeit der Welt lag in dem Heulen des unsichtbaren Hundes, der nicht wusste, wer er war. 

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