Nachwirkungen

Hank drückte sich flach auf den Boden, als die Erde bebte und legte seine Ohren ängstlich an den Kopf. „Hey, cool bleiben“, sagte Hogan von der anderen Seite des Gitters, „es ist nur ein Erdbeben, das hört gleich wieder auf.“

Einige andere Hunde auf dem Hof verhielten sich ähnlich wie Hank, aber im Allgemeinen blieb es ziemlich ruhig. Nur die Katzen waren allesamt aus dem Haus geflitzt. Schlaue Katzen! Denn drinnen war es am ehesten problematisch: Dort konnten Dinge umfallen oder schlimmstenfalls das Dach einstürzen.

Petra hatte sich, als das Beben anfing, auch nach draußen aufs freie Feld gestellt und die ganze Zeit darum gebangt, dass das Haus stehen blieb.

Jetzt, als alles wieder ruhig stand, ging sie vorsichtig hinein, um zu schauen, ob es irgendwelche Schäden gab. Alles, was irgendwo auf Tischen oder Fensterbänken gestanden hatte, war herunter gefallen. Ein paar Blumentöpfe und Tassen waren dabei zerbrochen. Bücher waren aus dem offenen Regal gefallen, aber sonst war eigentlich alles in Ordnung.

Petra machte eine Runde durch die Gehege. Die Tiere waren etwas aufgeregt, aber keines war besonders verängstigt. ‚Seltsam’, dachte Petra, ‚es ist gar nichts passiert, dabei hat es doch so lange gebebt!’

Der neue, verletzte Hund schien sich zu fürchten, aber Hogan saß treu bei ihm und Petra wusste aus Erfahrung, dass er die beste Beruhigung für alle neuen war.

Als sie sicher war, dass der Shelter das Beben gut überstanden hatte, begann Petra sich Gedanken um Sophie und Alina zu machen. Ob es oben auf dem Berg auch gebebt hatte? Sie schaltete das Radio ein. Das Epizentrum war im Westteil der Insel. Es hatte ca. 15 Minuten gebebt. Die Schäden waren noch nicht abzusehen, bis auf leichtere Verletzungen waren noch keine Aufnahmen in die Krankenhäuser gemeldet worden. Allerdings war ein Teil der Schlucht von einem Erdrutsch betroffen. Es war aber noch unklar, ob dort jemand zu Schaden gekommen war.

Die Schlucht war nicht weit vom Shelter und Petra grauste es bei dem Gedanken, da unten drin ein Erdbeben zu erleben. Sie machte sich erleichtert ans Aufräumen. Auch die Katzen kamen wieder herein und legten sich gleichmütig an ihre Plätze.

Etwa eine Stunde nach dem Beben hörte sie Sophies Wagen und lief erleichtert und neugierig hinaus. Beim Anblick des Autos erschrak sie. Der Wagen hatte an vielen Stellen kleine Beulen und sein Lack war entlang der unteren Kante stumpf und abgeschliffen. Sophie lenkte das Auto durch das Tor aufs Grundstück. Das tat sie immer nur dann, wenn sie einen scheuen Hund im Auto hatte. Also hatten sie Manawa wohl mitgebracht. Petra schloss die Ausläufe, damit kein anderer Hund ans Auto gelangen konnte.

Langsam stieg Sophie aus. Sie war staubbedeckt und nass geschwitzt. Ihr Gesicht war grau.

„Oh Gott“, sagte Petra, „war es so schlimm bei euch?“

Sophie winkte ab, ging zum Tor und machte es zu. Dann öffnete sie die hintere Wagentür. Alina – genau so braun von Staub und Dreck – stieg aus und hinter ihr reckte sich vorsichtig eine lange, braune Nase aus dem Auto. Alina hatte nur Augen für ihren Hund. Sie lächelte mit ihrem kleinen staubbedeckten Gesicht und flüsterte leise Koseworte, mit denen sie die Hündin vollends aus dem Auto lockte.

Manawa war total verunsichert. Sie wusste überhaupt nicht, wie ihr geschehen war. Alles war neu und unvertraut bis auf eins: ihre kleine Herrin. Ihr Geruch und ihre Stimme waren das Einzige, was Manawa jetzt Halt und Orientierung gaben. Also versuchte sie, immer möglichst nah bei dem Mädchen zu bleiben.

Petra sah, dass alle drei, Sophie, Alina und die Hündin, noch wie unter Schock standen und es jetzt nicht die Zeit für den Austausch von Erzählungen war. Sie nahm die Situation in die Hand, bugsierte alle aus der Mittagshitze heraus ins Haus und ließ Sophie ein warmes Bad ein. Seufzend zog sich Sophie die vor Dreck starrenden Kleider aus und versank dankbar in dem lauwarmen Wasser.

Alina saß auf dem Boden und ihre Hündin lag neben ihr. „Alina, komm, wasch dir mal den Staub ab, dann wird es dir besser gehen“, sagte Petra wie zu einer Kranken, „draußen ist auch noch eine Brause, da kann Manawa bei dir bleiben.“ Alina ging mit ihr mit und stellte sich unter das herrlich kühle Wasser. Ihre Lebensgeister erwachten wieder und sie wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte.

Schließlich saßen alle erfrischt zusammen in Petras Wohnzimmer. Alina und Sophie trugen geliehene Sachen. Petra hatte schon Alinas Eltern angerufen, die mehr als dankbar für die Nachricht waren, dass ihre Tochter das Erdbeben unbeschadet überstanden hatte. Von Manawa sagte Petra ihnen nichts.

Die Hündin lag derweil quer über Alinas Beinen auf dem Boden und dämmerte halb schlafend vor sich hin, während Alina ihr immerzu den Pelz kraulte.

„Sie freut sich gar nicht richtig“, sagte Alina mehr beobachtend als enttäuscht.

„Das kommt schon noch“, sagte Sophie, „ich könnte mich jetzt auch nicht freuen, auch wenn ich eine Million im Lotto gewinnen würde.“

Und dann begannen sie zu erzählen. Petra wurde bleich, als sie von den Männern mit den Gewehren hörte. Es war nicht das erste Mal, dass wilde Hunde gejagt wurden. Das war hier auf der Insel so eine Art Sport. Trotzdem war es immer wieder schockierend.

„Ich verstehe nicht, dass ausgerechnet Ari dabei war“, sagte Alina. „Ari geht in meine Schule. Er ist ein netter, schüchterner Junge. Er mochte Manawa immer besonders gern und sie mochte ihn. Ich verstehe es einfach nicht“, fügte sie kopfschüttelnd hinzu.

„Haben sie den die Hunde getroffen?“ fragte Petra vorsichtig. Sophie und Alina konnten keine Antwort darauf geben. Sie selbst hatten keinen getroffenen Hund gesehen, aber das hatte nichts zu sagen.

Während Sophie noch erzählte, wie sie den Berg hinunter gefahren waren, hörten sie draußen ein Auto. Erstaunt liefen Petra und Sophie hinaus. Hier kam eigentlich nie jemand her. Alina blieb im Wohnzimmer sitzen. Ihr war es egal, was da für Leute kamen. Sie wollte bei ihrem Hund bleiben.

Draußen stand ein altes Auto und ein Mann und eine Frau stiegen aus. Sie sahen das Schild am Tor. „Hallo! Könnten Sie uns bitte helfen?“ fragte der Mann auf Deutsch. „Wir sind in der Schlucht von dem Erbeben überrascht worden und mein Sohn ist verletzt.“

Sophie schaute in das Auto. „Ich bin zwar nur Tierärztin, aber ich denke, dass wir Ihnen erstmal helfen können.“

Gemeinsam halfen sie dem Jungen aus dem Auto. Sein Knie war dick geschwollen, er hatte offenbar ziemliche Schmerzen. Sophie und der Mann trugen den Jungen ins Haus. Durch die Tür sah Alina, wie ein blonder Junge in ihrem Alter herein getragen wurde. Der Junge sah in ihre Richtung, ihre Blicke trafen sich kurz und dann war er auch schon an der Tür vorbei.

Leon wurde in den provisorischen OP gebracht und auf den Tisch gesetzt. Er schaute sich erstaunt um. Er saß in einer Mischung aus Badezimmer, Tierarztpraxis und Operationssaal. Zweifelnd blickte er Sophie an. Sie lachte, weil sie seine Gedanken erraten konnte.

„Tja“, sagte Sophie, „mehr können wir dir hier nicht bieten, aber ich denke, wir können dir fürs erste genau so gut helfen, wie ein richtiger Arzt.“ Sie stellte Leon viele Fragen und untersuchte vorsichtig sein Knie.

„Es ist wahrscheinlich nichts gebrochen“, sagte sie nach einer Weile. „Vermutlich hast Du eine starke Bänderdehnung. Einen Bänderriss kann ich glaube ich ausschließen. Du musst in eine ordentliche Klinik und das röntgen lassen. Ich kann Dir jetzt erstmal was gegen die Schmerzen und die Entzündung geben und einen stützenden Verband anlegen.“

Leon nickte. Schmerzmittel hörte sich gut an.

Er frage sich, was das für ein Mädchen gewesen war, das da zusammen mit einem großen Hund in dem Zimmer gesessen hatte.

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Sherry war beunruhigt. Wo war Quinn? Warum war er nicht mit den anderen zusammen zurückgekommen? War sein Auftrag jetzt erledigt und er war wieder in die Welle zurückgekehrt? Das konnte sie sich nicht vorstellen. Quinn war ein lieber Kerl und wäre nicht weggegangen ohne sich von ihr, von Hogan und Hank und den ganzen anderen Tieren zu verabschieden.

Aber was sonst war der Grund, warum er nicht auftauchte? Konnte einem Saphir denn irgendetwas passieren? Eigentlich doch nicht. Oder doch?

Sherry wanderte rastlos am Zaun auf und ab. Irgendetwas stimmte da nicht. Sie hatte es im Gefühl.

Clint, ein kleiner struppiger Terrier tauchte hinter ihr auf. „Hey, Sherry, was ist los?“ fragte er. „Der Saphir kommt nicht zurück“, antwortete sie angespannt.

„Na, der hat vielleicht andere gefunden, denen er helfen muss“, sagte Clint gleichmütig, „was soll ihm schon passiert sein? Er ist doch ein Saphir.“

Sherry ließ sich nicht beruhigen.

„Irgendetwas stimmt da nicht“, sagte sie.

Und sie hatte Recht... 

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