3. Teil: Die Saphire
- 1: 1. Teil: Wünschen ist nicht immer einfach.
- 2: 2. Teil: Freundschaft ist keine Frage der Zeit.
- 3: 3. Teil: Die Saphire.
- 3.1: Prolog.
- 3.2: 1 - Der Rat der Saphire.
- 3.3: 2 - Annalina.
- 3.4: 3 - Leon.
- 3.5: 4 - Manawa.
- 3.6: 5 - Das Schweigen.
- 3.7: 6 - Quinns Auftrag.
- 3.8: 7 - Sophie.
- 3.9: 8 - Begegnungen.
- 3.10: 9 - Salz.
- 3.11: 10 - Hogan.
- 3.12: 11 - Hank.
- 3.13: 12 - Die Zeichnung.
- 3.14: 13 - Ari.
- 3.15: 14 - Showdown.
- 3.16: 15 - Die Schlucht.
- 3.17: 16 - Nachwirkungen.
- 3.18: 17 - Verloren.
- 3.19: 18 - Das Amulett.
- 3.20: 19 - Sherrys Entschluss.
- 3.21: 20 - Tüte.
- 3.22: 21 - Freunde.
- 3.23: 22 - Yax.
- 3.24: 23 - Abschiede.
- 3.25: 24 - Helden.
- 3.26: Epilog.
Die Schlucht
Leon und seine Eltern hatten etwa die Hälfte der Schlucht hinter sich, als das Erdbeben begann. Es war bis dahin eine großartige Wanderung gewesen. Rechts und links türmten sich viele Meter hoch die Felswände, unten waren teilweise nur wenige Meter breit Platz. Nach vorne blickte man immerzu auf eine Säule von Licht, die den Durchgang zwischen den Felsen freigab.
Als das Beben anfing, hatte Leon im ersten Moment das Gefühl, falsch aufgetreten zu sein und das Gleichgewicht verloren zu haben. Denn das verwirrend Seltsame war, dass sich die ganze Schlucht bewegte, der Wanderer also optisch gar nichts Ungewöhnliches wahrnahm, trotzdem aber das Gleichgewicht verlor. Auch die anderen schauten sich irritiert um und fingen ihre Balance mit großen Ausfallschritten auf.
Dann fielen die ersten Steine herunter. Sofort waren Leon und seine Eltern in Alarmbereitschaft. Bei jedem Streckenposten waren sie vor Steinschlag gewarnt worden. Sofort steuerten sie auf die Felswand zu. Direkt unter der Wand bestand die wenigste Gefahr, von herabfallenden Steinen getroffen zu werden.
Es war aber gar nicht so einfach, in eine konkrete Richtung zu gehen, wenn immerzu der Boden wackelte. Hinzu kam, dass der Boden, auch wenn er sich still verhielt, teilweise schwer zu begehen war. Große Felsen wechselten sich mit Geröll ab und immer wieder rutschte dieses Geröll unter ihren Füßen weg.
Sie hörte vielstimmiges Geschrei durch die Schlucht hallen. Unter den Wanderern war inzwischen so etwas wie Panik ausgebrochen. Von oben fiel ein Regen aus Steinen und unten kollerten die rund geschliffenen Kiesel umher. Leon versuchte, mit einem Sprung einen großen, glatten Felsbrocken zu erreichen, der sicher nicht einfach wegrollen würde. Er sprang ab, landete mit dem einen Bein sicher auf dem Felsen, rutschte aber mit dem anderen nach hinten ab. Sein Schwerpunkt kippte hinter seinen Rücken, der rechte Fuß glitt an dem glatten Felsen ab, verkeilte sich in der Spalte und dann fiel Leon rückwärts über das festsitzende Bein. Es krachte laut in seinem Knie und ein rasender Schmerz breitete sich wie Feuer in seinem Bein aus. Er schrie auf und lag hilflos wie ein Käfer auf dem Rücken im hüpfenden Geröll.Um ihn herum schlugen krachend die herabfallenden Steine auf den Boden. Leon war gerade noch geistesgegenwärtig genug, mit seinen Armen den Kopf zu schützen, dann ergab er sich völlig dem Schmerz in seinem Knie, der alles andere zurückdrängte und beherrschte.
Leons Vater sah seinen Jungen vor sich fallen und versuchte, schneller zu ihm zu gelangen. Inzwischen wackelte die gesamte Schlucht und es regnete Staub und Steine. Als er Leon erreichte, fasste er ihn an der Schulter an. Aber er brauchte nicht zu fragen, was passiert war. Leons rechtes Bein steckte neben einem großen Stein fest und sein Knie war schon dabei, sichtbar anzuschwellen. Als er nach dem verkeilten Bein greifen wollte, brüllte Leon ihn an: „Nicht anfassen, lass das Bein los! Nicht anfassen!“ Der Vater zuckte zurück.
Leon richtete mit schmerzverzerrtem Gesicht seinen Oberkörper auf. Er musste unbedingt vermeiden, dass jemand dieses Bein anfasste. Der Schmerz raste. Leon war sehr verblüfft, als er sein Knie sah. Es sah ganz normal aus, war nur ein bisschen dick. Vom Gefühl her hätte es komplett in eine falsche Richtung stehen und völlig zertrümmert sein müssen. Es beruhigte ihn etwas, dass er möglicherweise doch sein Bein nicht verlieren würde. Vorsichtig griff er mit beiden Händen seinen Oberschenkel und versuchte, daran zu ziehen. Ein Versuch, den er sofort wieder aufgab. Der Schmerz im Knie brüllte augenblicklich auf. Jeder neue Erdstoss verursachte neue Schmerzen. Es war die Hölle.
Sein Vater versuchte ihn mit seinem Körper vor dem Steinschlag zu schützen. „Leon, wir müssen hier weg!“ rief er. Aber Leon schüttelte nur den Kopf. Schlimmer, als von einem Felsen erschlagen zu werden, war dieser Schmerz. Auf einmal fühlte er, wie sein Vater ihn packte und hochriss. Er schrie auf und schlug um sich, aber Papa hielt ihn mit eisernem Griff fest und schleppte ihn unter die wackelnde Felswand.
Keinen Moment zu früh, wie sich herausstellte. Einige hundert Meter weiter die Schlucht hinunter begann ein ohrenbetäubendes Tosen. Eine ganze Lawine von Schotter und Felsbrocken schien sich oben gelöst zu haben und krachte auf den Grund der Schlucht. Das von oben einfallende Licht verfinsterte sich in einer riesigen, braunen Staubwolke. Leon und seine Eltern begannen zu husten. Sie duckten sich unter die Wand, der Vater nahm Mama und Leon in die Arme und schirmte sie mit seinem Körper ab. Unendliche Minuten schienen zu vergehen. Ab und zu hielt die Erde still, aber immer wenn sie sich langsam trauten aufzuschauen, fing das Beben wieder an.
Als es schließlich aufhörte, konnte keiner von ihnen einschätzen, ob es fünfzehn oder fünfzig Minuten gebebt hatte. Im Augenblick machte sich aber niemand Gedanken darüber. Es war ziemlich dunkel in der Schlucht, denn die Luft hing noch voller Staub. Sie alle drei sahen aus wie Minenarbeiter: von oben bis unten gleichmäßig graubraun. Nur in Leons Gesicht malten sich helle Spuren. Seine Augen hatten vor Schmerz getränt. So lange das Bein ruhig lag, war es auszuhalten. Aber jede Muskelbewegung tat furchtbar weh.
Mama war die erste, die sich orientierte. „Was ein Glück, dass niemand vor uns ging!“ flüsterte sie. Schlucht abwärts schien der Durchgang komplett zugeschüttet zu sein.
„Wir müssen so schnell wie möglich hier raus“, überlegte Papa, „Leon braucht dringend ärztliche Hilfe.“
„Papa, du musst jemanden holen“, stöhnte Leon. „Ich kann keinen Schritt gehen.“
„Okay“, sagte sein Vater, „ich gehe los und hole Hilfe. Bleibt bloß hier unter der Wand, es könnte noch Nachbeben geben.“
Sofort machte er sich auf den Weg. Die Mutter hockte sich neben Leon. „Tolles Abenteuer“, bemerkte sie resigniert.
Es dauerte nur zwanzig Minuten, dann war Leons Vater schon wieder zurück. „Das können wir vergessen mit Hilfe holen.“ Sie schauten ihn fragend an. „In der ganzen Schlucht sind überall Leute, denen es ähnlich oder genau so geht wie uns. Entweder wir warten, bis sich Hilfskräfte bis hierher vorarbeiten, oder wir müssen uns selbst auf den Weg machen. Zwischen uns und dem Ausgang dürften sich mehrere Hundert Menschen befinden.“ Mama und Leon schauten ihn entgeistert an. „Das kann ja ewig dauern, bis hier einer ankommt!“ sagte Leons Mutter, „die versorgen doch jeden anderen vor uns. Wir sind ja buchstäblich die Letzten.“
„Ja“, fügte der Vater grimmig hinzu, „und wir können nicht ohne weiteres mit einer gut organisierten Rettungsaktion rechnen. Wahrscheinlich hat es ja nicht nur hier gebebt.“
„Genau genommen können wir also froh sein, wenn uns hier schon morgen jemand findet“, sagte Mama.
Leon riss sich bei dem Gedanken zusammen. „Na gut“, sagte er dann heldenhaft, „aber wir müssen irgendwie das Knie fixieren, dass es sich nicht bewegt.“
Schließlich bastelten sie gemeinsam eine abenteuerliche Schlaufe aus einem Stützverband aus ihrer Wanderapotheke. Das eine Ende der Schlaufe trug Leon wie einen Gürtel, das andere war fest um den Schaft seines Wanderschuhs gebunden und hielt das Bein mit gebeugtem Knie wie in einer Schaukel. Die Prozedur hatte Leon wieder einige Tränen gekostet, aber er hatte tapfer die Zähne zusammen gebissen.
„Junge, ich bin stolz auf dich!“ sagte der Vater, als Leon endlich auf einem Bein vor ihm stand.
„Klopf mir jetzt bloß nicht auf die Schulter!“ konstatierte Leon.
Dann machten sie sich auf den Weg. Leon hatte je einen Arm um die Schultern von Mama und Papa gelegt und hinkte irgendwie zwischen ihnen her. Es ging erstaunlich gut. Das Knie protestierte nur, wenn er unwillkürlich einen Muskel im rechten Bein anspannte.
Sie kamen natürlich nur mühsam vorwärts. Die Tatsache, dass es die ganze Zeit bergauf ging, erleichterte die Sache sogar. Mit einem Bein nach oben zu hüpfen war zwar anstrengender, aber es war einfacher, das Gleichgewicht zu halten und die Erschütterungen waren nicht so stark.
Je weiter sie kamen, desto mehr Menschen trafen sie. Die Leute waren furchtbar aufgeregt, riefen und weinten. Manche schienen sich immer noch in Panik zu befinden und liefen kopflos bergauf (wobei sie natürlich fielen und sich verletzten) oder starrten mit schreckensweiten Augen die Felswände hinauf in den schmalen Streifen knallblauen Himmel.
Die anderen Leute hatten fast alle nur normale Schuhe an und dementsprechend schmerzhafte Verletzungen an ihren Knöcheln davon getragen. Viele lagen jammernd auf dem Boden, andere riefen völlig sinnlos um Hilfe. Wenige von denen, die unverletzt waren, versuchten, sich um die anderen zu kümmern. An engen Stellen wurde es teilweise sehr schwierig durch zu kommen, weil alle sich natürlich Schlucht aufwärts drängten. In diesem Fall war Leons kleine Familie froh, als Letzte zu kommen.
Leon wurde immer klarer, was für ein tolles Gespann sie drei waren. Sie waren körperlich fit und sie konnten sich aufeinander verlassen. Keiner von ihnen hatte eine Neigung hysterisch zu werden. Leon wurde klar, was für ein Glück er mit seinen super Eltern hatte. Fast bekam er so eine Art Hochgefühl deswegen. Dann dachte er, dass das bestimmt diese Endorphine waren, die der Körper nach Erlebnissen großer Angst und großem Schmerz ausschüttete. Und während all dieser Gedanken nahm er verbissen und zäh immer einen weiteren Schritt mit seinem gesunden linken Bein.
Als sie sich Stunden später dem oberen Ausgang der Schlucht näherten, dachte Leon fast gar nichts mehr. Seine Gedanken waren allein davon erfüllt, dass die Stellen unter den Armen, wo er sich die ganze Zeit auf die Eltern aufstützte, schon bis auf die Knochen wund gerieben sein müssten. Sein Knie spürte er kaum noch, aber diese wunden Stellen machten ihn wahnsinnig. Er hatte derartigen Durst, dass er vor seinem geistigen Auge immerzu nur ein riesiges Glas Apfelschorle sah. Wieso ausgerechnet Apfelschorle? Er hatte keine Ahnung. Er war in einer absurden Geistesverfassung. Auf der einen Seite sagte sein Körper ihm ganz deutlich, dass er garantiert keine hundert Meter mehr schaffen würde. Auf der anderen Seite war ihm klar, dass ihm gar nichts anderes übrig blieb. Alles zusammen mischte sich zu einem Albtraum, der kein Ende zu nehmen schien. Die Eltern rechts und links von ihm waren wie er schweißgebadet und schon lange schweigsam – wenn man von dem angestrengten Schnaufen mal absah.
Aber jeder auch noch so qualvolle Weg ist irgendwo zu Ende und es kam tatsächlich der Augenblick, an dem sie das Tickethäuschen erreichten. Sie blieben schwer atmend stehen und blickten fassungslos auf die Szenerie, die sich ihnen bot. Hunderte von Menschen schienen sinnlos durcheinander zu rennen und immerzu irgendetwas zu schreien, worauf sowieso niemand hörte. Ein paar Schlucht-Ranger brüllten in ihre Funkgeräte, schienen aber ansonsten keine Ahnung zu haben, was sie tun könnten. Busfahrer versuchten ihre Gefährte davor zu schützen, von irgendwelchen Leuten geentert zu werden, die verlangten, sofort von hier weggefahren zu werden (teilweise mit Angabe bestimmter Hotels).
Viele hatten es sich gruppenweise auf dem Boden bequem gemacht und begannen das Ganze als besondere Attraktion zu sehen, von der man super zu Hause erzählen könnte. Es wurde viel fotografiert.
Verletzte sah man eigentlich gar nicht. Die meisten, die sich ernsthaft etwas getan hatten, waren wohl in der Schlucht geblieben. Weit und breit war weder ein Krankenwagen, noch ein Sanitäter zu sehen.
Leon und seine Eltern humpelten noch ein Stück bis zum Parkplatz, lehnten sich dort eine Weile an ein Geländer und schauten sich das Tohuwabohu um sie herum an. „Ich habe überhaupt keine Lust, hier zu warten, bis sich irgendjemand um uns kümmert“, sagte Papa. Die anderen beiden nickten. „Wollt ihr hier bleiben?“ frage Papa mit einem prüfenden Blick auf Leon. „Ich könnte sehen, ob ich auf der Straße ein Auto anhalten kann.“
„Oder du könntest direkt dieses Auto da nehmen“, sagte Mama und zeigte auf eine alte, zerbeulte Karre, mit herunter gekurbeltem Fenster. Anscheinend hatte niemand von den anderen Menschen diesen Wagen gesehen. Sie schienen von der Idee besessen, dass es im Urlaub generell so sei, dass man von anderen gefahren wird.
Leons Vater ging zu dem Auto. Er schaute sich schnell in alle Richtungen um und griff dann durch das offene Fenster hinein und zog die Verriegelung auf. Dann stieg er ein, beugte sich nach unten und riss die Verkleidung unter der Lenksäule ab. Er tastete in dem Hohlraum herum, bis er einige Kabel fand und sie heraus rupfte, um die Zündung kurz zu schließen. Als er die blanken Kabelenden in der Hand hielt, nickte er den anderen beiden zu. Unauffällig langsam gingen sie zu dem Auto und stiegen ein. Das heißt, Leon versuchte einzusteigen. Er wusste nicht, wie er sein Bein in das Auto bringen sollte, ohne es weiter zu beugen. Das Knie war inzwischen fast auf Handballgröße angeschwollen und ließ sich nur noch unter starken Schmerzen weiter beugen oder strecken.
„Steig rückwärts auf die Rückbank“, schlug Mama vor, „ich halte deinen Fuß so lange.“ Trotzdem tat es schweinisch weh und Leon fragte sich, ob er jemals in seinem Leben wieder normal würde gehen können. Aber schließlich saß er im Auto, lehnte an der linken Wand hinter dem Fahrersitz und Mama klappte den Beifahrersitz zurück und stieg ebenfalls ein.
Papa zündete den Motor, indem er die Kabelenden aneinander hielt. In dem Moment, wo das Auto ansprang, drehten sich Leute zu ihnen um und stürmten auf dem Wagem zu, in der Hoffnung mitgenommen zu werden. Aber damit hatte Papa gerechnet. Er fuhr unverzüglich los und gab Gas, sobald der Parkplatz vor ihm frei war.
„Ich würde dich auf der Stelle noch mal heiraten!“ sagte Mama, während sie auf die Straße einbogen. Leon fragte: „Papa, gibt es irgendetwas in deiner Vergangenheit, was du mir noch nicht erzählt hast?“ Alle drei lachten prustend los. Vielleicht waren sie ja doch ein bisschen hysterisch.
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