3. Teil: Die Saphire
- 1: 1. Teil: Wünschen ist nicht immer einfach.
- 2: 2. Teil: Freundschaft ist keine Frage der Zeit.
- 3: 3. Teil: Die Saphire.
- 3.1: Prolog.
- 3.2: 1 - Der Rat der Saphire.
- 3.3: 2 - Annalina.
- 3.4: 3 - Leon.
- 3.5: 4 - Manawa.
- 3.6: 5 - Das Schweigen.
- 3.7: 6 - Quinns Auftrag.
- 3.8: 7 - Sophie.
- 3.9: 8 - Begegnungen.
- 3.10: 9 - Salz.
- 3.11: 10 - Hogan.
- 3.12: 11 - Hank.
- 3.13: 12 - Die Zeichnung.
- 3.14: 13 - Ari.
- 3.15: 14 - Showdown.
- 3.16: 15 - Die Schlucht.
- 3.17: 16 - Nachwirkungen.
- 3.18: 17 - Verloren.
- 3.19: 18 - Das Amulett.
- 3.20: 19 - Sherrys Entschluss.
- 3.21: 20 - Tüte.
- 3.22: 21 - Freunde.
- 3.23: 22 - Yax.
- 3.24: 23 - Abschiede.
- 3.25: 24 - Helden.
- 3.26: Epilog.
Ari
„Oh je, das hat sie jetzt umgehauen!“ sagte Mose bedauernd.
„War alles ein bisschen viel auf einmal“, bemerkte Figo.
„Typisch Quinn!“ – Mose klang ein bisschen stolz. „Er muss direkt nebenbei noch die Sache mit dem Freund für Hogan regeln.“
„Und wer weiß, ob Alina das so ohne weiteres verkraftet hätte, Manawa zufällig oben auf dem Berg zu treffen.“ Figo war sehr zufrieden.
Langsam kam Alina wieder zu sich. Sie lag auf dem Sofa in Petras Wohnzimmer. Sie hatten ihr einige Decken unter die Waden gelegt und Sophie saß neben ihr und fächelte ihr mit einer Zeitschrift Luft zu.
„Na, da sind wir ja wieder“, sagte sie freundlich.
Alina schaute etwas verwirrt. Dann fiel ihr alles wieder ein und sie setzte sich abrupt auf.
„Liegenbleiben!“ befahl Sophie und drückte das Mädchen wieder zurück ins Sofa.
„Wo ist Manawa?“ fragte Alina, „Ich bleibe nur liegen, wenn du mir sagst, wo sie ist.“
„Sie ist oben bei dem Rudel, das wir gestern besuchen wollten“, erklärte Sophie.
Und dann erzählte sie Alina von dem Rudel, von dem harten Winter und wie Manawa total ausgehungert in dem Hochtal angekommen war.
„Es geht ihr gut“, schloss sie ihre Erzählung, „sie ist gesund und hat wieder zugenommen.“
Alina konnte das alles noch nicht richtig fassen. Hatte ihr Vater am Ende doch Recht gehabt und es ging Manawa dort oben besser als bei ihr?
„Sophie, meinst du, dass Manawa lieber da bei den anderen Hunden bleiben will?“ fragte sie vorsichtig.
Sophie überlegte. „Ich weiß es nicht“, sagte sie schließlich. „Natürlich kann es einem Tier gut gehen, wenn es unter seinesgleichen lebt. Aber dieses Tal da oben ist nicht wirklich ein Lebensraum für Hunde. Wenn ich dort nicht seit so langer Zeit füttern würde, dann wären da auch keine Hunde. Und die, die jetzt da sind, wären wahrscheinlich verhungert oder im Winter erfroren oder an Krankheiten gestorben. Es ist also keine Frage. Wir müssen Manawa dort weg holen. Auf die Dauer ist das kein Ort für einen Hund, der gut mit Menschen zurechtkommt.“
„Wann können wir sie holen?“ flüsterte Alina voller Erwartung.
„Heute lieber noch nicht, kleine Alina“, sagte Sophie liebevoll. „Das war alles ein bisschen viel für dich in der letzten Zeit und du solltest deine Nerven beisammen haben, wenn du Manawa wieder begegnest. Sie ist ja einstweilen gut aufgehoben.“
„Morgen dann?“ bettelte Alina. „Ich kann sowieso keine Nacht mehr schlafen, jetzt wo ich weiß wo sie ist.“
„Wir müssen erst noch überlegen, wo sie dann leben soll“, sagte Sophie vorsichtig.
„Na, bei mir!“ antwortete Alina entrüstet.
„Du kannst sie doch nicht mit nach Hause nehmen.“ Sophie hatte ein bisschen Sorge, dass Alina jetzt unvernünftig werden könnte.
„Ich sage ihnen, dass ich wieder sprechen werde, wenn Manawa nach Hause darf.“ Jetzt wurde das Mädchen trotzig.
„Alina, sei nicht kindisch! Es führt nie zu etwas Gutem, wenn man Dinge erzwingt. Meinst du nicht, sie könnte vielleicht erstmal hier bleiben? Du bist doch jeden Tag hier. Da siehst du sie immer wieder.“
Das war hart für Annalina. In ihrer Sehnsucht nach Manawa hatte sie sich immer nur vorgestellt, dass alles wieder so wie früher werden könnte, wenn sie ihre Hündin nur lebend wieder finden würde. Schließlich hatte sie selber nicht mehr daran geglaubt. Und jetzt war das Wunder fast passiert und sie konnte Manawa nicht einfach wieder mit nach Hause nehmen.
„Hör zu, ich mache dir einen Vorschlag“, sagte Sophie. „Wir fahren morgen hinauf und schauen erstmal wie Manawa überhaupt reagiert. Wenn sie dir folgt, dann nehmen wir sie mit hierher. Hier kann sie auf jeden Fall erstmal bleiben. Und alles andere überlegen wir dann. Hauptsache ihr beiden habt euch wieder und könnt euch erstmal freuen.“
Bei dem Gedanken malte sich ein strahlendes Lächeln auf Alinas Gesicht.
„So, meine kleine Tierschützerin, jetzt bringe ich dich aber erstmal nach Hause. Du versprichst, dass du schön was essen wirst und keine Diskussionen zu Hause anfängst. Klar? Es wird sich ausgeruht und geschlafen. Und morgen früh hole ich dich wieder ab und wir fahren hinauf in die Berge.“
„Okay“, sagte Alina brav. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, wie sie die kommenden 20 Stunden überleben sollte.
-
Nicht weit von Annalinas Zuhause ging es einem Jungen ganz genau so: Er wusste nicht, wie er die nächsten 20 Stunden überleben sollte. Der Junge hieß Ari, war zehn Jahre alt und sein erwachsener Bruder Mario war der Meinung, Ari müsse nun endlich damit anfangen, ein Mann zu werden. Morgen würde Mario mit seinen Kumpanen auf die Jagd fahren und Ari sollte zum ersten Mal mitkommen. Ari hatte Angst.
Er war eh ein ängstlicher Typ. Irgendwie hatte die Natur ihm all das nicht mit gegeben, was ein richtiger Junge braucht. Ari war ziemlich schmächtig und hatte x-Beine. Das reichte eigentlich schon um als Junge unglücklich zu sein. Aber zusätzlich war er auch noch schüchtern und ein bisschen schreckhaft.
Eigentlich machte es ihm nichts aus, dass er nicht stark war. Er fand sowieso keinen besonderen Spaß daran, sich mit anderen zu messen, oder sich gar zu prügeln. Er wäre mit sich und seinen Hobbys ganz zufrieden gewesen, wenn da nur nicht die anderen wären. Zum Beispiel Mario, der ihn dauernd damit nervte, er müsse ein Mann werden. Und jetzt sollte er mit den Großen auf die Jagd gehen. Ihm wurde regelrecht schlecht bei dem Gedanken.
Er saß in der Garage, wo Mario seine Gewehre aufbewahrte. Heute hatten Marios vier Kumpane auch ihre Gewehre mitgebracht und sie hatten ihm aufgetragen, alle zu putzen und für morgen bereit zu machen, bevor sie in ihre angestammte Bar los zogen. Ari setzte das letzte Gewehr wieder zusammen und legte es sorgfältig neben die anderen auf einen Werkzeugtisch. Die Männer klopften ihm auf die Schulter, nannten ihn einen Prachtkerl und nahmen ihn dann mit hinaus. Sorgfältig schloss Mario die Garagentür ab.
Während die andern die Strasse hinunter liefen, ging Ari ins Haus, sagte den Eltern Gute Nacht und legte sich ins Bett. Mit klopfendem Herzen konzentrierte er sich darauf, nicht einzuschlafen. Lange lag er so, bis er endlich draußen lautes Lachen und Stimmen hörte. Sie waren zurückgekehrt und ziemlich angetrunken. Anscheinend gingen sie noch einmal in die Garage um nach den Gewehren zu sehen. Er hörte Autotüren schlagen und Motoren starten. Schließlich hörte er Mario, wie er in die Küche ging und dann in sein Zimmer. Wie immer ging seine Mutter erst schlafen, wenn die ganze Familie im Haus war. Ari lauschte, bis alles ganz ruhig war.
Er wartete noch eine weitere Stunde. Als er sicher war, dass jetzt alle schliefen, stand er leise auf und schlich sich in den Flur. Sein Herz hämmerte. So etwas Verwegenes hatte er noch nie getan. Wenn das seine Klassenkameraden sehen könnten! Aber das durfte er natürlich niemals irgendjemandem erzählen. Außerdem machte er sich im Moment noch fast in die Hose.
Mit zitternden Knien schlich er zum Schlüsselkasten im Flur, nahm den Garagenschlüssel heraus und öffnete millimeterweise die Haustür. Als er einen Schritt nach draußen trat, war er nass geschwitzt und mit den Nerven am Ende. Dabei war er noch nicht einmal in der Garage!
Die Nacht schien Augen zu haben, als er barfuss und im Pyjama hinüber zur Garagentür schlich. Jetzt war es zu spät, jetzt konnte er nicht mehr zurück. Er musste es tun, egal was passierte.
Ari schaffte es, auch die Garagentür lautlos zu öffnen und sich hinein zu schleichen. Es war stockfinster in der Garage und es roch nach Waffenöl. Er lehnte sich von innen an die Tür, schloss die Augen und atmete tief durch. Jetzt kam das Eigentliche. Licht durfte er nicht machen, aber er hatte sich am Abend genau eingeprägt, wo der Tisch stand und wo die Zange lag. Ari tastete sich zuerst zur Werkzeugkiste, in die er extra die Zange zuoberst gelegt hatte. Da war sie und da war auch das weiche Tuch, mit dem er die Gewehre poliert hatte. Das Tuch stopfte er sich in die Pyjamatasche. Dann schloss sich seine Hand um die beiden glatten Plastikgriffe der Zange. Er zählte drei Schritte bis zum Tisch. Mit der freien Hand tastete er sehr langsam über die Tischplatte. Da lagen die Gewehre. Jetzt musste er systematisch vorgehen. Er hatte es in den letzten Stunden hundert Mal in Gedanken durchgespielt.
Er legte die Zange und das Tuch vor sich auf den Tisch. Dann hob er mit beiden Händen Gewehr Nummer eins hoch, tastete mit rechts am Lauf entlang, bis er das Korn an den Fingern fühlte. Er stellte das Gewehr mit dem Kolben zwischen seine Füße und lehnte den Lauf an die Tischkante. Mit der linken Hand nahm er das Poliertuch und legte es über den Lauf und das Korn. Dann hielt er Tuch und Lauf mit links fest und griff mit rechts die Zange. Er setzte sie so am Korn an, dass die Backen der Zange durch das Tuch keine Kratzer am Gewehr verursachen konnten. Er hielt die Luft an. Jetzt kam es drauf an. Drehte er zu wenig an der Zange, klappte sein Plan nicht. Drehte er zu viel, würde der Plan womöglich auffliegen.
Fest griff Ari zu und drehte. Bewegte sich überhaupt etwas? Er drehte noch mal. Es war völlig unmöglich, zu überprüfen, ob es geklappt hatte. Aber da konnte er jetzt nichts dran ändern. Er setzte die Zange wieder ab, legte sie hin, wickelte das Tuch ab und hob das Gewehr sorgfältig mit beiden Händen wieder auf den Tisch ohne im Stockdunkeln ein Geräusch zu machen.
Bei Gewehr Nummer zwei fühlte er sich wie James Bond.
Bei Nummer drei fiel ihm das Tuch herunter.
Bei Nummer vier hörte er plötzlich draußen ein Geräusch und hätte vor Schreck beinahe die Zange fallen lassen. Das mit James Bond hatte sich sofort erledigt und er schalt sich einen Idioten, dass er auf so einen bescheuerten Plan gekommen war.
Aber alles blieb still. Jetzt aufzuhören hatte auch keinen Sinn und Ari verfuhr auch mit dem fünften Gewehr so wie mit den anderen. Dann legte er das Tuch und die Zange wieder an ihren Platz und schlich sich hinaus. ‚Oh Gott, was habe ich da bloß gemacht?’ dachte er. Sie werden es merken. Und sie werden sofort wissen, dass nur ich das gewesen sein kann!
Den Rest der Nacht lag Ari wach. Und morgens hatte er vor Aufregung Durchfall.
Mario und seine Jungs standen für echte Jäger ziemlich spät auf. Aber das war immer so. Erst gegen neun fanden sich alle vor der Garage ein. Sie taten ziemlich cool und trugen ihre Gewehre wie Cowboys in den Western mit sich herum. Ari stockte das Herz, als einer nach dem anderen probeweise anlegte und auf Grasbüschel oder Steine zielte. Niemand schien etwas zu bemerken. Entweder sein Plan hatte gar nicht geklappt, oder er hatte sehr gut geklappt.
„Hey, pass auf!“ rief Nikolaios einem Kumpel zu, „wir haben die Dinger doch gestern Abend geladen!“
Ari wäre fast in Ohnmacht gefallen. Er hatte letzte Nacht im stockdunkeln mit geladenen Gewehren herumhantiert! Diese Wahnsinnigen hatten die Gewehre geladen, als sie aus der Bar gekommen waren! Nur ein kleiner Zufall und es hätte ihm den Kopf weggeschossen. Ari fing beinahe an zu heulen und bekam schon wieder Durchfall. Schnell rannte er noch einmal ins Haus.
Gegen zehn waren dann endlich alle soweit und quetschten sich in den Kombi von Niko. Der lenkte den Wagen auf die Berge zu. Als sie die Schotterstraße erreichten, die sich in Serpentinen nach oben wand, gab Niko richtig Gas und die Männer schleuderten im Auto umher. Sie johlten und lachten. Nur Ari hatte panische Angst. Zum einen vor der steilen Schotterpiste, zum anderen wegen der geladenen Gewehre im Auto und zum Dritten wegen dem, was ihm jetzt bevor stand.
Endlich bremste der Wagen in einer riesigen Staubwolke. Alle stiegen aus. „So, Ruhe jetzt, Männer“, sagte Mario sehr cool. „Wir dürfen kein Geräusch machen, sonst hauen sie ab. Kommt hinter mir her.“
Mario packte Ari an der Schulter und führte ich vor sich her. Schweigend stiegen sie den Hang hinauf. Bald erreichten sie einen Kamm aus lockerem Geröll. Mario bedeutete den anderen, sich rechts und links am Kamm zu verteilen. Er und Ari legten sich da, wo sie waren auf den Bauch und schauten in das flache Tal auf der anderen Seite des Kamms. In dem Tal bewegten sich mehrere wilde Hunde...
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