Die Zeichnung

Sophie bestand darauf, Alina an diesem Abend nach der Operation mit dem Auto nach Hause zu fahren. „Bitte setz mich ein paar Straßen vorher ab,“ bat Alina, „es ist glaube ich besser, wenn meine Eltern dich nicht sehen.“

Sophie runzelte die Stirn. „Warum sollten sie mich nicht sehen? Ich würde deine Eltern gern kennen lernen.“

„Nein, bitte nicht“, sagte Alina, „die laden dich direkt zum Abendessen ein und sie sprechen weder Englisch noch Deutsch.“ Und etwas beschämt fügte sie leise hinzu: „Ich will auch zu Hause noch nicht sprechen.“

Sophie nickte. Man sollte jetzt vielleicht wirklich nichts übers Knie brechen. Sie hielt den Wagen am Ortseingang an, holte Alinas Fahrrad vom Rücksitz und winkte ihr zu, als sie davon fuhr.

Alinas Mutter sah sofort, dass mit ihrem Mädchen irgendetwas vorgegangen war an diesem Tag. Besorgt trocknete sie sich die Hände an einem Küchenhandtuch ab und schaute in Alinas Zimmer. Das Mädchen war gerade dabei, sich die staubigen Schuhe auszuziehen und lächelte ihre Mutter zur Begrüßung an. Die Mutter war verwirrt. Dieses frohe Lächeln passte irgendwie nicht zu den angestrengten Schatten unter Alinas Augen.

„Hattest du einen schönen Tag, mein Mädchen?“, fragte sie vorsichtig.

Alina nickte heftig und verschwand dann ins Badezimmer. Kopfschüttelnd ging die Mutter wieder in die Küche. Irgendetwas geschah mit Alina, seit sie immer zu diesen Touristen und ihren Tieren fuhr.

Beim Abendessen schien Alina ein bisschen unruhig. Sie aß schnell und weniger als sonst und wartete ungeduldig, bis die Eltern mit Essen fertig waren. Dann holte sie ihren Block hervor und schrieb etwas auf. Bevor sie den Zettel herzeigte, schaute sie den Eltern prüfend in die Augen. Dann legte sie mit einer schnellen Bewegung den Zettel auf den Tisch:

Ich will Tierärztin werden!

Die Eltern waren erstmal sprachlos. Der Vater reagierte als erster. Er schaute sehr zuversichtlich drein und sagte: „Das wäre sehr schön, Alina, das ist sicher ein besonderer Beruf.“

Die Mutter guckte ihren Mann verwirrt an. „Ja aber Kind“, sagte sie, und lehnte sich nach vorne, „willst du denn nicht lieber in einem schicken Hotel arbeiten? Mit hübschen Kleidern und netten Touristen?“ Alina schüttelte heftig ihre schwarzen Locken und tippte zur Bekräftigung mit dem Zeigefinger auf ihren Zettel, der mitten auf dem Tisch lag.

„Aber Tierarzt, ist so ein schmutziger Beruf“, sagte die Mutter etwas angewidert, „du bist doch so ein hübsches Mädchen.“

Alina verdrehte die Augen und sah hilfesuchend ihren Vater an.

„Na ja“, lenkte Papa ein, „es ist ja noch eine Weile Zeit, bis wir das entscheiden müssen.“

Ungeduldig sprang Alina auf, als wolle sie jetzt sofort zur Universität fahren und mit dem Studieren anfangen. Sie nahm den Zettel vom Tisch hielt ihn gutgelaunt noch einmal ihren Eltern vor die Nase. Dann winkte sie ihren Gutenachtgruß und ging in ihr Zimmer ins Bett.

Sie lag noch nicht ganz, da war sie schon eingeschlafen.

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Hank erwachte aus einem unruhigen Traum. Er fühlte sich benommen und schwach. Mühsam öffnete er die Augen. Es war hell. Er war in einem Raum. Er war allein. Alles roch fremd. Aber für ihn hatte in der letzten Zeit eigentlich immer alles fremd gerochen. Er erinnerte sich, dass er lange unterwegs gewesen war, viele Tage. Aber wie war er hierher gekommen? Das letzte, was er noch wusste war, dass er an einer Straße entlang gelaufen war.

Er versuchte, sich zu bewegen, besann sich aber augenblicklich eines besseren. Sein Bein tat weh, sobald er sich rührte und auch sein Kopf brummte gewaltig bei jeder Bewegung. Ergeben legte er sich wieder zurück auf das ungewohnt weiche Lager. Es war sehr angenehm, den Kopf auf dieses Weiche unter ihm zu legen. Und wenn er ganz still lag, dann tat auch nichts weh. Aber gucken und hören und riechen, das ging ohne Probleme. Zu sehen gab es nicht viel, aber was ihm die Luft an Geräuschen und Gerüchen zutrug, das war gewaltig. Hier waren auf jeden Fall viele Tiere. Katzen und Hunde. Es waren auch Menschen da, aber keine Männer. Das war schon mal gut. Vor Männern musste man sich in Acht nehmen. Die Tiergerüche waren okay, wohlgenährt und einigermaßen gesund. Gefährlich schien dieser Ort nicht zu sein. Es roch kein bisschen nach Angst.

Hank schloss die Augen und schlief wieder ein.

Als sich die Tür zu seinem Zimmer öffnete, wachte er wieder auf. Da kam eine Frau herein. Einem Impuls folgend wollte er weglaufen, aber er schaffte nicht mehr, als hektisch den Kopf zu heben. Die Frau sagte leise etwas und drehte sich von ihm weg. Dann ging sie langsam in einem kleinen Bogen auf ihn zu. Sie zeigte ihm ganz klar, dass sie freundlich war. Hank legte den Kopf wieder hin. Es war viel zu anstrengend, ihn in der Luft zu halten.

Die Frau hockte sich neben ihm nieder. Das war ihm eigentlich zu eng, aber er konnte ja sowieso nichts machen. Sie hielt ihm die Hand vor die Nase. Er schnupperte. Was wollte diese Frau? Sie nahm etwas und holte damit Wasser aus der Wand. Wasser war gut, das wollte er haben, er hatte eine furchtbar trockene Kehle. Aber wie sollte er trinken? Er konnte ja nicht im Liegen trinken! Die Frau stellte das Wasser vor ihn hin, machte irgendetwas damit und führte dann etwas Hartes und künstliches an sein Maul. Hank war irritiert. Aber dann kam da Wasser raus und er brauchte nur zu schlucken. Die Frau machte immer weiter, holte immer neues Wasser aus der Schüssel und Hank wollte wedeln, aber das tat noch total weh. Als er genug hatte und das Wasser nicht mehr schluckte, hörte die Frau auf.

Das war anstrengend gewesen. Sein Kopf brummte schon wieder. Er legte sich wieder hin und die Hand der Frau strich über seinen Kopf. Hank beschloss, dass diese Frau nett war und ihn beschützen würde, so lange er noch so schwach war. Dann schlief er wieder ein.

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„Wie geht es ihm?“ rief Annalina, kaum dass sie vom Fahrrad gestiegen war. Petra, die den Hof aufräumte, begrüßte sie. „Es geht ihm ganz gut. Er hat gestern Abend schon getrunken und heute Morgen das erste Futter angenommen. Er kann sich auch schon vorne wieder aufstützen, nur hinten tut es ihm wohl noch weh.“

„Darf ich zu ihm?“ fragte Alina aufgeregt.

„Wir wollen ihn heute in eine Außenbox verlegen, dann kannst du ihn sehen.“

Am Nachmittag trugen sie Hank ganz vorsichtig mitsamt seinem Kunststoffkorb hinaus in eine schattige Box in einer etwas abgelegen Ecke des Hofes, die nicht unmittelbar am Auslauf lag. Er sollte die anderen Hunde sehen, aber nicht direkt von ihnen bedrängt werden.

Alina betrachtete den verletzten Hund zum ersten Mal in Ruhe. Er war mittelgroß. Sein Fell war auf dem Rücken schwarz und an den Beinen und im Gesicht rotbraun. Er hatte einen schmalen Kopf und kurze kleine, Hängeöhrchen. Sein Gesicht war sehr nett und hübsch. Aber was war das? Der Hund fing auf einmal an mit den Augen zu zwinkern. Sein Maul bewegte sich ein bisschen und sie hörte wie leise die Zähne aufeinander klappten. Alina griff nach dem Arm von Sophie neben ihr. „Was hat er?“ fragte sie erschreckt.

„Tja“, sagte Sophie ein bisschen traurig, „er hat wahrscheinlich mal Staupe gehabt. Das ist eine Krankheit, die solche Zuckungen hinterlassen kann. Man nennt das Staupe-Tick.“

„Tut es ihm weh?“ fragte Alina besorgt.

„Nein, er kann damit ganz normal leben. Seine Muskeln zucken ganz unwillkürlich.“

Alina sah Sophie fragend an. „Pass auf, was deine Augen machen“, sagte Sophie und führte ihre Hand schnell auf Alinas Gesicht zu. Ihre Augen schlossen sich ganz von allein. „Genau so ist das bei Hank mit dem Zucken.“

„Dann ist es gar nicht so schlimm?“ fragte das Mädchen.

„Na ja“, antwortete Sophie zögernd, „es bedeutet, dass er so gut wie nicht vermittelbar ist. Hunde mit Staupe-Tick will niemand haben.“

Alina schaute den Hund noch eine Weile an. Er zwinkerte weiter und klapperte mit seinen Zähnen.

„Komm, wir lassen ihn mal in Ruhe“, sagte Sophie. „Heute Abend lassen wir Hogan zu ihm, der scheint die Neuen immer ganz gut beruhigen zu können.“

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Hogan war furchtbar aufgeregt, als die Frau ihn rief und ihm den neuen Hund zeigte. Für ihn bestand nicht der geringste Zweifel daran, dass dies schon die Erfüllung seines Wunsches war. Der Hund da war sein neuer Freund, der nicht mehr weggehen würde.

Hogan ging auf das Gitter zu und wedelte dabei langsam und ausschweifend. Das konnte er gut mit seinem langhaarigen Puschelschwanz. Das übersah so schnell keiner. Der andere schaute ihn erwartungsvoll an.

„Hi“, sagte Hogan.

„Hi“, erwiderte der Andere.

„T-t-tut’s noch weh?“

„Jo, total!“

„W-W-Wird b-bestimmt b-bald b-besser.“

„Hoffentlich, ich kann noch nichtmal sitzen.“

Hogan schaute den Neuen lange an. „Was ist mit deinem Gesicht los?“ fragte er dann.

„Weiß nicht“, nuschelte der andere. Offenbar war es ihm total unangenehm, darauf angesprochen zu werden.

„I-I-Ist doch e-egal“, sagte Hogan schnell. „M-M-Mit mir i-i-st ja a-a-auch nicht alles i-i-in O-Ordnung.“

Hank sah ihn erstaunt an. Ein anderer Hund mit einer Behinderung war ihm noch nicht begegnet. Sofort fühlte er sich wohler.

„M-Magst d-d-du, wenn ich ein bi-, ein bi-bisschen hier bleibe? O-Oder bist du m-mm-mmüde?“

„Wär schön, wenn du noch bleiben würdest“, zwinkerte der verletzte Hund.

Hogan freute sich. „D-Du k-kannst ruhig ei-ei-einschlafen, i-i-ich p-pass auf dich auf!“ strahlte er den anderen an.

Der legte seinen Kopf zwischen die Vorderpfoten und schaute seinen zotteligen Gefährten auf der anderen Gitterseite dankbar an.

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Sophie wühlte im Haus auf Petras Schreibtisch herum. Sie suchte dringend eine bestimmte Medikamenten-Abrechnung und konnte sie nicht finden. „Petra, ich blick hier nicht durch“, rief sie. „Ich finde die Abrechnung nicht!“

„Doch, die muss da sein“, rief Petra von draußen. „Ich habe sie heute Morgen noch in der Hand gehabt.“

Sophie suchte weiter. Bestimmt hatten die Katzen da mal wieder ihre Pfötchen im Spiel gehabt. Sie schienen eine besondere Vorliebe für Papier zu haben und auf einigen Blättern fanden sich auch verräterische Abdrücke von schmutzigen Füßchen und spitzen kleinen Zähnen.

Sophie schaute unter den Schreibtisch und ihr Blick fiel auf den überfüllten Papierkorb. „Wahrscheinlich aus Versehen weggeschmissen“, murmelte sie vor sich hin und leerte kurzerhand den ganzen Korb auf dem Boden aus. Sie wühlte in den zerknüllten Papieren. Auf einmal fiel ihr eins von Alinas Blättern in die Hand. Auf dem Blatt hatte das Mädchen offenbar ihren Hund gezeichnet, denn es stand „Manawa“ darunter geschrieben.

Sophie sackte mit der Zeichnung in der Hand rückwärts an die Wand. Das konnte doch nicht wahr sein! Die gezeichnete Hündin auf dem Bild hatte eindeutig eine Knickrute und eine weiße Schwanzspitze. Was hatte Alina gestern gesagt? Ihre Eltern hatten sie gezwungen, die Hündin in den Bergen auszusetzen.

„Petra!“ brüllte Sophie.

„Meine Güte, was machst du denn für ein Theater wegen dieser blöden Abrechnung?“ rief Petra als sie genervt herein kam. Dann sah sie Sophie hinter dem Schreibtisch an der Wand lehnen.

„Was ist los? Hast du einen Geist gesehen?“ fragte sie.

„Schau mal, was ich gefunden habe“, sagte Sophie und hielt Petra den Zettel hin.

„Ja, das ist die Zeichnung, die Alina gemacht hat, als sie zum ersten Mal hier war. Ihre Hündin. Die sie hier gesucht hat.“

„Weißt du, wer das ist?“, fragte Sophie.

Petra starrte ihre Freundin nur an.

„Das“, sagte Sophie langsam, „sieht genau so aus, wie die neue Hündin bei meinem Rudel.“

Petra setzte sich neben Sophie auf den Boden. „Ach du Scheiße!“ Mehr fiel ihr im Moment nicht ein.

„Genau!“ konstatierte Sophie.

„Sollen wir es ihr sagen?“ fragte Petra.
„Wir müssen es ihr sagen“, antwortete Sophie, „aber wir müssen vorher nachdenken. Wir können ja nicht einfach da rauf fahren, und den Hund aus dem Rudel holen. Oder?“
Plötzlich flog die Tür auf und Alina kam herein. „Sagt mal, wo ist denn…“, Alina kam nicht weiter. Sie sah die beiden Frauen auf dem Boden hocken und hatte sofort das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte. Mitten in der Bewegung hielt sie inne, die Türklinke noch in der Hand. Irgendeine seltsame Vorahnung bewirkte, dass sie innerlich anfing zu zittern.

„Alina, komm mal her“, sagte Petra ganz sanft, „komm, setzt dich zu uns.“
Das Mädchen mit den schwarzen Locken ging wie in Zeitlupe auf die beiden Frauen zu und setzte sich langsam hin. Sie sah, dass Sophie einen von ihren Zetteln in der Hand hielt.

Sophie fing zögernd an zu sprechen: „Alina, ich habe diese Zeichnung von dir gerade eben durch Zufall gefunden und sie vorher noch nie gesehen.“
Alina runzelte die Stirn. Was war hier los?
Sophie schluckte einmal schwer. Dann sagte sie:
„Ich kenne diese Hündin und ich weiß wo sie ist.“

Augenblicklich fing Alina am ganzen Körper an zu beben. Ihr Herz klopfte wie rasend. Sie atmete schneller, aber irgendwie schien sie trotzdem nicht genug Luft zu bekommen. Sie versuchte noch mehr zu atmen, aber es klappte nicht und ihr wurde schwindelig.

„Sie hyperventiliert!“ hörte sie Sophie irgendwo hinter einer Nebelwand rufen. Im nächsten Moment drückten sie ihr eine Plastiktüte vor Mund und Nase.

„Alina!“ Sophies Stimme versuchte zu ihr durchzudringen. „Atme in die Tüte, dann geht es dir gleich besser!“

Viel mehr hörte sie nicht, bevor eine samtene Dunkelheit sie umfing und sanft davon trug. 

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