3. Teil: Die Saphire
- 1: 1. Teil: Wünschen ist nicht immer einfach.
- 2: 2. Teil: Freundschaft ist keine Frage der Zeit.
- 3: 3. Teil: Die Saphire.
- 3.1: Prolog.
- 3.2: 1 - Der Rat der Saphire.
- 3.3: 2 - Annalina.
- 3.4: 3 - Leon.
- 3.5: 4 - Manawa.
- 3.6: 5 - Das Schweigen.
- 3.7: 6 - Quinns Auftrag.
- 3.8: 7 - Sophie.
- 3.9: 8 - Begegnungen.
- 3.10: 9 - Salz.
- 3.11: 10 - Hogan.
- 3.12: 11 - Hank.
- 3.13: 12 - Die Zeichnung.
- 3.14: 13 - Ari.
- 3.15: 14 - Showdown.
- 3.16: 15 - Die Schlucht.
- 3.17: 16 - Nachwirkungen.
- 3.18: 17 - Verloren.
- 3.19: 18 - Das Amulett.
- 3.20: 19 - Sherrys Entschluss.
- 3.21: 20 - Tüte.
- 3.22: 21 - Freunde.
- 3.23: 22 - Yax.
- 3.24: 23 - Abschiede.
- 3.25: 24 - Helden.
- 3.26: Epilog.
Hank
Annalina fuhr jetzt regelmäßig und fast jeden Tag zum Shelter. Sie hatte noch Sommerferien und die Mutter erlaubte ihr, so oft in die Pflegestelle zu fahren. Alina hatte ein bisschen geflunkert und geschrieben, dass sie bei Touristen mithelfe, einige Tiere zu füttern. Die Eltern hatte Alina schon früher immer angehalten, Deutsch zu lernen, und in den Touristenbetrieben auszuhelfen, damit sie später eine gute Anstellung bei einer Reisegesellschaft oder in einem schönen Hotel bekommen könnte.
Gemütliches Safttrinken wie bei den ersten zwei Besuchen im Shelter gab es kaum noch. Petra und Sophie hatten schnell gemerkt, dass Alina eine echte Hilfe war und zu tun gab es genug. Petra ließ einige Routinearbeiten für das Mädchen übrig und nutzte die Zeit für wichtige Aufgaben, die lange liegen geblieben waren. Die beiden Frauen achteten aber darauf, dass das Mädchen sich nicht zu sehr anstrengte und auch immer eine Aufgabe für sie dabei war, die abwechslungsreich und schön war.
Annalina lernte, wie man 20 Katzenklos hintereinander sauber machte und dabei sehr sparsam mit der Streu umging. Sie fütterte oft die Katzen und wusste bald genau, welches Tier in welchem Raum, welches Futter bekam. Bei den Hunden bekam sie immer wieder andere Aufgaben. Mal wurde sie gebeten, langhaarige Hunde zu bürsten und mal durfte sie mit einem Hund einen kleinen Spaziergang machen. Zuerst fiel es Alina sehr schwer, mit einem der Hunde hinaus zu gehen. Es erinnerte sie so sehr an Manawa. Aber bald merkte sie, dass es ganz anders war. Diese Hunde hatten ein Geschirr und eine Leine, die sie unter keinen Umständen losmachen durfte. Und diese Hunde freuten sich so sehr, wenn sie mal spazieren gehen konnten, dass Alina ihnen diese Freude auf keinen Fall aus Sentimentalität verwehren wollte.
Oft beobachtete Petra, wie Alina von ganz allein irgendwelche Erledigungen ausführte, die sie sich einfach abgeschaut hatte. Sie ordnete die Leinen und Halsbänder, trennte im Waschraum sorgfältig die Hunde- und Katzendecken und schrieb einen Zettel, wenn irgendwo der Vorrat an Futterdosen zur Neige ging. Alina war einfach klasse und eine wirklich große Entlastung für Petra.
Sophie, die für die Gesundheit der Tiere zuständig war, zeigte Alina, wie man Zecken richtig entfernte, wie man feststellte, ob ein Tier Flöhe hat und wie ein entzündetes Ohr zu erkennen war. Einmal kam Alina zu ihr und bedeutete, dass sie ihr zu einem Wurf Welpen folgen möchte. Sie deutete auf einen der kleinen Hunde und schrieb: „Krank“ auf ihren Block. Sophie sah sich den Kleinen an und zuckte die Schultern. „Wieso glaubst du, dass er krank ist?“ fragte sie. „Ist langsamer und guckt so“, schrieb Alina. Sophie blieb eine Weile neben dem Wurf sitzen und beobachtete die Welpen. Tatsächlich schien der eine deutlich schwächer. Sophie nahm den Kleinen mit ins Haus um ihn unter Beobachtung zu halten. Er hatte Durchfall und für einige Tage hatten Petra und Sophie große Angst, dass unter den Welpen eine schwere Infektionserkrankung ausgebrochen sein könnte. Aber der Welpe erholte sich unter Sophies Behandlung wieder und konnte zu seinen Geschwistern zurück, die alle gesund blieben. Alina wurde sehr gelobt für ihre Aufmerksamkeit.
So verging eine ganze Woche und Alina hatte das Gefühl, es wären schon viele Wochen. Zum ersten Mal seit Manawa fort war, gab es etwas, was sie wirklich wichtig fand. Die Katze, die sie am ersten Tag so erschreckt hatte, war eine richtige kleine Freundin für sie geworden. Jeden Mittag, wenn Alina vor dem Haus saß und Pause machte (Petra bestand darauf, dass sie sich mittags ausruhte und etwas aß und trank), kam die Katze und rollte sich auf ihrem Schoß zusammen. So auch heute.
Sophie trat aus der Tür in die sengende Sonne und freute sich über die kleine Mädchen-Katzen-Idylle. „Sag mal, Alina“, fragte Sophie, „hättest du vielleicht Lust, morgen mit mir ein wild lebendes Rudel zu besuchen?“ Alina schaute sie mit fragenden Augen an und Sophie erzählte, dass sie alle paar Tage eine Gruppe wild lebender und äußerst Menschenscheuer Hunde fütterte. Alina wollte natürlich unbedingt mit! „Dann komm morgen mal etwas früher“, sagte Sophie, „wir fahren zeitig los.“
Alina war am nächsten Morgen mehr als früh zur Stelle. Einen ganzen Tag mit Sophie allein unterwegs zu sein und die Ehre zu haben, von ihr mitgenommen zu werden, machte sie ganz stolz. Sie stieg voller Vorfreude in den klapprigen Wagen und sie fuhren los. Sophie fuhr erst in Richtung des nächst größeren Ortes, denn sie wollte noch kurz etwas für Petra in der Apotheke abholen. Von dort aus fuhren sie auf einer großen Straße wieder in Richtung Berge. Es war ein grandioser Ausblick. Vor ihnen fuhr ein einheimisches Auto.
Sophie und Alina lachten und machten Scherze darüber, dass dieses Auto so langsam fuhr.
Weiter vorne sahen sie auf einmal am Straßenrand ein Hund. Er lief gleichmäßig schnell neben dem Asphalt und hatte offensichtlich Erfahrung mit Straßen. Nicht einen Tritt machte er zu weit auf die Fahrbahn. Plötzlich gab der Wagen vor ihnen Gas und schwenkte nach links auf den Hund zu. Alina schrie auf und Sophie schimpfte und fluchte laut. Der Hund rannte erschreckt schneller, aber das Auto konnte auf einmal doch schneller fahren und hielt weiter auf den Hund zu. Sophie gab ebenfalls Gas und beschimpfte brüllend den Fahrer mit Ausdrücken, die Alina glücklicherweise nicht verstand. Und dann passierte es: Mit einem dumpfen Aufprall erfasste das Auto vor ihnen den Hund, der laut aufschrie und sofort in den Straßengraben stürzte. Das Auto fuhr einfach weiter. Alina war starr vor Entsetzen. Ihr Herz hämmerte.
Sophie lenkte den Wagen schnell auf die Seite, sprang hinaus, riss den Kofferraum auf und holte einen großen, silbernen Koffer heraus. Damit eilte sie zu dem Hund. Alina wusste nicht, was sie tun sollte. Sie löste ihren Sicherheitsgurt und stieg langsam aus dem Wagen. Sophie hockte am Straßenrand. „Alina, komm schnell her“, rief sie. Alina lief los.
Der Hund lag auf der Seite und atmete schwer. Immer wieder jaulte er auf, wenn er versuchte, sich zu bewegen. Seine Augen waren aufgerissen und voller Angst. Sophie legte ihre Hand oben auf seine Schnauze und klappte mit dem Daumen eine Lefze hoch. Die Schleimhäute des Hundes waren ganz weiß. „Er ist blass“, sagte Sophie „sein Kreislauf ist schwach, er hat einen Schock.“ Alina erinnerte sich, in irgendeinem Buch gelesen zu haben, dass bei einem Schock alles Blut in die Mitte des Körpers fließt, damit die wichtigsten Organfunktionen aufrechterhalten werden. Sie wusste, dass ein Mensch oder ein Tier an einem Schock sterben konnten. Ängstlich blickte sie Sophie an. Konnte sie dem Hund denn nicht helfen?
Sophie holte mit schnellen, routinierten Bewegungen ein Stethoskop aus dem Koffer und hörte den Hund ab. Ihr Gesicht erhellte sich ein wenig. „Die Lunge ist frei“, sagte sie, er kann atmen. Der Aufprall war wahrscheinlich nur hinten.“
Atmen ist schon mal gut, dachte Alina. Und was jetzt?
Sophie holte einige dünne Schläuche aus dem Koffer. Einen davon zog sie in einer Schlinge über einen Vorderlauf des Hundes und zog die Schlinge dann mit einer kleinen Schelle zu. „Halt das mal hier fest“, sagte sie zu Alina und legte die Hände des Mädchens an die richtigen Stellen um das Bein zu stabilisieren. Alina war froh, endlich etwas tun zu können und konzentrierte sich darauf, dem Hund das Bein zu halten. Durch den engen Schlauch staute sich das Blut im Bein und die Adern traten hervor. Sophie griff mit einer Hand das Bein und nahm mit der anderen eine Nadel, die in einer Plastikhülle steckte. Sie hielt die Hülle mit den Zähnen fest und zog die Nadel heraus. Dann schob sie das spitze Metall in eine der Adern. Alina hielt die Luft an. Jetzt bloß die Nerven behalten!
Als die Nadel drin war, klebte Sophie ein Pflaster darüber, damit sie nicht verrutschte. Dann nahm sie einen großen, mit Flüssigkeit gefüllten Plastikbeutel aus dem Koffer. An dem Beutel hing ein dünner Schlauch. Das Ende des Schlauches machte sie hinten an der Nadel fest. „Halt jetzt mal den Beutel“, sagte Sophie, „du musst ihn immer so halten, dass er ein ganzes Stück über dem Hund ist.“ Alina nahm den wabbeligen Beutel und hielt in oben an einer Schlaufe fest. Sophie löste den Stauschlauch, der das Bein abgebunden hatte. Dabei erklärte sie: „Die Flüssigkeit ist gegen den Schock. Er kann jetzt nicht mehr an dem Schock sterben.“
Bei Alina kam nur „nicht sterben“ an und sie war sehr erleichtert. „Jetzt bringen wir ihn hier weg. Seine Verletzungen können wir dann später untersuchen.“ Sophie hob den Hund vorsichtig hoch. Er jaulte schwach. Er war schwer und Sophie musste sich sehr anstrengen. Alina gab sich alle Mühe, ihr mit einer Hand zu helfen, während sie mit der anderen die Infusion hoch hielt.
Sie legten den Hund auf die Rückbank und Alina setzte sich nach hinten neben ihn. Sophie holte noch ihren Koffer und dann fuhren sie los. Während Sophie den Wagen wendete und in halsbrecherischem Tempo die Straße zurück fuhr, rief sie nach hinten zu Alina: „Lege Deine Hand auf seine linke Brustwand. Du musst den Herzschlag fühlen. Wenn er anfängt zu rasen oder nicht mehr fühlbar ist, dann klopfst du mir auf die Schulter, klar?“ Alina nickte in den Rückspiegel. Sie suchte mit einer Hand die Brust des Hundes ab und zwang sich dabei zur Ruhe. Da, ein Klopfen. Das Herz. Es klopfte ziemlich schnell, aber „Rasen“ war etwas anderes.
Nach einer Weile fühlte Alina etwas Warmes an ihrem Bein. Sie nahm die Hand von der Brust des Hundes und fühlte unter dem schweren Körper nach. Als sie die Hand wieder hervor zog, war sie nass von frischem Blut. Da vergaß sich Alina. „Sophie“, brüllte sie gegen das Fahrgeräusch, „er blutet, er blutet ganz doll, ich weiß aber nicht wo!“
„Da können wir jetzt nichts dran machen“, rief Sophie nach hinten, „ich beeile mich, dass wir ganz schnell im OP sind. Die Infusion hilft ihm, den Blutverlust auszugleichen.“ Und nach einer Pause: „Wieso kannst du auf einmal sprechen?“
Alina antwortete nicht. Es war ihr scheißegal, ob sie sprechen konnte oder nicht. Sie wollte dass dieser Hund nicht starb.
Endlich kamen sie in der Pflegestelle an. Sophie fuhr laut hupend auf das Haus zu. Das war für Petra das Signal: OP bereit machen. Als sie ankamen hatte Petra die Hofhunde schon weggesperrt und sie konnten mit dem verletzten Hund schnell hinein und in das Behandlungszimmer laufen. Dort war schon Licht an und verschiedenen Metallbehälter mit Instrumenten standen bereit. Als sie den Hund auf den Tisch legten, sah man schon, wo das ganze Blut her kam. Er hatte eine große, klaffende Wunde an einem Oberschenkel. Das Blut sickerte jetzt nur noch langsam.
Sophie zog sofort einige Spritzen auf und gab sie dem Hund, der jetzt wie ohnmächtig wirkte.
„Okay, Alina“, sagte Sophie ruhig, „wir werden den Hund jetzt untersuchen, um genau festzustellen, was er für Verletzungen hat.“ Sophie tastete den schlaffen Körper sorgfältig ab und bewegte die Gliedmaßen. „Er hat großes Glück“, sagte Sophie, „ich hatte Angst, dass er die Hüfte ausgekugelt hat, aber er hat noch nicht einmal einen Knochen gebrochen, wie es ausschaut.“
Vorsichtig legte sie den Hund so hin, dass die Wunde nach oben lag. „Wir müssen uns jetzt um diese Wunde kümmern. Wasch dir die Hände, Alina.“
Alina trat an das Waschbecken an der Wand und wusch sich die Hände mit Seife. Eine Mischung aus Dreck und Blut lief in den Abfluss. Sophie kam dazu und zeigte ihr, wie sie sich die Arme bis zum Ellenbogen mit Seife und Bürste waschen sollte. „Willst du mir weiter helfen?“ fragte sie leise. „Kannst du noch?“ Alina nickte heftig. Sophie warf Petra einen Blick zu.
Petra hielt den beiden einen Behälter mit eingeschweißten Gummihandschuhen hin. Alinas Herz hämmerte vor Aufregung, während sie die hauchdünnen Handschuhe überstreifte.
„So, Alina,“ fuhr Sophie konzentriert fort, „Du nimmst jetzt dieses Instrument hier, greifst damit immer einen dieser Tupfer aus dem Behälter und tauchst sie da in die Flüssigkeit. Dann reichst Du mir den Tupfer an, okay?“ Alina nickte und nahm das scherenartige Ding in die Hand, das Sophie ihr reichte. Oben sah es genau aus wie eine Schere, aber unten war anstatt Schneideflächen eine Art Greifer angebracht, wie bei einer Zange. Mit dieser Tupferklemme nahm sie die weißen Tupfer und tauchte sie in die medizinisch riechende Flüssigkeit.
Sophie säuberte mit den Tupfern die große Wunde. Es dauerte anscheinend ewig, aber die Tierärztin hatte jetzt keine Eile mehr und machte ihre Arbeit sorgfältig. Die Wunde wurde von der Mitte nach außen hin von Schmutz und verkrustetem Blut gereinigt. Dann nahm Sophie einen elektrischen Rasierer und rasierte das Fell im Bereich der Wunde ab, damit sie das genaue Ausmaß der Verletzung sehen konnte.
„Schau, die Haut und die darunter liegenden Muskeln sind durch den Aufprall bis in die Tiefe verletzt worden. Wir müssen alles Gewebe, das zerstört ist, wegnehmen und die Wunde dann nähen.“ Sophie warf Petra, die im Hintergrund stand einen Blick zu und Petra zeigte ihr den nach oben gerichteten Daumen. Petra stand so hinter Alina, dass sie das Mädchen notfalls sofort auffangen könnte, falls es ohnmächtig würde. Und Petra hatte ständig ein Auge auf das junge Gesicht, und beobachtete, ob sie eventuell blass würde. Aber aus Alinas Gesicht sprach nur höchste Konzentration.
„Petra schaust du mal nach seinem Kreislauf“, bat Sophie. Sie war sich inzwischen sicher, dass Alina nicht schlapp machen würde. Petra trat zum Kopf des Hundes, kontrollierte die Schleimhäute und hörte ihn dann mit einem Stethoskop ab. „Alles in Ordnung“ sagte sie.
Sophie öffnete einen Behälter aus dem ein strenger Geruch stieg. „Alina, ich brauche jetzt diese Kompressen hier, die du vorher in diese Flüssigkeit hier tauchst.“ Sie reichte ihr ein frisches Instrument und warf das andere in einen bereitstehenden großen Behälter. Sophie desinfizierte die Wunde mit Alinas Hilfe.
„So, dann können wir jetzt loslegen“, sagte sie. Sie wechselte die Handschuhe und legte mit schnellen, sicheren Bewegungen steriles Besteck, Tupfer, Skalpellklinge, weitere sterile Handschuhe und Nahtmaterial bereit.
„Ich lege ihn jetzt in Narkose“, erklärte sie, während sie wieder eine Spritze aufzog. Er scheint zwar bewusstlos, aber wenn ich die Wunde versorge, könnte ihm das so wehtun, dass er aufwacht.“ Alina schaute Sophie besorgt an. „Keine Angst, kleines Mädchen“, sagte Sophie lächelnd, „es ist nur eine ganz leichte Narkose. Ich habe das schon tausend Mal gemacht.“ Sie befestigte die Spritze an dem Venenkatheter und drückte eine winzige Menge hinein.
Petra reichte ihr ein Paket, in dem sich ein großes, steriles Tuch befand, das in der Mitte ein Loch hatte. Damit deckte sie den Bereich rund um die Wunde ab. Dann griff sie zu einem Skalpell und schnitt an den Wundrändern entlang. Es blutete wieder etwas. „Alina, bitte tupfe das Blut dort auf“, sagte Sophie. Dann erklärte sie, „schau, ich muss das zerrissene und gequetschte Gewebe am Wundrand entfernen, denn es kann so nur ganz schlecht heilen. Wenn ich einen frischen Schnitt mache und den zunähe, dann wächst das viel besser wieder zusammen.“
Jetzt nahm Sophie eine fast kreisrund gebogene Nadel und zog aus einer kleinen Spule einen langen, dünnen Faden. Geschickt nähte sie erst die Muskulatur, dann die Unterhaut und zum Schluss die obere Haut zusammen. Alina schaute staunend zu. Sie hatte vergessen, dass Blut und Wunden irgendetwas Schreckliches sind. Sie war vollkommen davon gebannt, wie Sophie aus dem blutigen Chaos an dem Bein eine ordentliche Naht machte.
„Hier, sprüh das mal auf die Naht“, sagte Sophie und gab Alina eine Sprayflasche in die Hand. Alina drückte vorsichtig auf den Knopf und eine silbrige Schicht legte sich auf die Wunde. „Wir können diese Stelle nur schlecht verbinden“, erklärte Sophie, „deshalb muss da dieses Silberspray drauf. Es schützt die Naht vor Infektionen.“
Gemeinsam trugen sie den Hund vorsichtig in einen ruhigen, leeren Nebenraum. Dort legten sie ihn auf ein weiches Lager. „Ich bleibe bei ihm, bis er aufwacht“, bot sich Petra freiwillig an.
Zehn Minuten später saß Alina draußen vor der Tür auf dem Boden, lehnte an der Hauswand und ließ sich die warme Sonne ins Gesicht scheinen. Sophie saß ihr gegenüber in einem Stuhl und beobachtete dieses erstaunliche Mädchen. Schließlich blinzelte Alina in die Sonne und streckte ihre angespannten Muskeln. „Danke für deine Hilfe“, sagte Sophie, „dafür, dass es das erste Mal war, hast du mir klasse assistiert.“
Alina zeigte keine Regung. Ein bisschen hatte Sophie schon noch Sorge, dass das alles zu viel für das Mädchen gewesen sein könnte. Sie versuchte, leichthin zu klingen. „Jetzt braucht unser Patient aber noch einen Namen“, sagte sie.
„Hank“, erwiderte Alina trocken.
"Wie kommst du auf Hank?“ fragte Sophie erstaunt.
„Keine Ahnung“, sagte Alina, „fiel mir so ein.“
„Warum hast du uns glauben lassen, dass du nicht sprechen kannst?“ fragte Sophie. Sie hatte das Gefühl, dass dieser momentane Ausnahmezustand nach der Operation der richtige Moment für diese Frage war.
Alina blieb ganz ruhig. Es war nicht mehr wichtig. „Ich habe seit Monaten mit niemandem gesprochen“, antwortete sie, „seit meine Eltern mich gezwungen haben, meine kranke Hündin in den Bergen auszusetzen.“ Ganz langsam kullerten dem Mädchen Tränen über die Wangen. Sie saß da ganz still und weinte. Sophie wusste, dass sie jetzt nichts sagen durfte. Ihr kamen ebenfalls die Tränen bei dem Gedanken, was dieses starke Kind mit sich hatte ausmachen müssen. Und jetzt saß Alina da und schien sich mit jeder Träne und jeder Minute mehr zu entspannen.
„Alina, du bist das großartigste Mädchen, das mir je begegnet ist“, sagte Sophie.
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