Hogan

„Hey, K-K-K-Quinn, kann ich dich m-m-mal was f-fragen?“
Hogan hatte all seinen Mut zusammen genommen um den Saphir so direkt anzusprechen. Quinn, der gerade nichts anderes tat, als aufmerksam die leere Straße zu beobachten, drehte sich zu ihm um.
„Klar, Kumpel“, sagte er, „schieß los!“

„S-s-sag m-m-mal, k-k-kannst du so richtige W-W-Wünsche erfüllen?“ stotterte der zottelige weiße Hund.

‚Ich bin doch nicht der Weihnachtsmann’, wollte Quinn erst scherzhaft antworten, aber dann sah er, wie ernst es dem wuscheligen Hogan war. Der arme Kerl schien ganz aufgeregt zu sein.
„Hmmm, - was hast du denn für einen Wunsch?“ fragte Quinn also zurück.
Hogan tippelte schüchtern mit den Vorderpfoten und drehte den Kopf hin und her.
„W-W-Weißt du, i-i-ich möchte n-n-nicht mehr so allein sein!“

Quinn runzelte die Stirn. Der Hof war voller Hunde! Fast immer war eine von den beiden Frauen da. Wieso fühlte sich Hogan allein? Der zottelige Hund bemerkte Quinns Blick. „Es, es ist so“, erklärte er, „i-i-ich bin schon so lange hier u-und d-d-die ganzen Anderen sind immer nur k-k-kurz hier. I-I-Immer wenn ich einen F-F-Freund g-g-gefunden habe, dann b-b-bringen sie ihn hier weg.“

„Tja, aber weißt du“, versuchte Quinn ihn zu trösten, „die kommen ja in ein richtiges Zuhause, es geht denen ja dann besser als hier. Und außerdem muss ja hier auch immer Platz gemacht werden für Neue, denen es noch ganz schlecht geht.“

„H-m-m“, nickte Hogan betreten, „i-i-ich m-m-möchte ja auch, d-dass alle ein sch-, ein sch-schönes Zuhause bekommen. A-A-Aber ich b-b-bin oft so t-, so t-t-traurig.“ Quinn konnte in dem zotteligen Hundegesicht Hogans Augen gar nicht sehen, aber den Kummer, der aus dem weißen Hund sprach, den konnte er fühlen. Hogan tat ihm leid.

„Ich werde mal sehen, was sich machen lässt“, sagte Quinn und knuffte den anderen freundlich in die Seite. Hogan wedelte wie wild. „T-T-Toll!“ strahlte er und rannte vor lauter Freude am Zaun entlang im Kreis. Sein langes Fell flatterte dabei lustig im Wind.

‚Was hab ich jetzt bloß gemacht?’ fragte sich Quinn im Stillen. Er durfte Hogan nicht enttäuschen, aber im Moment hatte er noch keine Ahnung, wie er ihm helfen könnte.

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Alina hielt es ganze drei Tage aus, dann fuhr sie wieder mit dem Rad los zum Shelter. Am liebsten wäre sie ja direkt an dem Tag nach ihrem ersten Besuch wieder hin gefahren. Aber das hätte vielleicht so ausgesehen, als ob sie nerven würde. Sie hatte ziemlich viele Zettel geschrieben, auf denen sie versuchte zu erklären, warum sie neulich so plötzlich weggelaufen war. Aber sie hatte sie alle in den Müll geworfen. Wie blöd, dass sie stumm war! Ganz kurz überlegte Alina, ob sie nicht einfach mit Petra sprechen sollte. Es würde bestimmt niemand erfahren, dass sie bei den Deutschen redete. Aber andererseits war das ja völlig albern, erst da aufzukreuzen und einen auf stumm zu machen und dann doch reden zu können. Was war das alles kompliziert!

Schließlich siegte ihre praktische Seite und sie beschloss, einfach hin zu fahren und die Dinge auf sich zu kommen zu lassen. Früh am Morgen schrieb sie ihrer Mutter einen Zettel „Ich mache eine Radtour am Berg entlang. Komme am Nachmittag wieder, kann etwas später werden.“ Die Mutter nickte und packte ihr fürsorglich ein riesiges Lunchpaket. Alina nahm es (in Gedanken an die Hunde) dankbar mit und flitzte los. Unterwegs pfiff sie Lieder vor sich hin. Pfeifen durfte man ja wohl, auch wenn man stumm war!

Endlich kam sie verschwitzt und mit hochrotem Kopf am Shelter an. Sie war kaum länger als die Hälfte der Zeit gefahren, die sie vor drei Tagen hierher gebraucht hatte. Wieder stürmten die Hunde ans Gitter und sprangen daran hoch. Alina lächelte und berührte mit den Händen die vielen Nasen, die sich durch den Maschendraht drückten. Petra trat aus dem Haus und ein erstauntes Lächeln malte sich auf ihr Gesicht, als sie Alina erkannte. Sie kam schnell zum Tor und ließ sie ein. Die ersten fünf Minuten kamen die beiden allerdings nicht dazu ein Wort zu wechseln, denn die frei laufenden Hunde bestürmten das Mädchen erfreut und ließen sich nicht so schnell beruhigen.

Dann winkte Petra Alina hinter sich her. Diesmal lud sie sie an einen Tisch draußen vor dem Haus ein. Die Sonne stand noch nicht im Mittag und der Tisch befand sich in angenehmem Schatten. Alina zückte sofort ihren Block und schrieb auf Englisch: „Tut mir leid, dass ich neulich einfach so abgehauen bin.“ Petra lächelte verständnisvoll: „Das war wohl alles ein bisschen viel für dich, oder?“ Meine Güte, Alina fühlte sich schon wieder total gerührt von dieser Freundlichkeit. Hier war es echt schwer, seine Gefühle im Zaum zu halten. Alina nahm einen neuen Zettel. „Ich wollte fragen, ob ich hier was helfen kann.“ Ihr Herz klopfte heftig, als sie Petra diesen Zettel hinüber schob.

Aber Petra kam gar nicht dazu, zu antworten, denn drinnen im Haus schepperte irgendetwas schrecklich laut und dann klang es so, als ob eine Frauenstimme heftig fluchte. Allerdings auf Deutsch, so dass Alina kein Wort verstehen konnte. Petra sprang auf und lief ins Haus. Dann rief sie: „Annalina!“ Alina sprang sofort auf und lief ins Haus. Hinter dem Wohnraum, den sie beim letzten Mal schon gesehen hatte, lag ein kurzer Flur. Dort stand Petra und wartete auf sie. Vom Flur aus ging ein kleiner Raum ab, der wohl mal eine Art großes Badezimmer gewesen war. Jetzt waren allerdings die Wände mit Regalen vollgestellt, die lauter medizinische Sachen enthielten. In der Mitte stand ein hoher Tisch aus Metall und darüber hing eine große Lampe. Auf dem Boden lagen unzählige metallene Instrumente verstreut. Das musste das Scheppern gewesen sein. Eine Frau kniete mitten in der Bescherung und sammelte die Sachen vorsichtig auf.

„Das hier ist Annalina“, sagte Petra. Die Frau schaute auf. Sie war jung und sah sehr nett aus. „Hallo Annalina,“ sagte sie und streckte dem Mädchen ihre Hand hin, „ich heiße Sophie und hätte dich neulich beinahe überfahren.“ Alina wurde knallrot. „Na, ist ja schon gut“, lachte Sophie und schüttelte ihr die Hand. „Ist ja nichts passiert.“

„Sag mal Annalina“, grinste Petra, „wolltest du nicht etwas helfen?“ Alina verstand und nickte lachend. Klar, wollte sie helfen. Sie hockte sich auf den Boden und fasste eins der Instrumente an. „Sei ganz vorsichtig“, erklärte Sophie, „manche davon haben vorne spitze Klingen, die sind sehr scharf.“ Gemeinsam sammelten sie die heruntergefallenen Sachen auf und räumten sie in flache Metallbehälter. Sophie erklärte dabei, dass es chirurgische Instrumente waren. Solche Wörter wie Skalpell oder Klammer konnten beide nicht übersetzen, aber sie waren sehr erfolgreich in Zeichensprache.

Als sie alles eingeräumt hatten, zeigte Sophie ihr, wie Instrumente für Operationen sterilisiert werden. Es war etwas schwierig mit der Sprache aber Alina verstand sehr schnell. ‚Sie ist nicht nur schnell von Begriff’ dachte Sophie, ‚sie weiß auch ganz schön viel.’ Welches Kind auf dieser Insel hatte schon eine Vorstellung davon, was steril bedeutete. Sehr interessiert schaute sie zu, wie das Mädchen geschickt die Instrumente ordnete.

Später aßen die drei zusammen von einem großen Kuchen. Es war einer aus dem Supermarkt. Normalerweise mochte Alina solche Kuchen nicht. Ihre Mutter backte die viel besser. Aber Alina fühlte sich großartig hier mit den beiden netten Frauen. Es hatte ihr riesigen Spaß gemacht, Sophie zu helfen. Sie war sehr neugierig auf die Arbeit der Tierärztin.

Dann fiel ihr etwas anderes ein. Sie nahm einen Zettel und schrieb: „Ich möchte gern die Katze wieder sehen, die vor mir auf dem Tisch gesessen hat.“ Sophie und Petra schauten sich suchend um. „Sie sitzt da draußen“, sagte Petra schließlich und deutete aus dem Fenster. Die Katze lag entspannt auf einem der Stühle vor dem Haus. „Geh nur hin“, sagte Sophie und Alina stand auf und ging hinaus.

Langsam näherte sie sich der Katze. Sherry hob den Kopf und stand sofort auf. Sie machte einen Buckel und drückte dann ihre Stirn an Alinas Hand. Das Mädchen kraulte der Katze den hübschen Kopf. Es war wie ein Wiedersehen unter Freunden.

Als es Nachmittag wurde, verabschiedete sich Alina von Petra und Sophie. Es fiel ihr richtig schwer, wegzufahren. Es gab es hundert Dinge die sie hier noch näher kennen lernen wollte. Aber sie hatte noch einen weiten Weg mit dem Fahrrad vor sich. „Darf ich wieder kommen?“ schrieb sie auf einen Zettel. „Ja klar“, sagte Sophie und grinste, „mir fällt immer wieder mal etwas herunter.“ Petra, die etwas weniger forsch veranlagt war, sagte freundlich: „Du bist immer willkommen.“ Alina strahlte.

Als sie auf ihr Fahrrad stieg, fiel ihr Mamas Lunchpaket ein, das auf dem Gepäckträger festgeklemmt war. Sie öffnete den Beutel. Ihr blickten einige total aufgeweichte Brötchen und Kuchen entgegen. Alina hielt ihn den beiden Frauen den Beutel hin. Mit fragendem Gesicht deutete sie auf die Hunde. Petra schüttelte den Kopf. „Nein, das geht nicht, die Hunde würden sich möglicherweise streiten. Sie bekommen ihr Futter in einer bestimmten Abfolge. Aber wenn Du möchtest, kannst Du die Sachen hier lassen, dann mische ich sie den Hunden unter die normale Ration.“ Alina nickte erfreut, stieg auf ihr Fahrrad und fuhr winkend davon. Petra schaute etwas hilflos auf die matschigen Lebensmittel in dem Beutel. „Eigentlich füttere ich so was ja nicht“, sagte sie, „aber ich bringe es nicht fertig, das jetzt wegzuschmeißen.“ „Ach, gib ihnen das doch“, sagte Sophie gleichmütig, „die haben sich schon von ganz anderem Zeug ernährt.“ Petra nickte. Sophie hatte natürlich Recht.

„Sie ist ein echt nettes Mädchen“, sagte Sophie nachdenklich und schaute Annalina hinterher, „ich wüsste zu gern, was mit ihr los ist und warum sie nicht spricht.“

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Spät am Abend saßen Quinn und Sherry wieder am Rand des Hofes und schauten auf die schlafenden Tiere.

„Sag mal, Sherry, was ist mit diesem Hogan los?“ fragte Quinn.

„Wieso?“ fragte Sherry zurück, „Er ist ein netter Kerl. So eine Art Seele hier im Hof. Er ist total lieb und nett zu allen und schafft es, sogar die scheuesten und muffeligsten Neuankömmlinge weich zu kriegen. Ohne ihn wäre hier vieles schwieriger.“

„Wird er deshalb nicht vermittelt?“ fragte Quinn.
„Nein, er ist nicht vermittelbar“, antwortete Sherry. „Fast alle Leute, die ihn sehen und einen Hund suchen, wollen ihn haben, weil er so hübsch ist. Aber er war schon ein paar Mal hier auf der Insel vermittelt und ist immer wieder zurückgekommen.“

„Aber warum denn?“ fragte Quinn. Er konnte sich nicht vorstellen, dass dieser Hund irgendwelche Schwierigkeiten machen würde.
„Er pinkelt“, antwortete Sherry trocken. „Er pinkelt bei jeder kleinsten Gelegenheit. Wenn er sich freut, wenn er sich erschreckt – und er erschreckt sich wirklich leicht -, wenn er eine Stunde nicht gepinkelt hat, wenn es Futter gibt. Immer eigentlich. Er kann nicht anders.“

„Oh je“, wunderte sich Quinn, „wie kommt ein Hund denn an so was?“
„Wir vermuten, dass es etwas mit dem Stottern zu tun hat, also mit dem Grund für das Stottern. Er hat etwas sehr Schlimmes erlebt, als er klein war.“

„Was denn?“ fragte Quinn.
Sherry zögerte. „Das willst du nicht wissen, Quinn. Und Hogan will auch nicht, dass darüber gesprochen wird.“

Quinn war ein bisschen erleichtert. Eine grausame Geschichte wollte er jetzt nicht hören, wenn es eh niemandem helfen würde. Aber er wollte sich etwas für Hogan einfallen lassen. Das nahm er sich ganz fest vor. 

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