2. Teil: Freundschaft ist keine Frage der Zeit
- 1: 1. Teil: Wünschen ist nicht immer einfach.
- 2: 2. Teil: Freundschaft ist keine Frage der Zeit.
- 2.1: Prolog.
- 2.2: 1 - Novembernacht.
- 2.3: 2 - Maja.
- 2.4: 3 - Ojo.
- 2.5: 4 - Saphir.
- 2.6: 5 - Rex.
- 2.7: 6 - Nacht.
- 2.8: 7 - Eingeschneit.
- 2.9: 8 - Dina und Fratz .
- 2.10: 9 - Gefangen.
- 2.11: 10 - Schwere Herzen .
- 2.12: 11 - Misstrauen.
- 2.13: 12 - Porto.
- 2.14: 13 - Freundschaftsdienst.
- 2.15: 14 - Eine Insel im blauen Meer.
- 2.16: 15 - Gespräch durch die Tür.
- 2.17: 16 - Annäherungen.
- 2.18: 17 - Die Suche.
- 2.19: 18 - Ein langes Gespräch.
- 2.20: 19 - Wanderer.
- 2.21: 20 - Freundschaften.
- 2.22: 21 - Spannungen.
- 2.23: 22 - Spiele.
- 2.24: 23 - Tiere und Menschen.
- 2.25: 24 - Träume werden wahr.
- 2.26: Epilog.
- 3: 3. Teil: Die Saphire.
Gefangen
Rex sah den Saphir fort laufen. „Er hat mich verlassen!”, dachte
er panisch. „Wahrscheinlich ist er enttäuscht von mir. Hätte ich doch bloß nichts gesagt.” Rex war verzweifelt. Er hatte alles falsch gemacht und nun saß er hier allein mitten in dem fremden Wald. Er musste dem Saphir nachlaufen, sich entschuldigen, irgendwas. Allein war er verloren.
Rex eilte zu der niedrigen Lücke im Schnee, die nach draußen führte, legte sich auf den Bauch und robbte hektisch hinaus. Aber plötzlich ging es nicht weiter. Er strampelte und kratzte über den Waldboden aber irgendetwas hielt ihn am Hals fest. Wenn er zog, tat es weh, aber er konnte kaum anders, denn sein Hals war irgendwie auf dem Boden fest und er konnte sich nicht aufrichten. Noch mehr Panik stieg in ihm hoch. Er jaulte, biss und trat um sich, krallte die Pfoten in den Untergrund und grub tiefe Riefen in den Boden. Es half nicht, es tat höllisch weh. Rex war vor Angst wie von Sinnen und riss immer wieder den ganzen Kopf herum. Egal wie weh es tat, er musste sich irgendwie befreien. Der Schnee um ihn herum verfärbte sich leuchtend rot.
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Dina kam gut vorwärts. Die Wanderung im tiefen Schnee war anstrengend, aber sie machte Spaß. Der kleine Fratz staunte den Winterwald an, während Dina ihn mit jedem Schritt sanft schaukelte. Sie freute sich, Ojo zu überraschen. Er rechnete bei dem Wetter bestimmt nicht mit ihr. Weit konnte es nicht mehr sein. Im Unterholz sah sie plötzlich ein Reh.
Ein Reh? So bewegte sich kein Reh! Die schattenhafte Tiergestalt, die Dina sah, glitt geschmeidig durch den Wald. Es war ein großer Hund. „Hey, Porto!”, rief Dina erfreut, aber der Hund reagierte nicht. Irgendwie sah er auch gar nicht wie Porto aus. Dina blieb unentschlossen stehen. Ein Streuner mitten im deutschen Wald? Dieser Hund wilderte wahrscheinlich nur. Aber zu oft hatte sie im Ausland Streuner angelockt und betreut, um diesem Hund hier im verschneiten Wald keine Beachtung zu schenken. Sie beschloss, nur ein kleines Stück ins Unterholz zu gehen und zu schauen, ob sich der Hund an-
locken ließ.
Sie stapfte in den Wald hinein. Als sie an einem kleinen Nadelholzdickicht vorbei war, sah sie in einiger Entfernung einen Bauwagen stehen, wie ihn Waldarbeiter benutzen. Vor dem Wagen bewegte sich etwas. Sie ging vorsichtig und leise näher. Als sie auf wenige Meter heran gekommen war und um einen Baumstamm lugte, stockte ihr fast das Herz. Ein großer Deutscher Schäferhund lag unterhalb des einen Reifens mit verdrehten Augen im Schnee und atmete giemend. Überall um seinen Kopf herum war der Schnee blutdurchtränkt.
Jahrelange Übung und eine lange Reihe von schrecklichen Bildern wie diesen ließen Dina funktionieren wie ein Präzisions-uhrwerk. Sie setzte Fratz in eine Kuhle mit wenig Schnee und eilte zu dem verletzten Hund. Er war kaum noch bei Bewusstsein. Anscheinend hatte er sich unter dem Bauwagen versteckt und war beim Herauskriechen in einer Kette hängen geblieben, die die Waldarbeiter benutzen, um Stämme aus dem Unterholz zu ziehen. Der Schäferhund trug ein schweres Stachelhalsband. Die Stacheln waren spitz und nach innen gedreht – und der Hund hatte sich in seinen Befreiungsversuchen überall den Hals aufgerissen. Während Dina den fast bewusstlosen Hund untersuchte, liefen ihr Tränen der Empörung die Wangen hinunter. Sie würde sich nie an so etwas gewöhnen.
Vorsichtig lockerte sie das Stachelhalsband und zog die tief eingedrungenen Metallstifte aus der Haut. Dann drehte sie das Halsband langsam um, so dass die Stacheln nach außen standen und sich der Hund nicht mehr daran verletzen konnte. Die Wunden waren verdreckt, aber es war kein großes Blutgefäß verletzt. Viel mehr Sorgen machte Dina sich um den Kreislauf des Tieres. Der Hund war wahrscheinlich vor Erschöpfung und Angst in eine Art Schock gefallen. Er war blass und atmete zu flach. Sein Herz schlug zu schwach und zu schnell. Lange durfte sie ihn so nicht liegen lassen.
Dina überlegte fieberhaft. Im Auto hatte sie ihren Notfallkoffer liegen. Aber Ojos Haus war jetzt viel näher als das Auto. Es war auch fraglich, wie dieser Hund reagieren würde, wenn er aus seinem halb bewusstlosen Zustand heraus kommen würde. Das Stachelhalsband ließ nicht darauf schließen, es mit einem zutraulichen Wesen zu tun zu haben.
Eine zarte Berührung riss sie aus ihren Gedanken. Der kleine Fratz war mit seinen steifen Vorderbeinchen irgendwie zu ihr gestakst und schnupperte neugierig mit lang gestrecktem Hals an dem verletzten Schäferhund. Dina hatte den Impuls, ihren wehrlosen, zarten Pflegehund dort wegzunehmen. Der Schäferhund könnte zu sich kommen und sofort zuschnappen. Aber Fratz zeigte gar keine Angst. Er schnupperte am Hals, am Fang und an den Augen des fremden Hundes und schaute Dina dann mit seinem merkwürdig durchdringenden Blick an.
„Ja, sicher werden wir ihm helfen”, sagte Dina und wusste dann auch, dass sie jetzt erstmal Hilfe von Ojo holen würde. Sie überprüfte noch mal die Kette am Halsband des Hundes. Besser, er bliebe angebunden. Wenn er verletzt und unter Schock weglaufen würde, hätte er keine Chance. Sie zog ihre Jacke aus, stopfte sie halb unter den Hund und deckte ihn mit der anderen Hälfte zu. Das würde ihn erstmal warm halten. Sie selber war so aufgeheizt durch ihre Wanderung, dass sie es bis zu Ojo schaffen würde, ohne zu frieren. Es war nur schwieriger, Fratz zu tragen, wenn er nicht in der Jacke sitzen konnte. Eilig nahm Dina den kleinen weißen Hund auf den Arm und machte sich auf zu Ojos Haus.
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Karl saß in seinem Frontlader und schaufelte Schneemassen vor sich her. Er räumte die Einfahrt zum benachbarten Hof seines Schwiegervaters. Nirgends war heute ein normales Durchkommen. Die Telefonleitungen waren immer noch tot. Else saß in dicke Schals gemummelt hinter ihm. Sie wollte sehen, wie es ihren Eltern bei dem Schneesturm ergangen war.
Endlich auf dem Hof des Großbauern angekommen, begrüßte der Alte Else und Karl schon ungeduldig vor der Tür. ‚Kein Wort des Dankes’, dachte Karl missmutig. Aber er hatte nichts anderes erwartet. Den Schwiegereltern war es soweit gut gegangen. Jeder, der einen Kamin oder Holzofen hatte, war in dieser Nacht auf der sicheren Seite gewesen.
Der Hof war komplett zugeschneit. Einige Trampelspuren führten hin und her. Karl blickte zum Hundezwinger, der nur als unförmiger, weißer Hügel zu erkennen war. Es war ungewohnt still. Rex bellte normalerweise ununterbrochen, wenn Besuch auf dem Hof war. Der alte Bauer folgte seinem Blick. „Ich dachte erst, er wäre im Schnee erstickt. Aber der Köter ist wohl abgehauen. Der Sturm hat das Dach abgerissen.” Karl sagte nichts. Der Alte hatte tatsächlich den Hund in der Nacht draußen gelassen. Das war irgendwie zu viel. Erst die Geschichte mit den Katzen und jetzt Rex. Else und ihr Vater hatten Rex schon wieder vergessen und diskutierten, während sie ins Haus gingen, angelegentlich, ob wohl die Adventsfeier der Gemeinde bei dem Schneechaos stattfinden würde.
Karl wollte ihnen gerade in die warme Stube folgen, als sein Schwiegervater ihm zurief: „Karl, schau zu, ob du den Hund findest, da sind ein paar Spuren im Schnee.” Dann schloss er von drinnen die Tür.
„Ja”, dachte Karl grimmig, „den Hund will ich wohl suchen, aber wenn ich ihn finde, werde ich ihn bestimmt nicht zu dir zurück bringen.” Er stapfte zu dem zerstörten Zwinger und suchte nach den Spuren, die Rex bei seiner Flucht hinterlassen hatte.
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