2. Teil: Freundschaft ist keine Frage der Zeit
- 1: 1. Teil: Wünschen ist nicht immer einfach.
- 2: 2. Teil: Freundschaft ist keine Frage der Zeit.
- 2.1: Prolog.
- 2.2: 1 - Novembernacht.
- 2.3: 2 - Maja.
- 2.4: 3 - Ojo.
- 2.5: 4 - Saphir.
- 2.6: 5 - Rex.
- 2.7: 6 - Nacht.
- 2.8: 7 - Eingeschneit.
- 2.9: 8 - Dina und Fratz .
- 2.10: 9 - Gefangen.
- 2.11: 10 - Schwere Herzen .
- 2.12: 11 - Misstrauen.
- 2.13: 12 - Porto.
- 2.14: 13 - Freundschaftsdienst.
- 2.15: 14 - Eine Insel im blauen Meer.
- 2.16: 15 - Gespräch durch die Tür.
- 2.17: 16 - Annäherungen.
- 2.18: 17 - Die Suche.
- 2.19: 18 - Ein langes Gespräch.
- 2.20: 19 - Wanderer.
- 2.21: 20 - Freundschaften.
- 2.22: 21 - Spannungen.
- 2.23: 22 - Spiele.
- 2.24: 23 - Tiere und Menschen.
- 2.25: 24 - Träume werden wahr.
- 2.26: Epilog.
- 3: 3. Teil: Die Saphire.
Dina und Fratz
Dina saß seit dem frühen Morgen hinter dem Steuer des Kleinbusses. Sie war froh, in spätestens einer Stunde bei Ojo anzukommen. Sie hatten sich lange nicht gesehen. „Ojo wird dir gefallen, Fratz!”, sagte sie zu dem kleinen, weißen Hund, der hinter ihr in einer Box lag und sie aufmerksam anschaute. Eigentlich hieß er Fritz, aber weil er so ein frecher kleiner Kerl war, nannte Dina ihn Fratz.
Fratz war einer ihrer unzähligen Pflegehunde, die sich seit Jahren in einer nie abreißenden Kette aneinander reihten. Immer wieder behielt sie Notfälle, die noch eine Weile medizinische Fürsorge brauchten, bis sie vermittelt werden konnten. Fratz war keine sechs Monate alt. Seine dünnen Ärmchen steckten in dicken bunten Verbänden. Man hatte den kleinen Hund auf einem Flachdach gehalten, wo er natürlich heruntergefallen war. Mit zwei zertrümmerten Ellenbogengelenken war er bei Dina angekommen. Ein Knochenspezialist hatte ihn viele Stunden operiert und das Schlimmste hatte Fratz jetzt endlich hinter sich.
Draußen fing es an zu schneien. „Auch das noch”, dachte Dina. Vielleicht hätte sie mal vor der Fahrt den Wetterbericht hören sollen. Aber wer rechnet denn Ende November schon mit Schnee? Dina fiel auf, dass sie in den letzten Tagen noch nicht einmal Nachrichten gehört hatte. „Die Welt könnte untergehen und ich würde das vor lauter Stress nicht merken”, dachte sie.
Wenige Kilometer vor der Autobahnausfahrt zu Ojo türmten sich auf einmal hohe Schneeberge rechts und links der Fahrbahn. Der Verkehr wurde zäh und dann langsam, die Autos rollten durch tiefen, braunen Schneematsch. Was war denn hier los? Es musste hier gestern Nachmittag einen Wintereinbruch gegeben haben. Ojo hatte vormittags nichts von Schnee gesagt. Er hätte sie bestimmt vorgewarnt.
Mit Tempo 30 fuhr sie auf die Ausfahrt zu und betete, dass die Landstraße geräumt war. War sie natürlich nicht, aber wenigstens waren hier Autos vor ihr her gefahren und sie konnte im Schritttempo vorwärts kommen. Sie fuhr durch eine Märchenlandschaft. Alles, jeder kleinste Gegenstand war zugeschneit. Sogar der Stacheldraht an den Viehweiden hatte eine zentimeterdicke Schneeschicht.
Dina brauchte mehr als eine Stunde, bis sie sich zum Abzweig auf Ojos Waldstraße vorangekämpft hatte. Immer wieder musste sie anhalten und abgebrochene Äste zur Seite zerren. Und mehr als einmal dachte sie, dass sie keinen Zentimeter mehr weiter kommen würde. Den Abzweig erkannte sie nur daran, dass dort das verschneite Straßenschild stand. Dina stieg aus dem Wagen und stand ratlos im Tiefschnee. Die Waldstraße war nicht zu erkennen, zumal überall abgebrochene Äste auf dem Weg lagen und es mehr aussah wie im Unterholz.
Fratz wurde in seiner Box unruhig. Wahrscheinlich musste er mal. Dina holte ihn heraus mit dem Ergebnis, dass der kleine Kerl komplett im Schnee einsank und sehr verwundert die Nase in die weiße Masse steckte. Er hatte noch nie in seinem Leben Schnee gesehen. Dina trat eine kleine Stelle fest und hob Fratz hinein. Verdattert blickte er sich um und biss ein paar Mal probeweise in das weiße Zeug. Dann hockte er sich hin und bekam einen sehr entspannten Gesichtsausdruck.
Dina kam sich ziemlich verloren vor, wie sie da mit ihrem Auto auf der Straße stand und nicht weiter wusste. Umkehren kam nicht in Frage. Sie hätte wahrscheinlich noch nicht einmal wenden können. Ojos Haus lag nicht all zu weit in den Wald hinein, zu normalen Zeiten ein Fußweg von kaum einer halben Stunde. Aber zu normalen Zeiten hätte sie von der Autobahn bis hierher auch nur 15 Minuten gebraucht. Sie schaute auf die Uhr. Halb zwölf. Es würde noch locker vier Stunden hell sein. „Hey, Fratz”, sagte sie, „Lust auf eine kleine Wanderung?”
Dina trat so gut es ging den Schnee am Straßenrand zur Seite und fuhr dann den Bus etwas weiter an den Rand. Falls ein Räumfahrzeug kam, sollte es wenigstens vorbei passen. Sie zog ihre Jacke an, steckte den kleinen Fratz vorne hinein und zog den Reißverschluss bis unter sein Köpfchen zu. Dann machte sie sich auf den Weg. „Ich bin total verrückt”, sagte sie zu der kleinen grauen Nase, die aus der Jacke ragte, „wahrscheinlich bleiben wir mittendrin im Schnee stecken.”
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Rex hatte tief geschlafen. Als er aufwachte, dachte er zuerst, dass es Nacht sei und er in seiner Hütte im Zwinger läge. Aber es roch nicht nach Zwinger. Es roch frisch nach Erde und Holz. Da fiel ihm alles wieder ein. Rex wusste nicht, ob er sich über seine Freiheit freuen sollte. Eigentlich hatte er nur Angst. Und Hunger.
Er stand auf und kroch zu der Öffnung. Saphir saß regungslos auf einer Schneewehe und schien zu wittern. Rex schnupperte in die Luft, aber für ihn waren fast alle Gerüche hier neu, er konnte nichts Ungewöhnliches erkennen. „Ist irgendwas?”, fragte er vorsichtig. Irgendwie war ihm der Saphir immer noch fremd und unnahbar.
Saphir schaute sich um. „Es ist alles in Ordnung”, sagte er.
„Ich habe Hunger”, sagte Rex schüchtern.
„Tut mir leid, daran kann ich nichts ändern”, antwortete der Saphir. „Aber du wirst ziemlich lange ohne Futter auskommen, ohne krank zu werden.”
Rex erschrak. Sollte er jetzt hungern? „Hey, sag mal, wo hast du mich denn hier überhaupt hin gebracht?”, sagte er missmutig. „In meinem Zwinger habe ich jeden Tag einen vollen Napf gehabt!”
Der Saphir schaute ihn an. „Ja und du hast jeden Tag in deiner eigenen Scheiße gesessen, hast dich fast zu Tode gelangweilt und bist zur Abwechslung immer mal bedroht und verprügelt worden.”
Rex verstummte. Natürlich, er hätte dankbar sein müssen. Aber für was? Dass er hier irgendwo im Wald saß und keine Ahnung hatte, wie es weiter gehen sollte? Saphir hätte ihn wenigstens mal fragen können, ob er das überhaupt gewollt hätte. Rex fürchtete sich. Er fürchtete sich vor dem Wald, vor der Kälte, vor dem Hunger, vor allem - und irgendwie auch vor Saphir. Niedergeschlagen trollte er sich wieder unter den Wagen.
Der Saphir witterte noch einmal in die Luft, dann sprang er von der Schneewehe und lief ohne ein Wort in den Wald.
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