2. Teil: Freundschaft ist keine Frage der Zeit
- 1: 1. Teil: Wünschen ist nicht immer einfach.
- 2: 2. Teil: Freundschaft ist keine Frage der Zeit.
- 2.1: Prolog.
- 2.2: 1 - Novembernacht.
- 2.3: 2 - Maja.
- 2.4: 3 - Ojo.
- 2.5: 4 - Saphir.
- 2.6: 5 - Rex.
- 2.7: 6 - Nacht.
- 2.8: 7 - Eingeschneit.
- 2.9: 8 - Dina und Fratz .
- 2.10: 9 - Gefangen.
- 2.11: 10 - Schwere Herzen .
- 2.12: 11 - Misstrauen.
- 2.13: 12 - Porto.
- 2.14: 13 - Freundschaftsdienst.
- 2.15: 14 - Eine Insel im blauen Meer.
- 2.16: 15 - Gespräch durch die Tür.
- 2.17: 16 - Annäherungen.
- 2.18: 17 - Die Suche.
- 2.19: 18 - Ein langes Gespräch.
- 2.20: 19 - Wanderer.
- 2.21: 20 - Freundschaften.
- 2.22: 21 - Spannungen.
- 2.23: 22 - Spiele.
- 2.24: 23 - Tiere und Menschen.
- 2.25: 24 - Träume werden wahr.
- 2.26: Epilog.
- 3: 3. Teil: Die Saphire.
Rex
Der Wind nahm zu und immer mehr dicke Schneeflocken wirbelten durch die Luft. Rex war den ganzen Tag schon unruhig auf und ab gelaufen: vier Meter in die eine und vier Meter in die andere Richtung. Mehr ließ sein Zwinger nicht zu.
Wie alle Tiere spürte Rex das kommende Wetter. Und dieses Wetter war kein normaler Schneefall im November. Es war ungewöhnlich, irgendwie bedrohlich und es würde sicher einen ausgewachsenen Sturm geben. Rex hatte Angst. Der Wind blies direkt auf die breite Gitterseite des Zwingers. Es gab keinen Schutz. Auch seine Holzütte, die mit ihrem zernagten Eingang im Zwinger stand, war zur Windseite hin offen.
Als es dunkel wurde, fing Rex an zu bellen. Bellen war das einzige, was ihm in seiner Not einfiel. Er bellte und bellte und lief und lief, immer hin und her, hin und her. Der Wind heulte, aber Rex bellte lauter als der Wind.
Schließlich öffnete sich die Tür des Hauses und der Hofherr kam heraus und stapfte durch den Schnee auf den Zwinger zu. Rex kroch sofort in die Hütte und presste sich auf den Boden. „Halt endlich das Maul”, brüllte der Mann aufgebracht. Er nahm eine dicke Eisenstange, die außen am Zwinger lehnte und schlug mehrmals auf das Gitter. „Hör auf zu jaulen!”, brüllte der Mann, „sonst kriegste Grund!”. Er warf die Eisenstange zu Boden, zog seine Jacke enger um sich und lief fröstelnd wieder ins Haus. Die Tür schlug hinter ihm zu.
Rex blickte zögernd auf. Das war gerade noch gut gegangen. Manchmal öffnete der Mann auch die Tür zum Zwinger und schlug mit der Stange auf das Dach der Hütte. Früher hatte der Mann auch ihn mit der Stange geschlagen, aber Rex hatte gelernt. Erst hatte er gelernt, dass der Mann ihn sofort in Ruhe ließ, wenn er zubiss. Aber das hatte nur zur Folge gehabt, dass der Mann den Trick mit der Eisenstange lernte: er schlug ihn mit der langen Stange, bevor Rex ihn mit der Schnauze erreichen konnte. Dann hatte Rex gelernt, sich in die Hütte zu verkriechen, wenn der Mann kam.
Immer lauter heulte der Wind. Die Flocken flogen schon fast waagerecht. Bellen wollte Rex jetzt nicht mehr, aber er winselte unablässig leise vor sich hin, während er wieder auf und ab lief. Sein ganzer Pelz hing schon voller Schnee. Er musste die Augen zukneifen, damit ihm keine Flocken in die Augen flogen. Immer wieder sprang Rex an dem Gitter seines Zwingers hoch.
Saphir lief eilig durch den dunklen Wald. Schon hatte sich eine dicke Schneedecke unter den Bäumen gebildet. Aber das war für ihn kein Hindernis. Er hinterließ noch nicht einmal Abdrücke im frischen Schnee, während er dahin eilte. Aus der Ferne hörte er ein Winseln. „Halt durch mein Freund”, sagte er, „ich bin gleich da!”.
Rex sprang panisch in seinem Zwinger hin und her. Sein dicker Pelz war schon voll mit Schnee und das Fell war an einigen Stellen mit schweren Eiskrusten bedeckt. Sein Winseln war rhythmisch geworden und spiegelte blanke Angst. Der Wind war jetzt ein Sturm geworden und die Schneeflocken schossen messerscharf durch die Luft. Die hintere Wand des Zwingers war bis zum Dach mit einer halbmeterdicken Schneewand zugepackt, auf die der Sturm mit jeder Minute eine weitere Schneeschicht presste. Die Hütte war schon komplett zugeweht. Auf dem Boden lag ein dicker weißer Teppich den Rex an einigen Stellen schon festgetreten hatte. Immer wieder rutschte er darauf aus und fiel hin. Dabei blieb dann noch mehr Schnee in seinem Fell hängen.
Rex konnte nicht mehr. Er war es überhaupt nicht gewohnt, sich so anzustrengen. Vollkommen erschöpft legte er sich winselnd in den Schnee. Er hatte Todesangst. „Ich will hier raus!”, winselte er verzweifelt.
„Du kommst auch hier raus”, sagte plötzlich eine ruhige Stimme neben ihm. Rex fuhr zusammen. Vor dem Gitter des Zwingers zeichnete sich eine dunkle Gestalt ab.
„Wer bist Du?”, fragte Rex voller Furcht, denn dass dieser Schatten kein normaler Hund sein konnte, war ihm völlig klar.
„Ich bin ein Saphir”, antwortete der Schatten. Rex wurde es weich in den Knien. Ein echter Saphir? Hier bei ihm am Zwinger? „Hilf mir, Saphir”, sagte Rex mit zitternder Stimme, „ich ersaufe hier im Schnee.”
„Ich bin ja gekommen um dir zu helfen”, sagte die Stimme ruhig und tröstlich.
„Mach den Zwinger auf”, bettelte Rex und versuchte, sich zur Tür durch zu kämpfen.
„Ich kann deinen Zwinger nicht öffnen”, antwortete der Saphir. „Ich bin selbst nicht körperlich und kann auch nichts Körperliches bewegen.”
„Aber wie willst du mir dann helfen?”, winselte Rex, den wieder Verzweiflung überkam.
„Tu, was ich dir sage”, antwortete die ruhige Stimme. „Du trittst jetzt ganz langsam den Schnee unter dir fest. Immer eine Pfote nach der anderen und immer schön das Gleichgewicht halten.” Rex tat, wie ihm geheißen und trat den Schnee fest. Immer neue Flockenschichten wurden in den Zwinger geweht und immer wieder stapfte Rex sie mit seinen großen Pfoten fest.
„Du machst das gut”, sagte der Saphir. „Jetzt schüttle dich ab und zu kräftig, der Schnee muss von deinem Fell runter.” Rex schüttelte sich und fühlte dabei, dass er schon fast einen ganzen Panzer aus festgefrorenen Flocken trug. Er schüttelte sich immer wieder, bis er sich einigermaßen von der weißen Schicht befreit hatte. „So, und jetzt trittst Du das alles wieder fest”, bestimmte der Saphir.
Der Schneesturm nahm immer mehr an Stärke zu und die Luft war erfüllt von lautem Geheul. Die Lichter des Hauses waren über den Hof kaum noch zu erkennen. Rex wurde müde. „Mach weiter”, mahnte ihn die Stimme, „du kannst es ruhig langsam machen, aber du darfst nicht aufhören. Und vergiss nicht, dich ab und zu zu schütteln.” Rex merkte, dass er inzwischen schon so viel Schnee unter sich fest getreten hatte, dass ihm das Zwingerdach auffallend näher gekommen war. Nicht mehr lange, und er würde kaum noch aufrecht stehen können. Zwar hinderte ihn das Schneetreten bis jetzt daran, eingeschneit zu werden, aber was sollte er machen, wenn er an das Dach käme?
Der Sturm raste mit unablässiger Kraft durch die Nacht. Jeder Baum, jeder Strauch und Stein und jedes Gebäude trug eine dicke Schneeschicht. Ab und zu hörte man durch das Heulen des Windes ein Krachen, wenn ein Ast die Schneelast nicht mehr tragen konnte und einfach abbrach. Saphir musste laut rufen, damit Rex ihn überhaupt noch verstand.
„Leg dich jetzt hin”, brüllte Saphir gegen den Sturm an.
Rex zögerte. „Wenn ich mich hinlege, bin ich im Nu unter Schnee begraben!”, rief er.
„Vertrau mir einfach und lege dich hin. So nah wie möglich ans Gitter!”
„Aber siehst Du denn nicht, der Schnee…”, bellte Rex in wachsender Panik.
„Hinlegeeeeeeen!” brüllte Saphir in eine besonders starke Boe. Dann passierten mehrere Dinge gleichzeitig. Rex warf sich genau in dem Moment in den Schnee neben das Gitter, als mit einem lauten Krach der Mast mit der Telefonleitung in den Hof knallte. Die starke Boe riss an dem Zwinger, packte das Wellblechdach und hob es aus seiner Verankerung als wäre es ein Stück Pappe. Rex duckte sich, kniff die Augen zusammen und fühlte, wie ihm kleine Trümmer des Daches um die Ohren flogen und dann spürte er die Macht des Sturmes über sich.
„Spring!”, drang schwach die Stimme von Saphir zu ihm durch. „Los, spring raus, das Dach ist ab, es ist nicht tief!” Rex rappelte sich auf und erkannte im wilden Schneegestöber den oberen Rand des Gitters. Er brauchte nur einen kleinen Satz zu machen und wäre in Freiheit.
Rex zögerte.
„Spring!”, rief der Saphir in den tosenden Sturm.
Aber Rex wollte nicht springen. Wozu springen? Was wollte er in der Welt da draußen? Er wollte lieber in seinem vertrauten Zwinger bleiben. Da draußen kannte er sich nicht aus. Genau genommen hatte er Angst. Er hatte den Zwinger seit Jahren nicht verlassen. Er stand da, glotzte über den Rand seiner Zwölf-Quadratmeter-Zelle und fürchtete sich.
Plötzlich war die Stimme des Saphirs ganz nah neben ihm. „Du kannst es”, sagte die Stimme leise. „Du hast es dir immer gewünscht. An jedem einzelnen Tag deines Lebens hast du es dir gewünscht.” In Rex kämpften zwei Welten gegeneinander. Er fühlte die Sehnsucht der vielen Jahre, die Einsamkeit, den Zorn, die Verzweiflung und die Eisenstange. Aber wenn es schon im Zwinger so schrecklich gewesen war, – wer weiß wie schrecklich es außerhalb sein würde? Rex fühlte sich klein und feige. Was war er für ein armseliger Hund? Er war nichts, nichts wert und zu nichts nutze.
„Rex”, sagte die Stimme leise neben ihm, „du musst dich jetzt entscheiden.”
Und Rex sprang. Er kniff die Augen zu, machte einen mächtigen Satz über das Gitter und sprang in den heulenden Sturm hinaus.
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