Saphir 

Saphir sah Ojo nach und beobachtete, wie Maja ihm folgte. Dann bewegte er sich selbst lautlos hinterher. Er wollte ganz sicher gehen, dass sich alles so fügte, wie er es sich gedacht hatte.

Als die kleine Karawane an Ojos Haus angekommen war, blieb Saphir im Dickicht stehen und sah zu, wie Ojo die Haustür aufschloss, hinein ging und die Tür einen Spalt breit für Maja offen ließ. Es vergingen einige Minuten. Dann ertönte aus dem Haus ein lautes Geheul. Saphir hätte gelächelt, wenn er das als Hund gekonnt hätte. Alles war so, wie geplant. Er drehte sich um und verschwand wie ein Schemen im Wald. Er hatte noch mehr zu tun.

Ojo begrüßte im warmen Wohnzimmer seinen alten Porto, der mühsam aber schwanzwedelnd hinter dem Ofen hervor kam. Sein großer Schnuffel senkte sich in Herrchens Hände und plötzlich erstarrte der Hund wie vom Donner gerührt. Er riss die Augen auf und fing an leise zu zittern.

„Hey, Porto, alter Junge”, frage Ojo besorgt, „was ist los? Bist Du krank?”.
Porto stampfte mit den Vorderpfoten auf und gab eine leise Mischung aus Winseln und Bellen von sich.

„Ah, Du riechst unsere kleinen Gäste!”, lachte Ojo und schob vorsichtig die Hände in die Taschen. Er setzte die vier kleinen pelzigen Tierkinder auf den Boden.

Durch Portos alten, struppigen Körper wanderte ein Schauder. Er schnuffelte fiepend an den Kätzchen und brach dann in lautes Geheul aus. Der alte Hund konnte sich gar nicht mehr fassen. Legte sich flach auf den Bauch, warf den Kopf spielerisch hin und her, wedelte und winselte, dass es eine Freude war. Porto schien angesichts der Katzenkinder außer sich vor Glück.

Die Kätzchen waren völlig von den Socken. Erstens hatten sie noch nie einen Hund aus der Nähe gesehen und zweitens fanden sie es ziemlich beeindruckend, dass sie bei diesem Riesenviech so eine Begeisterung auslösten. Ein bisschen war ihnen das wilde Gebaren des Hundes auch unheimlich und sie nahmen sich vorsichtshalber vor seinen großen Pfoten in Acht. Das war allerdings überflüssig, denn Porto hätte ihnen niemals auch nur ein einziges Haar gekrümmt. Der alte Hund freute sich immer noch.

„Ach, hallo ihr kleinen, ihr süß duftenden Katzenkinder! Oh wie ist das schön, diesen Duft wieder zu riechen! Ihr riecht genau so wie meine kleine Sherry. Ach, wie ich meine Sherry vermisst habe!” Porto robbte näher zu den Kätzchen heran und schob seine riesige Nase in ihr weiches Fell.

Die Katzenkinder warfen sich fragende Blicke zu. Dieser Hund war irgendwie verrückt. Der schwarzweiße Kater baute sich schließlich vor Porto auf und fragte: „He, wer bist du denn und wer ist diese Sherry?”

Da hielt der Hund mit seinem Heulen inne, schaute den kleinen Kater freundlich an und sagte: „Ich heiße Figo und Sherry war genau so ein kleines Katzenkind wie ihr, als sie mir das Leben rettete.”

„Uuuaah!”, die Kätzchen staunten. Dass jemand, der noch so klein war wie sie, einem großen Hund das Leben retten konnte, machte einen gewaltigen Eindruck auf sie. Sie brannten darauf, die Geschichte von Figo und Sherry ganz zu hören und bedrängten den alten Hund, wie es Kinder eben tun:

Sie kletterten in seinem zotteligen Pelz herum und stellten immerzu Fragen.

Porto, von dem niemand mehr wusste, dass er eigentlich Figo hieß, ließ die Kätzchen voller Wonne gewähren und versprach, ihnen bald die Geschichte von der Insel im blauen Meer, dem Katzenkind Sherry und Figo, dem Tonnenhund zu erzählen. „Zuerst will ich aber wissen, wo ihr so plötzlich her kommt”, sagte Figo.

„Wir waren im Wald”, rief das buntgetupfte Kätzchen. „Ja”, sagte der rote Kater, „das war toll, wir haben in den Blättern geschlafen.” Und sie erzählten stolz, wie sie in der Scheune das Fangen einer Maus geübt hatten und dann in einer dunklen Kiste in den Wald gereist waren. Figo schaute die Kleinen nachdenklich und auch ein bisschen traurig an. Sie hatten nicht die geringste Ahnung, in welcher Gefahr sie gewesen waren.

Für sie war die Welt ein tolles Abenteuer. Sie wussten nicht, was Hunger und Kälte und Einsamkeit waren und er hoffte, dass diese netten, kleinen, kecken Kätzchen es nie erfahren würden. Und seine Bewunderung für Maja wuchs. Er war gespannt auf sie und hoffte, sie würde sich bald ins Haus trauen. Er wollte gern Freundschaft mit einer so tapferen Katze schließen. Er hatte seine tapfere Sherry so schrecklich vermisst.

Ojo sah den fünf Tieren gerührt zu. Er hatte lange nicht mehr gesehen, dass sich sein alter Porto so begeisterte. Er griff zum Telefon und wählte eine Nummer.

„Hallo, ich bin’s, Ojo!”

„Nein, mit Porto ist alles in Ordnung. Aber ich glaube, er hat seine kleine Katzenfreundin auf Kreta nie vergessen.”

„Ich habe vier ausgesetzte Katzenkinder im Wald gefunden und Porto ist ausgeflippt vor Freude, als er sie gesehen hat. Jetzt klettern sie alle auf ihm herum und er ist im siebten Himmel.”

„Ja, die Mutter ist auch dabei, aber sie traut sich noch nicht rein.”

„Also fünf Katzen kann ich nicht behalten, aber ich würde die Mutter wohl nehmen. Eine erwachsene Katze lässt sich ja kaum vermitteln. Sie muss auch unbedingt kastriert werden. Und eins von den Kleinen muss ich einfach für Porto behalten. Er hat sonst nur noch wenig Freude; weißt schon, er kann nicht mehr gut laufen. Ein ganzes Leben an der kurzen Kette lässt sich nicht so einfach wieder wettmachen.”

„Ja, das wäre toll. Und ich würde mich auch sehr freuen, Dich mal wieder zu sehen.”

Ojo legte den Hörer auf. Seltsam, wie sich manche Dinge fügten! Auf einmal fiel ihm der merkwürdige Hund im Wald wieder ein. Das hatte alles irgendetwas zu bedeuten, aber er hatte keine Ahnung, was.

Also wandte er sich lieber näher liegenden Dingen zu und überlegte, womit er seine neue Katzenschar wohl satt bekommen könnte.

„Hey, Porto, meinst du, du kannst einen Teil deiner Ration entbehren?”, fragte er scherzhaft. Porto hätte sicher gar nichts einzuwenden gehabt.

Schon einmal hatte er seine Ration mit einem Katzenkind geteilt und das war sehr schön gewesen.

Die Kätzchen machten sich hungrig über das Fleisch her, das Ojo ihnen hinstellte. Ein besonderes Schälchen brachte er nach draußen. Die Katzenmutter saß noch immer misstrauisch vor der Tür. Er stellte das Futter ganz nah neben die Haustür. „Komm, Kleine, friss Dich satt!”, forderte Ojo sie auf. Er ging hinein, schloss die Haustür hinter sich und öffnete ein niedriges Fenster im Flur. Vielleicht würde die Katze ja herein kommen. Aber Maja schlich sich erst zum Napf als der Mann wieder im Haus verschwunden war. Sie fraß den ganzen Napf leer. Dann setzte sie sich wieder etwas entfernt hin und beobachtete das Haus.

Langsam wurde es Maja kalt und ungemütlich. Am dämmrigen Himmel hingen dicke, graue Wolken und die Luft roch frostig. Mit einem lautlosen Satz sprang sie auf die Fensterbank und in den dahinter liegenden dunklen Flur. Durch einen Türspalt sah sie warmes Licht flackern. Sie schlich sich heran und spähte in das erleuchtete Zimmer. Vor einem prasselnden Ofenfeuer lag ein großer, struppiger Hund. Um ihn herum saßen ihre vier Kätzchen mit riesigen, aufmerksamen Augen.

„Also, das war so”, sagte der Hund, „Öffnet einen internen Link im aktuellen Fensterfrüher war ich mal ein Tonnenhund…”. Maja hörte aufmerksam zu und vergaß alles was ihr geschehen war, als sie dem alten Figo und seiner Geschichte lauschte.

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Als der trübe Nachmittag in einen frühen Abend überging, fielen dicke weiße Flocken vom Himmel und ein heftiger Wind kam auf. Karl stand am Fenster und schaute beklommen hinaus. In den Nachrichten hatten sie starke Schneefälle und Sturm vorausgesagt.

Er hatte einen dicken Kloß im Hals und ihm war, als trüge er einen Felsen in der Brust. Er hatte die kleinen Katzen im Wald ausgesetzt. Wie hätte er ahnen können, dass der Winter in diesem Jahr so früh kommen würde? Warum hatte er sich so von Else unter Druck setzen lassen? Er hatte die kleinen Kätzchen gemocht. Es hatte ihm Freude gemacht, ihnen täglich Futter zu bringen und zu sehen, wie die kleinen Babys zu tapsigen Katzenkindern heran wuchsen. Wie hatte er sich vormachen können, die kleine Familie könnte irgendwo da draußen genau so gut überleben wie in der Scheune? Wütend ballte er die Fäuste. Es schneite immer stärker.

„Karl, was stehst du denn da wieder am Fenster herum?”, nörgelte Else von der Küche aus.

Mit einem Ruck drehte er sich vom Fenster weg, zog die Jacke an, nahm den Schlüssel und ging hinaus.

„Wo willst du denn hin bei dem Wetter?”, rief seine Frau ihm nach. Aber er antwortete nicht, stieg ins Auto, startete den Motor und fuhr los. Er musste die Katzen finden, bevor es noch mehr schneite.

Der Karton stand noch an derselben Stelle am Waldrand. Karl nahm die große Taschenlampe aus dem Kofferraum und machte sich auf die Suche. Wo sollte er anfangen? „Hey, Miez, Miez!”, rief er leise. Mit diesem Ruf hatte er die kleine Schar immer zum Füttern gerufen. Sie würden bestimmt bald kommen, denn sie hatten sicher Hunger. „Miez, Mieeeez!” Nirgends rührte sich etwas. Karl ging weiter in den Wald hinein. Er leuchtete unter Büsche und hielt Ausschau nach Verstecken. Nichts. Er hatte gedacht, dass er die Kätzchen schnell finden würde. Aber der Wald war riesig und seit gestern hätten die Katzen eine große Strecke in alle möglichen Richtungen laufen können. Es war totaler Unsinn, anzunehmen, dass er die Tiere jetzt hier finden würde.

Es schneite immer mehr. Karl konnte sich nicht entschließen, aufzugeben. Noch einmal ging er zum Karton zurück und dann in eine andere Richtung in den Wald. Der Wind brauste so laut durch die Baumkronen, dass Karl sein „miezmiez” bald laut rufen musste. Schließlich sah er ein, dass es mehr als unwahrscheinlich war, seine Kätzchen zu finden. Widerstrebend ging er zu seinem Auto zurück. Er kam sich albern vor. Erst Katzen im Wald aussetzen und sie dann zurück zu holen. Er startete das Auto. In den aufleuchtenden Scheinwerfern trieben Millionen von Schneeflocken. Es wurde höchste Zeit, dass er nach Hause kam, die Straßen würden bald sehr glatt sein. Schon als er auf den Hof einbog, lag der Schnee so hoch, dass seine Reifen keine dunklen Spuren mehr hinterließen. Ein heftiger Wind pfiff ihm um die Ohren als er ausstieg. Das Scheunentor stand noch offen und er ging hin, um es zu schließen. Karl spähte noch einmal hinein. Dort auf der alten Wolldecke hatte die kleine Katzenfamilie immer geschlafen. Die Scheune sah leer und ausgestorben aus. Wie ein stummer Vorwurf standen da die leeren Schüsselchen.

Karl ließ sich auf einen alten, grauen Strohballen sinken. Was hatte er getan? Die vier kleinen Kätzchen würden da draußen einen langsamen kalten Tod sterben. Und er war schuld daran. Es drehte ihm fast den Magen um.

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