2. Teil: Freundschaft ist keine Frage der Zeit
- 1: 1. Teil: Wünschen ist nicht immer einfach.
- 2: 2. Teil: Freundschaft ist keine Frage der Zeit.
- 2.1: Prolog.
- 2.2: 1 - Novembernacht.
- 2.3: 2 - Maja.
- 2.4: 3 - Ojo.
- 2.5: 4 - Saphir.
- 2.6: 5 - Rex.
- 2.7: 6 - Nacht.
- 2.8: 7 - Eingeschneit.
- 2.9: 8 - Dina und Fratz .
- 2.10: 9 - Gefangen.
- 2.11: 10 - Schwere Herzen .
- 2.12: 11 - Misstrauen.
- 2.13: 12 - Porto.
- 2.14: 13 - Freundschaftsdienst.
- 2.15: 14 - Eine Insel im blauen Meer.
- 2.16: 15 - Gespräch durch die Tür.
- 2.17: 16 - Annäherungen.
- 2.18: 17 - Die Suche.
- 2.19: 18 - Ein langes Gespräch.
- 2.20: 19 - Wanderer.
- 2.21: 20 - Freundschaften.
- 2.22: 21 - Spannungen.
- 2.23: 22 - Spiele.
- 2.24: 23 - Tiere und Menschen.
- 2.25: 24 - Träume werden wahr.
- 2.26: Epilog.
- 3: 3. Teil: Die Saphire.
Ojo
Ojo war ein nicht mehr ganz junger Mann. Genau genommen gehörte er nun langsam aber sicher zum alten Eisen, das merkte er in seinen Knochen, während er durch den Wald stapfte. Der Boden war nach langem Regen- und Matschwetter gefroren und schwer zu begehen. Ojo hatte seine eigenen Pfade im Wald, weit ab von den bevölkerten Wanderwegen. Im Laufe der Jahre hatte er sie flach und breit getreten. Es waren seine Wege und irgendwie auch sein Wald, obwohl er keinerlei Grundbesitz hatte. Er wohnte nur einfach seit vielen Jahren in einem Haus in diesem Wald und kannte ihn wie seine Westentasche.
Heute war Ojos täglicher Spaziergang etwas einsam, denn er hatte seinen alten Hund Porto zu Hause lassen müssen. In Hundejahren war Porto schon um einiges älter als Ojo und hatte viel mehr mit den Knochen und Gelenken zu schaffen als Ojo selbst. Heute war Porto gar nicht hinter dem Ofen hervor gekommen. Es war einer jener Tage, an denen der alte Hund anscheinend zu steife Gelenke oder zu starke Schmerzen hatte, um auf seine geliebten Spaziergänge mitzukommen.
„Es liegt Schnee in der Luft”, sagte Ojo zu seinem nicht anwesenden Hund, „vielleicht tun uns deshalb die Knochen so weh.” Gedankenverloren ging er seine vertrauten Wege entlang und atmete tief die kalte Luft.
Plötzlich hielt er inne. Gerade vor sich, vielleicht zwanzig Schritte ins Unterholz, sah er einen Schatten, der sich bewegte. Der Schatten war groß und Ojo spürte einen leisen Adrenalinstoss bei seinem Anblick. Unter den niedrigen, kahlen Baumkronen bewegte sich schemenhaft ein großer Hund. War ihm etwa Porto nachgelaufen? Sofort verwarf er den Gedanken wieder. Porto war zwar groß, aber er war ein struppiger, steifer alter Hund. Dieser Hund hier bewegte sich lautlos, fast katzenhaft wie ein Panther. Seine Schritte waren kraftvoll und gelassen und die großen Schulterblätter traten bei jedem Tritt geschmeidig hervor. Ojo war nicht gerade ein ängstlicher Typ und vor Tieren hatte er nun schon gar keine Angst. Aber dieses Tier war anders. So bewegte sich kein streunender Hund. Dieses Tier war wie ein dunklerer Schatten vor anderen Schatten im Unterholz. Ojo brach der Schweiß aus. Irgendetwas stimmte hier nicht. Er blieb regungslos stehen und hoffte, dass der unheimliche Hund ihn nicht bemerken würde.
Auf einmal hörte er ein Geräusch. Ein kleines feines Geräusch. Ein Geräusch, das nicht in diesen Wald gehörte, so zart, dass er es nur hören konnte, weil er still stand. Es kam von rechts neben ihm. Da, wieder! Ein leiser, hoher Ton. Es klang wie ein kleines Tier. Ojo sah sich vorsichtig um. Es musste dort bei der dicken, alten Buche sein.
Unter der Buche bewegte sich etwas. Was war denn heute hier im Wald los? Ojo blickte wieder geradeaus. Der schemenhafte Hund war verschwunden.
Er konnte ihn nirgends entdecken. Hatte er sich das eingebildet? Ein großer Hund verschwindet doch nicht einfach so. Wieder hörte er einen leisen Klagelaut und ein Rascheln.
Unter der Buche bewegte sich ein kleines Tier im gefrorenen Laub. Das süßeste Katzenkind, das Ojo je gesehen hatte, stolperte zwischen den großen Wurzeln umher und versank immer wieder fast bis zum Hals in den Blättern. Es war weiß mit lustigen bunten Tupfen. Und es war klein – zu klein um allein im Wald herumzulaufen! Ojo ging langsam in die Hocke, um das Katzenkind nicht zu erschrecken. Dann sah er ein zweites rot getigertes Kätzchen über eine Wurzel klettern und ein drittes, grau getigertes, das zusammen mit einem schwarzweißen tief im Laub lag.
Ojo war klar, was er da vor sich hatte: Hier hatte jemand einen Wurf Katzen im Wald ausgesetzt. Zorn stieg in ihm hoch. Wie konnte ein Mensch das fertig bringen? Der Wald um diese Jahreszeit bedeutete für so junge Kätzchen den sicheren Tod. Ojos Zorn wurde aber sogleich von Mitleid verdrängt und von dem süßen Entzücken, das Katzenkinder nun mal bei jedem gutherzigen Menschen auslösen.
„Hey, wer seid denn ihr kleinen Purzels?” Beim Klang seiner Stimme sprang hinter einem Laubhaufen eine erwachsene Katze auf und raste unter den nächsten Busch in Deckung. Aha, die Mutterkatze war also auch mit von der Partie. Ojo wusste, was er jetzt zu tun hatte. Er sammelte die Katzenkinder auf, die ihm zutraulich entgegen hopsten (die waren sicherlich schon oft von Menschen gefüttert worden) und setzte sie behutsam in seine großen, mit weichem Plüsch gefütterten Jackentaschen. Er schaute sich genau um und wühlte im Laub, ob sich noch irgendwo weitere Kätzchen versteckten, aber er fand keins mehr. Dann machte er sich sehr langsam auf den Weg zu seinem Haus. Er hoffte, dass die Katzenmutter ihm folgen würde. Sie hatte genau beobachtet, wo ihre Kinder waren und sie war sicher auch von Menschen gefüttert worden. Schon nach wenigen Schritten sah er aus den Augenwinkeln, wie sich die schwarzweiße Katze aus dem Busch hervor wagte und vorsichtig hinter ihm her schlich.
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