2. Teil: Freundschaft ist keine Frage der Zeit
- 1: 1. Teil: Wünschen ist nicht immer einfach.
- 2: 2. Teil: Freundschaft ist keine Frage der Zeit.
- 2.1: Prolog.
- 2.2: 1 - Novembernacht.
- 2.3: 2 - Maja.
- 2.4: 3 - Ojo.
- 2.5: 4 - Saphir.
- 2.6: 5 - Rex.
- 2.7: 6 - Nacht.
- 2.8: 7 - Eingeschneit.
- 2.9: 8 - Dina und Fratz .
- 2.10: 9 - Gefangen.
- 2.11: 10 - Schwere Herzen .
- 2.12: 11 - Misstrauen.
- 2.13: 12 - Porto.
- 2.14: 13 - Freundschaftsdienst.
- 2.15: 14 - Eine Insel im blauen Meer.
- 2.16: 15 - Gespräch durch die Tür.
- 2.17: 16 - Annäherungen.
- 2.18: 17 - Die Suche.
- 2.19: 18 - Ein langes Gespräch.
- 2.20: 19 - Wanderer.
- 2.21: 20 - Freundschaften.
- 2.22: 21 - Spannungen.
- 2.23: 22 - Spiele.
- 2.24: 23 - Tiere und Menschen.
- 2.25: 24 - Träume werden wahr.
- 2.26: Epilog.
- 3: 3. Teil: Die Saphire.
Träume werden wahr
Dina hatte einen seltsamen Traum. Jemand war bei ihr. Jemand, der sehr mit ihr verbunden war, der sie gut kannte. Er verstand sie, er wusste genau, wie ihr zumute war und er sprach mit ihr. Nicht in Worten. Sie war einfach überzeugt davon zu wissen, was er meinte. Es war eine riesengroße und doch sehr sanfte Dankbarkeit, als wenn alle Tiere, denen sie geholfen, deren Hunger sie gestillt und deren Schmerzen sie gelindert hatte, ihr kleine Hundeküsschen gäben, oder ihre Katzenköpfchen an ihrer Wange rieben. Dina lachte in ihrem Traum und freute sich. Und dann war da noch die Sicherheit, dass es richtig war. Richtig, sich um diese Tiere zu sorgen, richtig, jedem seine Chance zu geben, richtig, andere Dinge im Leben nicht so wichtig zu nehmen und auch irgendwie richtig, jedes Mal aufs Neue das Leid, das ihr begegnete, mit zu fühlen. Denn das Herz bekommt nie eine Hornhaut. Und es war richtig, auch das kleinste Wesen zu respektieren und den Tropfen auf den heißen Stein fallen zu lassen. Denn für das kleinste Wesen, das für die Welt nur eins von Millionen ist, bedeutet es die ganze Welt, wenn es gerettet wird. Dina sah die vielen Welten, die nur durch ihr Tun und ihr Bemühen möglich gemacht wurden. Und sie sah die vielen Welten, die unter ihren Händen erloschen waren. Doch selbst da war den Tieren wenigstens ein einziges Mal Liebe widerfahren, bevor sie die Augen für immer geschlossen hatten.
Und dann dachte Dina an den kleinen Fratz, der ihr so ans Herz gewachsen war. Manchmal wünschte sie sich, einfach mit ihrem kleinen Hund und vielleicht noch mit ein paar Katzen ein ganz normales Leben zu führen. Aber ihr war auch vollkommen klar, dass es auf die Dauer nichts für sie war. Sie brauchte die Reisen, die improvisierten OPs, das Gefühl, dringendst gebraucht zu werden. Sie wollte wieder zurück zu denen, die nichts hatten, weniger als nichts. Und sie würde den kleinen Fratz nicht mitnehmen können.
Ihre Gedanken glitten ab, ihr Traum wechselte die Farbe und sie ging in ein anderes Traumland über.
Vor dem Fenster von Ojos Gästezimmer glitt ein Schatten davon.
Der Morgen begrüßte Ojo mit einer sanften, dünnen Schneedecke und leise rieselnden Flöckchen in der kalten Luft. Das Haus, der Garten und der Wald waren weiß überpudert und die Luft war klar und frisch.
Ojo fühlte sich selbst klar und sauber wie der Schnee, obwohl er fast keinen Schlaf gehabt hatte. Er ging ins Wohnzimmer, wo Karl noch auf dem Sofa schlief. Sie hatten bis in die Nacht geredet und Wein getrunken und Karl gebeten, nicht mehr den langen Weg durch den Wald zu laufen. Ojo kochte eine große Kanne Kaffee.
Dina kam strahlend aus ihrem Zimmer und der kleine Fratz hoppelte hinter ihr her.
„Mmmmmmh, Kaffee”, sagte Dina und lächelte Ojo an. „Guten Morgen”, sagte Ojo und lächelte zurück.
Er begleitete Dina und Fratz nach draußen. Am liebsten hätten sie gar nicht den Garten betreten, um keine Spuren in dem schönen weißen Schnee zu hinterlassen. Aber Dina musste hinter Fratz her, der schon mit lustigen Hopsern eine beträchtliche Entfernung zurückgelegt hatte.
An der Haustür tauchte Karl auf. Er hatte nichts geträumt, aber er hatte einen Gedanken gehabt, der ihm sehr gefiel. „Guten Morgen”, sagte er, als Ojo ihm an der Tür entgegen kam. „Morgen Karl. Ich mache das Futter für Rex fertig”, sagte Ojo. „Willst Du mitkommen?”
Ojo und Karl gingen mit dem gefüllten Napf in Richtung Schuppen. Karls Herz klopfte.
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Rex wartete gespannt. Immer wieder dachte er daran, was der Saphir und Maja ihm über das Nettsein gesagt hatten. Er war aufgeregt. Und er fürchtete sich. Er hatte Angst, es wieder falsch zu machen.
Da! Schritte! Rex wusste nicht, ob er sich eher freute oder eher Angst hatte. Beides vermischte sich und das war für den alten Rex nur ganz schwer auszuhalten.
Die Schuppentür öffnete sich und ein Mann kam herein. Rex war verwirrt. Es war nicht der Mann, sondern ein anderer. Dieser war auch ganz anders. Er roch anders und sein Blick war offener. Rex fiepste ganz leise, lag auf dem Bauch und wedelte vorsichtig. Es war ihm egal, was für eine lächerliche Figur er dabei machte. Ihm war jetzt alles egal. Er wollte hier raus, er wollte Kontakt aufnehmen. Er wollte nicht mehr allein sein.
„Hallo mein Freund”, sagte Karl. Wie hatte er dieses Geschöpf nur die ganzen Jahre im Zwinger nicht wahrnehmen können? Der Hund schaute ihn unterwürfig an und wedelte verhalten. Karl ging langsam in die Hocke und schob ihm den (deutlich mehr als nötig) gefüllten Napf hin. Rex schnupperte neugierig.
„Friss, mein Freund”, sagt Karl freundlich.
Rex hätte gern gefressen, fürchtete aber, dass der Mann wieder weg gehen und die Tür zu machen könnte. Aber es roch sehr lecker und schon wieder fing er an zu speicheln.
Karl sah, dass der Hund Hunger hatte, aber irgendetwas ihn davon abhielt, zu fressen. Er zog den Napf wieder zu sich heran, nahm einen Fleischbrocken heraus und hielt ihn dem Hund auf der offenen Hand hin. Rex schaute ihn erstaunt an. Dann schaute er das Fleisch an. Ganz langsam hob sich der große Schäferhund vom Boden und bewegte sich halb geduckt mit langem Hals auf die Hand und das Fleisch zu. Mit einer unendlich zarten Bewegung fasste der Hund das Fleisch mit den Zähnen und zog es ganz langsam von der Hand. Dann ging er wieder einen Schritt zurück und fraß das Fleisch.
Karl nahm langsam einen weiteren Fleischbrocken aus der Schüssel. Diesmal zögerte Rex schon weniger lange. Beim dritten Bissen wich er nicht mehr mit dem Fleisch zurück und beim vierten folgte er schnuppernd der Hand. Karl lachte leise. Der Hund legte den Kopf schief, schaute in an und wedelte ein bisschen.
Rex war im Glück. Es machte ihm großen Spaß, dem Mann das Fleisch aus der Hand zu fressen. Keine Geste konnte freundlicher sein, als Futter anzubieten. Dieser Mann mochte ihn!
Auf einmal kam die Hand ohne Fleisch wieder zum Vorschein. Rex schnupperte vorsichtig daran. Die Hand hielt still. Rex war verunsichert. Aber er war jetzt auch schon ziemlich mutig. Er stupste ganz vorsichtig mit der Nase an der Hand. Und die Hand antwortete. Sie drehte sich um und strich ganz leise an Rex Nase entlang. Das kitzelte. Rex machte einen angedeuteten Hüpfer und wedelte. Dann kitzelte ihn die Hand wieder. Das war ein schönes Spiel.
Auf einmal legte sich die Hand auf seinen Hals. Noch bevor Rex zurückzucken konnte, kraulte sie sein Fell und das war unsagbar schön. Rex stand ganz still. Er senkte langsam den Kopf und rührte sich dann gar nicht mehr. Das sollte bitte nie aufhören!
Karl kraulte dem Schäferhund den rauen Pelz. Ein sehr zerbrechlicher Moment, in dem nichts schief gehen durfte, um das gerade wachsende Vertrauen und auch den Wagemut des Tieres nicht wieder zu zerstören.
„Hey, Rex”, sagte Karl leise, „wir sollten Freunde werden.”
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Dina und Ojo hatten eine scheinbar endlose Zeit in der Kälte verbracht und sich nicht in den Schuppen getraut. Karl blieb da so lange drin, dass sie bestimmt nur stören würden. Fratz war längst ins warme Haus gelaufen, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt, dass er hier ein und aus ging.
Dina seufzte. Der kleine weiße Hund würde ihr schrecklich fehlen wenn sie ihn hergab. Sie dachte, dass niemand auf der Welt – auch nicht Ojo – so gut für den Kleinen sorgen könnte wie sie. Gleichzeitig war ihr klar, dass das Unsinn war, aber weil es ihr nicht das erste Mal so ging, versuchte sie, diese Gedanken einfach zu verscheuchen.
Gerade als sie beschloss, allein wieder hinein zu gehen und schon mal einen Kaffee zu trinken, öffnete sich die Tür des Holzschuppens. Karl trat heraus und ließ die Tür weit offen. Hinter ihm tauchte der Schäferhund auf und schnupperte unentschlossen an der Schwelle. Dann trat der Hund in den Garten. Dina grinste erfreut.
„Er ist ganz zutraulich”, sagte Karl und beobachtete den Hund, der gleichzeitig ihn beobachtete. Als Rex überzeugt zu sein schien, dass Karl sich nicht plötzlich in Luft auflösen würde, schnupperte er eine Weile herum und suchte sich einen abgelegenen Platz, um sich zu lösen. Dann lief er wieder auf Karl zu.
„Komm”, sagte Ojo zu Dina und schob sie vor sich her ins Haus. Die Türen ließ er offen.
Drinnen hatte Fratz schon mal versucht herauszufinden, was denn so alles auf dem Frühstückstisch stand. Aber er war zu klein, um irgendetwas davon zu erwischen. Geschäftig stakste er um den Tisch herum und erhob sich ab und zu wie ein Erdmännchen auf die Hinterbeine, um sich größer zu machen. Aber auch das reichte nicht aus.
Dina schickte Fratz auf den Platz vor dem Ofen. Karl kam herein. „Ich habe die Haustür offen gelassen”, sagte er aufgeregt und setzte sich zu den anderen an den Tisch.
„Du willst es also mit Rex versuchen?”, fragte Dina ihn grinsend.
„Ja”, antwortete Karl, „ich werde hier weg gehen. Mein Bruder hat im Holsteinischen einen Hof und braucht schon lange Unterstützung. Dorthin kann ich Rex mitnehmen.” Karl wirkte zufrieden, ruhig und glücklich.
Dina freute sich. „Er hat es verdient”, sagte sie. „Ich glaube, ihr habt es beide verdient.” Das Frühstück verlief fröhlich. Dina sagte: „Ich hatte einen total merkwürdigen Traum!”
„Und mich hat die Katze hypnotisiert”, antwortete Ojo. Sie lachten und erzählten sich ihre nächtlichen Erlebnisse.
Währenddessen wagte sich Rex mit langer Nase ganz langsam in den Flur vor. Er setzte eine Pfote nach der anderen auf die Holzdielen, als würde er über rohe Eier laufen. Die Stimmen der Menschen lockten ihn an. Aber er war noch nie in einem Menschenhaus gewesen und hatte schreckliche Angst, irgendetwas falsch zu machen.
Als er die Nase durch den Türspalt im Wohnzimmer schob und schnaufend den Geruch des Ofens, des Frühstücks und aller anwesenden Lebewesen einsog, saßen die drei Tierfreunde wild gestikulierend am Tisch und machten sich gegenseitig auf die schwarze Nase aufmerksam, die am Türspalt sichtbar wurde. Fratz sprang auf und hippelte eilig zur Tür um seinen großen Freund zu begrüßen. Rex schob seinen ganzen pelzigen Schädel (der hier im Haus viel größer wirkte, als draußen) durch den Türspalt und schielte zu den Menschen hin, während er freudig den kleinen Hund abschnuffelte. Fratz musste natürlich sofort an dem großen hochspringen und sich in seinem Fell verbeißen. Dann verschwanden beide Hunde in den Flur und von da nach draußen. Das mit der unberührten Schneedecke im Garten sollte wohl nichts werden.
Am späten Nachmittag, als sich die beiden Hunde müde gespielt hatten, und Karl zum letzten mal auf den Hof seiner Frau gefahren war um seine Angelegenheiten zu regeln, legte Rex sich im Flur vor die (inzwischen geschlossene) Haustür. So richtig traute er sich noch nicht herein, aber das hatte auch niemand erwartet. Rex und Karl hatten noch einen langen Weg vor sich.
Fratz hatte sich müde auf Dinas Schoß zusammengerollt und kaute noch ein bisschen an ihren Fingern.
„Könntest du wohl mal dem Fratz die Verbände wechseln?”, frage Dina betont nebenbei.
Ojo zog die Augenbrauen hoch. „Öh, ja, ich denke schon”, antwortete er.
Dina setzte kurzerhand den kleinen Hund zu Ojo aufs Sofa und holte frisches Verbandszeug aus ihrem Koffer.
Als Ojo mit der Verbandsschere die dicken Wickel aufschnitt und die geschwollenen Ellenbogen mit den leuchtend roten Narben befreite, wurde ihm auf einmal bewusst, was für ein zerbrechliches Wesen dieser kleine Hund war. Vorsichtig schälte er die alten Verbände ab. Fratz hielt ganz still. So viele Verbandswechsel hatte er schon über sich ergehen lassen müssen, dass er brav war, obwohl er sich sichtlich unwohl fühlte.
Ojos große Hände zitterten ein ganz klein wenig, als er die kleinen Ärmchen losließ. Fratz saß da wie bloßgestellt. Was die lustig bunten Verbände bisher verdeckt hatten, wurde jetzt schonungslos deutlich.
„Können wir ihm nicht ein paar Minuten ohne Verband gönnen?”, fragte Ojo.
„Wenn du aufpasst, dass er sich nicht an den Fäden zieht”, antwortete Dina.
Aber das war ein hoffnungsloses Unterfangen. Fratz fing sofort an, sich die Beinchen zu lecken und an den Fäden zu knabbern. Dina zeigte Ojo, wie er zuerst weichen Mull, dann Polsterwatte und zuletzt den elastischen Verband von unten nach oben wickeln musste.
„Du wirst es lernen”, sagte Dina, „es wird bei jedem Mal besser klappen.”
„Ich krieg das schon hin”, sagte Ojo und klebte den letzten Streifen Heftpflaster fest. Der kleine Fratz schleckte ihm das Gesicht und wedelte. Ojo war sehr gerührt von diesem zarten Wesen und strich ihm über die kleine wurstfarbene Nase.
Maja saß auf der Fensterbank, als der Saphir langsam hereinkam.
„Willkommen”, sagte sie liebevoll und schaute den Schattenhund an.
„Ich bin froh, bei euch zu sein”, sagte der Saphir.
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Die Tiere im Wald verstummten und hielten inne. Ein sanfter Schimmer drang durch die Bäume und wärmte ihre Herzen. Ein Saphir war eingezogen und die wilden Tiere freuten sich, denn sie hatten einen Freund in ihrer Nähe.
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