2. Teil: Freundschaft ist keine Frage der Zeit
- 1: 1. Teil: Wünschen ist nicht immer einfach.
- 2: 2. Teil: Freundschaft ist keine Frage der Zeit.
- 2.1: Prolog.
- 2.2: 1 - Novembernacht.
- 2.3: 2 - Maja.
- 2.4: 3 - Ojo.
- 2.5: 4 - Saphir.
- 2.6: 5 - Rex.
- 2.7: 6 - Nacht.
- 2.8: 7 - Eingeschneit.
- 2.9: 8 - Dina und Fratz .
- 2.10: 9 - Gefangen.
- 2.11: 10 - Schwere Herzen .
- 2.12: 11 - Misstrauen.
- 2.13: 12 - Porto.
- 2.14: 13 - Freundschaftsdienst.
- 2.15: 14 - Eine Insel im blauen Meer.
- 2.16: 15 - Gespräch durch die Tür.
- 2.17: 16 - Annäherungen.
- 2.18: 17 - Die Suche.
- 2.19: 18 - Ein langes Gespräch.
- 2.20: 19 - Wanderer.
- 2.21: 20 - Freundschaften.
- 2.22: 21 - Spannungen.
- 2.23: 22 - Spiele.
- 2.24: 23 - Tiere und Menschen.
- 2.25: 24 - Träume werden wahr.
- 2.26: Epilog.
- 3: 3. Teil: Die Saphire.
Spiele
Dina saß müde mit Ojo am Tisch. In den Kaffeetassen vor ihnen waren die Reste schon längst eingetrocknet und immer noch war das Gespräch keinen Schritt weiter gekommen.
„Ojo, überlege doch bitte, was du ihm antust”, bat Dina zum wievielten Mal. „Er wird im Tierheim sicher nicht seine Angst verlieren. Kein Mensch will so einen Hund haben und er wird einfach nur jahrelang da herum sitzen!”
Ojo blieb verstockt. Er hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen. Wie hatte er nur, während es mit Porto gesundheitlich so bergab ging, einen anderen Hund aufnehmen können? Er fühlte sich, als hätte er seinem Freund die Treue gebrochen.
„Er ist einfach ohne mich gestorben während ich schlief”, sagte Ojo nicht zum ersten Mal.
„Ojo”, antwortete Dina eindringlich, „Tiere machen das oft so, selbst Menschen machen das. Sie warten, bis sie ganz allein sind. Du kannst das doch jetzt nicht als Vorwurf gegen dich auslegen!” Sie verlor langsam die Geduld.
Plötzlich fing Fratz an zu bellen und da klopfte es auch schon an die Tür. Ojo ging hinaus in den Flur. Er hatte jetzt wirklich keine Lust auf Besuch. Erstaunt sah er Karl draußen stehen. „Karl, was für eine Überraschung! Komm herein.”
Karl merkte sofort, dass etwas nicht stimmte und als er den leeren Platz vor dem Ofen sah, wusste er Bescheid. Durch sein Leben als Landwirt war Karl es gewohnt, Gemütsprobleme praktisch anzugehen und fragte: „Hast du ihn schon begraben?” Ojo schüttelte den Kopf. „Komm, dann machen wir das zusammen.
Das ist Männerarbeit”, fügte er mit einem freundlichen Blick auf Dina hinzu. Er legte Ojo eine Hand auf die Schulter und führte ihn hinaus.
Dina schaute den beiden nach, kraulte Fratz am Ohr und sagte zu ihm: „Wieso kann das ein Mann in einer Minute, was ich in zwei Stunden nicht hinkriege?”
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Portos irdische Hülle fand ein schönes Plätzchen unter den ausladenden grünen Zweigen einer großen Tanne. Die beiden Männer standen auf ihre Spaten gelehnt davor. „Du wirst es nicht glauben”, sagte Karl in das Schweigen hinein, „aber ich beneide dich.” Ojo zog die Augenbrauen hoch, aber er verstand sofort. „Dann mach etwas anders”, antwortete er. Karl nickte: „Ja, das werde ich.”
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„Kommt, lasst uns nach Rex sehen”, sagte Dina, als die Männer sich die Hände gewaschen und einen sehr schweigsamen Tee getrunken hatten.
Ojo stand schwerfällig auf, nahm den Schlüssel zum Schuppen vom Haken und gemeinsam gingen sie hinüber zu dem Schäferhund.
Als Ojo die Tür öffnete und den Schuppen betrat, saß Rex nicht wie sonst in den letzten Tagen erwartungsvoll an der Wand. Er hatte sich ganz hinten in die Ecke verkrochen und lag eingerollt. Seine Augen folgten Ojo und ganz kurz zeigte er den Ansatz eines Wedelns, das aber sofort wieder aufhörte.
Auf einmal stolperte Fratz in den Schuppen. Dina und Ojo konnten gar nicht so schnell reagieren, wie der zierliche, kleine Hund den Raum durchquert hatte.
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Rex sprang erschreckt auf. Seit vielen Jahren war ihm kein anderer Hund so nahe gekommen. Er wusste nicht, was er tun sollte. Der andere Hund war so klein, dass er keine Gefahr sein konnte, aber Rex war trotzdem verunsichert. Der Kleine würde ganz schnell merken, dass er keine Ahnung hatte, wie man mit Hunden umging und was würde er ihm dann tun?
Der kleine Hund setzte sich auf merkwürdige Art vor ihn hin. Er hob im Sitzen die Vorderläufe vom Boden, so dass sie in der Luft baumelten. Irgendetwas stimmte nicht mit seinen Pfoten. Rex wusste nicht, was das war und vor lauter Verunsicherung fing er an zu speicheln. Wie peinlich das war!
„Hey, Großer”, sagte Fratz, „geht es dir wieder besser?”.
„Ööööhm…”, Rex schaute beschämt auf den kleinen Speichelsee zu seinen Füßen. „Wie meinst du das jetzt?” Der Kleine konnte doch unmöglich wissen, dass der Mann nicht mehr so nett zu ihm war.
„Ich habe dich schon mal gesehen”, sagte der kleine Hund, „du lagst im Wald, warst ganz blutig und hast geschlafen. Die Frau hat dich mit dem Mann da abgeholt.”
Rex glotzte den Welpen verdattert an. „Abgeholt?”, wiederholte er dümmlich.
„Ja, klar”, sagte der Kleine, „mit mir haben sie das auch gemacht. Ich konnte nicht mehr laufen und es tat furchtbar weh, aber jetzt ist es fast wieder gut.”
Rex schnoberte mit vorgerecktem Kopf an den seltsamen Verbänden von Fratz. „Kommst du mit, spielen?”, fragte der Kleine.
„Ich kann – äh - glaube ich nicht spielen”, stammelte Rex.
Fratz verdrehte die Augen. Nicht spielen können! Spielen kann doch jeder! Er drehte sich um und lief wieder aus dem Schuppen hinaus.
„Warte!”, rief Rex ihm hinterher und Fratz schaute sich um.
Rex stand auf und lief dem kleinen Hund hinterher zur Tür.
Ojo stand still und schaute zu, wie der Schäferhund einfach aus dem Schuppen trabte. Dina griff seinen Arm, um ihn davon abzuhalten, die Schuppentür zu schließen. „Lass die beiden mal”, flüsterte sie. Karl stand im Garten und beobachtete gespannt die beiden Hunde. Zum ersten Mal begegnete er Rex aus der Nähe. Der Schäferhund wirkte ohne das trennende Gitter des Zwingers irgendwie verletzlich.
Fratz drehte sich, hüpfte um sich selbst herum und wedelte erfreut. Der große Schäferhund war ihm gefolgt und tapste
erstaunt durch das nasse Laub. „Wow, Großer, komm”, rief Fratz, „du kannst es bestimmt!” Mit seinen dick verbundenen Ellen-bogen machte Fratz eine sehr merkwürdige Spielaufforderung. Rex erkannte die Geste und fühlte sich an seine längst vergessene Welpenzeit erinnert. Er wedelte und machte einen ausgesprochen lächerlichen Hopser auf Fratz zu. Der fand das gar nicht lächerlich, sondern lustig und versuchte ausgelassen, dem großen Hund in den Brustpelz zu beißen. „Na also, geht doch”, bellte er und startete einen etwas verrutschten Angriff auf Rex große Pfoten.
Dina, Ojo und Karl schauten fassungslos zu. Die beiden so unterschiedlichen Hunde spielten ein Spiel das die Welt noch nicht gesehen hatte. Fratz, der keine zwei Schritte normal gehen konnte und seine Ellenbogen durch die Verbände gar nicht beugen konnte, spielte so gut es eben ging mit einem riesigen, völlig unbeholfenen Zwingerhund, der nicht die geringste Ahnung hatte, wie Spielen überhaupt geht und sich bewegte wie ein Trottel. Aber die beiden hatten Spaß, sie wurden mit jeder Minute ausgelassener, bellten, wedelten und hüpften umeinander herum.
„Der Kleine hat noch nie gespielt seit ich ihn kenne”, flüsterte Dina.
„Rex hat glaube ich überhaupt noch nie gespielt”, sagte Ojo trocken.
Der Anblick der Beiden war fast grotesk, aber das war den Hunden völlig egal.
Sie balgten sich, wälzten sich im toten Laub und nahmen sich gegenseitig in den Fang. Die Katze schaute um die Hausecke und ein unbemerkter Schatten bewegte sich am Gartenzaun entlang.
Als die beiden Hunde langsam müde wurden, holte Ojo eine Schüssel Futter und lockte Rex damit in den Schuppen zurück. Dina hielt draußen Fratz fest, der hinterher wollte.
Als sie wieder ins Haus gingen, erschien es Dina, als wäre die Welt seltsam ernüchtert nach dieser kleinen Sternstunde.
Rex stand mitten in seinem Schuppen und wedelte immer noch. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit wollte er nicht allein sein. Wo waren die anderen jetzt? Er wollte auch da sein, wo die anderen waren.
Dina und Ojo hörten Rex in seinem Schuppen bellen. Ojo kniff die Lippen zusammen. Dina hielt es für vernünftiger, jetzt nichts zu sagen. Karl blickte zwischen beiden hin und her. Er fand es war Zeit, über die Dinge zu sprechen.
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