Freundschaften

Rex freute sich. Er freute sich jetzt oft und das war ganz neu. Jeden Tag freute er sich mindestens drei Mal. Zweimal kam der Mensch zu ihm und mindestens einmal kam Maja zu seiner Tür und sie wechselten ein paar Worte. Wenn der Mensch kam, war es immer spannend. Er brachte Futter und Rex war jeden Tag sehr neugierig, was für Futter es heute sein würde. Am liebsten hatte er die großen Knochen, da konnte er so schön lange dran nagen. Aber auch die kleinen Stücke Futter hatte er gern, denn dann blieb nach dem Fressen viel Zeit, mit dem Menschen das Spiel „Wer kommt näher” zu spielen. Dieses Spiel war sehr aufregend und machte bei jedem Mal mehr Spaß.

Heute wollte Rex mal dem Mann so nahe kommen, dass er ihn berühren konnte. Er hatte lange mit Maja darüber gesprochen und sie hatte ihm Mut gemacht. Rex war ganz nervös vor lauter Vorfreude.

Endlich hörte er die schon vertrauten Schritte draußen vor der Schuppentür. Er setzte sich wie immer in seine Ecke, schaute dem Mann erwartungsvoll entgegen und wedelte heftig. Heute, heute würde der Tag der Tage sein, an dem er den Mann berühren würde!

Der Mann kam herein und stellte die Schüssel mit Futter auf den Boden. Rex machte sich darüber her und es schmeckte wieder einmal himmlisch. Dann machte der Mann den Boden von Rex Hinterlassenschaften sauber und dann …

… ging er wieder hinaus und schloss die Tür hinter sich. Rex saß da, schaute ungläubig auf die Tür und sackte vor Enttäuschung förmlich in sich zusammen. Was hatte er nur falsch gemacht? Warum spielte der Mann heute nicht mit ihm?

Spät am Abend glitt ein Schatten aus dem Wald. Der Saphir war von seiner langen Reise zurückgekehrt. Er lief an Rex' Schuppen vorbei, spürte eine Welle von Kummer aus dem Inneren und wusste, dass es höchste Zeit für seine Rückkehr geworden war. Aber um Rex könnte er sich später kümmern. Er glitt wie ein Nebel auf das Haus zu und betrat im nächsten Moment Ojos Wohnzimmer.

Porto lag vor dem Ofen, den Kopf auf die Vorderpfoten gebettet und schaute vor sich hin ins Nichts. Ojo saß auf seinem Sessel und schaute in ein Glas mit tiefrotem Wein. Der Saphir glitt an dem Sessel vorbei, Ojo fielen die Augen zu und er schlief ein.

Saphirs Schattengestalt legte sich neben Porto auf den Boden. Es würde ein langes Gespräch werden.

„Figo?”, sprach der Schatten den gedankenverlorenen Hund an.
Figo hob den Kopf. Dann sah er den Saphir neben sich liegen und entspannte sich wieder. „Kommst du, um mich zu holen, Saphir?”, fragte Figo matt.

„Nein, ich komme, um dir etwas zu bringen”, antwortete der Saphir.

„Was kannst du mir schon bringen?”, seufzte Figo.

„Ich bringe dir eine Botschaft von Sherry”, sagte der Saphir langsam.

Figo reagierte nicht. „Du willst mich nur trösten”, sagte Figo traurig,
„Sherry ist weit weg.” Dann seufzte er tief.

Der Saphir war auf Figos Unglaube vorbereitet: „Ich kann dir zum Beweis etwas sagen, was nur Sherry und du wisst.” Figo wandte dem Saphir sein Gesicht zu. Ihm wurde etwas mulmig zumute. „Was?”, flüsterte er.

„Ich weiß, nach wem Sherry dir deinen Namen gegeben hat.”

Figo erstarrte und wartete eine unerträglich spannende Sekunde, dass der Saphir weiter sprechen würde.

„Sie sagte: ‚Ich nenne dich Figo, so hieß einer meiner Brüder und der war auch so schön warm.’”

Als Figo diese Worte hörte, war es als wenn ein Damm in ihm bräche. Dieser Saphir hatte tatsächlich mit Sherry gesprochen, seiner Sherry!

„Wann hast du sie gesehen?”, winselte Figo fast, „wie geht es ihr, erinnert sie sich noch an mich?”

„Sie erinnert sich sehr gut an dich”, antwortete der Saphir, „sie hat dich genau so wenig vergessen, wie du sie.” Und der Saphir fing an zu erzählen. Er beschrieb, wie Sherry jetzt, als erwachsene Katze aussah und Figo erkannte seine kleine Freundin in jedem Detail wieder. Und als der Saphir Sherrys Botschaft Wort für Wort wiederholte, war es Figo, als würde er mit Sherry selber sprechen.

„Figo, mein bester, mein erster und innigster Freund”, sagte Sherry, „ich wünsche mir von Herzen, dass du glücklich bist. Es war das Wichtigste in meinem Leben, dass ich dich getroffen habe. Und ohne deine Kette und die Tonne hätte ich dich nie getroffen und wäre dort auf dem Hügel sicher verhungert.”

Figo war ganz still während er zuhörte. Sherry erzählte ihm von den fünf Höhlenwelpen, von ihrer Wanderung durch den Regen, von dem Mann, der sie in seiner Hand getragen hatte, von der Tierärztin, die sie gesund gepflegt hatte und von Bonny, der alten weisen Hundedame. Sie erzählte, wie ihr Leben zwischen der Menschenwelt und der Tierwelt weiter gegangen war und Figo erkannte, dass Sherry etwas ganz Besonderes war. Und er erkannte, dass sie das ohne ihn nicht hätte werden können.

„Ich war und bin immer deine Freundin”, schloss der Saphir seine Botschaft von Sherry, „und ich werde dich nie vergessen, dich immer in meinem Herzen tragen!”

Figo lag still und von seinen Gefühlen überwältigt vor dem Feuer. Es war, als wäre Sherry da und er erzählte ihr jetzt von seinem Leben, seit sie sich getrennt hatten. Er erzählte von Ojo und dem Haus im Wald. Von den herrlichen, langen Spaziergängen, von dem Vertrauen in seinen Menschen und den schönen Abenden vor dem Feuer. Und Sherry schien zu staunen und sich zu freuen, wie gut es ihm ging. Figo fühlte sich glücklich. Er war sogar ein bisschen stolz auf sein schönes Schicksal. Und er plauderte mit Sherry, scherzte mit ihr und sog beglückt ihren Duft ein. Alle Trauer fiel von ihm ab. Die Jahre an der Tonne bedeuteten nichts mehr, nichts gegen die Freundschaft und gegen das Wohlbehagen eines liebenden Zuhauses.

Und dann hörte Figo plötzlich Stimmen. Eine kleine zarte Stimme und eine große, mächtige. Sie lachten, sie waren irgendwie fröhlich und erfreut. „Willkommen Figo!”, sagte die kleine Stimme. „Ich habe so auf dich gewartet, mein Freund!”, bollerte die Große.

Figo öffnete erstaunt die Augen. Der Ofen war verschwunden und der Sapir auch. Alles war in sanftes, helles Licht getaucht. Vor ihm saßen ein winziger weißer Welpe und ein wahrer Riese von Hund. Sie schauten ihn liebevoll und freundlich an. „Es ist so schön, dass du da bist”, sagte der Kleine, „wir müssen dir eine lange Geschichte erzählen.” „Ja”, dröhnte der große Hund „und ich muss dir meinen Lieblingsstein zeigen.” Figo lachte. Eine riesige Freude breitete sich in ihm aus und er war sehr gespannt auf die Geschichte, denn irgendwie wusste er, dass sie von ihm selbst handelte. Er stand auf und lief gemeinsam mit den beiden hell leuchtenden Hunden über eine strahlende Ebene.

Der Saphir stand langsam auf. Figo hatte ein letztes Mal seine Glieder gestreckt und lag nun regungslos vor dem Ofen. An der Tür saß Maja und schaute den Saphir an. „Er ist sehr glücklich”, sagte der Saphir. Maja nickte.

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