2. Teil: Freundschaft ist keine Frage der Zeit
- 1: 1. Teil: Wünschen ist nicht immer einfach.
- 2: 2. Teil: Freundschaft ist keine Frage der Zeit.
- 2.1: Prolog.
- 2.2: 1 - Novembernacht.
- 2.3: 2 - Maja.
- 2.4: 3 - Ojo.
- 2.5: 4 - Saphir.
- 2.6: 5 - Rex.
- 2.7: 6 - Nacht.
- 2.8: 7 - Eingeschneit.
- 2.9: 8 - Dina und Fratz .
- 2.10: 9 - Gefangen.
- 2.11: 10 - Schwere Herzen .
- 2.12: 11 - Misstrauen.
- 2.13: 12 - Porto.
- 2.14: 13 - Freundschaftsdienst.
- 2.15: 14 - Eine Insel im blauen Meer.
- 2.16: 15 - Gespräch durch die Tür.
- 2.17: 16 - Annäherungen.
- 2.18: 17 - Die Suche.
- 2.19: 18 - Ein langes Gespräch.
- 2.20: 19 - Wanderer.
- 2.21: 20 - Freundschaften.
- 2.22: 21 - Spannungen.
- 2.23: 22 - Spiele.
- 2.24: 23 - Tiere und Menschen.
- 2.25: 24 - Träume werden wahr.
- 2.26: Epilog.
- 3: 3. Teil: Die Saphire.
Maja
Maja, die schwarzweiße Katzenmutter hatte viel zu tun. Ihre Kinder waren jetzt groß genug, um das Jagen zu erlernen. Zwar brachte der Menschenmann jeden Tag Futter, aber es war einfach wichtig, dass kleine Katzen das Jagen lernten.
Eben hatte sie eine Maus erlegt und brachte den schlaffen Kadaver in die Ecke der Scheune, in der ihre Kinder sich gerade um eine vertrocknete Roggenähre balgten. „Okay, passt auf, hier ist eine Maus!”, rief Maja.
„Oh, lecker”, quietschte der kleine rote Kater und kam hungrig heran gesprungen. Die anderen folgten ihm. „Bevor ihr sie fressen dürft, schaut mir erstmal zu”, sagte Maja und fing an, geschickt mit der toten Maus zu spielen. Mit einer Pfote schoss sie die Maus weit über den glatten Scheunenboden und sprang sofort mit einem lautlosen Sprung hinterher, um die Beute auf den Boden zu drücken und fest zu halten.
Die vier Katzenkinder sahen ihr mit großen Augen zu. Ihre Köpfchen ruckten alle gleichzeitig in diese und jene Richtung, je nachdem, wo Maja ihre Maus gerade hin fliegen ließ. Die kleinen Körper spannten die Muskeln an und die Pfötchen zuckten vor Aufregung. Bald konnte sich die Katzenkinderschar nicht mehr bremsen und jedes versuchte, die tote Maus zu erwischen. Maja war zufrieden. Ihr Unterricht hatte geklappt. Zwar waren die Kätzchen noch tapsig und ungeschickt, aber sie würden es schon noch lernen.
Es war wirklich eine sehr anstrengende Zeit gewesen, ihre Kinder aufzuziehen und Maja wünschte sich, dass sie
möglichst schnell ganz selbständig würden. Diese Scheune bot zwar Schutz und Futter, aber sie hatte irgendwie ein ungutes Gefühl. Außerdem würde es in den nächsten Tagen kalt werden. Die Luft roch nach Frost und Schnee. Bis dahin sollten ihre Kinder fit im Jagen sein. Im Winter ging nichts über eine frische, warme Maus im Magen.
Auf einmal rollte das Scheunentor bollernd zur Seite. So spät noch Futter? Maja wunderte sich. Der Mann hatte doch am Nachmittag erst Futter gebracht. Erwartungsvoll schauten ihm die fünf Katzen entgegen. Er trug etwas Großes. Was mochte das sein? So viel Futter? Aber es roch gar nicht danach. Der Mann war auch irgendwie anders als sonst. Er atmete anders, er roch anders. Irgendetwas stimmte nicht. Maja spannte sich an und sträubte ihr Fell.
Die vier kleinen Kätzchen liefen erwartungsvoll auf den Mann zu. Der nahm mit seiner großen Hand eins nach dem anderen auf und setzte es in das merkwürdige Ding. Maja wurde schlecht. Jetzt wusste sie, wozu das Ding da war. Menschen taten Tiere dort hinein und brachten sie an andere Orte. Maja war selbst schon in so einem Ding gewesen. Als sie kurz vor der Geburt ihrer Kinder stand, da hatten die Menschen, bei denen sie als letztes war, sie in eine ganz ähnliche Kiste gesteckt und sie dann darin getragen und irgendwo stehen gelassen. Sie hatte grässliche Angst gehabt und laut geschrieen. Zum Glück hatte der Mann sie mitgenommen und in der Scheune heraus ge-lassen.
Was sollte sie machen? Sie wollte auf gar keinen Fall noch einmal in so ein dunkles enges Ding. Aber es war völlig ausgeschlossen, dass sie ihre Kinder allein ließ. Maja war verzweifelt. Und sie war wütend, unendlich wütend, dass dieser Mann sie zwang, auf ihn zu zu gehen, weil er ihre Kinder in seiner Gewalt hatte. Sie schlich geduckt auf den Mann zu, spürte, wie er sie hochhob und dann wurde sie zu ihren vier Kindern in die finstere Kiste gestopft.
„Was ist das hier?”, fragte eins der Katzenkinder ängstlich. Die anderen drei drückten sich beunruhigt an ihre Mutter heran. „Haltet still”, sagte Maja. Ihr war übel vor Zorn und Angst, aber sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.
Die Kiste ruckte und schaukelte unsanft. Dann gab es viel Lärm und die Katzen wurden hin und her geschüttelt. „Aua!”, maunzte der schwarzweiße Kater, als er unsanft gegen eine seiner Schwestern geschleudert wurde, die ebenfalls aufschrie. Das Rucken und Wackeln hörte nicht auf. Die Kätzchen hatten schließlich das Gefühl, dass sie schon eine Ewigkeit so herumgeschubst wurden. Sie versuchten, sich so fest wie möglich an den Kistenboden zu drücken und sich in dem glatten Boden festzukrallen, aber immer wieder verloren sie das Gleichgewicht und fielen hin.
Dann hörte das Schaukeln plötzlich auf. Die Kiste stand still. Der Mann öffnete den Deckel. Die Katzen saßen starr vor Angst auf dem Kistenboden zusammengedrängt und blickten furchtsam durch die Öffnung in den nächtlichen Himmel. Sterne blinkten und ein Schwall kalter Luft drang in die Kiste. Der Mann ging weg. Sie hörten, wie sich seine Schritte entfernten. Dann hörten sie, wie sich auch das Geräusch seines Autos entfernte.
Stille.
„Wo sind wir?”, meldete sich flüsternd das erste Kätzchen. „Seid ganz ruhig”, sagte Maja. Sie wollte nicht, dass sich die Kleinen noch mehr beunruhigten. Vorsichtig richtete sie sich auf den Hinterbeinen auf, setzte die Vorderpfoten auf den Kistenrand und lugte nach draußen. Sie sah, wie sich schwarze Skelette hoher Bäume gegen den Nachthimmel abzeichneten. Es waren viele Bäume. Sie waren im Wald.
Maja sank das Herz. Zwar war der Wald an sich nicht gefährlich und es gab auch einige jagdbare Tiere, aber sie wusste, dass der Wald nur wenig Schutz gegen Kälte, Regen und Schnee bot. Sie selbst hätte es allein womöglich geschafft, einen Hof mit einer Scheune oder einem Keller zu erreichen, ohne vorher zu verhungern. Aber ihre vier Kinder waren weder in der Lage weit zu wandern, noch sich selbst mit genügend Nahrung zu versorgen. Wie sollte sie es schaffen, jetzt im Herbst jeden Tag Beute für fünf zu machen? Außerdem würde es sehr bald schneien. Maja wusste, dass sie keine Chance hatte, sich und ihre vier Kätzchen bei einem Wintereinbruch am Leben zu erhalten. Die Kleinen würden sehr schnell erfrieren - um so schneller, je weniger sie zu fressen bekamen.
Was sollte sie tun? Sie beschloss, die Kätzchen so lange wie möglich in dem Glauben zu lassen, dass ihre Situation ganz normal und in Ordnung war. Sie sollten wenigstens erst so spät wie möglich Angst bekommen.
„Kommt, wir suchen uns ein gemütliches Plätzchen”, sagte sie aufmunternd zu ihren Kindern. Eins nach dem anderen krabbelten die Kätzchen vertrauensvoll aus der Kiste. Sie stapften hinter ihrer Mutter her, die Schutz im Unterholz suchte. Mit großen Augen bestaunten sie die vielen Bäume und mehr als einmal schüttelten sie ihre pelzigen Pfötchen, weil sie in Nässe oder Matsch getreten waren. Maja führte sie ein ganzes Stück tiefer in den Wald bis unter einen großen Baum, zwischen dessen Wurzeln sich Laub gesammelt hatte. Das würde ein einigermaßen wärmendes Nest abgeben.
Maja scharrte so lange Laub beiseite, bis sie auf trockenere Blätter und festen Boden stieß. In der so entstandenen Kuhle legte sie sich auf die Seite und die vier Kätzchen krabbelten nah an sie heran. Das aufgetürmte Laub um die Kuhle herum fiel mit jeder Bewegung nach und nach herunter, bis die Tiere in einem rundum geschützten Nest lagen. Eng zusammengekuschelt war allen schön warm. Für diese Nacht würde es reichen, dachte Maja. Sie waren alle noch satt vom Nachmittagsfutter und der Maus. Die eigentlichen Sorgen würden erst morgen anfangen.
Im Laufe der Nacht bildete sich an jedem einzelnen Blatt im Wald ein glitzernder, weißer Rand.
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