Eine Insel im blauen Meer

Ojo saß müde und in Gedanken versunken in seinem Sessel. Sein angenehmes, gewohntes Leben war aus den Fugen geraten, seit er vor fünf Tagen die Katzen im Wald gefunden hatte.

Alles war gut gewesen und hätte ewig so weiter gehen können. Jetzt auf einmal war nicht nur sein geliebter Porto schwer krank, sondern er hatte noch eine Katze dazu bekommen und draußen im Holzschuppen war ein Hund eingesperrt, dessen Vorname Angst und dessen Nachname Misstrauen war.

Ojo durchlebte täglich ein Wechselbad an Gefühlen, das seine Energien aufzuzehren schien. Wenn sein Porto schon Abschied nehmen musste, so hätte er lieber ihm allein all seine Zeit geschenkt. Der Hund im Schuppen aber benötigte ebenso viel Aufmerksamkeit und Zuwendung – auch wenn er nichts davon zu schätzen schien und noch weniger zurückgab. Rex schien weit davon entfernt, geliebt werden zu wollen.

Aber es gab Fortschritte. Gestern war Ojo zum ersten Mal eine Weile im Schuppen geblieben, als er Rex das Futter brachte. Der Hund hatte nicht gefressen, aber er hatte sich auf sein Lager gelegt und dabei relativ entspannt ausgesehen.

Ojo empfand den Schäferhund mehr als Last denn als Aufgabe. Wie viel leichter war es, einen dankbaren Tonnenhund aufzunehmen oder einen kleinen, lustigen Streunerwelpen, der der Welt noch einiges verzieh.

Kein Tierheim wäre bereit, einen ängstlichen, tendenziell bissigen, erwachsenen Schäferhund aufzunehmen. Und Ojo wäre sich auch wie ein Verräter vorgekommen. Trotzdem war Rex ein Problem. Wenn er ihn behalten würde, würde es irgendwann auffallen, dass er den Hund des Großbauern bei sich hatte. Wie er den Alten kannte, würde der Zeter und Mordio schreien und von Diebstahl anfangen, nur um den armen Hund wieder für alle Zeiten in den Zwinger zu sperren.

Ojo rieb sich mit Daumen und Zeigefinger die Augen. Seit Dina wieder abgereist war, fiel es ihm schwer, sich um die drei Tiere zu kümmern. Es war einfach, einen Hund von einer Kette zu befreien oder hungrige Kätzchen zu füttern. Aber für ein ganzes zerstörtes Tierleben allein die Verantwortung zu übernehmen, das war eine ganz andere Sache. Und dann war da noch Karl, der wusste, wo Rex war. Ojo war sich nicht sicher, in wie weit er Karl vertrauen konnte. Er war mit dem Großbauern verwandt. Es war gerade alles ziemlich schwierig.

Nachdenklich schaute Ojo seinen alten, zotteligen Porto an, der vor dem Ofen lag und ruhte. Was für ein schöner Hund! Ojo kannte und liebte jede einzelne Zottel an ihm. Er hätte mit verbundenen Augen, allein durch das Anfühlen eines Ohres Porto unter hundert anderen Hunden heraus erkannt. Auf einmal überkam ihn ein so überwältigend liebevolles Gefühl zu diesem Hund, dass er sich nicht zu rühren wagte, um es nicht zu verlieren.

Porto hob auf einmal den Kopf und schaute aufmerksam in die Luft. Ojo sah sich im Zimmer um. Aber die Katze war nicht da und er konnte nichts erkennen, was Portos Aufmerksamkeit hätte erregen können. Der Hund aber schien zu lauschen.

Maja saß draußen und wartete. Der Saphir erschien erst weit nach Mitternacht wieder. Ängstlich schaute sie ihm entgegen. „Ist er gestorben?”, fragte sie bang. „Nein”, antwortete der Saphir, „aber er ist sehr krank.”
„Kannst du ihm denn helfen?” Maja hoffte es so sehr.

„Das weiß ich noch nicht”, sagte der Saphir. „Aber ich muss meine Pläne ändern.” Er schwieg eine Weile. Dann wandte er sich direkt an Maja.

„Hör zu, Maja, ich muss für eine Weile fort.” Maja senkte den Kopf. „Aber ich werde wieder kommen, denn dies ist das Haus, in dem ich bleiben will.”

„Wann kommst du wieder?”, flüsterte Maja.

„Ich weiß es nicht. Aber ich komme ganz bestimmt zurück. Du musst hier derweil ein bisschen aufpassen”, trug der Saphir ihr auf. „Hier sind drei Seelen in Not und du bist die Einzige, die für sie sorgen kann.” Maja nickte tapfer.

„Es passt mir gar nicht, gerade jetzt weg zu müssen”, sagte der Saphir halb zu sich selbst.

„Ich werde schon aufpassen”, versprach Maja, „wenn du nur wiederkommst.”

„Ich komme ganz bestimmt wieder”, sagte der Saphir.

„Wo gehst du denn hin?”, fragte Maja.

„Weit weg”, sagte der Saphir, „zu einer Insel im blauen Meer.”

Dann drehte er sich um und lief eilig in den Wald hinein.

Maja blickte ihm traurig nach. Dann sprang sie von ihrem Platz auf dem Zaun, lief zum Schuppen und setzte sich vor die Tür. „Hey, Rex”, rief sie leise, „weißt du was eine Insel im blauen Meer ist?”

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