Freundschaftsdienst

Maja saß auf der Fensterbank und schaute hinaus in die Dämmerung. Es tropfte von der Dachrinne und am Waldrand lagen nur noch einzelne dicke Schneeklumpen. Gestern hatte es zu tauen begonnen.

Heute Morgen war die Frau mit ihren vier Kätzchen weggefahren. Maja war froh, denn sie wusste, dass die Kleinen auf dem richtigen Weg waren. Sie waren jetzt groß genug, um ohne sie auszukommen. Sie hatte ihre Aufgabe als Mutterkatze erfüllt.

Und dies war ihr eigenes neues Zuhause. Wohlig setzte Maja ihre Vorderpfötchen ordentlich nebeneinander. Noch nie hatte sie sich so sicher und entspannt gefühlt. Vorbei das Hinein-schleichen in Keller und Scheunen, das Misstrauen gegenüber den Menschen, die ihr Futter gaben. Vorbei das Frieren und die Sorge um die kleinen Kätzchen. Sie war angekommen. Sie war endlich eine von denen, die einen Ort hatten, zu dem sie gehörten.

In der vergangenen Nacht hatte Maja draußen einen Saphir um das Haus laufen sehen und seitdem wusste sie, dass dies der richtige Ort bei dem richtigen Menschen war. Wo ein Saphir war, da war ein guter Ort, dem man vertrauen konnte. Jetzt wusste sie auch, dass es der Saphir gewesen war, der dafür gesorgt hatte, dass sie und ihre Kinder gefunden wurden.Dies war offenbar ein Saphir, der noch kein Zuhause hatte. Maja seufzte vor Erleichterung. Sie hatte das Gefühl, als müsse sie wochenlang schlafen, um sich von den Strapazen ihrer Vergangenheit auszuruhen.

„Hey, Katze”, hörte sie auf einmal Figo, der wie immer vor dem Ofen lag, leise zu ihr sprechen, „redest du jetzt mit mir?”.

Maja drehte den Kopf in Richtung des Hundes. „Ich habe von draußen zugehört als du den Kleinen deine Geschichte erzählt hast”, sagte sie.

Figo blickte still und nachdenklich vor sich hin. „Glaubst du”, fragte er schließlich, „dass man Dinge einfach vergessen kann?”.

Maja fühlte einen Stich im Herzen. Figos Geschichte war mehr als traurig. Sein vergangenes Schicksal war unerträglich und sie kam sich dagegen mit ihrem eigenen Leben als Halb-Streunerin albern vor. Sie hatte Dinge erlebt, die unangenehm waren und Angst machten. Sie hatte auch schon Hunger gehabt und gefroren. Aber die Erinnerung daran bewirkte nur, dass sie die Wärme und Sicherheit und das Sattsein umso mehr genoss. Figos Erinnerungen bereiteten ihm sicher keinen Genuss.

„Nein”, sagte Maja, „ich glaube, man vergisst nie etwas ganz und gar.”

„Glaubst du”, fragte Figo dann, „dass man vor Sehnsucht krank werden kann?”.

„Das weiß ich nicht, Figo”, antwortete sie voller Mitgefühl. „Wonach sehnst du dich denn so?”

Figo kniff die Augen zu. Ganz leise sagte er: „Ich sehne mich nach meiner kleinen Freundin Sherry.”

Maja wurde das Herz schwer, als sie verstand. „Nicht wahr”, sagte sie, „du kannst deine Geschichte so oft erzählen wie du willst, die einzige, die wirklich weiß, wer du bist, ist die kleine Sherry, weil sie es mit dir zusammen erlebt hat.”

Figo steckte seine Nase unter die Hinterläufe und schloss fest die Augen. Er antwortete nicht.

Maja sprang mit einem leisen Plumps von der Fensterbank, lief in den Flur und durch das halb geöffnete Fenster sprang sie lautlos nach draußen in die beginnende Nacht. Sie lief durch den Schneematsch zum Gartenzaun, sprang auf einen Zaunpfahl und blickte in den Wald.

„Saphir”, rief Maja in die Stille, „ich weiß, dass du da bist. Ich habe dich gesehen. Komm und sprich mit mir!”

Aus der Dunkelheit des Waldes glitt ein Schatten. „Was willst du, Katze?”, fragte der Schatten.

Maja wunderte sich, dass sie ganz ruhig war. „Saphir, ich möchte dir danken, dass du hier bist und dass du mir und meinen Kätzchen geholfen hast. Aber deshalb habe ich dich nicht gerufen.” Sie machte eine Pause. Der Saphir stand still und hörte zu.

„Bitte komm ins Haus”, sagte Maja, „der alte Figo ist krank vor Kummer. Bitte hilf ihm.”

Der Saphir schwieg eine Weile. „Es ist noch nicht an der Zeit, dass ich in das Haus kommen kann”, sagte der Saphir, „meine Aufgabe ist noch nicht beendet.”

„Aber Figo leidet so”, schniefte Maja, die jetzt langsam von ihren Gefühlen überwältigt wurde. „Bitte, kannst du denn nicht eine Ausnahme machen?”

„Aber Maja”, flüsterte der Sapir, „weißt du denn nicht, dass ein Saphir, der ohne Erlaubnis ein Haus betritt, den Tod mitbringt?”.

Maja fühlte ein innerliches Zittern. „Saphir, ich glaube der Tod wird sowieso bald zu Figo kommen, ob du nun hinein gehst oder nicht.”

„Du bist seine Freundin, nicht wahr?” fragte der Saphir.

„Ich wäre es gern”, sagte Maja, „aber ich glaube wir haben nicht mehr viel Zeit uns anzufreunden.”

„Freundschaft ist keine Frage der Zeit”, antwortete der Saphir. Dann verblasste seine Schattengestalt, schien zu schweben und glitt auf das Haus zu, wo sie sich auflöste.

Maja fühlte sich einsam und ausgeschlossen. Was jetzt drinnen vor sich ging, das ging sie nichts an. Sie schaute hinauf zum den Sternen, die sich in ihren großen runden Augen spiegelten.

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