2. Teil: Freundschaft ist keine Frage der Zeit
- 1: 1. Teil: Wünschen ist nicht immer einfach.
- 2: 2. Teil: Freundschaft ist keine Frage der Zeit.
- 2.1: Prolog.
- 2.2: 1 - Novembernacht.
- 2.3: 2 - Maja.
- 2.4: 3 - Ojo.
- 2.5: 4 - Saphir.
- 2.6: 5 - Rex.
- 2.7: 6 - Nacht.
- 2.8: 7 - Eingeschneit.
- 2.9: 8 - Dina und Fratz .
- 2.10: 9 - Gefangen.
- 2.11: 10 - Schwere Herzen .
- 2.12: 11 - Misstrauen.
- 2.13: 12 - Porto.
- 2.14: 13 - Freundschaftsdienst.
- 2.15: 14 - Eine Insel im blauen Meer.
- 2.16: 15 - Gespräch durch die Tür.
- 2.17: 16 - Annäherungen.
- 2.18: 17 - Die Suche.
- 2.19: 18 - Ein langes Gespräch.
- 2.20: 19 - Wanderer.
- 2.21: 20 - Freundschaften.
- 2.22: 21 - Spannungen.
- 2.23: 22 - Spiele.
- 2.24: 23 - Tiere und Menschen.
- 2.25: 24 - Träume werden wahr.
- 2.26: Epilog.
- 3: 3. Teil: Die Saphire.
Porto
Rex wachte aus einem tiefen, traumlosen Schlaf auf. Er fühlte sich benebelt und ihm war ein bisschen schlecht. Ganz langsam, nach und nach wurde er wacher. „Wo bin ich?”, dachte er und entdeckte erstaunt die weiche Unterlage auf der er lag. Ihm war angenehm warm. „So warm war mir lange nicht mehr, seit…”, schlagartig fiel ihm alles wieder ein. Der Schneesturm, Saphir, seine Befreiung und das schreckliche Erlebnis im Wald. Er sprang auf und stellte erleichtert fest, dass ihn nichts mehr am Hals festhielt. Er schüttelte wie zur Bekräftigung den Kopf und spürte, dass da etwas fehlte. So lange Jahre hatte er das Kettenhalsband getragen, dass ihm sein Hals auf einmal unnatürlich leicht vorkam. Verwirrt stand er mitten im Schuppen und lauschte. Draußen war alles still.
Er schnupperte verhalten den Boden ab, als könnte jeden Moment etwas daraus hervor springen. Er entdeckte die Wasserschüssel und trank gierig. Dann lief er Schritt für Schritt rundherum die Wand entlang. Der Schuppen war ungefähr so groß wie sein alter Zwinger und irgendwie empfand er das als tröstlich. Es roch nicht bedrohlich, nur fremd. An einer Seite war ein dunkler Ausschnitt in der Wand und er versuchte hinaus zu schauen. Wenn er sich ganz auf die Hinterbeine stellte, konnte er draußen Schnee und Bäume und Sterne sehen. Aber das aufrechte Stehen machte ihn schwindelig. Irgendetwas stimmte mit seinem Kopf nicht. Er war immer noch müde.
Rex legte sich wieder auf das warme Lager und schlief fast sofort wieder ein.
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Ojo war früh wach und stand gut gelaunt auf. Er freute sich, dass er Besuch hatte und wollte ein schönes Frühstück vorbereiten. Außerdem war er gespannt, wie es dem Schäferhund im Schuppen ging. Leise schlich er sich an der Tür zum Gästezimmer vorbei ins Wohnzimmer. Porto begrüßte ihn wedelnd und kämpfte sich sogar auf die Füße um seinem Herrchen entgegen zu laufen.
Als Ojo in die Küche ging stellten sich auch sofort die vier Kätzchen ein. Sie hatten Hunger und Ojo füllte ihnen ihre Näpfe. Er traute seinen Augen nicht, als die Mutterkatze wie selbstverständlich auf ihn zu lief und ihm um die Füße streifte. „Hey, kleine Mieze, wirst du jetzt zutraulich?” Ojo streichelte der Katze über den Rücken und sie fing an zu schnurren. Dann lief sie auch zu den Futternäpfen und begann zu fressen. Ojo war sehr zufrieden. Er füllte einen großen Napf für Porto und stellte ihn an den gewohnten Platz. Porto schnupperte und fing dann langsam an zu fressen. „Na, so richtig viel Hunger hast du ja nicht”, bemerkte Ojo. Normalerweise inhalierte Porto das Futter innerhalb weniger Sekunden.
Ojo bereitete ein Frühstück und machte dabei so viel Geklapper, dass Dina rechtzeitig im Wohnzimmer erschien. Sie trug Fratz unter dem Arm. „Ich bring den Kleinen mal als erstes raus, kommst du mit, dann schauen wir mal, was der Schäfer macht.” Ojo nahm eine weitere Futterschüssel, füllte sie mit Fleisch und rief Porto. Gemeinsam gingen sie alle vor die Tür. Der Schnee war so hart gefroren, dass der leichte Fratz darauf laufen konnte, ohne einzubrechen.
Dina und Ojo gingen sofort zum Schuppen und spähten durch das Fenster hinein. Der Schäferhund wusste natürlich längst, dass sie sich ihm genähert hatten. Er stand in einer Ecke und schaute mit gesenktem Kopf zum Fenster hinauf. Dann lief er in die andere Ecke, ohne die beiden Gesichter im Fenster aus den Augen zu lassen. Seine Ohren lagen dicht am Kopf an. Der Hund war total verunsichert und unruhig. Ojo öffnete vorsichtig die Schuppentür und stellte den Napf direkt dahinter auf den Boden. Dann verschloss er die Tür wieder.
Porto war schon ins Haus zurück gelaufen. Dina fischte Fratz aus einem Schneeloch aus dem nur noch der gebogene weiße Schwanz herauslugte. Fröhlich leckte der kleine Hund ihr Gesicht ab, während sie ihn nach drinnen trug.
Während des Frühstücks unterhielten sich Dina und Ojo lebhaft über die Geschehnisse der letzten Tage. Dina freute sich an den vier kleinen Kätzchen, die lustig und ungeschickt im Zimmer umhertollten. „Die werden wir schnell vermittelt haben”, sagte sie hoffnungsvoll.
Als sie das Frühstück beendet hatten fragte Dina: „Was ist denn jetzt mit deinem alten Porto?” und musterte den großen struppigen Hund.
„Eigentlich war er bis vorgestern ganz normal”, antwortete Ojo. „Na ja, in letzter Zeit wollte er nicht mehr so richtig mit auf die Spaziergänge. Wenn es ganz arg war, hab ich ihn hier gelassen. Er hat halt Rheuma oder Arthrose oder so was. Er ist das Laufen ja sein halbes Leben nicht gewohnt gewesen.” Ojo war sichtlich unbehaglich zumute. Der Gedanke, dass sein geliebter Gefährte vielleicht ernsthaft krank sein könnte, machte ihm Angst. „Er hat heute Morgen auch nicht so richtig gefressen”, fügte er gedämpft hinzu.
Dina sah schweigend von Ojo zu Porto, der schon wieder vor dem Ofen lag und zu schlafen schien. „Ich schau ihn mir mal an”, sagte sie und stand auf. Porto war einer der Hunde, die Dina besonders am Herzen lagen. Er war einer der ganz wenigen Tonnenhunde, die sie auf Kreta befreien konnten. Und er hatte diese sonderbare Freundschaft zu einer kleinen Katze gehabt.
Dina kniete sich zu Porto vor den Ofen und kraulte ihm liebevoll das struppige Fell. „Na, du alter Bär”, sagte sie leise, „was fehlt dir?” Sie schaute sich seine Zähne an, tastete den Bauch ab und den Rücken. Sie bewegte seine vier Läufe in alle Richtungen und holte dann ihr Stethoskop. Lange hörte sie den Hund ab. Immer wieder setzte sie die Membran an anderen Stellen an und lauschte mit geschlossenen Augen.
Ojo schaute sich diese ausgiebige Untersuchung mit wachsender Besorgnis an. Schließlich nahm Dina die Enden des Stethoskops aus den Ohren und streichelte Porto noch ein bisschen. „Seit wann geht er nicht mehr so gerne mit?”, fragte sie.
„Ich weiß nicht”, antwortete Ojo. „Als es im Sommer so heiß war, da wollte er nicht mehr mit und hat viel gehechelt, aber ich dachte, das wäre halt normal bei der Wärme. Er geht aber sonst schon noch gern mit. Nur halt nicht so weit. Irgendwann fing er an, unterwegs einfach stehen zu bleiben und ich bin dann immer öfter mit ihm umgekehrt.”
Dina kehrte zurück an den Tisch und rührte in ihrer Kaffeetasse. Es war einer der Vorteile im Auslandstierschutz, dass man als Tierarzt immer nur sich selbst die Hiobsbotschaften überbrachte und nicht den Haltern der kranken Tiere. Sie sah Ojo an und sagte: „Porto ist herzkrank. Es geht ihm gar nicht gut.” Ojo sackte innerlich zusammen. Er stand auf und hockte sich neben Porto auf den Boden. Der alte Hund wedelte und rollte sich erfreut auf den Rücken. Ojo rieb ihm liebevoll die struppigen Rippen, so wie er es immer tat.
Natürlich, warum sollte sein Hund nicht auch irgendwann alt und krank werden? Niemand wusste, wie alt Porto wirklich war. Aber in der kurzen Zeit seit Porto bei ihm war, hatten sie beide sich so aneinander gewöhnt. Oft hatte Ojo viele Tage am Stück ausschließlich mit Porto verbracht. Sie hatten ihre Gewohnheiten und Rituale, sie waren zusammengewachsen.
„Tut es ihm weh?”, fragte er Dina.
„Nein”, antwortete sie, „es tut nicht weh, aber es schwächt ihn sehr. Hast du ihn in letzter Zeit mal husten gehört?”
„Er hat immer mal gehustet, aber nicht doll”, antwortete Ojo. „Ich dache, das wäre so eine Eigenart von ihm.”
„Du solltest ihn ab jetzt schonen”, sagte Dina. „Keine Spaziergänge mehr. Lass ihn ums Haus herum laufen, so wie er es will. Streng ihn nicht an.”
„Ist es so schlimm?”, fragte Ojo leise.
„Es ist ziemlich schlimm”, antwortete Dina und schaute Ojo prüfend an.
„Irgendwie habe ich es geahnt”, sagte Ojo traurig, „aber ich wollte nicht darüber nachdenken. Außerdem ging es ihm bis vorgestern wirklich noch ganz gut.”
„Bestimmt haben die Katzen und die Aufregung mit dem Schneesturm ihn zu sehr angestrengt”, erklärte Dina. „So was zeigt sich oft ganz plötzlich bei besonderen Belastungen. ”
„Soll ich lieber alle Katzen vermitteln und den Schäfer ins Tierheim bringen?”
„Ich denke, du solltest mir die Katzenwelpen mitgeben. So sehr Porto kleine Kätzchen mag, sie sind anstrengend. Behalte die große Katze, die wird ihn nicht belasten. Und über den Schäferhund müssen wir sowieso noch mal nachdenken.”
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