2. Teil: Freundschaft ist keine Frage der Zeit
- 1: 1. Teil: Wünschen ist nicht immer einfach.
- 2: 2. Teil: Freundschaft ist keine Frage der Zeit.
- 2.1: Prolog.
- 2.2: 1 - Novembernacht.
- 2.3: 2 - Maja.
- 2.4: 3 - Ojo.
- 2.5: 4 - Saphir.
- 2.6: 5 - Rex.
- 2.7: 6 - Nacht.
- 2.8: 7 - Eingeschneit.
- 2.9: 8 - Dina und Fratz .
- 2.10: 9 - Gefangen.
- 2.11: 10 - Schwere Herzen .
- 2.12: 11 - Misstrauen.
- 2.13: 12 - Porto.
- 2.14: 13 - Freundschaftsdienst.
- 2.15: 14 - Eine Insel im blauen Meer.
- 2.16: 15 - Gespräch durch die Tür.
- 2.17: 16 - Annäherungen.
- 2.18: 17 - Die Suche.
- 2.19: 18 - Ein langes Gespräch.
- 2.20: 19 - Wanderer.
- 2.21: 20 - Freundschaften.
- 2.22: 21 - Spannungen.
- 2.23: 22 - Spiele.
- 2.24: 23 - Tiere und Menschen.
- 2.25: 24 - Träume werden wahr.
- 2.26: Epilog.
- 3: 3. Teil: Die Saphire.
Misstrauen
Dinas Arme wurden langsam lahm. Der Schäferhund schnupperte zwar intensiv in Richtung Futter, aber über eine bestimmte Distanz zu Dina ging er nicht hinaus. Sobald sie sich bewegte um ihr Gewicht zu verlagern oder die Dose in die andere Hand zu nehmen, zuckte er zurück und knurrte wieder.
Als sie es eine Viertelstunde versucht hatte, stand Dina langsam auf und ging von dem Hund weg zu Ojo. „Es hat keinen Zweck”, sagte sie, „den kriegen wir nie und nimmer freiwillig bis zu dir.”
„Und wenn wir ihn irgendwie betäuben?”
Dina schüttelte den Kopf. „Ich habe ein starkes Beruhigungsmittel im Koffer, aber wie sollen wir diesen Riesenhund bis zu Dir tragen? Der wiegt doch locker 45 Kilo. Hast Du mal versucht, einen bewusstlosen großen Hund zu tragen?”
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Karl hatte die Spuren von Rex über die Straße hinweg bis zum Wald verfolgen können. Im Unterholz wurde es aber sehr schwer, die Pfotenabdrücke zu erkennen. Zu viel Schnee war nach und nach von den Zweigen der Bäume herunter gefallen, um die Eindrücke noch sicher erkennen zu können. ‚Was ist bloß los?’, dachte Karl, ‚schon wieder suche ich in diesem Wald ein Tier und wieder kann ich es nicht finden.’
Er hatte keine Lust, zu seinem Schwiegervater oder nach Hause zu Else zurück zu kehren. Er trat aus dem Unterholz wieder auf die Waldstraße. Hier war kaum ein Durchkommen. Was Nachbar Ojo wohl machte? Er musste völlig eingeschneit sein. Bei dem Gedanken an Ojos abgelegenes Haus bekam Karl eine Idee. Er würde mit dem Frontlader zu Ojo raus fahren. Da konnte er endlich mal einem netten Menschen helfen und etwas Sinnvolles tun. Vielleicht würde Ojo ihm auch helfen können, Rex zu finden. Er kannte sich ja gut mit Tieren aus. Kurz entschlossen stapfte er zur Landstraße zurück und startete den Traktor. Es begann schon zu dämmern.
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Dina und Ojo berieten in der zunehmenden Dunkelheit immer noch, wie sie dem Schäferhund helfen könnten. Sie konnten ihn auf keinen Fall über Nacht hier liegen lassen und erwogen schon die verrückte Idee, eine Art Biwak bei ihm aufzuschlagen, als sie auf einmal Lichter im Wald sahen und das laute Knattern eines Traktorenmotors hörten.
„Karl!”, jubelte Ojo, als der den Traktor erkannte. „Mensch, das ist Karl, er räumt die Waldstraße!” Ojo rannte durch den tiefen Schnee zur Waldstraße und schwenkte dabei seine Taschenlampe. Der Bagger blieb stehen und das Motorengeräusch verstummte. „Karl, du kommst wie gerufen”, strahlte Ojo, „wir haben einen verletzten Schäferhund im Wald gefunden und wissen nicht, wie wir ihn da weg bringen können.”
Karl lief mit Ojo zu der Stelle im Wald. Erschreckt schaute er auf die Blutspuren um den Hund herum. „Das ist der Rex”, sagte er, „der Hund vom Großbauern. Der Sturm hat seinen Zwinger kaputt gemacht, da ist er weggelaufen. Ich habe ihn schon gesucht, aber im Unterholz seine Spur verloren.”
„Dann kennt er Sie?”, fragte Dina hoffnungsvoll. „Uns vertraut er nicht.”
Karl schaute Dina etwas erstaunt an. Es war schon seltsam, Ojo hier mit einer fremden Frau im eingeschneiten Wald zu treffen.
„Der vertraut niemandem”, sagte Karl. „Der ist seit Jahren nicht aus seinem Zwinger raus gekommen.” Irgendwie war es ihm peinlich, das zu sagen. Als hätte er selber den Hund in den Zwinger gesperrt.
Dina sagte nichts. Sie kramte schon in ihrem Notfallkoffer nach dem Beruhigungsmittel und mischte eine nicht zu knappe Dosis davon in das Schälchen Katzenfutter. Dann warf sie dem Hund das Futter vor die Nase. „Kommt, wir ziehen uns ein Stück zurück, damit er es auch frisst”, sagte sie.
Rex hatte jetzt schon so lange den Futtergeruch in seiner Nase, dass er den Happen Katzenfutter sofort verschlang. Dina war froh. Sie hatte befürchtet, dass der verletzte Hund unter so starkem Stress stehen würde, dass er das Futter nicht anrühren würde. Sie beobachteten, wie Rex langsam den Kopf sinken ließ, ihm die Augen zu fielen und er schließlich aus seiner vorher angespannten Haltung schlaff auf die Seite kippte.
„Okay, schnell jetzt. Er sollte irgendwo sicher sein, bevor er wieder aufwacht.”
„Das schaffen wir schon”, antwortete Ojo, eilte zu dem Hund und machte vorsichtig die Kette vom Halsband los. Karl fuhr den Frontlader so weit es ging ins Unterholz und zu dritt zogen und hievten sie den schweren Körper hinauf hinter den Fahrersitz. „Wartet”, sagte Dina und schnitt ein Stück breiter Mullbinde von einer Rolle ab. „Ich mache ihm lieber eine Maulschlinge, falls er zu früh aufwacht.” Sie band dem Schäferhund vorsichtig den Fang zu, so dass er nicht beißen, aber gut atmen konnte. Dann kletterten alle drei auf den Traktor und fuhren los.
Hinter dem Bauwagen trat ein Schatten hervor und beobachtete die drei Menschen mit dem bewusstlosen Hund. Dann setzte er sich lautlos in Bewegung und folgte ihnen.
Es war eine lange und mühsame Strecke bis zu Ojos Haus. Im Scheinwerferlicht schob Karl den Schnee mit der großen Schaufel an den Wegrand. Meterhoch türmte er die weißen Massen auf und sein Vor- und Zurücksetzen schien endlos anzudauern. Dina und Ojo hatten große Mühe, den schweren, schlaffen Hund fest zu halten.
Die Dämmerung war schon weit fortgeschritten, als sie endlich das Haus sahen. „Hey, guckt mal, wir haben wieder Strom!”, rief Ojo. Die Laterne über der Haustür leuchtete einladend. Der Traktor hielt vor Ojos Zufahrt und eine wohltuende Stille trat ein, als endlich der Motor aus war. Drinnen bellten Porto und der kleine Fratz.
Dina und Ojo trugen Rex mit Hilfe einer Wolldecke ins Haus und legten ihn im Flur auf den Boden. Nach einer kurzen Begrüßung im Wohnzimmer schloss Ojo die Zimmertür, so dass Porto, Fratz und die Katzen nicht zu dem bewusstlosen Schäfer-hund gelangen konnten.
Der Schäfer schnaufte und ab und zu bewegte sich eine seiner Pfoten. „Er kommt bald wieder zu sich”, sagte Dina, „ich glaube, ich lege mal etwas nach. Er sollte erst aufwachen, wenn wir ihn versorgt haben.” Dina kniete neben ihrem geöffneten Koffer auf dem Boden und legte dem Hund einen Zugang in den Vorderlauf. An den Zugang legte sie eine halbgefüllte Spritze, drückte etwas von dem Inhalt in die Vene und der Hund lag wieder ganz still.
Karl stand verlegen im Hintergrund und schaute bewundernd Dinas routinierten Handgriffen zu.
Dina löste vorsichtig das Stachelhalsband und untersuchte die Wunden am Hals. Sie reinigte die Verletzungen und desinfizierte sie. „Willst du ihm keinen Verband machen?”, fragte Ojo.
„Er würde ihn zur Seite kratzen oder sich gar damit strangulieren”, antwortete Dina. „Und einen Plastikkragen kann er da auch nicht tragen. Es wird sich vielleicht entzünden, aber die Verletzungen sehen schlimmer aus als sie sind. Das wird heilen. Er darf nur vorerst nichts um den Hals tragen.”
Dina tastete nun den ganzen Hund ab, schaute in den Fang, in die Augen und Ohren. „Er hat ziemlich dicke Narben und einen alten, schlecht verheilten Bruch am Vorderlauf. Außerdem hat er extrem viel Zahnstein.” Mit einem spitzen Instrument kratzte sie große gelbbraune Brocken von den Zähnen des Hundes. „Ansonsten scheint er in Ordnung.” Dina räumte die benutzten Instrumente in einen Metallkasten und sammelte die verschmutzten Kompressen auf. „Wo soll er jetzt hin?”, fragte sie halb an Karl gewandt. „Wollen Sie ihn mit zu seinen Haltern nehmen? Er ist soweit versorgt.” Ihre Stimme hatte diesen resignierten Unterton, der anzeigte, dass hier wieder einmal ein Hund zurück in schlechte Haltung gegeben werden musste.
Karl trat von einem Bein aufs andere. Mit so was konnte er nicht gut umgehen. „Ja, hm”, fing er unentschlossen an, „ich sollte ihn ja suchen und zurück bringen.” Dina und Ojo warteten. Das klang, als würde da noch mehr kommen. „Aber kann er nicht erstmal… Ich meine, er hat es nicht besonders gut beim Großbauern.” Hilfe suchend schaute Karl die anderen an.
„Wir müssen uns jedenfalls entscheiden”, sagte Dina, „ich kann ihn nicht all zu lange in der Narkose lassen.”
„Meinst du, er könnte in den Holzschuppen?”, überlegte Ojo. „Der Schuppen ist rundum zu und hat ein Fenster mit Tageslicht. Aber er ist nicht isoliert, es ist eiskalt darin.”
„Hast du noch die Wärmelampe von Porto?”, fragte Dina.
„Gute Idee”, murmelte Ojo. Er verschwand im Wohnzimmer und kam einige Minuten später mit einem Karton und mehreren alten Wolldecken zurück. „Das dürfte reichen, um es dem Burschen bequem zu machen”, sagte er. „Ich geh mal rüber und bereite alles vor.”
Es war schon stockdunkel als Dina und Ojo den bewusstlosen Hund in den Holzschuppen trugen und dort auf ein sehr weiches Lager betteten. Ojo schaltete die Wärmelampe an und ein gemütlicher roter Schimmer breitete sich in dem kleinen Raum aus. Ojo holte zwei Metallnäpfe aus dem Haus und füllte einen mit Wasser. Futter wollten sie Rex noch nicht hinstellen. So kurz nach einer Narkose könnte er sich daran bös verschlucken.
„Besser du holst dir noch einen Holzvorrat heraus”, sagte Dina. Ojo nickte und lud einen Schubkarren voll mit Holzscheiten. Noch einmal schauten sie sich zu dem immer noch schlafenden Hund um. „Was ein armer Bär”, sagte Ojo mitleidig. „Ja”, antwortete Dina nachdenklich, „und nicht so leicht zu retten wie ein lustiger, geselliger Streuner.” Sie streichelte liebevoll den dicken stumpfen Pelz des Schäfers. Dann verließen sie den Schuppen und sperrten sorgfältig die Tür von außen zu. Karl hatte draußen gewartet.
In Ojos gemütlichem Wohnzimmer ließ Dina sich müde in einen Sessel plumpsen.
Fratz wackelte sofort erleichtert auf sie zu und versuchte, auf ihren Schoß zu krabbeln. Sie hob den kleinen Hund hoch und er drückte sich an Dina. „Na Fratz, das war jetzt ein doofer Nachmittag, oder?” Aus dem Gesicht des Hundes sprach absolute Zustimmung.
Ojo lud Karl ein, sich aufs Sofa zu setzen und bereitete ihnen allen einen heißen Tee. Dann hockte er sich auf den Boden neben Porto und streichelte seinem Hund den Kopf. Porto schnupperte verhalten an Ojos Händen. „Das waren glaube ich ein bisschen viele neue Tiere für meinen alten Porto”, sagte Ojo traurig. Eine Weile sagte niemand etwas.
Karl war noch nie bei Ojo zu Besuch gewesen. Sie hatten ein typisch ländlich-nachbarschaftliches Verhältnis. Man half sich, wenn es nötig war, man tauschte mal Neuigkeiten aus, ließ sich aber sonst in Ruhe. Karl ließ seinen Blick durch den Raum schweifen und plötzlich erstarrte er und riss die Augen auf. Dina und Ojo merkten es sofort. Karl starrte die Katze oben auf dem Regal an und die Katze starrte genau so zurück. „Wo hast du diese Katze her?”, flüsterte Karl. Ojo war erstaunt. „Ich habe sie vor zwei Tagen im Wald gefunden. Jemand hat sie mit ihren Kindern ausgesetzt. Sie hatten großes Glück, dass ich sie vor dem Schneesturm entdeckt habe.” Ojo deutete auf ein Nest aus einer Wolldecke und seinem Hemd, das hinter Dinas Sessel auf dem Boden lag und in dem vier kleine Kätzchen schlummerten.
Karl geriet irgendwie aus der Fassung und Dina und Ojo tauschten fragende Blicke. Karl lachte und dann zitterte ihm das Kinn, als würde er gleich in Tränen ausbrechen. „Das ist ja schön!”, sagte er ganz merkwürdig. Dann hockte er sich neben das Nestchen und streichelte verzückt die kleinen Kätzchen, die sich das verschlafen gefallen ließen.
„Du kannst gern eins oder zwei haben”, bot Ojo ihm an, „auf eurem Hof ist doch genug Platz.”
Karl hatte das Gefühl, sich in irgendeinem verrückten Traum zu befinden. Er stammelte irgendetwas von Dunkelheit und nach Hause müssen und verabschiedete sich. Fast fluchtartig verließ er Ojos Haus. Dina und Ojo hörten, wie sich das Traktorengeräusch langsam entfernte.
„Was war denn mit dem los?”, fragte Dina. „Er sah plötzlich aus, als hätte er ein Gespenst gesehen. ”
Ojo stand langsam auf und legte am Ofen Holz nach. „Wir sollten glaube ich jetzt etwas essen und dann schlafen”, sagte er. Dina nickte. Das war für Menschen und Tiere ein harter Tag gewesen.
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