Erster Versuch

„Wenn du einen Wunsch zur Erde schickst, dann musst du genau überlegen, zu wem du den Wunsch schickst“, begann Quinn seine Erklärungen. Liz und Mose hörten gebannt zu. „Es muss jemand mit einem guten Herz sein, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass der Wunsch seinen Weg nimmt und zum Ziel führt. Du hast ja gesehen, wenn du einfach so ins Blaue wünschst, dann kann es schief gehen, wie mit dem Müllsack, der beinahe auf deine Babys gefallen wäre.“
Liz bekam noch im Nachhinein einen Schreck und nahm sich vor, nie mehr voreilig zu sein. Quinn fuhr fort:
„Du musst auch aufpassen, wann der Wunsch auf der Erde ankommen soll. Denn die Zeit dort und die Zeit hier sind nicht gleich. Und zuletzt muss der Wunsch wohl überlegt sein. Deine Kinder haben zwar ein paar Futterbrocken durch deinen Wunsch bekommen, aber damit hat sich ihre Situation nicht wirklich geändert.“

Liz sank das Herz. „Das hört sich alles ganz schön schwer an. Kannst du denn nicht für meine Babys wünschen? Du kannst das bestimmt viel besser als ich.“

„Das geht leider nicht,“ antwortete Quinn. „der Wunsch muss immer von demjenigen kommen, dem die Erfüllung am meisten am Herzen liegt. Und es sind deine Kätzchen. Wem könnten sie wichtiger sein als dir?“ Liz seufzte. „Zeigst du mir jetzt noch, wie ich auf die Erde sehen kann? Ich möchte wissen, was meine Kinder machen und um jemanden zu finden, dem ich meinen Wunsch schicke, muss ich doch auch hinsehen können.“

„Deine Kinder kannst du nicht sehen“, antwortete Quinn. „Mit dem Sehen ist es genau umgekehrt wie mit dem Wünschen: Das kannst du nur da, wo dein Herz nicht beteiligt ist.“ Liz sackte vor Enttäuschung zusammen. „Ich kann für dich deine Babys sehen“ sagte Mose schnell. Er hatte großes Mitleid mit Liz. „Na, siehst du,“ brummte Quinn zufrieden „hast ja schon einen Freund gefunden, der dir hilft.“

Liz` rieb dankbar ihr weißes Köpfchen an Mose. „Und wie geht das mit dem Sehen von anderen Dingen, an denen mein Herz nicht beteiligt ist?“ Quinn ließ ein tiefes Glucksen hören, das wahrscheinlich ein Lachen sein sollte. „Endlich willst du mal etwas Einfaches, Mieze. Du musst es einfach nur tun! Du bist in der Welle. Hier geht sehr vieles, was auf der Erde nicht geht.“

Nur tun? Äh, wie jetzt? Liz fühlte sich etwas hilflos. Aber es war so wie mit dem Reisen in der Welle: Noch während man sich fragte, wie man es anstellen sollte, passierte es von allein. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich.

Vor Liz innerem Auge drehte sich der Erdenball und sie war überwältigt von dieser wunderschönen blauen Kugel. Tiere wissen instinktiv, dass die Erde rund ist und Liz war nicht im Geringsten erstaunt. „Hey Mose,“ rief sie begeistert aus, „siehst du auch, was ich sehe?“ „Es ist phantastisch!“ bellte Mose leise. Die Katze und der kleine Hund saßen ganz still, mit hochgereckten Näschen in der Welle und schauten beglückt auf die Welt.

Quinn sah sie beide wohlwollend an. „Ihr müsst euch einen Ort suchen, wo ihr anfangen wollt“ sagte er leise. „Und seid vorsichtig! Denkt gut nach!“ Damit drehte er sich um und scharrte nachdenklich ein bisschen in seinem Acker. Ob er seinen Lieblingsstein wohl jemals wieder finden würde?

Liz und Mose schauten weiter auf die Welt. „Such einen Ort“ sagte Mose. „Die Insel von der ich komme“ antwortete Liz. Sofort raste ihr Focus auf einen kleinen Punkt im blauen Meer. Sie konnte es nicht lassen und suchte den schmalen Graben, in dem sie ihre Kätzchen wusste. Aber dort war alles wie grau vernebelt. „Mose, kannst du bitte mal meine Kinder sehen?“ fragte sie artig. „Sie schlafen“ antwortete er so leise, als fürchtete er, sie zu wecken. „Welche Farbe haben sie?“ fragte Liz ein bisschen herausfordernd. „Hey, Liz,“ sagte Mose beschwichtigend, „wir lügen hier in der Welle nicht. Ich sehe sie, sie schlafen. Eins ist orange, eins grau getigert mit weißen Füßchen und die anderen kann ich nicht erkennen, sie liegen alle auf einem Haufen.“

Liz war gerührt und hatte so große Sehnsucht. „Du musst dir jemanden suchen, zu dem du deinen Wunsch schickst“, erinnerte sie Mose.

Liz ließ den Blick über die Insel schweifen. Sie sah Orte, die sie kannte, und Orte, die sie nicht kannte. Ach, hier auf diesem Hinterhof war sie zur Welt gekommen. Dort in der Ecke hatte sie mal mit ihren Geschwistern eine Maus gestellt. Das war sehr aufregend gewesen.

Sie sah in dem Hof einen weißen Kater herumschleichen. Er hatte nur ein Auge. Hey, das war Ice. „Ice!“ rief Liz unwillkürlich, aber der Kater hörte sie nicht. Er hopste mit einem Satz auf ein Auto, das im Hof abgestellt war.

Ice war der unumschränkte Herrscher des Katzenreviers in dem Liz geboren war. Vielleicht war er sogar Liz Vater, aber es war für Katzen eher unerheblich, wer ihr Vater war. 'Warum sollte ich nicht Ice nehmen?', dachte sich Liz. Ice war ein stolzer und starker Kater. Er war gerecht und bedacht. Er hatte gewiss ein gutes Herz und war der beste Kandidat, der ihr im Moment für ihren Wunsch einfiel.

Sie wurde ganz aufgeregt. Jetzt bloß nichts Falsches wünschen! „Ich wünsche mir, dass du einen Weg findest, wie meine Babys nicht nur Futter, sondern auch liebevolle Fürsorge und Sicherheit finden, bis sie groß genug sind, für sich selbst zu sorgen.“ Das konnte jetzt nicht verkehrt sein. Liz konzentrierte sich auf Ice. „Liz,“ fragte Mose, „willst du jetzt nicht mal anfangen, jemanden für deinen Wunsch zu suchen?“ „Psssst!“ murmelte Liz, „stör mich nicht, ich hab schon jemanden und bin am Wünschen.“ Sie konzentrierte sich noch mehr auf Ice und wiederholte in ihrem Kopf noch einmal Wort für Wort ihren Wunsch.

In diesem Moment geschahen mehrere Dinge auf einmal. Sie hörte, wie Mose aufschrie und rief: „Nein, Liz, du bist in der falschen Zeit!!!“ Gleichzeitig sah Liz von ihren Gedanken aus einen hellen Lichtstrahl auf die Erde und auf den Hinterhof und Ice zu rasen. In letzter Sekunde, bevor der Lichtstrahl bei Ice ankam, sprang der einäugige Kater von dem Auto herunter und der Lichtstrahl traf den rechten Kotflügel.

Liz stieß einen entsetzten Ruf aus, der ihr im Hals stecken blieb, als sie sah, dass Ice an einigen Katzenkindern vorbei lief. Es waren ihre Geschwister, und da war sie selbst als zehn Wochen altes Kätzchen. Liz brach in Tränen aus.

„Oh nein! Oh nein!“ donnerte Quinns wütende Stimme über die Ebene. „Euch kann man aber auch keinen Moment alleine lassen. Was hast du da gemacht, Liz?! Dein Wunsch ist ein Jahr vor der Geburt deiner Babys auf einem alten, zerbeulten Kotflügel angekommen!“ Quinn tobte.

Liz kullerten immerzu dicke Tränen die Wange herunter. Sie hatte schon wieder alles falsch gemacht weil sie zu voreilig war. Mose stellt sich neben sie und schob ihr tröstend den Schnuffel ins Ohr. „Nun wein doch nicht so“ sagte er, aber mehr fiel ihm jetzt auch nicht mehr ein.

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