Der Stein

Sherry war im Korb der alten Bonny eingeschlafen und hatte sich die ganze Nacht nicht von der Stelle gerührt. Nichts war schöner, als die warme Nähe eines atmenden Wesens zu spüren. Auch die alte Hündin hatte wohlig geschlafen und voller Zuneigung darauf geachtet, dass das kleine Kätzchen immer weich und warm an sie gekuschelt lag. So waren die beiden unterschiedlichen Tiere über Nacht dicke Freunde geworden.

Die Tierärztin hatte am Morgen schon einige Telefonate geführt und saß nun nachdenklich an ihrem Tisch und beobachtete ihre alte Hündin und das Katzenkind. Die Leute, bei denen der Tonnenhund jetzt lebte, hatten sich gern bereit erklärt, auch das Kätzchen zu nehmen. Sie konnten es kaum erwarten, einer so innigen Tierfreundschaft ein Zuhause zu geben.

Auch die Katzen-Pflegestelle auf der Insel hatte zugesagt, die Kleine zu nehmen. Dort hätte sie einen gesicherten Auslauf und müsste nicht die lange Reise nach Deutschland unternehmen.

Aber noch war die Tierärztin unentschlossen. Sie trank ihren Morgenkaffee und schaute das Kätzchen an. „Irgendetwas ist Besonders an dir“, sagte sie zu Sherry, „aber ich komm nicht so richtig drauf, was es ist“.

„Wie kann man mit Menschen reden?“ fragte Sherry ihre neue Freundin.
„Wir können nicht mit ihnen reden“, antwortete Bonny.
„Aber du hast gesagt, du kannst es!“
„Nein, ich habe gesagt, dass ich ein bisschen ihre Sprache verstehe“, erklärte Bonny geduldig, „dazu muss man aber viele Jahre mit den Menschen gelebt haben“. Sherry grübelte.

„Bonny, wie kann ich sonst der guten Frau sagen, was ich möchte?“ fragte Sherry. Bonny schaute das Kätzchen aufmerksam an. „Wir können ihnen nichts sagen“, antwortete sie. „Vieles auf dieser Welt wäre anders, wenn wir es könnten“.

Durch die Welle hallte ein lautes Bellen. Mose und Liz schreckten hoch. „Aaaaaah, da ist er ja!“ bellte Quinn glücklich und suhlte seinen großen Schnuffel in einem Erdloch. „Da ist ja mein süßer, mein kleiner, mein Lieblingssteinchen“, jaulte der Riesenhund und hüpfte vor Freude mit allen Vieren gleichzeitig im Kreis herum. Dann nahm er einen Felsbrocken von den Ausmaßen eines mittleren Backsteins in sein Maul und schmiss ihn übermütig über seinen Acker, um gleich darauf hinterher zu hopsen und sich mit beiden Vorderpranken auf den Stein zu stürzen. Der Acker bebte.

„Ist er verrückt geworden?“ fragte Liz besorgt.
„Nein“, lachte Mose, „er hat nur seinen Lieblingsstein wieder gefunden. Wenn er seinen Stein hat, dann geht es ihm gut. Aber er verliert ihn immer wieder.“

Sie schauten Quinn zu, wie er sorgfältig und liebevoll den Schlamm von seinem Stein schleckte. „Ist er nicht toll?“ strahlte er zu Liz und Mose hinüber.

„Oh ja, er ist vollkommen!“ antwortete Mose sehr ernst.
„Su- äh, super, also ehrlich“, stammelte Liz pflichtschuldig.

„Äh - und was ist jetzt mit Sherry?“ fragte sie. Insgeheim hatte sie schon längst den Wunsch auf die Reise geschickt, dass Sherry zu Figo kommen sollte.

„Mit Sherry ist alles gut“, dröhnte Quinn, „ich habe doch jetzt den Stein wieder“.

„Er ist doch verrückt geworden“, murmelte Liz sich in die Schnurrbarthaare. Aber in Mose`s Gesicht zeichnete sich ein frohes Lächeln.

„Bonny, ich möchte nicht dorthin, wo Figo ist“, sagte Sherry. Die alte Hündin schaute Sherry abwartend an. Da würde jetzt sicherlich noch mehr kommen.

„Ich möchte auch nicht zu den anderen Katzen.“ Bonny wartete geduldig. „Ich möchte an keinen für-immer-Ort.“
„Das ist gut, Kätzchen“, antwortete Bonny. Sherry schaute die Hündin verwundert an.

„Weißt du, Sherry“, sagte die Hündin, „ich habe manchmal in meinem Leben Tiere wie dich getroffen. Ihr seid etwas Besonderes. Ihr wandert zwischen den Welten der Tiere und der Menschen. Ihr seid in beiden ein bisschen Zuhause, aber in keiner ganz.“ Sherry schaute die Hündin mit großen Augen an. „Ihr seid sehr wichtig“, fuhr Bonny fort, „denn ihr wisst vieles, was andere nicht wissen und ihr seht vieles, was andere nicht sehen. Und ihr seid Vermittler.“ Sie sagte nicht, dass sie noch nie so ein Tier getroffen hatte, das fast noch ein Kind war und sie machte sich Sorgen.

„Ist es“, Sherry hatte einen Kloß im Hals, „ist es denn schön, so ein Tier zu sein?“.

Bonny dachte einen Augenblick nach. „Es ist schön und nicht schön. Es ist schön, den Welpen zu helfen, aber es ist nicht schön, Welpen zu finden, deren Mutter nicht mehr da ist. Es ist schön, in beiden Welten zu leben, aber es ist zuweilen nicht schön, in keiner wirklich Zuhause zu sein.“

„Aber Figo und dich hätte ich nicht getroffen, wenn ich irgendwo Zuhause wäre“, sagte Sherry. „Nein“, antwortete Bonny, „das hättest du nicht“.

Sherry dachte lange nach. „Ich möchte nicht heimlich abhauen“, sagte sie dann. Bonny verstand sofort. „Ich weiß keinen anderen Weg“, sagte sie mitfühlend.

Die Tierärztin bereitete das Futter für Bonny und die kleine Katze. Morgen früh würde sie das Kätzchen zum Flughafen bringen. Es hatten sich Flugpaten gefunden, deren Zielflughafen ganz in der Nähe der Familie des Tonnenhundes lag. So ein glücklicher Zufall ereignete sich selten und sie hatte dies als eine Art Fügung und Entscheidungshilfe gesehen.
Sie stellte den Tieren ihr Futter hin. Sherry lief zu ihrem Schälchen, blieb dann aber stehen und fraß nicht, sondern schaute die Tierärztin lange an.

„Was ist mit dir Kätzchen?“ fragte die Frau und fühlte besorgt, ob Sherry vielleicht wieder Fieber hätte. Aber das Kätzchen fühlte sich ganz normal an. Bonny fraß, beobachtete dabei aber aus den Augenwinkeln Sherry und die Menschenfrau.

Das Kätzchen schaute die Tierärztin unverwandt an. Dann lief es mit erhobenem Schwanz zu der Tür, die nach draußen führte. Die Tierärztin holte tief Luft. Sie schalt sich selbst eine Närrin, so etwas hatte sie noch nie getan und würde es auch nie wieder tun. Aber sie stand auf und öffnete dem Kätzchen die Tür.

Sherry ging zurück zu ihrem Napf und fraß ihn leer. „Ich kann mit Menschen reden“, kicherte sie Bonny an. „Du frecher Fratz“, sagte Bonny und fühlte einen seltsamen Stich in ihrer Mitte. Sie leckte Sherry über das kleine rosa Mäulchen. Fast wollte es ihr das alte Herz brechen.

„Wirst du noch mal wiederkommen, bevor ich in die Welle gehe?“ fragte sie das kleine Kätzchen.

„Ich verspreche es“, antwortete Sherry und rieb ihr Köpfchen an der alten Hündin. Dann lief sie auf die offene Tür zu. An der Schwelle blieb sie stehen und sagte „Danke für alles“, zu der Tierärztin. Und sie war sicher, dass die Menschenfrau verstand.

„Lass dich mal wieder blicken“, sagte die Tierärztin liebevoll und sie hatte irgendwie das Gefühl, dass die kleine Katze sie verstand. „Und sieh zu, dass du hier her kommst, wenn dir mal was fehlt!“ rief sie ihr hinterher...

 

...als das kleine Kätzchen mit lautlosen Schritten hinaus in seine Welt lief.

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Dezember 2004, Claudia & Stefan Grothus, Thomas Busch

 

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