1. Teil: Wünschen ist nicht immer einfach
- 1: 1. Teil: Wünschen ist nicht immer einfach.
- 1.1: 1 - Liz.
- 1.2: 2 - Little Mose.
- 1.3: 3 - Big Quinn.
- 1.4: 4 - Hunger.
- 1.5: 5 - Erster Versuch.
- 1.6: 6 - Die Dose.
- 1.7: 7 - Die Rettung.
- 1.8: 8 - Sieben.
- 1.9: 9 - Sherry.
- 1.10: 10 - Unterwegs.
- 1.11: 11 - Figo.
- 1.12: 12 - Fieber.
- 1.13: 13 - Shelter.
- 1.14: 14 - Transport.
- 1.15: 15 - Abschied.
- 1.16: 16 - Spielgefährten.
- 1.17: 17 - Hilfe.
- 1.18: 18 - Regen.
- 1.19: 19 - Zurück.
- 1.20: 20 - Krank.
- 1.21: 21 - Besonders.
- 1.22: 22 - Morgen.
- 1.23: 23 - Bonny.
- 1.24: 24 - Der Stein.
- 2: 2. Teil: Freundschaft ist keine Frage der Zeit.
- 3: 3. Teil: Die Saphire.
2 - Little Mose
„Was ist das? Was ist passiert? Wo bin ich?“ Liz konnte sich an nichts mehr erinnern.
Alles um sie herum fühlte sich wie ein zäher Brei an, wie Nebel. Vor ihren Augen schien alles zu schwimmen. Es war kein wirklich unangenehmes Gefühl. Es war wohlig warm und zugleich angenehm kühl, irgendwie feucht und doch trocken. Seltsam, alles erschien wie eins. Sie schaute auf ihre Pfoten – sie waren weiß! Alles war weiß! Sollte das die Welle sein?
In dem Versteck, wo sie den letzten Winter verbracht hatte, war sie einem alten Kater begegnet, der von der „Welle“ erzählt hatte, einem Ort, wo alle Kraft her kommt und wohin man geht, wenn die Zeit soweit ist. War sie in der Welle?
Etwas veränderte sich. Vor Liz Augen zeichneten sich
Konturen ab. Da war etwas. Da war jemand!
„Hallo, wer bist du?“ fragte der Jemand und es hörte sich sehr nach Hund an.
Liz versteifte sich. Bei Hunden war Vorsicht geboten. Sie blieb einfach regungslos. Das war die beste Strategie, wenn Hunde kamen.
„Wer bist du?“ fragte die Stimme wieder.
Liz wollte sprechen, aber es kam nur eine Art Fauchen. Es ging nicht.
„Keine Angst“, wieder die Stimme, „du brauchst keine Angst zu haben!“.
Nein, also Angst hatte Liz erstaunlicherweise keine, aber warum verflixt noch mal konnte sie nicht reden?
„Probier es mal mit Atmen. Atme das, was du sagen willst.“
Atmen? Okay, sie probierte es. „Wrrasrrs irsstrrrrst“. Oh nein, sie war mal in ein Unwetter geraten und in einen tiefen Bach gefallen. So ähnlich fühlte es sich jetzt an, wie ein zäher Brei.
„Probier es noch mal. Noch langsamer. Es geht!“
Es stimmte, es war wie Wasser im Hals, aber es ging. „Wrrasss irrst mirrrrt merrinrren Brabys?“ Der Satz kam automatisch. Was war mit ihren acht Babys? Wer fütterte sie? Wer passte auf sie auf? Panik stieg in Liz, der tapferen Katze hoch.
„Langsam! Willst du gar nicht wissen, wo du bist?“
„Nein, was irst…“ es ging schon besser „...mrit mreinen Brabys?!“
„Ich kann es dir nicht sagen, ich weiß es nicht.“
„Wo brin irch“
„Du bist in der Welle.“
Langsam, ganz langsam verzogen sich die Nebelschwaden vor Liz’ Augen. Vor ihr saß ein kleiner weißer Hund. Er war so klein wie eine Katze und bestimmt noch ein sehr junger Hund.
„Ich bin Liz und wer bist du?“
„Ich bin Mose.“
„Wie bin ich hier her gekommen?“ fragte Liz.
„Du bist von einem Auto überfahren worden.“
Liz wusste nicht, was sie antworten sollte. Sie hatte so viele Fragen, dass sie gar nicht wusste, wo sie anfangen sollte. Sie verstand irgendwie, dass sie jetzt dort, wo sie bis eben noch gelebt hatte, wie viele andere zerschmettert am Straßenrand lag und ein anderer Teil von ihr in einer anderen Welt war. Ihr tat nichts weh, sie hatte weder Hunger noch Durst, ihr war nicht kalt und nicht warm und all diese Gefühle zusammen waren eine unbeschreibliche Wohltat.
Aber Liz hatte etwas in der alten Welt zurückgelassen. Etwas sehr, sehr Wichtiges: Ihre Kinder.
„Hör zu, Mose“, sagte sie und das mit dem geatmeten Reden klappte schon viel besser, „ich muss zurück. Ich habe acht kleine Kinder, die sind jetzt allein. Keiner kümmert sich um sie. Ich muss zurück!“.
„Du kannst nicht zurück“, sagte Mose, „wer einmal hier ankommt, der kann nicht mehr zurück. – und ich habe auch noch keinen getroffen, der wirklich zurück wollte“ setzte er mehr für sich hinzu.
„Aber ich will zurück. Es muss einen Weg geben!“ beharrte Liz schon nahe am Verzweifeln.
Mose schaute sie nachdenklich an. „Meine Mutter konnte auch nicht mehr zu mir und zu meinen Geschwistern.“
„Ist sie auch überfahren worden?“ fragte Liz bestürzt.
„Nein, sie lebt noch drüben. Nur wir sind gestorben.“
„Was ist passiert?“ Liz war sich nicht sicher, ob sie die Antwort hören wollte.
„Ein Mensch hat uns in einer Plastiktüte in einen Mülleimer geworfen.“
Liz senkte den Kopf.
„Hey, Mose, es tut mir leid, was mit dir passiert ist. Es ist schrecklich, aber es ist ja nun geschehen. Meine Babys leben aber und sie liegen geschützt in ihrem Versteck. Kein Zweibeiner wird sie in den Müll werfen. Sie brauchen einfach nur Nahrung. Ich muss zu ihnen. Bitte!“
Mose schaute Liz mit seinen großen Augen an. Er dachte an seine ersten Tage, an seine Geschwister, die Nähe seiner Mutter, die er nach seiner Geburt nur ganz kurz hatte spüren dürfen. Er dachte daran, wie er mit seinen Geschwistern in der heißen, stickigen Tonne gelegen und gerufen, gerufen und gerufen hatte. Mose wusste noch genau wie groß und wie überwältigend die Sehnsucht nach Schutz und Geborgenheit gewesen war. Seit er in der Welle war, ging es ihm gut. Er war glücklich hier. Mehr als glücklich. Er war in der Welle und in der Welle gab es kein Leid, keinen Schmerz, keine Qual. Was es dort aber gab war Mitgefühl. Und durch sein Mitgefühl mit Liz hatte er sich zum ersten Mal, seit er hier war, daran erinnert, wie es war, seine Familie zu brauchen.
„Liz, es tut mir so leid, aber ich habe noch nie gehört, dass von hier aus jemand zurückgegangen ist. Ehrlich gesagt, ich bin auch noch nicht so lange hier und ich weiß es auch nicht so ganz genau. Aber warte, es kann sein…“, Mose machte ein nachdenkliches Gesicht, „…ich kenne jemanden, der dir vielleicht helfen kann. Der ist schon länger hier und der kennt sich aus“.
Liz schaute den kleinen, Mose erwartungsvoll an. „Okay, wo finden wir ihn, wann kann ich mit ihm reden? Bitte, schnell!“
„Sein Name ist Quinn und ich weiß, wo wir ihn finden.“ Mose trat von einem Bein auf das andere „Aber ich muss dir unterwegs ein paar Dinge erklären, denn er ist etwas, naja, wie soll man sagen, etwas seltsam…“
Mose machte einen Schritt auf Liz zu, stupste sie an und sagte: „Schließ die Augen und bleib ganz nah bei mir, es geht los…“
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