Regen

Sherry saß ratlos an der Straßengabelung. Es war schon fast dunkel. Schon drei oder vier Mal war sie einfach in eine Richtung losgegangen und hatte auf ihr Glück setzen wollen. Aber nach wenigen Schritten, war sie ängstlich wieder umgekehrt. Sie konnte das Leben der fünf Welpen nicht einfach vom Glück abhängig machen. Je länger sie dort saß, desto mehr geriet sie in Not. Sie allein musste eine Entscheidung treffen und sie wusste einfach nicht wie. Wenn doch nur Figo bei ihr wäre, der wüsste bestimmt, was sie tun sollte.

Wie eine Antwort auf ihre verzweifelten Gedanken, hörte sie plötzlich ganz weit entfernt das Bellen eines Hundes. Sherrys Herz hämmerte. Vielleicht war das ein Hund, der bei den Guten lebte!

Und wenn nicht? Es gab überall Hunde. Nur die wenigsten waren in der Obhut von guten Menschen. 'Wie auch immer', dachte Sherry, 'mehr als diesen Hinweis werde ich heute Nacht sicher nicht bekommen'. Dann lief sie los auf der Straße, die näher an dem entfernten Gebell lag.

Die Nacht wurde immer dunkler und Sherry erkannte die Straße nur noch an dem Gefühl unter ihren Füßen und dem Geruch des Asphalts. Warum war es so finster, warum schienen keine Sterne? Sherry blickte zum Himmel und ein Regentropfen fiel ihr direkt auf die Nase. 'Auch das noch', dachte Sherry und ihr Mut sank noch mehr. Sie konnte sich jetzt nicht vor dem Regen verstecken. Sie musste weiter.

Die Frau saß in der Ecke ihrer Küchenbank. Um sie herum lagen drei schlafende Hunde auf der Bank und mehrere Katzen schlichen auf dem Tisch herum. „Wenn doch bloß dieser verrückte Hund, aufhören würde zu kläffen!“ sagte sie zu ihrem Mann. „Ach, lass den alten Hasso doch. Ist doch das einzige, was ihm Spaß macht.“
„Bring ihm halt irgendwas zum Kauen, damit er eine Weile Ruhe gibt“, sagte die Frau und fuhr fort einen riesigen Kater zu kraulen, der sich feist vor ihr auf dem Tisch ausgestreckt hatte.

Der Mann nahm ein Stück getrocknetes Fleisch aus einem Schrank und ging damit hinaus. Wenig später verstummte das laute Bellen und es war nur noch das Prasseln des Regens zu hören. Dann hörte die Frau einen lauten und erstaunten Ruf von draußen. „Frau, komm schnell her, schau, was ich hier habe!“

Die Frau lief hinaus in den Regen zu ihrem Mann. Er hatte etwas in der Hand, das sie in der Dunkelheit kaum erkennen konnte. Aber sie ahnte, was es war und legte vorsichtig ihre Hand auf ein völlig durchnässtes Fellbündel. „Ach, mein Gott, lebt es noch?“
„Und wie!“ sagte der Mann. „Ich habe selten ein Herzchen so hämmern gefühlt.“

Schnell trugen sie ihren Fund ins Haus und brachten das kleine klatschnasse Kätzchen in einen ruhigen Raum. Dort setzten sie es auf eine weiche Decke. Es blieb zitternd sitzen, hatte die Augen weit aufgerissen und hechelte regelrecht. Dann knickten ihm die Beinchen weg und es legte sich, immer noch schnell atmend, hin.

„Soll ich schnell eine Wärmflasche machen?“ fragte der Mann.
„Ich glaube, das hier ist eher ein Fall für die Rotlichtlampe“, sagte die Frau besorgt und schaltete in einer Ecke des Zimmers eine rot leuchtende Wärmelampe an. Vorsichtig hob sie das Kätzchen mitsamt der Decke hoch und trug es unter die Lampe. „Du armes Schätzchen“, murmelte sie dabei und eilte dann hinaus um ein Schüsselchen mit Futter zu
bereiten.

Spätestens beim Schein der wärmenden, roten Lampe wusste Sherry, dass sie bei den richtigen Zweibeinern angekommen war. An das letzte Stück ihres Weges konnte sie sich kaum erinnern. Sie war wie von Sinnen einfach immer nur weiter in die Richtung des Bellens gelaufen. Der Regen war ihr unter dem Fell kalt an der Haut entlang geströmt und ihre Pfoten hatte sie kaum mehr gespürt. Aber das war jetzt egal, sie war da, sie hatte es geschafft.

Es war unbeschreiblich schön, unter dieser Lampe zu liegen, trocken und warm zu werden. Futter wurde ihr gebracht und die Menschenfrau war ihr mit der Pfote über den Rücken gefahren. 'Streicheln', erinnerte sie sich - das war das Wort dafür gewesen. Ihr fiel der bunte Hund mit den Schlappohren ein. Und dann sank sie vor Erschöpfung in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Als sie erwachte, war ihr unter der roten Lampe ordentlich heiß geworden. Es war hell in dem Raum - sie hatte anscheinend bis zum Morgen geschlafen. Sofort fielen ihr die fünf Hundewelpen ein. Sie musste jetzt schnell etwas tun, damit die Menschen sie finden würden. Aber was?!

Darüber hatte sie sich noch gar keine Gedanken gemacht. Mit den Zweibeinern konnte man ja nicht reden! Sie musste sie irgendwie dazu bringen, ihr zu folgen.

Die Tür öffnete sich und die Frau kam mit neuem Futter herein. So hungrig Sherry gestern auch gewesen war, sie mochte jetzt nichts fressen. Sie musste etwas unternehmen. Wer weiß, wie die Welpen die Regennacht verbracht hatten. Laut miauend lief Sherry zur Zimmertür. Den Schwanz steil erhoben trabte sie auf und ab. „Ja, wo willst du denn hin, Kätzchen?“ fragte die Frau und öffnete die Tür. Drei Katzen und vier Hunde schauten Sherry an.

„Wo geht es hier nach draußen?“ blaffte Sherry die fremden Tiere an, bevor sie noch auf die Idee kommen konnten, ihr etwas zu tun. „Äh, da lang“, bedeutete ihr eine schielende schwarze Katze. Sherry lief mit schnellen, kleinen Schritten auf die Tür zu, die einen Spalt offen stand. Sie lief hinaus in den regennassen Morgen und sofort begann ein Hund zu bellen, der draußen in einem großen Zwinger saß. Das war also der Hund, der sie hierher geführt hatte. Sie trabte zügig an seinem Gitter vorbei. Dabei rief sie: „Danke Alter, ich habe keine Zeit, aber Danke, dass du mich hierher geführt hast!“ Der Hund verstummte und glotzte die kleine Katze an. Das war ihm noch nie passiert, dass sich jemand bei ihm bedankt hatte. Er verstand zwar nicht wofür, aber es war ein tolles Gefühl. Wedelnd blickte er der Katze nach.

„Sie läuft weg!“ rief die Frau, als sie an der Tür erschien. „Nein“, sagte der Mann, der draußen stand, „sie steht da und wartet“.
„Ob sie uns etwas zeigen will“, fragte die Frau.
„Sieht ganz so aus“, antwortete der Mann. „Komm, Frau, ich glaube jetzt wird es interessant.“ Sie holten sich jeder eine Jacke, schlossen die Tür des Hauses und gingen Sherry nach.

„Komisch“, sagte der Mann, als sie schon eine Weile die Straße entlang gegangen waren, „Hasso bellt überhaupt nicht...“.

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