1. Teil: Wünschen ist nicht immer einfach

Gestaltet, entwickelt und gesponsert von:

made in nature - TYPO3 Agentur

Spielgefährten

Sherry blickte dem abfahrenden roten Auto hinterher. Ihr Herz tat ihr weh vor Abschiedsschmerz. Aber gleichzeitig fühlte sie eine Erleichterung. Diese ganzen Räume und Boxen und Gitter - das war nichts für sie. Sie schaute in den freien Himmel über sich und holte tief Atem. 'Du bist ein sehr tapferes und schlaues Kätzchen', hallte Figos Stimme in ihr nach. Und wenn Figo das sagte, dann stimmte es auch. Der Staub, den das rote Auto auf der Strasse aufgewirbelt hatte, legte sich sanft auf die Erde zurück.

Was sollte sie nun anfangen?

„Sollen wir ihr einen neuen Wunsch schicken?“ fragte Mose in der Welle. Die drei Freunde schauten sich an. „Wenn du mich fragst“, brummte Quinn, „dann würde ich sagen, dass dieses kleine Kätzchen eine Menge Kraft und Mut hat“. Liz schwieg. Sie war froh, dass Sherry nicht mehr in dem Wagen mitfuhr. Ihr kleines Kätzchen wurde nun langsam groß.
„Aber wir sollten sie im Auge behalten“, sagte Mose leise. Seine Stimme klang noch immer besorgt.

Sherry reckte und streckte sich und beschloss, der Straße ein wenig abseits zu folgen. Straße bedeutete Nahrung, das hatte sie von klein an gelernt. Aber Straße bedeutete auch Gefahr durch Zweibeiner, also lief sie im Schutz der winterlich dürren Pflanzen. Es tat gut, nach diesen Tagen in den Menschenräumen einfach so dahinzuwandern.

Ab und zu brauste ein Auto vorbei. Sie begegnete einem großen, übel riechenden Käfer, einer flinken Eidechse, die sehr schnell unter einem dicken Stein verschwand und sogar einer Ratte. Vor der Ratte, die ziemlich groß war, fürchtete Sherry sich und kletterte vorsichtshalber für eine Weile in die Zweige eines Strauches. Als die Sonne hoch stand wurde sie müde und suchte sich ein dunkles Plätzchen unter einem Gebüsch, um ein wenig zu schlafen.

Als sie gerade so bequem lag, wie es eben ging, hörte sie ein ungewöhnliches Geräusch. Es klang wie ein entferntes Lachen oder lustiges Bellen. 'Ob da irgendwo Hunde sind?' fragte sie sich. Eigentlich war sie zu müde, aber sie konnte jetzt unmöglich schlafen, ohne herausgefunden zu haben, woher dieses Geräusch kam.

Sherry kroch unter ihrem Gebüsch hervor und lief neugierig in Richtung der Stimmen. Das Pflanzendickicht endete und sie blickte einen sandigen Abhang hinauf. Ein Stück weiter oben sah sie die Verursacher des Geräusches: fünf Hundewelpen spielten und balgten sich in einer kleinen Erdhöhle. Sie bellten und neckten sich und Sherry ging bei diesem Anblick das Herz auf. Mit ein paar lustigen, aber auch sehr vorsichtigen Hüpfern näherte sie sich den Welpen. Als der erste sie erblickte, bellte er vor Überraschung laut auf. Auch die anderen kleinen Hunde waren nun neugierig und vorsichtig. Sie hatten noch nie eine Katze gesehen und wussten nicht so richtig, was sie von ihr zu halten hatten.

Ein kecker kleiner Rüde lief auf Sherry zu, schnüffelte an ihr und hopste dann spielerisch mit den Vorderpfoten direkt auf sie drauf. Uff! Sherry ging zu Boden und fauchte unwillkürlich auf. Gleichzeitig versetzte sie dem Hundekind einen kräftigen Schlag mit ihren ausgefahrenen Krallen. „Heee“, rief sie, „pass gefälligst auf, wo du hin springst!“. Erstaunt und erschreckt sprang der junge Hund rückwärts und leckte sich die Kratzer an der Nase. Das hatte ganz schön wehgetan. Was war das für ein komisches Tier?

Er legte den Kopf schief, so dass seine Ohren zu einer Seite klappten und wedelte sehr nett. „Tschuldigung“, sagte er, „was bist du denn für ein Tier?“
„Ich bin eine Katze“, antwortete sie. „Und ich heiße Sherry.“
„Wir sind Hunde“, sagte der Welpe wichtigtuerisch.
„Weiß ich doch“, Sherry kam sich sehr erfahren vor. „Mein bester Freund ist ein großer Hund“, sagte sie ganz locker. Dass ihr bester Freund zugleich ihr einziger Freund war und sie diesen Freund nie wieder sehen würde, weil er auf eine Reise über das Meer gegangen war, das sagte sie natürlich nicht.

Der Welpe war mächtig beeindruckt von Sherry. Die anderen Hundekinder tapsten jetzt auch neugierig heran. Ihnen war Sherrys Ohrfeige für ihren mutigen Bruder nicht entgangen und sie hatten ordentlich Respekt vor diesem kleinen Tierchen. „Willst du vielleicht mit uns spielen“, fragte eine vorwitzige kleine Hündin. Sherry dachte, es wäre vielleicht lustig, mit den Hundekindern zu spielen und machte ein paar kleine Scheinangriffe auf die Pfoten des ersten Welpen.

Kurze Zeit später bot sich an dem sandigen Abhang ein seltsames Bild. Fünf junge Hunde und ein Katzenkind tollten ausgelassen umeinander herum, knufften sich freundschaftlich und rannten abwechselnd hintereinander her. Sherry hatte noch nie in ihrem Leben so viel Spaß gehabt. Sie hüpfte, rannte und ließ sich auf die Seite rollen. Rücklings packt sie sich mit allen Vieren und ihren Zähnchen kleine Welpenfüßchen. Sie jagte die wedelnden Schwänze ihrer Spielgefährten und ließ sich von den nassen Schnäuzchen über den Boden kullern.

Als die Sonne schon lange Schatten warf, hatten sie sich alle müde gespielt und eins nach dem anderen blieb hechelnd auf dem Bauch liegen. Auch Sherry konnte nicht mehr. Die Hunde waren größer als sie und sie hatte sich anstrengen müssen, um mitzuhalten.

„Kommt, lasst uns trinken gehen“, rief der hellste Rüde und trabte voraus in das Pflanzendickicht. Zwischen einigem Gestrüpp war ein schlammiges Stück Erde, in dem sich etwas Wasser gesammelt hatte. Die Hunde schlapperten lautstark und Sherry wunderte sich, wie Tiere so viel auf einmal trinken konnten. Ihr reichten ein paar kleine Schlückchen.

Dann trotteten sie alle zusammen wieder zu der kleinen Vertiefung hinauf und legten sich hin. Eins nah beim anderen kuschelten sich die Tierkinder zusammen. Es gab noch einiges Geruckel und Geschiebe, weil immer die jeweils untersten ziemlich unbequem lagen. Sherry hatte es gut: sie war so leicht, dass sie an jedem Platz geduldet wurde. Wohlig in einen warmen, weichen Welpenpelz gekuschelt, schlummerte sie schnurrend ein. Was für ein Tag!

Dem Abend über dem kleinen, sandigen Hang bot sich ein Bild des Friedens und der Geborgenheit. Als die Sterne aufgingen, schliefen die fünf Welpen und das Katzenkind immer noch wohlig aneinander gekuschelt. Ab und zu zappelte eine kleine Pfote oder ertönte ein leises hohes Traumwuffen.

Erst in der kalten Stunde vor der Morgendämmerung kam langsam Bewegung in den kleinen Haufen. Die Welpen streckten sich, gähnten herzhaft und rollten dabei ihre kleinen rosa Zungen auf.

Sherry erwachte, als sie von dem Rücken einer kleinen Hündin eine Etage tiefer zwischen die Pfoten eines Rüdenwelpen plumpste. Sie stand auf, machte einen ausgiebigen Buckel und schüttelte sich.

„Ich habe Hunger“, sagte einer der Welpen.
„Ich auch“, antwortete ein zweiter und alle anderen hatten ebenfalls Hunger.

Sherry (der auch der Magen knurrte), hielt inne. Ein jähes, ungutes Gefühl überkam sie.
Hier war etwas verkehrt, warum war ihr das nicht längst aufgefallen? Tierkinder, die so klein waren, dass sie zusammen blieben, gehörten zu einer Mutter. Sie dachte an Liz und ein kaltes Gefühl kroch ihr den Rücken hinauf.

„Wo ist eure Mutter?“ fragte sie und schlagartig war alles still. Die fünf Welpen starrten Sherry an.
„Sie sucht Futter“, sagte ein Rüde.
„Sie kommt bald wieder“, sagte ein anderer.

Sherry schaute in die Augen der Welpen. Dann schaute sie auf ihre kleinen Körper und auf die Rippen, die unter dem Fell sichtbar waren. „Wann war eure Mutter das letzte Mal hier?“ fragte sie scharf.

Die Welpen schauten sich fragend an. „Es war dunkel“, sagte eine Hündin. „Ja, es war gerade dunkel geworden“, bestätigte eine andere. Die anderen nickten.

„Also vorgestern Abend?“ fragte Sherry.
„Ja, vorgestern Abend“, antworteten die Welpen.

Sherry schloss die Augen und holte tief Luft. „Wie lange war eure Mutter denn sonst immer weg zum Futtersuchen?“ fragte sie.

„Sie war eigentlich immer sofort wieder…“ die kleine Hündin sprach den Satz nicht zu Ende. Ihre Augen weiteten sich. Angst kroch in die kleinen Gesichter, als die Welpen begriffen.

'Es war klar', dachte Sherry bei sich, 'es wäre zu schön gewesen'.

-

 

vorherige Seite -> 15 - Abschied nächste Seite -> 17 - Hilfe

-