Abschied

Wenn es in der Welle möglich gewesen wäre, einen Nervenzusammenbruch zu erleiden - Liz hätte sicherlich einen gehabt. Als sie aufwachte und erfuhr, in was für einen Schlamassel Sherry sich gebracht hatte, regte Liz sich furchtbar auf.

„Hey, Liz, beruhige dich“, beschwichtigte Mose, „sie ist ja nun nicht gerade in Lebensgefahr“.
„Ach, nicht?“ brauste Liz auf. „Weißt du etwa, wo sie ankommen wird und was sie da mit ihr machen werden? Die haben doch bestimmt Gründe, warum sie keine Katzen mitfahren lassen. Wer weiß was für schreckliche Dinge ihr geschehen werden!“

Mose zog sich sicherheitshalber etwas von der tobenden Liz zurück. Sie war wirklich etwas hysterisch. Er schaute zu Quinn hinüber. Der verdrehte die Augen und sagte nur: „Mütter!“
Liz hatte das zum Glück nicht mitbekommen. Sie war außer sich. „Da muss etwas passieren!“ rief sie. „Ich wünsche mir, - äh, ich wünsche mir…“

Quinn hob abrupt den Kopf und Mose riss vor Schreck die Augen auf. Aber bevor sie noch etwas sagen konnten, beendete Liz ihren unglückseligen Wunsch: „…dass irgendetwas sie davon abhält da weiter mitzufahren!“ Trotzig blickte Liz ihren beiden Freunden in die Augen.

„Na herzlichen Glückwunsch“, brummte Quinn, „aber jammere bloß nicht rum, wenn es schief geht.“
Mose sagte nichts. Er war schon dabei, in Gedanken die kleine Sherry zu beobachten.

Das Auto rumpelte über unebene Straßen und Sherry war schon ganz kodderig. Sie musste sich immerzu irgendwo festhalten, denn der Untergrund war glatt und rutschig. Sie wünschte sich, die Fahrt wäre bald vorbei. Die Hunde in den Boxen hatten alle schöne weiche, griffige Decken und ließen sich genüsslich durchschaukeln. Sherry beschlich ein sehr ungutes Gefühl.

Immer wieder hielt das Auto an, aber anstatt dass die Reise beendet war, wurden nur immer noch mehr Boxen mit Hunden eingeladen. Bald hatte Sherry keine Ecke mehr in der sie sich verstecken konnte.

Sie krabbelte zu Figos Gittertür, endlich war er wach. Er sah schon viel ausgeruhter aus.

Figo fuhr aus dem Liegen hoch, als er die kleine Katze vor seiner Box sah. „Sherry!“ bellte er erschrocken. „Was machst du denn hier?“
„Ich bin in das Auto gesprungen“, sagte Sherry verzagt. Dass Figo sich gar nicht zu freuen schien, tat ihr weh.
„Aber Kind, du kannst doch hier nicht mitfahren!“ Figo war ernsthaft besorgt. „Du musst dich den Menschen zeigen. Du musst hier raus.“
„Aber Figo, magst du mich denn gar nicht mehr?“ Sherrys Stimmchen zitterte verdächtig.
„Ach, kleine Sherry“, seufzte Figo und rückte mit seiner Nase ganz dicht an das Gitter, „natürlich mag ich dich. Du bist das Beste, was mir je passiert ist. Aber es hat sicher einen Grund, warum die Menschen hier drin keine Katzen mitnehmen. Ich mache mir Sorgen um dich.“
„Ich kann doch einfach bei dir bleiben. Wo es dir gut geht, kann es mir doch auch gut gehen.“ Sherrys Augen wurden immer größer und runder. „Du musst mich doch beschützen!“ schniefte sie dann kläglich.

Figo schaute sie liebevoll an. „Kätzchen, bis jetzt hast eher du mich beschützt. Du hast mich gerettet. Ohne dich hätte ich bestimmt nicht durchgehalten, bis die Menschen kamen. Und dann bist du mir ganz auf eigene Faust gefolgt, bist zweimal heimlich in einen Wagen gesprungen. Du bist ein sehr tapferes und schlaues Kätzchen.“
Sherry staunte. So hatte sie das noch gar nicht gesehen. „Aber was soll ich denn tun?“ fragte sie ratlos.
Plötzlich knallte es und es schaukelte heftig und dann fielen sie alle zu einer Seite um. Das Auto hatte ziemlich unsanft angehalten. Türen schlugen zu und aufgeregte Menschenstimmen drangen zu ihnen herein. Irgendetwas war passiert.

Fluchend stand der Fahrer neben dem Wagen. „Das darf doch nicht wahr sein!“ rief er. „Ich habe doch Zuhause extra noch die Reifen checken lassen.“
Eines der Räder war platt. „Na ja, es wäre ja nicht das erste Mal, dass wir an der alten Karre einen Reifen wechseln“, sagte der andere Mann. „Los, komm, dann erreichen wir auch noch rechtzeitig die Fähre.“
„Warte, ich lass den Hunden mal so lange frische Luft rein.“ Er ging nach hinten und öffnete die Tür des Laderaums.

„Sherry, lauf, das ist deine Gelegenheit“, sagte Figo tapfer. Er trennte sich nur sehr schwer von seiner kleinen Freundin. Aber er fürchtete um sie, wenn sie hier als blinder Passagier mitfahren würde. „Mach dir um mich keine Sorgen“, setzte er hinzu, „für mich wird jetzt alles gut“.

„Oh Figo!“ Sherry hatte sich noch nie so traurig gefühlt. „Du bist doch mein einziger Freund!“
„Du wirst neue Freunde finden“, antwortete er.
„Ich fürchte mich davor, da draußen alleine zu sein.“
„Du wirst es schaffen.“ Figo drückte seine Nase an das Gitter und Sherry rieb ihr Köpfchen daran.
„Lauf Sherry, bevor es zu spät ist.“

Es war eine ihrer mutigsten Taten, sich jetzt umzudrehen und zu der offenen Tür zu gehen. An der Kante, wo sie sich vor wenigen Stunden erst so verzweifelt festgekrallt hatte, blieb sie stehen und drehte sich noch einmal um.

„Alles Gute, Figo!“ sagte sie leise.

„Viel Glück, kleine Sherry!“ antwortete Figo.

Dann hopste die kleine Katze aus dem Auto und verschwand lautlos hinter einem nahe stehenden Baum.

Der Fahrer hielt in seiner Arbeit an dem Reifen inne. „Komisch, ich könnte schwören, dass da gerade eine Katze aus dem Wagen gesprungen ist.“ Der andere sah ihn an und lachte. „Nee ist klar. Das kann ja noch eine lustige Rückfahrt werden, wenn du jetzt schon Katzen siehst.“

In der Welle schauten sich Mose und Quinn traurig an. „Na toll“, sagte Quinn zu Liz, „jetzt ist sie nicht nur genau da, wo sie am Anfang schon war, nämlich allein in der Wildnis, sondern du hast ihr auch noch ihr kleines Herz gebrochen.“

Liz schaute ihn entsetzt an. „Er meint es nicht so“, tröstete Mose sie, „er hat nur Mitleid mit deiner Kleinen“.

Figo hatte seinen Kopf auf die Vorderpfoten gelegt. Er würde die kleine Sherry sehr vermissen. Die Türen des Wagens schlossen sich und die Fahrt ging weiter. Figo wusste, dass er einer besseren Zukunft entgegen fuhr. Er war froh und dankbar. Aber dieser merkwürdige Schmerz, den er hatte, seit Sherry aus dem Wagen gesprungen war, der würde ihn noch lange begleiten.

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