Shelter

Durch die schmalen Oberlichter hoch an der Decke des Raumes konnte man eine rote Sonne untergehen sehen. Es wurde Abend. Sherry war erschöpft. Wohlig räkelte sie sich auf einer weichen Wolldecke. Das rötliche Licht kam nicht nur von der untergehenden Sonne, sondern auch von einem warmen, roten Schein in dem kleinen Gehege, in dem Sherry sich befand. Nach so vielen kalten Tagen war es eine Wohltat, sich dort einfach auszustrecken und sich so richtig durchwärmen zu lassen. In einer anderen Ecke stand leckeres Futter und frisches Wasser. Sogar ein Kistchen mit Sand war für sie da.

Freilich, zuerst hatte es ihr gar nicht gefallen an diesem Ort. Die Frau hatte sie im Auto eingefangen und festgehalten. Das war ein schreckliches Gefühl. Dann wurde sie in ein ganz enges Ding gesteckt und darin herumgetragen. Das war auch schlimm. Voller Angst hatte sie stocksteif darin gehockt und manchmal auch kläglich nach Figo gerufen. Dann waren sie in einen großen Raum gekommen, wo der Himmel schrecklich niedrig hing. Überall waren Hunde in Abteilen des großen Raums. Endlich hörte das Geschaukel auf, das Ding in dem sie steckte wurde auf den Boden gestellt und geöffnet. Aber sie hatte sich nicht gleich raus getraut. Erst als die Schritte der Menschen sich entfernt hatten und nicht wieder kamen, war sie vorsichtig aus der Box geschlichen. Sie hatte das warme Rote entdeckt, den Sandkasten und das Futter. Aber fressen mochte sie nicht. Sie war zu aufgeregt.

Auf einer Seite war der kleine Raum offen, aber es waren Stäbe da, durch die sie nicht durch passte. Panik stieg in ihr hoch - sie war eingesperrt. Voller Angst versuchte sie, an dem Gitter hochzuklettern, aber es gelang ihr nicht, hoch genug zu kommen.

„Keine Angst Katze“, hörte sie da eine Hundestimme. Sie kam von gegenüber. Dort saß ein bunter Hund mit langen Schlappohren und beobachtete sie. „Du bist nicht in Gefahr“, sagte der Hund, „hier ist alles gut“.

Sherry schaute interessiert zu dem Hund hinüber. „Aber wir sind eingesperrt“, sagte sie immer noch ängstlich.

„Ja, das ist manchmal ziemlich langweilig, aber sie sind nett, sie bringen immer frisches Futter und manchmal sind sie auch noch sehr lieb.“ Der Hund schaute verträumt und wedelte ein bisschen.

„Was heißt sehr lieb?“ fragte Sherry.

„Na, sie streicheln uns und spielen mit uns“, sagte der Hund. Und dann seufzte er und fügte hinzu: „Aber nur ganz selten.“

„Was ist Streicheln?“, stellte Sherry ihre nächste Frage. Sie kam sich sehr dumm und unerfahren vor.
„So ähnlich wie abschlecken, nur viel schöner. Sie machen das mit ihren Pfoten.“

Sherry hatte so ihre Zweifel, ob sie dieses Streicheln von Menschenpfoten schön finden würde.

„Und sie sind nicht gefährlich?“ fragte sie. „Kommen wir nicht an eine Kette?“
An eine Kette gelegt zu werden bedeutete für Sherry der Inbegriff des Schrecklichen.
„Ach, iwo!“ entrüstete sich der bunte Hund, „wo denkst du hin! Hier ist das Gegenteil von Kette, wenn du verstehst was ich meine.“

Sherry verstand nicht wirklich. Ihr schwirrte der Kopf. So viel war mit ihr geschehen, seit Liz nicht mehr wieder gekommen war und alles war neu gewesen und sie hatte eigentlich nichts von alledem wirklich verstanden. Verwirrt blieb sie mitten im Gehege auf den harten, glatten Fliesen sitzen. Sie fühlte sich einsam.
Plötzlich kamen die Menschenschritte wieder. Sherry sprang vor Schreck in die Ecke mit dem roten Licht und versuchte, sich zu verstecken. Die Gittertür öffnete sich und zwei Menschen trugen etwas Großes herein. Sherry miaute vor Überraschung. Es war Figo!

Sie legten ihn auf die weiche Unterlage in die Nähe des roten Lichtes. Sie sagten noch etwas in ihrer merkwürdigen Zweibeiner-Sprache und schauten sie dabei an. Es war irgendwie nicht ganz unangenehm, aber Sherry blieb sicherheitshalber in ihrer Ecke und war froh, dass die Menschen nicht wieder versuchten, sie anzufassen.

Als die Zweibeiner das große Gitter wieder geschlossen hatten und weggegangen waren, schlich Sherry zu Figos Gesicht.

„Hey, süße, kleine Sherry“, sagte Figo schwach und ohne die Augen zu öffnen, „ich rieche doch, dass du es bist“.
„Oh, Figo, ich bin so froh, dass du wieder bei mir bist. Wie geht es dir? Du bist gar nicht mehr so heiß.“ Figo roch sehr merkwürdig und unnatürlich und an seinem einen Hinterlauf hatte er eine Art künstliches Extrafell. Wieder musste Sherry etwas Neues verstehen.

„Mir geht es schon viel besser“, sagte Figo, „sie haben die kleinen Dinger aus meinem Bein geholt und mir tut nichts mehr weh.“ Sherry beschnüffelte ihren großen Freund. Es stimmte, er roch nicht mehr so schlecht.
„Wirst du jetzt wieder ganz gesund?“ fragte sie hoffnungsvoll.
„Bestimmt, Kätzchen. Jetzt wird alles gut - sieh mal, ich bin gar nicht mehr angebunden, ich bin nicht mehr an der schweren Kette!“

Sherry betrachtete Figos Hals. Rundherum war sein Fell an den Stellen abgewetzt wo die Kette gesessen hatte und dicke alte Narben liefen um seinen Hals.
„Ruh dich aus, kleine Sherry“, sagte Figo leise und glücklich, „wir sind bei den Guten“. Dann war Figo wieder eingeschlafen. Ganz entspannt lag er da und atmete tief und ruhig.

Seit dem hatte Sherry das Gehege erkundet, von dem Futter gefressen und das Sandkästchen benutzt. Jetzt lag sie wohlig ausgestreckt unter der warmen, roten Lampe. 'Alles ist gut', hatte Figo gesagt und wenn er das sagte, dann stimmte das auch. Sherry schloss die Äuglein und schlief ein. Alles war gut, hatte er gesagt, alles war gut.

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