Figo

Sherry schlug sich mit dem Futter des Hundes ordentlich den Bauch voll. Seit Tagen hatte sie nicht mehr so viel fressen können, wie sie wollte. Endlich passte kein einziger Bissen mehr in ihr Bäuchlein. Der Hund hatte sie dabei die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen.

Sherry leckte sich schmatzend das Mäulchen ab und ging dann wieder zu dem Hund. Sie hatte jetzt keine Angst mehr. Wer ihr sein ganzes Futter überließ, der konnte nicht gefährlich sein. Müde ließ sie sich an den Hund gelehnt zu Boden plumpsen, kuschelte sich an und begann sich ausgiebig zu putzen.

Dem alten Kettenhund wurde ganz anders. Dieses kleine Katzenkind hatte längst Vergessenes in ihm wieder wach gerufen. Er hatte vergessen, wie es war, sich aneinander zu kuscheln und einfach Tier zu sein. Am Anfang, als sie ihn als jungen Kerl hier an der Kette fest gemacht hatten, ja, da wusste er noch, wie das war. Nach und nach erinnerte er sich aber nicht mehr. Und jetzt kam da einfach ein kleines Kätzchen anspaziert und kuschelte sich an seinen alten Pelz. Um genau zu sein, war der alte Hund fassungslos.

„Kätzchen, was willst du hier?“ fragte er. „Geh zurück dort hin wo du her gekommen bist. Hier ist kein guter Ort.“

Sherry hielt im Putzen inne. „Wieso?“ piepste sie. „Hier ist Futter und du bist hier. Das Futter macht mich satt und wenn ich mich schön an dich kuschle, dann ist mir warm. Ist dir auch wärmer, wenn ich hier bei dir liege?“

Der Kettenhund grollte tief in der Kehle - das Lachen hatte er auch längst verlernt. „Du bist ein witziges kleines Ding! Wie soll mir wärmer sein, wenn du hier liegst? Du bist kaum größer als meine Pfote!“ Aber in Wahrheit war ihm schon ein bisschen wärmer geworden seit Sherry da war, aber mehr innen als außen.
„Ich heiße Sherry und du?“ Sherry streckte sich.

Der Kettenhund brummelte vor sich hin. „Hmmmm, ich weiß nicht mehr. So welche wie ich haben glaube ich keinen Namen." Sherry staunte. „Was sind 'so welche wie du'?“

„Na ja“, der Hund schien sich zu schämen, „Tonnenhunde eben“.

Sherry blickte wieder auf die dicke Kette am Hals des Hundes. Sie verstand das alles nicht. Aber ihr tat der große Hund leid. „Weißt du was“, sagte sie, „ich bleibe bei dir, dann bist du nicht so allein und ich auch nicht“.

„Du bist ein dummes kleines Ding“, sagte der Hund. „Was willst du hier anfangen?“

„Na, dasselbe, was du hier anfängst.“

Der Hund guckte sehr traurig. „Hier fängt man nichts an. Hier hört nur immerzu etwas auf.“

Das verstand Sherry natürlich nicht. Sie glaubte, dass der Hund vielleicht ein bisschen verwirrt war.
„Aber sie bringen dir doch Futter“, sagte sie und schaute auf den noch immer halb gefüllten Napf.
„Nein“, sagte der Hund „die das Futter bringen sind nicht die, die mich hier angekettet haben. Das sind andere. Die guten Zweibeiner. Sie bringen auch Wasser und …“ er wollte sagen, dass sie ihm auch manchmal, wenn es nötig war, etwas gaben, das die Schmerzen für eine Weile aufhören ließ, aber das wollte er einem so kleinen Kätzchen dann doch nicht erzählen.
„Warum machen sie dich nicht los, wenn sie gute Zweibeiner sind?“ fragte Sherry.
„Ich weiß es nicht“, antwortete der Hund. „Ich glaube, sie würden gern, aber irgendwie können sie nicht.“

Sherry schwieg. Das war alles ein bisschen viel für sie. Außerdem war sie sehr, sehr müde. Der volle Bauch und die wärmende Nähe des großen Hundes taten ihr Übriges. Sherry fielen die Äuglein zu. Als sie schon fast einschlief sagte sie noch: „Hund, ich finde du sollst einen Namen haben.“
„Meinst du?“ fragte der Hund leise.
„Ich nenne dich Figo, so hieß einer meiner Brüder und der war auch so schön warm.“ Damit schlief Sherry ein und sie hatte lange nicht so tief und fest geschlafen.

Figo schlief nicht. Er wagte kaum zu atmen, damit Sherry nicht durch seine Bewegung geweckt würde. Viele Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Warum war dieses kleine Katzenkind ausgerechnet jetzt gekommen, wo er gerade einen wichtigen Entschluss gefasst hatte? Er schaute zu der zerbeulten Futterschüssel. Sherry hatte zwar ein kugelrundes Bäuchlein, aber das Bisschen, was sie gefressen hatte, hatte seine Portion kaum geschmälert.

Seit drei Tagen hatte er nun vor dem vollen Napf gelegen und nicht gefressen. Es war ihm nicht schwer gefallen. Fressen bedeutete Leben und Leben bedeutete ihm nichts mehr. Zu lange hatte er gehofft, dass die Zweibeiner ihn doch noch von dieser furchtbaren Kette losmachen würden. Zu lange hatte er versucht, seine Notdurft so weit wie möglich von der Tonne weg zu verrichten. Und dann waren sie gekommen und hatten diese Stöcke auf ihn gerichtet. Es hatte laut geknallt und furchtbar wehgetan und er hatte sich vor Angst bepinkelt. Da hatte er beschlossen, nicht mehr zu fressen.

Wieder schaute er auf Sherry, deren weiße Pfötchen im Schlaf leise zuckten. Er drehte mühsam seinen Kopf zu ihr hin, sog ihren gesunden, jungen Geruch in seine alte Nase und leckte dann ein paar Mal sanft über das kleine Köpfchen. Sherry streckte sich wohlig und schlief weiter - tief und fest.

Der alte Figo bewegte sich ganz langsam auf die Vorderläufe. Er schaffte es, aufzustehen, ohne Sherry zu wecken. Dann humpelte er auf drei Beinen zum Napf. Es tat weh, wenn er sich so bewegte. Es tat eigentlich jeden Tag mehr weh. Figo fing an, ganz langsam zu fressen. Er fraß fast den ganzen Napf leer. Beim vorletzten Bissen fiel ihm ein, dass das Katzenkind morgen wieder Hunger haben würde und er ließ ihr noch einen guten Bauch voll liegen. Dann lahmte er langsam wieder zurück. Ihm wurde schwindelig. Laufen war wohl nicht das Richtige für seine Verletzung. Obwohl es sehr wehtat, legte Figo sich wieder ganz genau so hin wie vorher. Das kleine Kätzchen sollte nicht etwa frieren. Er wusste selbst nicht, was jetzt werden sollte. Aber etwas war gut, jetzt wo Sherry hier war. Er hatte einen Namen. Und Fressen bedeutet Leben.

In der Welle herrschte große Unruhe bei Liz, Mose und Quinn. Liz machte sich Sorgen um die kleine Sherry. Ihr gefiel es gar nicht, dass ihr Kind anscheinend beschlossen hatte, bei einem kranken Kettenhund zu bleiben. Mose wusste auch nicht so recht, was er von der ganzen Entwicklung der Dinge halten sollte. Aber Quinn war in heller Aufregung. Unablässig stampfte er auf seinem Acker hin und her. Dabei fluchte er vor sich hin, brummelte in seinen Bart und wurde anscheinend immer wütender. „Diese Schweine!“ donnerte er über die Ebene. „Wie können sie ihm das antun?“

„Was ist mit ihm?“ fragte Liz.
„Er hat Mitleid mit dem Tonnenhund“, antwortete Mose.

Da hielt Quinn plötzlich inne. „Ich sehe ihn nicht mehr“, sagte er verdattert.
„Wie, du siehst ihn nicht mehr?“ fragte Mose.
„Da, wo er eben noch war ist nur noch grauer Nebel!“ antwortete Quinn.

„Dann kannst du dir etwas für ihn wünschen!“ lachte Liz.
Quinn verstand sie nicht sofort. „Ganz einfach“, erklärte Liz, „ich kann meine Babies nicht sehen, weil sie mir so am Herzen liegen. Dort wo sie sind, sehe ich nur einen grauen Fleck. Aber gerade weil sie mir so am Herzen liegen, dass ich sie nicht sehen kann, kann ich etwas für sie wünschen!“
Quinns eben noch finstere Miene hellte sich beträchtlich auf. „Schau an, Mieze, du hast ja richtig was gelernt.“ Er knuffte Liz übermütig in die Seite, so dass die zarte Katze ein ganzes Stück zur Seite flog. „Oh, ich werde mir einen tollen Wunsch für ihn ausdenken“, bellte er über die Ebene, „einen richtig guten Wunsch!“.

Und damit legte er sich brummelnd in eins seiner Erdlöcher, um gehörig über seinen Wunsch für Figo den Tonnenhund nachzudenken.

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