Unterwegs

Liz und Mose hatten so etwas wie eine Krisensitzung. All das wunderbare Wohlbefinden der Welle war für den Moment vergessen. Die sieben geretteten Kätzchen spielten längst satt und zufrieden in einem sicheren Katzenauslauf. Um sie musste Liz sich vorerst keine Sorgen machen. Aber Mose hatte die kleine Sherry ganz allein im Straßengraben entdeckt und um sie kreisten jetzt ihre Gedanken.

„Wir müssen einen richtig guten Wunsch für sie finden“, sagte Mose und kratzte sich nachdenklich mit dem Hinterfuß am Ohr.

„Oh, Mose, nicht dass ich wieder etwas falsch mache!“ jammerte Liz. Immerhin hatten sie jetzt ein bisschen Zeit, denn die kleine Sherry war nicht so verhungert wie die anderen Kätzchen. Trotzdem war sie eigentlich viel zu klein, um allein in der Welt zurecht zu kommen. Liz hatte ihr noch nicht einmal beigebracht, wie man eine Maus fängt. Sie hatte lange keine Maus mehr im Graben gefunden.

„Du solltest etwas ganz Eindeutiges wünschen“, sagte Mose, „etwas, das ihr erstmal ein bisschen weiter hilft. Dann können wir wieder einen neuen Wunsch finden“.

Liz sah Mose dankbar an. Sie war so froh, dass der kleine weiße Hund ihr zur Seite stand. Er war ein richtiger Freund geworden.

„Ich hab`s!“ rief Liz. „Sollen wir ihr nicht einen Freund wünschen?“
„Das ist eine gute Idee“, strahlte Mose. „Aber pass diesmal auf, dass du in der richtigen Zeit wünschst.“

Liz hatte jetzt richtiges Lampenfieber. Es musste diesmal einfach klappen. Sie konzentrierte sich auf die kleine Sherry und sagte: „Ich wünsche mir, dass Sherry einen guten Freund findet.“
„Na, wie war ich?“ fragte sie dann Mose.
„Fast perfekt“ grinste Mose zurück.
„Wieso fast?“

„Na, du hättest es ihr leichter machen können, wenn du gewünscht hättest, dass der Freund Sherry findet. Nun muss sich die Kleine auf die Suche machen.“

„Ach herrje“, seufzte Liz, „es ist wirklich kompliziert“.

Früh am Morgen erwachte Sherry allein in der sandigen Mulde. Sie fröstelte. Mit ihren Geschwistern hatte sie nachts nie gefroren. Es war immer so schön kuschelig gewesen, mit allen zusammen zu liegen.

Sie stand auf, schüttelte sich ein paar Mal und stand dann unschlüssig herum. Was sollte sie nun anfangen? Einfach im Graben zu bleiben, schien irgendwie keinen Sinn zu machen. Sherry beschloss, von ihrer Geburtsstätte weg zu gehen. Zuerst krabbelte sie die Böschung hinauf, lief mit ihren kurzen Beinchen über den glatten Weg und betrat zum ersten Mal den Strand. Und wohin nun? Zur gerade aufgehenden Morgensonne hin oder von ihr weg. Sherry beschloss, mit der Sonne hinter sich zu gehen und betrachtete ihren langen Schatten, während sie lief. Sie hatte kein Ziel, keine Vorstellung davon, wohin sie wollte. Nur eins war klar: Sie brauchte einen Ort, an dem sie Futter finden konnte und wo es nachts Wärme gab.

Als die Sonne schon von schräg oben auf sie schien und der Schatten vor ihr kurz geworden war, lief Sherry immer noch. Ihre Beinchen taten weh und der Sand zwischen ihren Zehen scheuerte sehr unangenehm. Noch nie war sie eine so weite Strecke gelaufen. Sie hatte ordentlich Hunger und war müde. Gegen Mittag fand sie ein paar große Steine, zwischen denen sie sich verstecken konnte. Dort legte sie sich hin, leckte lange ihre wunden Füßchen und schlief dann erschöpft ein.
Als sie wach wurde, war es schon beinahe Abend. Die rote Sonne berührte fast den Horizont auf dem Meer. Sie hatte lange geschlafen, fühlte sich aber nicht ausgeruht. Die überanstrengten Muskeln taten ihr weh und sie war schon wieder ganz kalt und fühlte sich steif. Ihr Hunger war noch größer geworden.

Vielleicht war es ja falsch, am Strand entlang zu laufen, dachte Sherry. Schließlich hatte sie einen halben Tagesmarsch zurückgelegt, ohne auf irgendetwas gestoßen zu sein, das ihr weiter half. So verließ sie den Strand und gelangte auf die Straße. Hier war die Straße aber nur noch ein schmaler Weg mit vielen Löchern und wildem, totem Gestrüpp an beiden Seiten. Das gefiel Sherry gut, denn auf dem glatten Weg konnte sie gut laufen, ohne den leidigen Sand zwischen die Zehen zu bekommen und die trockenen Büsche gaben ihr jederzeit Deckung.

So nahm sie ihren Marsch wieder auf. Stunde um Stunde lief sie müde die Straße entlang. Die Nacht kam und sie begegnete die ganze Zeit niemandem. Noch nicht einmal eins dieser schnellen, bunten Dinger der Zweibeiner raste vorbei. Alles war einsam und verlassen.Als die Sterne am Himmel erschienen, verließ Sherry langsam der Mut. Sie blieb stehen und setzte sich hin. Irgendwie gelangte sie nur in eine Art Nirgendwo. War sie in die falsche Richtung gelaufen? Vielleicht hätte sie doch in der Böschung warten sollen. Sie war müde, ihr war kalt, sie hatte furchtbaren Hunger. Verzweiflung kroch in Sherrys junges Herz und sie fing ein bisschen an zu zittern.

Vor ihr stieg die Straße an und schien direkt in den Sternenhimmel zu führen. 'Bis da oben hin gehe ich noch', dachte Sherry, 'vielleicht sehe ich von dort aus…, ja, was eigentlich?' Sie hatte keine Ahnung. Aber sie ging weiter den Hügel hinauf. Etwas anderes blieb ihr nicht übrig.
Als sie etwa auf der Hälfte des Hügels war, stieg ihr ein Geruch in die Nase. Fremd irgendwie, aber auch so wie Nahrung riecht. Dazu kam noch ein zweiter Geruch. Es roch nach Tier, aber ganz anders als Liz und ihre Geschwister gerochen hatten. Und dann roch es auch noch schlecht. Sherrys Herz begann zu klopfen. Da war irgendein Tier. Dieses Tier hatte Nahrung. Und dieses Tier hatte einen Geruch, der irgendwie nicht gut war.

Sie blieb stehen. Dann duckte sie sich instinktiv ganz flach auf den Boden und machte langsame lange Schritte. Schleichend und hinter dem Gestrüpp Deckung suchend gelangte sie ganz langsam und völlig lautlos auf die Kuppe des Hügels. Das Futter war jetzt ganz nah. Der andere, der üble Geruch war hier aber so überwältigend, dass er ihre Sinne fast vernebelte. Es roch nach „lauf lieber weg“. Aber das Futter roch nach Überleben und das war entscheidend.

Sherry lugte sehr, sehr vorsichtig um einen dicken Stamm von einem toten Gebüsch. Dann stockte ihr das Herz. Da lag ein großes Tier. Dass es keine Katze war, erkannte Sherry sofort, aber ein anderes Tier hatte sie noch nie gesehen. Es lag eingerollt und schien zu schlafen. Jedenfalls hatte es die Augen geschlossen. Überall um das Tier verteilt lagen seine Exkremente. Das war der üble Geruch. Hinter dem Tier lag ein großes rundes Menschending. Und ungefähr zwischen ihr und dem großen Tier stand eine zerbeulte Schale mit Futter.

Was sollte sie tun? Das Tier war riesig, viel, viel größer als Sherry das Katzenkind. Beim Geruch des Futters knurrte ihr Magen so laut, dass sie furchtbare Angst bekam, das Tier würde es hören. Sie brachte es einfach nicht fertig, zu diesem Napf zu gehen. Und dann tat sie etwas, das vielleicht sehr unvernünftig war. Aber schließlich war Sherry nur ein kleines Katzenkind und hatte vorgestern noch bei ihrer Mutter Milch getrunken. Sie tat einfach, was kleine Kinder tun, sie sagte ganz leise: „Hallo?“.

Das große Tier regte sich nicht. „Hallo, Tier?“ Noch einmal traute sie sich bestimmt nicht, zu fragen. Langsam öffnete sich ein Auge des Tiers und richtete sich auf die kleine Sherry. Sie erstarrte. Ihr Herz hämmerte ihr in der Brust.

„Geh weg“, sagte das Tier dann langsam und heiser. Es bewegte sich dabei gar nicht.

„Was?“ fragte Sherry.

„Geh weg.“

Das klang nicht so, als ob das fremde Tier sie angreifen wollte. Deshalb wurde Sherry etwas mutiger.
„Wer bist du?“ fragte sie und setzte dann hinzu: „Eine Katze bist du jedenfalls nicht“.
Das Tier öffnete nun auch das andere Auge und das schien schon eine Art besonderer Lebhaftigkeit zu sein. „Du weißt nicht, was für ein Tier ich bin?“
„Nein“, sagte Sherry und wagte sich noch einen Schritt näher.
Das Tier tat einen langen Atemzug und sagte dann „Ich bin ein Hund“.

Sherry hatte natürlich keine Ahnung, was ein Hund ist.
„Bist du gefährlich?“ fragte Sherry in ihrer kindlichen Unbefangenheit.
Der Hund schloss beide Augen.
„He, Hund, hörst du mich noch?“ Sherry wagte sich einen weiteren Schritt an den Hund heran.
„Geh weg“, sagte der Hund, wieder ohne die Augen zu öffnen. Dann schüttelte er seinen großen Kopf und an seinem Hals rasselte laut eine dicke Kette.

Sherry bekam einen furchtbaren Schreck. „Was hast du da am Hals?“ rief sie entsetzt.
Wieder öffnete der Hund ein Auge. „Das ist eine Kette, Kind. Damit bin ich an der Tonne fest gemacht.“

Das traf Sherry wie ein Donnerschlag. Dieser Hund war festgemacht! Er konnte nicht weglaufen. Sie bekam solche Angst, dass sie beinahe selbst weggerannt wäre. Die furchtbare Vorstellung, irgendwo festgemacht zu sein, ließ sie all ihre Vorsicht vergessen. Sie lief schnurstracks auf den großen Hund zu und roch entsetzt an der Kette an seinem Hals.
Dem Hund stieg der süße Geruch eines gesunden Tierkindes in die Nase und Sherrys zartes Fell streichelte seine Wange. Das war schön für den alten Hund, der lange Zeit kein anderes Tier mehr gesehen hatte.

„Kleines Katzenkind, geh lieber weg“, sagte er, aber es klang nicht wirklich überzeugend.
„Darf ich von deinem Futter fressen?“ fragte Sherry.
„Friss so viel du willst. Ich fresse nicht mehr“, sagte der Kettenhund.

-

 

vorherige Seite -> 9 - Sherry nächste Seite -> 11 - Figo

-