Wünschen ist nicht immer einfach

Ein Tierschutzmärchen in 24 Teilen von Claudia & Stefan Grothus und Thomas Busch; Dezember 2004

1 - Liz


Es war einmal eine hübsche Katze, die lebte auf einer schönen Insel mitten im blauen Meer. An einem kühlen Abend saß sie auf einem großen Stein und blickte auf die rauschenden Wellen, die unablässig an den Strand spülten, der ihr angestammtes Revier war. Der Strand war leer. Die vielen Menschen, die den Sommer über den ganzen Tag dort gebadet und Lärm gemacht hatten, waren mit den letzen heißen Tagen verschwunden. Die Katze erfüllte das mit Sorge. Nicht, dass sie die vielen Zweibeiner in ihrem Revier wirklich vermisste. Aber der Sommer mit den vielen Menschen bedeutete Nahrung. Winterzeit dagegen verhieß Hunger, Sorgen und Leiden. Sobald die ersten Sonnenstrahlen den Frühling ankündigten, war die Hungerzeit vorbei. Aus den großen grünen Kisten, die überall standen, strömte dann wieder der leckere Duft in die feinen Nasen der Katzen und Hunde. Seltsamerweise stellten die Menschen auch ganz oft Tüten mit Essen an die Straße. Für die Tiere war das kein Problem, denn sie öffneten die Plastikfolie in Sekunden und aßen sich schnell an dem tollen Angebot satt, bevor ein anderer Vierbeiner auftauchte und es wieder Streit gab. Denn Hunger hatten sie alle. Und nicht nur das: Im Sommer hatten die Hündinnen und Katzen ihre Jungen, und die mussten wachsen und genügend Milch bekommen.

Unsere hübsche Katze, sie hieß übrigens Liz, hatte den Sommer über viel Futter gefunden. Momentan hatte sie allerdings Sorgen, denn vor neun Wochen hatte Liz acht kunterbunte Babys auf die Welt gebracht, die tüchtig wuchsen und viel Hunger hatten.

Es war ihr erster Wurf und sie war sehr tapfer und sehr fürsorglich mit ihren Kleinen. Die Babys waren sehr gut versteckt, denn Liz wusste, dass es das Ende ihrer Kinder sein würde, wenn sie von den Zweibeinern gefunden würden. Es  gab zwar Menschen, die freundlich waren und den Tieren sogar Futter brachten, aber es gab auch viele, die die Tiere nicht mochten und viele Katzen, mit denen Liz im letzten Winter zusammen gehungert und gefroren hatte, waren auf rätselhafte Weise verschwunden. Nur einmal hatte sie gesehen, wie eine ihrer Schwestern einfach umgefallen war, nachdem sie ein verlockend riechendes Stück Fleisch gefressen hatte. Seitdem kontrollierte Liz sehr genau, was sie an Nahrung fand.

Was aus den ganzen anderen geworden war, die sie vor dem letzten Winter in der Nähe gesehen hatte? Sie hatte keine Ahnung - aber ihre Vermutungen. Deshalb hatte sie ihre acht Kinder ja auch so gut versteckt. Weit ab vom Strand in einer langen, sandigen Vertiefung, direkt unter einem großen Steinhaufen. Dort war nie etwas von den Menschen zu riechen, obwohl in der langen Rinne oft Futter zu finden war. Gut, es war ab und zu ziemlich laut, denn oberhalb von der Vertiefung war einer dieser glatten, unnatürlichen Wege, wo die grellbunten Dinger der Menschen entlang rasten. Aber der Krach war nicht schlimm. Das Wichtigste war, das ihre Babys unentdeckt blieben.

Mehrmals in jeder Nacht überquerte Liz den glatten Weg, um zum Strand zu laufen und nach dem Futter zu suchen, das die Menschen tagsüber dort liegen gelassen hatten. Heute war sie schon eine ganze Weile im Sand hin und her getrabt und hatte nichts, nicht das kleinste Bisschen an Nahrung gefunden. Die heiße Zeit war vorbei. Die vielen Menschen waren irgendwo hin verschwunden. Es kam die Zeit der Kälte und des Hungers.

Ihre Babys hatten Hunger und Liz selbst auch. Ihr Magen knurrte. Sie beschloss, heute lieber in dem langen Graben nach Nahrung zu suchen. Sie beeilte sich, um schnell wieder bei ihren Babys zu sein. Egal, wenn es heute Abend mal nichts zu Fressen gab. Sie hatte noch Milch und ihre geliebten Kinder würden heute Abend nicht hungern. Liz freute sich schon auf ihre kleinen, duftenden, pelzigen Babys. Sie würde sie ablecken und liebkosen und alles wäre gut, wenn sie zusammen wären.

Eilig lief sie über den glatten, unnatürlichen Weg. Plötzlich wurde alles ganz grell. Liz lief immer schneller, wich nach links und rechts aus – Panik! Dann gab es ein lautes Geräusch, das furchtbar schnell näher kam und dann tat es einen Knall.

Alles wurde dunkel...

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